Deutschland heute – Reportagen Frau Imamin

Die liberale Moschee
Die liberale Moschee | Foto © Katarzyna Brejwo

In Berlin wurde die erste liberale Moschee eröffnet. Schiiten und Sunniten, Schwule und Lesben, Männer und Frauen beten hier gemeinsam. Katarzyna Brejwo unterhielt sich mit Seyran Ateş, der Gründerin der Moschee.

Es gibt kein Minarett, das uns den Weg in diese Moschee weist.
Weder im Döner-Imbiss noch im Laden mit Halal-Lebensmitteln hat jemand von ihr gehört. Ein Mann, der Mandarinenkisten sortiert, zuckt mit den Achseln: „In Moabit gibt es viele Moscheen. Direkt um die Ecke gibt es eine afghanische, ein paar Straßen eine türkische. Aber eine liberale? Was soll das überhaupt sein?“ „Eine, in der Frauen und Männer gemeinsam beten“, sage ich. „Und die für alle offen ist: Schiiten, Sunniten und Aleviten. Juden, Christen und Atheisten. Schwule und Lesben …“ Bei den letzten Worten zögere ich ein wenig, doch der Verkäufer hört mich schon nicht mehr. Er ruft eine Mitarbeiterin, vielleicht weiß sie etwas.
Erst der junge Mann aus dem arabischen Feinkostladen deutet auf den roten Backsteinturm am Ende der Straße. Es ist die evangelische Johanniskirche. In einem ungenutzten Raum im dritten Stock eines Nebengebäudes befindet sich die erste liberale Moschee in Berlin.

Der Spiegel

Zweimal hat Gott zu Seyran Ateş gesprochen.
Zum ersten Mal am 25. September 1984, als sie von einem Attentäter angeschossen wurde. Sie war damals einundzwanzig Jahre alt, studierte Jura in Berlin und arbeitete neben dem Studium in einer Beratungsstelle für Frauen aus der Türkei. Auch der Mann, der an diesem Tag in das Büro stürmte und drei Schüsse auf sie abgab, war ein Türke. Seyran erinnert sich daran, wie sie reglos auf dem Boden lag. An die Schreie ihrer Kollegin, die es vor lauter Aufregung nicht schafft, die Nummer des Notdienstes zu wählen. Und an ein helles Licht, das ihr ewige Glücksseligkeit verspricht. „Ich bin zu jung“, erwidert sie diesem Licht und kehrt ins Leben zurück.
Nach dieser Erfahrung glaubt sie mehr denn je an Gott. Aber wie soll sie darüber sprechen? Ihre Bekannten sind fast alle Atheisten. In der linken Berliner Szene der Achtzigerjahre interessiert man sich eher für Buddhismus und Yoga als für die großen monotheistischen Religionen – die kann man höchstens für alles Böse auf dieser Welt verantwortlich machen. Seyran ist Feministin, während der folgenden Jahre kämpft sie engagiert gegen Zwangsehen und Gewalt gegen Frauen. Hunderte von Musliminnen finden den Weg in ihr Büro. Sie erklärt ihnen, dass sie das Recht haben, sich von einem Mann scheiden zu lassen, der sie schlägt. Dass sie das Recht haben, zu arbeiten und ihre Töchter in die Schule zu schicken. Sie erhält zahlreiche Auszeichnungen für ihr Engagement. Die wichtigste, das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, wurde ihr von dem damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck persönlich verliehen. „In all dieser Zeit“, sagt sie, „war der Glaube für mich etwas Privates.“
 
Ihre Eltern kamen 1968 aus der Türkei nach Berlin, um bei Siemens zu arbeiten. Ihre Mutter hörte auf, ein Kopftuch zu tragen, als der Schichtleiter ihr erklärte, was passieren könne, wenn der Stoff in die Maschine geriete. Außerdem kam es ihr merkwürdig vor, in Deutschland ihre Haare zu verbergen: Anstatt sie vor neugierigen Blicken zu schützen, erregte das Kopftuch nur noch mehr Aufmerksamkeit. Die Religion war in der Familie kein großes Thema, auch wenn die islamischen Feste gefeiert wurden. Seyran war zwölf, vielleicht dreizehn Jahre alt, als sie zum ersten Mal zu Ramadan fastete. Als sie nach Einbruch der Dunkelheit ihre erste Mahlzeit einnahm, stellte sie sich vor, wie viele Menschen auf der ganzen Welt das Gleiche taten. Bei dem Gedanken an diese große Gemeinschaft spürte sie eine angenehme Wärme.
„Meine Eltern übten ihre Religion leise und undemonstrativ aus“, erinnert sie sich. „Sie bewunderten Atatürk, es wäre ihnen nie in den Sinn gekommen, Religion und Politik miteinander zu vermischen.“ In der deutschen Schule besuchte Seyran gemeinsam mit den anderen Kindern den Religionsunterricht. Die Lehrerin erzählte viele schöne Dinge über Gott. Seyran machte es nichts aus, dass es der Gott der Protestanten war. Sie bewunderte Jesus, und „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ erschien ihr als ein so vollkommenes Gebot, dass sie es sich auf den Spiegel in ihrem Zimmer schrieb.
Viele Jahre später, als sie ihre neugeborene Tochter in den Armen hielt, wurde sie von einer unendlichen und bedingungslosen Liebe erfüllt. „Was ist Gott,“, dachte sie damals, „wenn nicht diese Liebe?“

Drei Haltestellen

Seyran Ateş Seyran Ateş | Quelle: Wikimedia Commons, Foto © Müjgan Arpat Die eine Seite der im neunzehnten Jahrhundert erbauten Johanniskirche liegt an einer belebten Kneipenstraße, die andere schmiegt sich in das Grün alter Bäume. Der Altar ist geprägt von protestantischer Schlichtheit – der hölzerne Jesus am Kreuz neigt den Kopf zu seiner Mutter.
Am Freitagmittag ist es hier fast leer, nur zwei ältere Damen sitzen in den vorderen Bänken. Als sie beginnen, ihre Gebete zu flüstern, dreht der Imam im anderen Teil des Gebäudes gerade den Schlüssel im Schloss. Der Moscheeraum ist schlicht und gemütlich: ein heller Teppich, weiße Wände, Fenster mit blauen und grünen Glasmalereien. Ganz hinten ein Regal mit Büchern: der Koran, die Schriften von Avicenna und Averroës, Broschüren, die erklären, wo Flüchtlinge Hilfe finden und was man gegen die zunehmende Radikalisierung tun kann. Für Kinder gibt es einen Korb mit Spielzeug und Büchern.
Wenig später haben sich bereits über zwanzig Menschen hier versammelt. Vertreter der Moscheegemeinde, ein Mann und eine Frau, gehen im Raum herum und antworten auf die Fragen der Besucher, die zum ersten Mal hier sind und sich unsicher umschauen. Nein, man muss die Haare nicht verbergen, außer man möchte es. Nur das Tragen von Burkas und Niqabs ist untersagt.
Ja, alle können während der Gebete in der Moschee bleiben. Bitte, hier ist ein Gebetsteppich, darauf sitzt es sich bequemer.
Als der Imam die Aufforderung zum Gebet, das Allahu Akbar, intoniert – so leise, dass es fast im Stimmengewirr untergeht, treten die Besucher zur Seite. Hinter dem Imam erscheinen die Gläubigen: neun Personen. „Wir sind eine kleine Gemeinde,“ erklärt mir Seyran Ateş später,„insgesamt nur etwa fünfzig Personen. Wir sind alle arbeitstätig, nicht jeder kann am Freitag die Moschee besuchen.“
Unter ihnen sind Einwanderer aus muslimischen Ländern (von Marokko bis Indonesien), in Deutschland geborene Einwandererkinder und auch Deutsche, die zum Islam übergetreten sind. Auch Flüchtlinge kommen in die Moschee. Manche von ihnen haben in ihrer näheren Umgebung keine Moschee gefunden, die ihren Vorstellungen entspricht. „In Syrien“, sagen sie, „waren die Imame nicht so radikal wie bei euch“.
 
2006 fand die erste, vom damaligen Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble initiierte Deutsche Islamkonferenz statt, die als zentrale Dialogplattform zwischen Staat und Islam in Deutschland dienen sollte. Auch Seyran Ateş war eingeladen. „Damals wurde mir bewusst, wie gut organisiert die konservativen Islamisten sind. Sie haben Verbände, Kontakte mit der Regierung. Sie maßen sich das Recht an, zu entscheiden, wer ein guter und wer ein schlechter Muslim ist“, sagt sie. „Und weil sie laut hörbar und deutlich sichtbar sind, werden sie zum Gesicht des Islam.“
 
In Deutschland leben ungefähr 4,8 Millionen Muslime. Die größte Gruppe unter ihnen kam in den Sechzigerjahren als Gastarbeiter nach Deutschland. Die meisten stammten aus der Türkei, es wurden jedoch auch Marokkaner und Tunesier nach Deutschland geholt. Später kamen Flüchtlinge aus Kriegsgebieten hinzu: aus dem Libanon, Palästina und dem ehemaligen Jugoslawien. 2015 strömten fast eine Million Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten in Syrien, im Irak, in Libyen und Afghanistan nach Deutschland.
Wie haben sich diese Menschen in Deutschland integriert? Wenn man sich entsprechende Studien anschaut, gewinnt man den Eindruck: sowohl gut als auch schlecht.
Gut, weil 96 Prozent der Muslime sich mit Deutschland verbunden fühlen. Rund 60 Prozent arbeiteten in Vollzeit (mehr als in anderen westeuropäischen Ländern). 78 Prozent haben in Ihrer Freizeit häufig Kontakt zu Menschen anderer Religionen [1].
Schlecht, weil zwei Drittel religiöse Gebote für wichtiger halten als die Gesetze des Staates, in dem sie leben. Und über die Hälfte lehnt es ab, mit homosexuellen Menschen befreundet zu sein [2].
 
Am 19. Dezember 2016 raste ein Lastwagen in den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz in Berlin-Charlottenburg. 12 Menschen kamen ums Leben, 56 wurden verletzt. Am Steuer des Wagens saß Anis Amri, ein 24-jähriger Tunesier, dessen Antrag auf Asyl zuvor abgelehnt worden war. In den Tagen nach dem Attentat gab die Polizei weitere Einzelheiten zum Täter bekannt: Anis Amri hatte Kontakt zu einem Salafistenprediger, der junge Muslime für die Terrormiliz „Islamischer Staat“ anwarb, und regelmäßig eine Moschee des Vereins „Fussilet 33“ in der Perleberger Straße in Berlin-Moabit besucht – in demselben Ortsteil, in dem sich heute die erste liberale Moschee befindet. Die beiden Orte sind nur durch drei Haltestellen voneinander getrennt, zu Fuß benötigt man etwa fünfzehn Minuten.
 
„Schau dir nur an, was passiert, wenn jemand einen terroristischen Anschlag im Namen Allahs begeht“, sagt Seyran Ateş. „Die konservativen Islamverbände beeilen sich, zu betonen, dass das nichts mit ihrer Religion zu tun hat. Doch die Attentäter kommen nicht aus irgendeiner Synagoge, einer Kirche oder einer atheistischen Vereinigung. Wir müssen uns endlich eingestehen: Ja, diese Gewalt hat viel mit dem Islam selbst zu tun. Der Islam benötigt eine Reform. Und nur wir können diese Reform in Gang setzen.“
 
Nach der ersten Deutschen Islamkonferenz im Jahr 2009 kam ihr der Gedanke, dass es eine Moschee für liberale Muslime geben müsse. Einen Ort, der für Schiiten, Sunniten und andere offen ist. Wo auch Christen, Juden, Atheisten, Schwule, Lesben und Transsexuelle gern gesehen sind. Wo Frauen gemeinsam mit Männern beten und auch selbst die Gebete leiten können. Wo es keinen Hass gibt, sondern nur Platz für Diskussionen.
„Das ist nicht der Islam“, warfen ihr konservative Muslime vor. Andere beschimpften sie gleich als Hure, die dringend vergewaltigt gehört.
Deutsche Rechtsextreme rieten ihr, dorthin zu gehen, wo sie herkam.
Ihre Freunde fragten sie, ob wie wisse, wie viel Leid der Islam über die Menschheit gebracht habe. Das waren die schwierigsten Gespräche. Denn was sollte Seyran ihnen antworten? Dass sie sich wesentlich schlechter fühlen würde, wenn sie ihre Religion aufgäbe, um sie von außen zu kritisieren?

Fatwa

Das Freitagsgebet nähert sich dem Ende.
Seyran, die ein langes, weites Hemd trägt, hält die Predigt: Stimmt es wirklich, dass die Überlegenheit des Mannes gegenüber der Frau im Koran festgeschrieben ist? Sie hat vier verschiedene Übersetzungen der Heiligen Schrift mitgebracht, um zu zeigen, wie unterschiedlich man ein und denselben Abschnitt interpretieren kann. „Der liberale Islam fordert eine kritische Auseinandersetzung mit dem Koran, unter Berücksichtigung der historischen Gegebenheiten“, erklärt sie mir später. „Erstens sollten wir aufhören, alles wortwörtlich zu nehmen. Wenn ich etwas von der »Hand Gottes« lese, dann weiß ich schließlich, dass es sich nicht um einen Körperteil handelt. Zweitens sollten wir berücksichtigen, dass es sich bei dem Koran um einen Text aus dem siebten Jahrhundert handelt. Die in ihm enthaltenen moralischen Leitsätze müssen nicht zwangsläufig auf unsere Gegenwart anwendbar sein.“
 
Als sie ankündigte, sie wolle eine liberale Moschee gründen, war es das Thema Frauen, das die meisten Kontroversen auslöste. Jemand schrieb anonym, er wolle nicht „der Frau auf den Arsch schauen beim Beten“. Andere führten Argumente an, die so alt sind wie der Islam selbst: dass der Anblick einer Frau und allein schon das Hören ihrer Stimme beim Mann sündige Gedanken weckt.
„Weder der Koran noch der Hadith [3], verbieten es Frauen und Männern gemeinsam zu beten“, entgegnet Seyran darauf. Sie erzählt, wie sie einmal in der Blauen Moschee in Istanbul von Aufsehern daran gehindert wurde, im Hauptsaal des Gebäudes zu beten. Warum dürfen nur Männer in diesem schönen, alten Saal beten, während Frauen sich in die kleinen, stickigen und ausdruckslosen Nebensäle zwängen müssen? „Die Gleichstellung der Geschlechter sollte überall gelten,“ argumentiert sie, „zu Hause, auf der Straße und in der Moschee.“
 
Sie hat sich mit Menschen zusammengetan, die ähnlich denken wie sie: Theologen, Wissenschaftler, Publizisten. Bekannte Namen, wie dem aus dem Libanon stammenden Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide, der sich seit vielen Jahren für eine Modernisierung des Islams einsetzt, oder die jemenitisch-schweizerische Politologin Elham Manea. Das erste Gebet in der neuen Moschee wurde von Ani Zonneveld geleitet, einer in Los Angeles lebenden Imamin und Gründerin der Menschenrechtsorganisation „Muslims for Progressive Values“. Auch deutsche Politiker und Aktivisten erschienen zur Eröffnung. Journalisten aus aller Welt schrieben über die merkwürdige Moschee mit den zwei Namen: Ibn-Rushd-Goethe. Ibn Rushd, der in der westlichen Welt als Averroës bekannt ist, war ein islamischer Gelehrter im Córdoba des zwölften Jahrhunderts, der sich mit Philosophie, Theologie, Mathematik, Jura und Medizin beschäftigte. Er war überzeugter Aristoteliker und bewies, dass es keinen Widerspruch zwischen der aristotelischen Philosophie und der islamischen Theologie gibt.
Der große deutsche Schriftsteller und Dramatiker Johann Wolfgang von Goethe wiederum verfasste 1819 seinen „West-östlichen Divan“, einen Gedichtband, der zum Teil von den Werken des persischen Dichters Hafis inspiriert war.
Die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee soll – wie ihre beiden Namensgeber – Ost und West miteinander verbinden.
Seyran war glücklich: Acht Jahre lang hatte sie auf diesen Moment hingearbeitet.
Es dauerte nicht einmal eine Woche, bis das Ägyptische Fatwa-Amt, ein wichtiges Zentrum für islamische Rechtsfragen, ihre Moschee auf das Schärfste verurteilte. 

Coming out

„Wenn mein Vater wüsste, dass ich schwul bin, würde er nicht mehr mit mir reden“, sagt Deniz, ein 24-jähriger Türke mit Migrationshintergrund – seine Großeltern kamen als Gastarbeiter nach Deutschland. Noch hat Deniz ein wenig Zeit, denn seine Eltern wollen, dass er sein Studium beendet. Aber in einigen Jahren werden sie anfangen zu fragen, wann er denn endlich heiraten werde. Vielleicht werden sie sich sogar in ihrem Bekanntenkreis nach einer geeigneten Kandidatin umhören. „Ich habe immer gehört, dass Homosexualität für einen Muslim ḥarām ist“, sagt Deniz. „Verboten.“
Noch ist er unsicher, was er tun soll. Was würde es für ihn bedeuten, wenn er seinen Glauben aufgäbe? Für seinen Vater wäre es eine Schande, aber auch Deniz selbst spürt, dass der Islam ein wichtiger Teil seiner Identität ist, ein ferner, doch jederzeit wahrnehmbar Teil, wie eine Standby-Lampe an einem elektrischen Gerät. Deniz weiß, dass nicht jeder diesen inneren Konflikt erlebt. Ipek İpekçioğlu zum Beispiel, eine bekannte Berliner DJ türkischer Abstammung. Wenn sie ihre Großeltern in Anatolien besucht, nimmt sie ihre deutsche Freundin mit. Deniz hat darüber in einer Zeitung gelesen, denn Ipek hat kein Problem damit, der ganzen Welt zu sagen, dass sie eine lesbische Muslimin ist. Die Clubs, in denen sie ihren Mix aus Rhythmen aus aller Welt präsentiert, sind immer gut gefüllt. Inmitten dieser ausgelassenen Musik, umgeben von schwitzenden Körpern und pulsierenden Lichtern fühlt sich Deniz für einen Moment wie er selbst. Was wäre, wenn er sich, wie Ipek, immer so fühlen könnte?
 
„Ein Großteil der Menschen, die zu uns kommen, sind Muslime“, sagt die Psychologin Sabrina Dörr, die für das Zentrum für Migranten, Lesben und Schwule (MILES) arbeitet. In ihrer Datenbank befinden sich 230 Namen – so viele Menschen haben in diesem Jahr psychologische Hilfe in Anspruch genommen. „Viele von ihnen sind Flüchtlinge, viele kommen aus Regionen, in denen sie religiös motivierter Gewalt ausgesetzt waren: Sie wurden verhaftet, gefoltert und aufgrund ihrer sexuellen Orientierung verfolgt. Ich höre oft von ihnen, dass sie mit Religion nichts mehr zu tun haben wollen, weil sie so viel Schlechtes durch sie erfahren haben. Aber ich begegne auch Menschen, die gläubig sind und deswegen in einen tiefen inneren Konflikt geraten. Sie glauben, dass sie aufgrund ihrer Homosexualität keine guten Muslime sein können.“
Sabrina versucht, ihnen dabei zu helfen, ihre sexuelle Orientierung zu akzeptieren. Ihnen das Gefühl zu geben, dass sie sich auch als Schwule, Lesben oder Transsexuelle zum Islam bekennen können. Es ist eine innerliche, therapeutische Arbeit. Als weltliche Psychologin kann sie ihren Patienten nicht einfach sagen: „Gott liebt dich“ oder „Der Islam sieht nichts Schlimmes an deiner sexuellen Orientierung“. Diese Akzeptanz können sie nur in muslimischen Gemeinschaften erfahren. Zum Beispiel in der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee, die Sabrina für einen Schritt in die richtige Richtung hält und die von MILES von Beginn an unterstützt wurde. „Ich habe erst kürzlich wegen einer Patientin mit ihnen Kontakt aufgenommen“, erzählt sie. „Sie boten ihre eine Beratung an – entweder telefonisch oder vor Ort, wenn sie nach Berlin kommen kann.“
Könnten sie auch Deniz helfen?
Die Idee einer schwulenfreundlichen Mosche erschien ihm zunächst unsinnig. Wer glaubt an so etwas? Wer unterstützt das? Wer geht dort hin und riskiert, seine Familie und seine Freunde gegen sich aufzubringen? Ist Homosexualität etwa nicht mehr ḥarām? Nein, Deniz glaubt nicht daran, dass sich eine Religion und eine über tausendjährige Tradition durch eine einzelne Moschee verändern lassen.
Bevor wir uns verabschieden, schreibt er sich sicherheitshalber doch die Adresse auf.
Wenn das wirklich eine Revolution ist, wäre es ja blöd, sie zu verpassen.
 
„Fürchtet Gott, nicht die Frauen“ – mit diesen Worten beendet Seyran ihre Predigt. Anschließend gibt es eine Diskussion über das Thema Gleichberechtigung. Wir sitzen im Kreis, jeder kann sich äußern: Ein Doktor der Medizin nennt Beispiele aus der Evolutionsgeschichte, eine Übersetzerin aus dem Arabischen verweist auf die Etymologie, ein Experte für soziale Medien zitiert Diskussionen auf Facebook. Nach der Diskussion gibt es noch ein wenig Smalltalk: Wie geht es den Kindern? Was macht die Gesundheit? Zum ersten Mal hier? Von weit her? Alles auf Deutsch, Englisch und Türkisch.
In Zukunft soll die Moschee ein eigenes Gebäude erhalten, Menschen aus aller Welt spenden für diesen Zweck, sagt Seyran. Unter den Spendern sind Muslime und Atheisten, sie zahlen größere Summen oder auch nur fünf oder zehn Euro. Als Verwendungszweck schreiben sie „Lasst euch nicht unterkriegen“ oder „Ihr seid unsere Hoffnung“. Wenn genügend Geld zusammenkommt, soll ein Gebäude mit mehreren Gebets- und Meditationssälen, einem Raum für Workshops und Seminare sowie einem kleinen Café entstehen. Ein Café zu besuchen, kommt für Seyran im Augenblick nicht infrage. Genauso wenig, wie allein mit der U-Bahn zu fahren, einzukaufen oder ins Kino zu gehen. Seit ihre Moschee mit der Fatwa belegt wurde und sie selbst Morddrohungen erhielt, geht Seyran nur noch in Begleitung bewaffneter Polizisten auf die Straße.
Als ich sie frage, ob sie nicht unter diesem Mangel an Freiheit leidet, protestiert sie: „Ich bin frei. Ich kann denken und sagen, was ich will. Wenn das nur noch unter Polizeischutz möglich ist, dann ist das eben so.“
Sie hat auch überhaupt keine Zeit für Selbstmitleid. Sie lernt Arabisch und lässt sich zur Imamin ausbilden. Europa braucht noch mehr liberale Moscheen. London, Wien – jemand muss dort hinfahren und die Menschen überzeugen. Seyran ruft liberale Muslime in aller Welt zum Coming-Out auf. „Dies ist nicht die Zeit, um still zu sitzen – wir müssen gegen den islamistischen Terror einstehen und das friedliche Gesicht des Islams zeigen.“

[1] Muslime in Europa – Integriert, aber nicht akzeptiert?, Bertelsmann Stiftung, 2017, https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/Studie_LW_Religionsmonitor-2017_Muslime-in-Europa.pdf

[2] Koopmans, Ruud (2014): Religious Fundamentalism and Out-Group Hostility among Muslims and Christians in Western Europe. WZB Discussion Paper SP VI 2014-101. Berlin: WZB. https://bibliothek.wzb.eu/pdf/2014/vi14-101.pdf

[3] Die Überlieferungen der Aussprüche und Handlungen des islamischen Propheten Mohammed.
 
Ausgewählte Literatur:

Seyran Ates, Große Reise ins Feuer. Die Geschichte einer deutschen Türkin, Rowohlt, Berlin 2013
Seyran Ates, Selam, Frau Imamin, Ullstein, Berlin 2017