Jakob Hein – Feuilletonreihe Berliner Liebe

Liebesschlösser
Liebesschlösser | Quelle: Pixabay, Foto: Riedelmeier

Die Liebe in Berlin ist einfach – die Möglichkeiten der Partnersuche scheinen hier unendlich zu sein. Dies ist aber auch ein Fluch. Darüber, wie das Dating in der Metropole aussieht, erzählt uns Jakob Hein.

Die Liebe in Berlin ist einfach, denn schließlich ist Berlin kein Dorf, in dem der Huber Anton die Oberender Resi zu heiraten hat, damit der Milchhof und der Schweinehof eine gemeinsame Zukunft haben können. In Berlin kann und „soll hier jeder nach seiner Fasson selig werden“, wie es schon 1740 der Preußenkönig formulierte. Allerdings hatte sich Friedrich II. sicher nicht ausgemalt, wie sein berühmtes Zitat knapp 300 Jahre später verstanden werden könnte.
 
Jede Spielart der Liebe und des zwischenmenschlichen Daseins ist in der Hauptstadt lautstark vertreten. Am wenigsten lautstark sind vielleicht noch die Paare und Familien, die gemeinsam in Wohnungen leben, vereint im stillen Glück oder lauten gemeinsamen Unglück, je nachdem. Sehr häufig sind auch in der Stadt getrennt lebende Paare, die zwar Leben, Liebe und Freizeit miteinander verbringen, aber deswegen nicht gleich eine Wohnung teilen möchten. Das ist auch ein Ergebnis des angespannten Wohnungsmarktes, einerseits findet man so einfach keine größere Wohnung und andererseits gibt es die reale Möglichkeit, dass die Beziehung doch nicht für immer währt. Dann möchte man nicht noch ein weiteres Jahr mit dem Ex-Partner zusammenleben müssen, nur weil es in Berlin mittlerweile mindestens so lange dauert, bis man zwei Wohnungen gefunden hat.
 
Lautstark sind auch die Befürworter der Polyamorie, also der Möglichkeit, dass ein Mensch mehr als zwei Menschen gleichzeitig lieben kann. An und für sich klingt das logisch, warum sollte man sich automatisch von einem Menschen ent-lieben, nur weil man sich in einen anderen Menschen ver-liebt? In der Realität geht es leider häufig darum, dass ein Mann gern mit zwei oder mehr Frauen Liebe machen möchte und sich die – wie soll man es sagen? - längere, ältere, erste Frau nur eine begrenzte Zeit lang des Gefühls erwehren kann, hier ihrem eigenen Betrug zustimmen zu sollen. Für die Polyamorie zwischendurch gibt es in jedem Viertel Swingerclubs, in denen Paare ausprobieren können, wie andere Paare so sexuell funktionieren.
 
Aber natürlich ist Berlin auch die Hauptstadt der Singles, mehr als die Hälfte der Berlinerinnen und Berlin lebt allein. Das heißt, dass es alle Spielarten von Partnerschaftsfindungen gibt, wie die zur Legende gewordenen „Fisch sucht Fahrrad“-Partys. Dass der Name dieser Party auf den Spruch zurückgehen: „Eine Frau ohne Mann ist wie ein Fisch ohne Fahrrad“, weiß heute kaum noch einer der Menschen, die sich dort ins Getümmel werfen. Auch Dating-Apps aller Art laufen natürlich in einer Großstadt auf Hochtouren. Wenn man auf dem Land vielleicht auch mal eine halbe Stunde mit dem Auto fahren muss, um einen Single in seiner Nähe zu finden, glühen die gleichen Apps förmlich in den Ausgehzentren der Nacht wie der Warschauer Brücke oder dem Flutgraben. Die schwule Community nutzt am meisten Grinder, Wapa ist die App für lesbische Frauen, aber auch der Marktführer Tinder hat mittlerweile 37 verschiedene Optionen, mit denen ein Mensch sein Geschlecht beschreiben kann. Dass man Sex ohne Liebe haben kann, wird von vielen Menschen als reale Option akzeptiert, so dass keiner seinen Abend allein beenden muss, wenn sie oder er das nicht möchte.
 
Aber die Liebe in Berlin ist schwer, denn schließlich ist Berlin kein Dorf, in dem der Huber Anton die Oberender Resi zu heiraten hat, damit der Milchhof und der Schweinehof eine gemeinsame Zukunft haben können. Hier gibt es eben nicht die Wahl zwischen der einen möglichen Ehe und dem Leben als Nonne, sondern die Möglichkeiten sind scheinbar unendlich. Das ist theoretisch großartig, aber wer schon mal ahnungslos vor einem Weinregal gestanden hat, um einfach nur eine Flasche Rotwein zu kaufen, der versteht, wie schwierig eine unendliche Auswahl im Konkreten sein kann. Und so klingt es eben nur auf den ersten Blick nach Party, wenn man hört, dass Berlin die Hauptstadt der Singles ist. Und klar, man kann Sex ohne Liebe erleben, aber das fühlt sich eben auch so an wie ein Gespräch in einer Sprache, die beide nicht sprechen.
 
„Wie geht es Ihnen?“
„Mir geht es gut, danke. Und wie geht es Ihnen?“
„Meine Mutter arbeitet als Krankenschwester.“
„Interessant. Ich bin in Melbourne zur Schule gegangen.“
 
Fragt man die Singles, wer von denen lieber in einer Partnerschaft leben würde, wird es schon weniger glamourös. Zwar interessiert es in Berlin niemanden, ob ein Mensch lesbisch, schwul, bi, trans, hetero oder sonstwas ist, aber den Menschen selbst interessiert das eben doch. Und so möchte man in einer großen Stadt wie Berlin eben auch gern einen Menschen finden, der möglichst besonders gut zu einem selbst passt. Und dann kann es schwierig werden. Da sucht man nicht einfach einen netten schwulen Mann, sondern der nette schwule Mann solllte möglichst auch Veganer sein und sich für klassische Musik interessieren. Oder man verliebt sich in eine Frau, mit der man scheinbar unendlich viele Gemeinskeiten hat: Hobbies, Urlaubsziele, politische Überzeugungen und so weiter. Lediglich in einem körperlichen Sinne will man nicht zusammen sein, weil man einander einfach nicht attraktiv findet. Soll man mit dieser Frau zusammen bleiben oder sich statt dessen eine Partnerin suchen, mit der man auch gern Zeit im Bett verbringt? Oder soll man versuchen, die Frau davon zu überzeugen, dass sich jede/r ein/e Partner/in für die Zeit im Bett sucht?
 
Irgendwann wirkt die Beziehung komplizierter als eine Nicht-Beziehung und schon ist man wieder Single. Die Liebe in Berlin – sie ist einfach und kompliziert zugleich.