Wojciech Mann Der Wunderkasten

Wojciech Mann
Foto: Maciej Zienkiewicz © Agencja Agora

Auch wenn es etwas altmodisch anmutet, ist das Radio nach wie vor ein wichtiges Medium, das Meinung, Musik und Unterhaltung bietet. Darüber, warum es im 21. Jahrhundert begeistert, erzählt Wojciech Mann, eine der bekanntesten Radiostimmen Polens.

Noch vor gar nicht so langer Zeit galt das Radio als eine Art Wundermaschine. Plötzlich stand ein kleiner Kasten in der Wohnung, der, sobald man ihn einschaltete, Musik machte und zu einem sprach. Er brachte nicht nur Klänge aus der näheren Umgebung, sondern auch – eine gute Antenne vorausgesetzt – aus anderen Städten und Ländern. Heute gibt es diese Wunderkästen wie Sand am Meer. Sie flackern, blinken, summen, vibrieren, und sie sprechen nicht mehr nur zu uns, sondern hören uns auch zu – und manchmal horchen sie uns sogar aus. Man könnte meinen, das Radio sei durch den Ansturm visueller Reize, dem wir tagtäglich ausgesetzt sind, an den Rand gedrängt und zu einem „armen Verwandten“ all jener interaktiven, multimedialen, hinter unserem Rücken miteinander kommunizierenden High-Tech-Geräte degradiert worden. Doch dies ist nicht der Fall. Das Radio hat sich als wenig empfänglich gegenüber aggressiven technologischen Innovationen erwiesen und ist bis heute der unaufdringlichste Begleiter unseres Alltags geblieben. Es drängelt sich nicht in den Vordergrund und zwingt den Hörer nicht zu voller Konzentration. Nicht selten begnügt es sich mit der Rolle eines Klanghintergrunds, der es dem Hörer erlaubt, nebenbei ungehindert allen möglichen beruflichen und häuslichen Verpflichtungen nachzukommen.

Radiosender erfüllen eine zweifache Funktion. Sie liefern Informationen und Unterhaltung. Der proportionale Anteil dieser beiden Elemente variiert je nach dem Profil des Senders. Der sogenannte Bildungsauftrag, den die Funkhäuser so gerne für sich in Anspruch nehmen, bleibt dabei oft nur eine leere Phrase. Daneben gibt es noch einen weiteren Aspekt der Rundfunktätigkeit, nämlich die Propaganda. Die Aussicht, mithilfe des Radios ein Massenpublikum zu erreichen, übt auf Manipulatoren der öffentlichen Meinung eine nicht geringe Faszination aus. Glücklicherweise sind geübtere Hörer in den meisten Fällen in der Lage, echte Informationen von maßgeschneiderten zu unterscheiden. Nichtsdestoweniger verfolgen sämtliche Versuche der Manipulation von Nachrichten oder Kommentaren das Ziel, den Hörern ihr Recht auf eigenes Denken abzusprechen – eine ebenso tadelnswerte wie weitverbreitete Praxis.

Intime Beziehung

Es ist offensichtlich, dass jeder Radiosender das Ziel hat, so viele Zuhörer wie möglich zu erreichen. Gute Einschaltquoten wirken sich nicht nur auf die berufliche Zufriedenheit, sondern auch auf die finanzielle Situation eines Senders aus. Dadurch sind diese gezwungen, einen ständigen Kompromiss zwischen dem eigenen Sendeauftrag und den in das Programm eingebetteten Werbeblöcken einzugehen. Sponsoren wollen für ihr Geld auch etwas bekommen. Kaum jemand stört sich heutzutage noch an eventuellen Dissonanzen zwischen der Atmosphäre einer Sendung und den Inhalten der sie unterbrechenden Werbespots. Das Nebeneinander einer romantischen Ballade und einer Reklame für ein unfehlbares Mittel gegen Mundgeruch ist da noch eines der harmloseren Beispiele. Radiohörer – das kann ich aus eigener Erfahrung sagen – hassen Werbeunterbrechungen, doch die Werbenden wissen es offensichtlich besser, denn die Werbung nimmt immer mehr überhand. Auch dies ist ein Beleg dafür, dass sich das Radio, trotz seiner scheinbar archaischen Form, ausgezeichnet auf dem Medienmarkt zu behaupten weiß. Die besten Sendezeiten für das Radio sind der Morgen, wenn die meisten Menschen damit beschäftigt sind, sich für den Tag vorbereiten, und nicht die Zeit finden, sich vor den Fernseher oder an den Computer zu setzen, oder auch die Zeit, die sie auf dem Weg zu oder von der Arbeit verbringen. Das Finden eines geeigneten Sendeplatzes ist jedoch nur der erste Schritt. Echtes Radio lässt sich nicht gern auf die Rolle einer Jukebox reduzieren. Nach der Öffnung des polnischen Rundfunkmarktes für privat-kommerzielle Anbieter kamen zwar kurzfristig Moderatoren in Mode, die ihre Texte im Maschinengewehrtempo vortrugen – unterbrochen von hektischen Jingles, Werbeunterbrechungen und Gewinnspielen mit fantastischen Sofortgewinnen und ebenso beliebigen wie belanglosen Fragen. Glücklicherweise war dieser Trend nicht in der Lage, jenes andere, weniger lärmende Radio zu verdrängen, in dem es Raum für echte Typen und vor allem für den Dialog mit den Hörern gibt. Eben dies ist meine Idealvorstellung von Radio: Einen Kontakt mit dem Hörer herzustellen, ihm das Gefühl zu vermitteln, dass die Stimme, die aus dem Lautsprecher kommt, unmittelbar zu ihm spricht. Dass sie die Themen und die Musik speziell für ihn ausgewählt hat und ihn genau im richtigen Moment daran erinnert, wie spät es gerade ist. Und wenn es dem Autor der Sendung aus irgendwelchen Gründen einmal doch nicht gelingt, die Stimmung seines Zuhörers zu treffen, ist dieser nicht gleich tödlich beleidigt, sondern signalisiert ihm wie einem guten Bekannten: „Lass uns ein anderes Mal treffen, vielleicht funktioniert es dann besser zwischen uns.“ Es ist auch bezeichnend, welch große Rolle die Verbundenheit der Hörer mit ihrem eigenen Wohnort spielt. Wenn ich zum Beispiel im Wetterbericht den kleinen Ort X erwähne, bekomme ich sofort ein leicht neidvolles Signal aus dem Ort Y mit der Frage, warum ich gerade diesen und nicht jenen Ort genannt habe. Dies zeugt davon, dass Hörer sich in gewisser Weise nobilitiert fühlen, wenn sie etwas über sich im Radio hören, bedeutet gleichzeitig aber auch, dass man als Moderator niemals vergessen darf, dass man nicht einfach in ein Mikrofon, sondern zu Menschen spricht. Die Hörer wiederum wissen sich auf unterschiedlichste Weise zu revanchieren. Ich selbst habe bereits mehrfach von Musiktipps profitiert, die ich im Verlauf meiner Sendungen erhalten habe. Irgendjemand hat irgendwo einen Song oder einen Künstler gehört, der mir seiner Ansicht nach gefallen könnte, und er schickt mir einen Link, um seine Entdeckung mit mir zu teilen. Manchmal wird es sogar noch interessanter: Ich beginne meine Morgensendung ein wenig eigenwillig mit einer nicht besonders anspruchsvollen Disconummer mit dem Titel Soul Dracula. In den vielen Jahren seit der Entstehung der Sendung wurde ich von Hörern immer wieder auf andere Versionen oder auch Variationen dieses Liedes aufmerksam gemacht. Dank ihnen habe ich heute in meiner Musiksammlung mehrere Interpretationen dieses Songs, inklusive einer thailändischen Version. Und als Jim Jarmusch in seinem Film Only Lovers Left Alive ein Fragment aus dem Videoclip zu diesem Song verwendete, erreichte mich eine Flut von „vertraulichen Hinweisen“, Jarmusch habe meine Erkennungsmelodie gestohlen.

Der Grad der Verbundenheit der Hörer mit einem bestimmten Radiosender oder sogar einer bestimmten Sendung ist manchmal geradezu verblüffend. Ich habe viele berührende Briefe von Hörerinnen und Hörern erhalten, in denen sie mir schrieben, wie sie, während sie meine Moderation oder ein von mir gespieltes Lied hörten, einen wichtigen Moment in ihrem Leben erlebten. Auf diese Weise bleiben diese Erfahrungen für sie unauflöslich mit meiner Stimme und meiner Sendung verknüpft. Menschen haben sich während meiner Sendung bereits verliebt, verlobt, ihr erstes Kind erwartet – und in schweren Momenten daran geglaubt, dass die von mir ausgewählten Lieder ihnen dabei helfen, diese zu überstehen. Und eben diese besondere Verbindung zwischen dem Autor einer Radiosendung und den über das ganze Land oder heutzutage sogar – nicht zuletzt dank des Internets – über die ganze Welt verstreuten Hörern, erscheint mir als die besondere Qualität dieses vermeintlich so archaischen Mediums.

Trotz des schwindelerregenden Tempos, mit dem um uns herum immer mehr immer noch bessere elektronische Spielzeuge und Geräte auftauchen, glaube ich nach wie vor an die magische Kraft des Radios. Es bleibt zu hoffen, dass es all jenen, die ständig alles mögliche reparieren wollen (selbst Dinge, die gar nicht kaputt sind), nicht gelingen wird, diese Magie zu zerstören.
 

Auf Sendung!

Rund um die „Radiobrücke“ Berlin-Warschau gehen wir in der Reihe AUF SENDUNG! der Faszination des Radios auf den Grund. Wir fragen Experten, wie sich im Laufe der Radiogeschichte die Stimme gewandelt hat? Wir zeigen, wie Sender mit innovativen Podcasts und Musikprogrammen den Anschluss an die nächste Generation vollziehen und mehr. Weitere Informationen finden Sie hier.