Heinrich Böll Die Kraft des Wortes

Heinrich Böll
Heinrich Böll | Foto © Interfoto

Ein nobler Nobelpreisträger, ein engagierter Verfechter des Rechts auf Freiheit, ein großer Intellektueller. Zum 100. Geburtstag eines der freidenkendsten deutschen Schriftsteller erinnert das Goethe-Institut an das Leben und Werk von Heinrich Böll.

„Wenn er die literarischen Parketts in Moskau, Warschau, New York oder Stockholm betrat, wurde er – wie einst Thomas Mann zu Zeiten der Weimarer Republik – als ein Repräsentant des neuen Deutschlands empfangen“, schreibt Professor Norbert Honsza in seinem Buch Heinrich Böll. Niepokorny humanista (dt.: Heinrich Böll – ein widerspenstiger Humanist). „Einer seiner größten Triumphe war der warme Empfang, der ihm in Israel bereitet wurde – und das zu einer Zeit, in der die Animosität dieses Staates gegenüber Deutschland unüberwindbar schien.“ Die Leser liebten seine Bücher, identifizierten sich mit ihren Protagonisten und schätzten Bölls Sensibilität für jede Art von Unrecht. Er schrieb über Hunger, Armut und Krieg, wies auf die Nebenwirkungen der zivilisatorischen Entwicklung und den ökologischen Verfall des Planeten hin und zeigte, wie Gewalt entsteht. „Auch wenn er die innere Autonomie der Literatur anerkannte“, schreibt Honsza, „war sein Schaffen doch in großem Maße ein Manifest des gesellschaftlichen Engagements. Böll war eine unbestrittene moralische Institution (…) Der «gute Mensch aus Köln» genoss aufrichtigen Respekt: Man konnte sich mit ihm über Details streiten, doch in den grundlegenden Fragen musste man ihm einfach Recht geben.“

Die schwarzen Schafe

Heinrich Böll, der 1972 den Nobelpreis für Literatur erhielt und als einer der meistgelesenen Schriftsteller seiner Generation gilt, wurde am 21. Dezember 1917 in Köln geboren, als sechstes Kind des Schreinermeisters Viktor Böll und seiner Frau Maria. Seine Vorfahren waren einige Jahrhunderte zuvor während der Katholikenverfolgungen Heinrichs VIII. aus England emigriert. Bölls Eltern lebten in der Kölner Altstadt, unmittelbar neben dem Römerpark. In diesem Park und den alten Festungsanlagen spielte der junge Heinrich Böll, diese Orte prägten seine Vorstellungswelt. Die Stadt Köln war auch ein wichtiger Bezugspunkt für sein späteres Schaffen, er war stolz auf die Offenheit ihrer Einwohner, die seit Jahrhunderten am Schnittpunkt unterschiedlicher Kulturen gelebt hatten. Diese Überzeugung wurde ihm von seinem Vater vermittelt, der die Stadt Köln, ihre Geschichte und ihre Freiheit liebte. Auch er selbst schrieb sich in die Geschichte der Stadt ein: Als begabter Schreinermeister und Holzbildhauer fertigte er zahlreiche Kirchenbänke, Holzaltare und Kanzeln, die man bis heute in Kölner Kirchen bewundern kann. Das Lieblingsbuch des jungen Heinrich Böll war Robinson Crusoe. Er war sehr eng mit seiner Familie verbunden, insbesondere mit seiner Mutter, die er in einem Interview als eine „aufgeklärte Katholikin und wunderbare Frau“ bezeichnete. Sie diente vermutlich auch als Vorbild für gewisse Frauenfiguren in Bölls Romanen, wie zum Beispiel Johanna Fähmel in Billard um halb zehn.

Heinrich Böll, 1983 (Ausschnitt) Heinrich Böll, 1983 (Ausschnitt) | Foto © Rene Böll Infolge der Wirtschaftskrise verschlechtern sich die Lebensbedingungen der Bölls, die Familie zieht in einen ärmeren Stadtteil um und hält sich fortan mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser. Nach der Machtübernahme Hitlers im Jahr 1933 kommt es auch in Köln zu Bücherverbrennungen und Übergriffen gegen jüdische Bürger. Die Familie des Schriftstellers ist eindeutig gegen die Nationalsozialisten eingestellt. 1937 legt Heinrich Böll am staatlichen humanistischen Kaiser-Wilhelm-Gymnasium sein Abitur ab und beginnt eine Lehre in einer Kölner Buchhandlung, in der er Zugang zu vielen zu jener Zeit verbotenen Büchern hat, unter anderem zu den Werken von Sigmund Freud. Im Herbst 1938 wird Heinrich Böll zum Arbeitsdienst eingezogen (eine unerlässliche Voraussetzung zur Aufnahme eines Studiums). Er immatrikuliert sich an der Universität Köln, wird jedoch vor Beginn seines Studiums zur deutschen Wehrmacht einberufen. Er dient in Frankreich, Polen, in der Sowjetunion, in Rumänien, Ungarn und Deutschland. Er wird mehrfach verwundet und erkrankt an Typhus. Während seiner gesamten Militärzeit versucht Böll, dem Dienst zu entkommen, er schreibt Freistellungsgesuche, simuliert Krankheiten und fälscht Urlaubsscheine. Während eines Fronturlaubs im Jahr 1942 heiratet er seine Freundin Annemarie Cech. 1944 stirbt seine Mutter nach einem Fliegerangriff an einem Herzinfarkt. Eine ergreifende Darstellung eines Luftangriffs findet sich später in Bölls Roman Gruppenbild mit Dame.
 
Nach dem Krieg kehrt Böll in das zerbombte Köln zurück. Gemeinsam mit seiner Frau lebt er am Existenzminimum, ihr erster Sohn stirbt kurz nach der Geburt. Böll schreibt regelmäßig und sendet seine Kurzgeschichten an Tageszeitungen und Zeitschriften. Zur selben Zeit beginnt er gemeinsam mit seiner Frau, Texte aus dem Englischen zu übersetzen – eine Beschäftigung, der die beiden ihr ganzes Leben lang nachgehen werden. Ihre erste Übersetzung ist ein Essay über W. H. Auden und die Lyriker der Dreißigerjahre. Ein Wendepunkt in der literarischen Karriere Bölls ist seine Teilnahme an einer Tagung der Gruppe 47. Die von Hans Werner Richter ins Leben gerufene Gruppe besteht aus Schriftstellern, die sich gegen die nationalsozialistische Vergangenheit stellten und sich gesellschaftlich engagierten. Während der Tagungen werden Texte vorgelesen und gemeinsam diskutiert. 1951 erhält Böll den Preis der Gruppe für seine Erzählung Die schwarzen Schafe. Hans Werner Richter erinnerte sich später folgendermaßen an seine erste Begegnung mit Böll: „Da kommt ein Mann herein, den ich für einen Monteur, Klempner oder Elektriker halte, er soll vielleicht im letzten Augenblick vor der Tagung noch etwas reparieren. Ich finde das ärgerlich und sage zu meiner Frau neben mir: »Was will denn der hier?«.“ Auf die Frage, wer er denn sei, habe der Mann im rheinischen Tonfall geantwortet: „Böll, Heinrich“.

Zwei Jahrzehnte von Preisen

1953 erscheint sein Roman Und sagte kein einziges Wort, der sein erster finanzieller Erfolg wird und für den er den Preis der Tribune de Paris erhält. 1954 erscheint sein nächster wichtiger Roman Haus ohne Hüter, für den er mit dem Preis der französischen Verleger für den besten ausländischen Roman ausgezeichnet wird. Das Wort „Brot“, das 1955 im Titel seiner Erzählung Das Brot der frühen Jahre auftaucht, ist eines der Hauptmotive seines Schaffens. Er selbst sagte hierzu: „Wer das Wort Brot hinschreibt oder ausspricht, weiß nicht, was er damit anrichtet, Kriege sind um dieses Wortes willen geführt worden, Morde geschehen, es trägt eine gewaltige Erbschaft auf sich, und wer es hinschreibt, sollte wissen, welche Erbschaft es trägt und welcher Verwandlungen es fähig ist.“
 
Mitte der Fünfzigerjahre unternimmt Böll seine erste Reise nach Irland, wo er später ein Haus kaufen und seine Sommerferien verbringen wird. Gemeinsam mit seiner Frau übersetzt er irländische Schriftsteller. 1957 erscheint zunächst in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und später auch in Buchform sein Irisches Tagebuch, das er selbst als ein sehr persönliches Werk bezeichnet: „Es gibt dieses Irland: wer aber hinfährt und es nicht findet, hat keine Ersatzansprüche an den Autor.“ Marcel Reich-Ranicki wiederum schrieb, das Irische Tagebuch sei im Grunde ein „verstecktes Deutschlandbuch“.
 
Weitere wichtige Bücher Bölls sind Billard um halb zehn, in dem er die neueste deutsche Geschichte anhand der Schicksale einer Kölner Architektenfamilie beschreibt, Ansichten eines Clowns, ein Roman über den Mut zum Außenseitertum und die Krise des Künstlernarren, ein in einer Auflage von 100 000 Exemplaren erschienener Sammelband mit Essays und Erzählungen Bölls sowie der Roman Gruppenbild mit Dame, ein Panorama der deutschen Gesellschaft von den Zwanziger- bis in die Siebzigerjahre des zwanzigsten Jahrhunderts. 1972 erhält Böll den Nobelpreis für Literatur.

Engagierter Zeitzeuge

Gleichzeitig betätigt sich Böll als aufmerksamer und engagierter Beobachter der Geschichte: 1956 unterschreibt er gemeinsam mit Albert Camus, Pablo Picasso und Jean-Paul Sartre einen Aufruf gegen das Vorgehen der Sowjetunion beim Aufstand in Ungarn, bei seinen Vorträgen an der Frankfurter Universität kritisiert er die Sprache der Politiker, 1968 besucht er auf Einladung des Tschechoslowakischen Schriftstellerverbands die ČSSR, wird Zeuge der Niederschlagung des Prager Frühlings und schildert diese Ereignisse in einem Bericht für den Spiegel. Ebenfalls im Spiegel veröffentlicht er 1972 einen Artikel über Ulrike Meinhof, in dem er um Verständnis für die Baader-Meinhof-Gruppe bittet und der eine monatelange Pressekampagne gegen ihn auslöst. In seiner Erzählung Die verlorene Ehre der Katharina Blum beschäftigte er sich mit der Frage, wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann. Die Verfilmung des Romans durch Volker Schlöndorff aus dem Jahr 1975 wird zu einem der größten Erfolge des deutschen Nachkriegskinos (auch einige andere Bücher Bölls wurden für den Film adaptiert, unter anderem Gruppenbild mit Dame mit Romy Schneider in der Hauptrolle). Als Alexander Solschenizyn 1974 in die Bundesrepublik abgeschoben wird, findet er in Bölls Haus in der Eifel eine erste Zuflucht. Gemeinsam mit Elias Canetti, Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch unterzeichnet er einen Brief an den polnischen Ministerpräsidenten Jaruzelski, in dem er um die Freilassung von Jacek Kuroń und Adam Michnik bittet. Obwohl sich sein Gesundheitszustand zunehmend verschlechtert, nimmt er an zahlreichen Friedensdemonstrationen teil und protestiert gegen die polnische Militärregierung und die Verhängung des Kriegsrechts in Polen.
 
Böll stirbt am 16. Juli 1985 und wird unter großer Anteilnahme der Bevölkerung, von Schriftstellerkollegen und Politikern – unter ihnen Bundespräsident Richard von Weizsäcker – beigesetzt. Heinrich Böll war fest überzeugt von der Kraft des Wortes: „In allen Staaten, in denen Terror herrscht, ist das Wort fast noch mehr gefürchtet als bewaffneter Widerstand, und oft ist das letzte die Folge des ersten. Die Sprache kann der letzte Hort der Freiheit sein“, sagte er 1959 in einer Rede anlässlich der Entgegennahme des Eduard-von-der-Heydt-Preises der Stadt Wuppertal.

 

Dieser Artikel wurde auf die folgenden Bücher gestützt:

Heinrich Böll, Portret grupowy z damą (Gruppenbild mit Dame), Übersetzung: Ryszard Wojnakowski, Wydawnictwo Czytelnik

Heinrich Böll, Bilard o wpół do dziesiątej (Billard um halb zehn), Übersetzung: Teresa Jętkiewicz, Instytut Wydawniczy „Pax”, Warszawa 1961

Norbert Honsza, Heinrich Böll niepokorny humanista, Wydawnictwo Uniwersytetu Wrocławskiego, Wrocław 1994.