Werner Schroeter Über die Notwendigkeit der Utopie

Filmstill aus „Diese Nacht“
Filmstill aus „Diese Nacht“ | © Filmgalerie 451, Pressematerial

Werner Schroeter, Meister der Avantgarde, ein radikaler Experimentator, der von Kritikern als „Cocteau unserer Zeit“ gepriesen wird, gehörte zweifellos zu den wichtigsten deutschen Filmemachern. Die erste Retrospektive des Regisseurs in Polen wird vom Goethe-Institut Warschau, Centrum Sztuki Współczesnej in Danzig und Nowy Teatr in Warschau organisiert werden. Im Gespräch erzählt der Regisseur über seinen letzten Film, Diese Nacht, der 2008 den Goldenen Löwen in Venedig gewann.

Herr Schroeter, Sie haben mit „Diese Nacht“ einen Film gedreht, der ausschließlich in der Dunkelheit der Nacht spielt.
 
Das ist richtig. Während der achtwöchigen Dreharbeiten in Porto wurde der Stab zu Nachtmenschen. Es gab nicht einen einzigen Drehtag, der bei Tageslicht stattfand. Wir schliefen des Tages und arbeiteten von abends um halb sieben bis morgens um halb sieben. Die Wahrnehmung schärft sich enorm, das Lebensgefühl ebenfalls. Ich kann ein Nachmachen nur empfehlen. Warum fragen Sie?
 

Filmretrospektive Werner Schroeter
Werner Schroeter - Filmretrospektive in Polen
Trailer der Retrospektive von Werner Schroeter in Polen
 
In den Nachtaufnahmen stößt die digitale Filmtechnik an ihre Grenzen. Sie haben ganz klassisch auf dem viel teureren Zelluloid gedreht. Praktische Notwendigkeit? Oder sind Sie ein unverbesserlicher Romantiker?
 
Sie gehen also gleich aufs Ganze. Aber warum nicht. Es gab natürlich bei den Dreharbeiten einen Zug ins schwarzromantische hinein, die Arbeitsnächte in Porto hatten etwas Magisches. Diese Entscheidung für das Filmmaterial und für die Nacht hat viel mit mir, mit meiner Person zu tun. Ich bin als Autodidakt zum Regisseur geworden. Ich habe mir die Kamera angeeignet, ich habe gelernt, wie im Film Make-up zu verwenden ist, und ich habe mir das Lichtsetzen draufgeschafft. Film ist taktil, Arbeit mit Film betrifft immer auch das Tasten, das Stoffliche. Ob ich nun im Schneideraum Filmmaterial physisch zerschneide oder einer Schauspielerin Schminke auf die Wange setze – es ist immer „Hand“-werk, immer haptisch. Außerdem sind Sie in viel stärkerem Maße auf das Funktionieren Ihres Gedächtnisses angewiesen. Das traditionelle analoge System fordert Ihren Verstand viel mehr heraus als es das digitale System tut.
 
Also spricht der Handwerker?
 
Ich wehre mich nur gegen das Willkürliche! Ein digital geschossener Film erlaubt Ihnen am Schnittplatz, dass Sie sich nie entscheiden müssen. Sie können Schnittfassung um Schnittfassung cutten – und sich verlieren. Von der Tiefenschärfe des klassischen Filmmaterials ganz zu schweigen! Ein künstlerischer Spielfilm lebt aber von Formelementen wie der Tiefenschärfe oder einem nicht vorhandenen Rauschen bei Nachtbildern. Für Dokumentationen eignet sich das Digitale indes hervorragend: Hier kann schnell und ohne Rücksicht auf die Kosten produziert werden. Das tut dem Dokumentarfilm gut.

Werner Schroeter Werner Schroeter | Foto © Thomas Aurin Sie erwähnen die Wichtigkeit des eigenen Gedächtnisses.
 
Bin ich gezwungen, es zu pflegen, werde ich belohnt mit einem Elefantengedächtnis. Die digitale Evolution macht uns alle zu Durchlauferhitzern. Wir nehmen viel auf, aber nichts bleibt hängen. Nennen Sie mich also einen Romantiker, wenn ich mich dagegen auflehne.
 
Wie erzwingen Sie die dafür benötigte Genauigkeit aller Beteiligten am Set?
 
Erzwingen tue ich gar nichts.
 
Aber der Regisseur muss doch in gewisser Hinsicht ein Diktator sein!
 
Bewusstsein muss vorhanden sein – bei allen Beteiligten. Ich arbeite ohne digitale Tricks, und das wissen alle. Wenn ich also in meinem Film Malina mit Isabelle Huppert nach dem gleichnamigen Roman von Ingeborg Bachmann eine Szene in einer brennenden Wohnung drehe, dann habe ich diese Wohnung vorher auch in Brand gesetzt. Alle Schauspieler und alle im Stab wissen dann, dass sie keine Fehler machen dürfen. Und sie machen dann auch keine Fehler. Aber das liegt nicht daran, dass ich sie einpeitsche. Das wissen die von alleine.

Filmstill aus „Diese Nacht“ Filmstill aus „Diese Nacht“ | © Filmgalerie 451, Pressematerial Sie setzen stets alles auf eine Karte?
 
Der Ziel ist der Weg. Die Dreharbeiten sind für mich genauso wichtig wie der fertige Film. Die große Mehrzahl meiner Kollegen arbeitet anders: Sie arbeiten ehrgeizig auf ein Ergebnis hin, ringen sich die Arbeit ab, benehmen sich unangenehm gegenüber den Menschen, mit denen sie zusammenarbeiten – und sind hinterher stolz auf ein Produkt, das am Markt funktioniert. Für mich hingegen ist jeder einzelne Schritt eines Prozesses entscheidend.
 
Ihre Ansichten klingen fast buddhistisch – dabei predigen Sie in „Diese Nacht“ existenzialistische Werte. Es geht um die Freiheit des Menschen – in aller Konsequenz. Ein Widerspruch?
 
Ich bin Fatalist. Ich bin Stoiker, ich bin Christ, und ich bin Existenzialist. Und ich akzeptiere den Weg und nicht das Ziel als Ziel. Ich betrachte das Leben und den Menschen als komplexes Bild. Das alles widerspricht sich überhaupt nicht.
 
Sie sind Theater, Film- und Opernregisseur. „Diese Nacht“ wirkt wie auf die Leinwand projizierte Oper: Alles ist hochartifiziell, in jeder Geste liegt Bedeutung, aus jedem Kameraschwenk trieft Sehnsucht – als ob Sie wie in der Oper die große Künstlichkeit aufleben lassen wollen.
 
Für mich müssen Theater und Film extrem sinnlich sein. Für mich geht es darum, in der Kunst neue, eigene Wirklichkeiten zu schaffen. Die Realität, wie wir sie um uns herum erleben, kann und darf kein Maßstab sein und gehört daher auch nicht abgebildet. Belehrende Kargheit interessiert mich ebenfalls nicht. Ich habe darüber hinaus als Autodidakt nie die Palette der Ausdrucksmöglichkeiten zur Auswahl gehabt, ich konnte immer nur versuchen umzusetzen, was ich mir in den Kopf gesetzt hatte. Alternativen oder einen Plan B gab es nie. Andere Regisseure, die ihren Beruf auf der Hochschule gelernt haben, können stets auswählen aus Dutzenden verschiedenen Möglichkeiten, eine Szene oder einen Film zu inszenieren. Ich konnte das nie. Ich bin ein junges Glied in der jahrhunderte alten Kette derjenigen, die aus einem kulturellen Gedächtnis schöpfen, wenn sie intuitiv vorgehen. Ich hatte gar keine andere Wahl, als mich immer und einzig und alleine auf meine Intuition zu verlassen. Wie heißt es so schön: „Unter dem Gesetz, unter dem ich angetreten bin, musste ich bleiben und stehen.“
 
Galt das auch für die Arbeit auf den Opernbühnen?
 
Die Ballettbühnen und das Sprechtheater nicht zu vergessen! Hier habe ich der Bühne immer die verlorengegangene Sinnlichkeit zurückgeben wollen. Das trifft auf die Oper insofern nicht zu, weil diese Kunstform bereits so angelegt ist, dass sie sinnlich wirkt. Die ganze Musik! Der singende Körper, Transzendenz. Etwas Sinnlicheres als Musik gibt es ja gar nicht. Und ich als Regisseur habe in jeder Disziplin stets keine Auswahl. Ich bin ich, und wie ich mich mit meinem jeweiligen Sujet auseinandersetze.

Filmstill aus „Diese Nacht“ Filmstill aus „Diese Nacht“ | © Filmgalerie 451, Pressematerial „Diese Nacht“ basiert auf dem Roman „Para esta noche“ des uruguayischen Schriftstellers Juan Carlos Onetti. Eine Stadt im Belagerungszustand, eine Nacht, um zu fliehen, das alte Leben abzuschließen.
 
Mir kam sofort die Stadt Porto in den Sinn – als ideale Kulisse für eine Verfilmung, die in einer imaginären südamerikanischen Stadt spielt.
 
Wie setzten Sie sich mit Onetti und dem von ihm vorgegebenen Sujet auseinander?
 
Als Spiegel meiner selbst. Ich spiegele mich in Onetti. In dem Sinne, wie auch Christoph Schlingensief in den Inhalten seiner Theaterstücke und Filme immer auch sich selbst gespiegelt hat, was ein offensives Element von ihm persönlich einbrachte.
 
Wieso nennen Sie Christoph Schlingensief als Beispiel?
 
Wir beide haben eine schlimme Krankheit durchgehen müssen. Meine ist angeblich zum Stoppen gekommen. Christoph Schlingensief hat die Krankheit in seinen Projekten seit seiner Erkrankung sehr offensiv inhaltlich thematisiert – und nebenbei damit verhinderte, dass seine letzten Arbeiten ins Jämmerliche oder Wehleidige abkippten. Was mich anbelangt, habe ich meine Krankheit in den letzten zweieinhalb Jahren als Therapie betrachtet. Eine solche schreckliche Krankheit als Gelegenheit und Chance zu betrachten, das verlangt von einem schon einen Löwenmut ab, das kann ich Ihnen sagen. Diese Nacht ist mein erster Film seit meiner Erkrankung.
 
Ist „Diese Nacht“ von Ihrer damaligen Krebserkrankung imprägniert?
 
Sie hat zu einer größeren Luzidität geführt, einer größeren Durchlässigkeit. Zu einer größeren, viel grundsätzlicheren Akzeptanz des Lebens in jedweder Form. Diesen veränderten Blick betrachte ich als Reichtum von Diese Nacht. Da sehe ich eine Veränderung und Erweiterung meines Horizonts, die ich begrüße, weil sie mir beweist, dass ich mich fortbewegen kann. Aber ich bleibe doch immer derselbe. Ich bin schließlich keine multiple Persönlichkeit.
 
Und wenn Sie die komplette Auswahl an filmischen Ausdrucksmöglichkeiten zur freien Verfügung hätten?
 
Die hätte ich ja nur, wenn ich in der Hochschule gelernt hätte. Dann wäre ich aber Akademiker und nicht Künstler. Ich glaube noch an eine innere Notwendigkeit, die einem befiehlt sich auszudrücken. Das macht den Künstler aus: die unbedingte Notwendigkeit. Alle anderen sind nur Dienstleister. Ich suche mich selber im Fremden. Künstlerisch wie menschlich. Nun bin ich ja nicht nur schwul, sondern einige meiner schönsten Beziehungen im Leben hatte ich mit Frauen. Erst auf die Dauer wurde der Mann in der Erotik wichtiger.
 
Warum erzählen Sie das?
 
Weil es diesen pauschalen Vorwurf gibt, der Schwule suchen sich selber narzistisch im Spiegel. Ich habe das Schöne jedoch immer im Anderen gesucht. Der Andere, das Andere, die Andere. Ich erwähne das, weil ich etwas loswerden möchte: Als mein Film in Venedig lief und dort auch gleich den Goldenen Löwen bekam, haben meine Schauspieler ihn dort auf der Premiere zum ersten Mal zu Gesicht bekommen. Sie haben mich umarmt, weil sie den Film mochten und sich von mir gut geführt fühlten. Und ich bin zu dieser Führung imstande gewesen, weil die Schauspieler „die Anderen“ gewesen sind. Kontraste.
 
In Venedig bekamen Sie den Goldenen Löwen für Ihr Lebenswerk.
 
Ich konnte zurückfliegen mit dem guten Gefühl, nicht umsonst nach Venedig gereist zu sein.
 

Anmerkungen des Regisseurs Werner Schroeter

In meinem gesamten kinematografischen Werk (und teilweise auch in meiner Arbeit für das Theater) suche ich die elementaren Kräfte der Liebe, des Todes und des Lebens mit Hilfe vielfältiger Phantasmagorien oder utopischen Formen zu ergründen. Im Werk Juan Carlos Onettis spüre ich viele mir verwandte Ideen. Es mündet letztlich in folgender Frage: Was ist der Mensch? Woher kommt seine Energie, sein Sinn für das Schicksal, und, vor allem, seine Sehnsucht, dieses innere Glühen in dem sich Melancholie und Begehren vereinen? Meiner Meinung nach muss das Kino neue Wege für die Darstellung jener elementaren Kräfte finden. Sie haben im Grunde viel zu selten Gelegenheit, sich auszudrücken.
 
Unser Film übernimmt die dramaturgische Struktur Onettis. Der Mensch und der Krieg, der Belagerungszustand, das sind die zentralen Themen sowohl seines, als auch unseres Werks, was uns in die spürbare Nähe von Célines Roman Reise ans Ende der Nacht führt. Auch einem verwundeten Menschen bleibt stets die Wahl, sich Gewalt, Brutalität und Bestialität zu widersetzen, doch nur all zu oft fällt auch er ihnen anheim. Und diejenigen, die in dieser Gewalt verfallen sind, haben alle utopische Hoffnung fahren lassen – Hoffnung als die einzige Möglichkeit, Leben, Liebe und Leidenschaft aufrecht zu erhalten und den Tod mit Würde zu ertragen.
 
Die dichte Atmosphäre der Stadt Santa Maria, die wir in Porto angesiedelt haben, erinnert an zwei kinematografische Meisterwerke, deren Stimmung ich sehr mag: Touch of Evil von Orson Welles und Kiss me Deadly von Robert Aldrich.
 
Schließlich sollte man auch Onettis Sinn für Humor nicht vergessen, ein leichter, typisch argentinisch-uruguayischer Humor, der sein ganzes Werk durchzieht, und es verdient, auf die große Leinwand gebracht zu werden. In der Hitze des Gefechts ein Lächeln wider das Desaster.