Was ist los mit... Ost und West? Risse statt Brücken

Point Alpha an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze
Point Alpha an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze | Quelle: Flickr; Foto © Mundus Gregorius

Ist Ost- und Westdeutschland inzwischen wirklich zusammengewachsen? Vielleicht sollten wir es auch gar nicht anstreben, die Unterschiede völlig zu beseitigen, sondern die verschiedenen Erfahrungen zu schätzen lernen? – fragt sich der Institutsleiter Christoph Bartmann.
 

Beim nachweihnachtlichen Abendessen mit Freunden in Hamburg kommt die Frage auf: haben wir vier „Westdeutschen“ eigentlich enge Freunde „aus dem Osten“? Die Frage allein macht uns schon ein bisschen verlegen. Müsste das Thema nicht 28 Jahre nach der „Wende“ auch einmal erledigt sein? Noch verlegener macht uns dann das Ergebnis unserer spontanen Selbstbefragung. Freunde, wirkliche Freunde: eher nicht. Kollegen, ja, gute Bekannte, klar, aber Freunde? Schnell sind wir uns einig, dass der ganze deutsche West-Ost-Unterschied für Leute unter 40 keine große Rolle mehr spielt. Aber wir sind schon etwas älter, und unsere gleichaltrigen Landsleute aus der ehemaligen DDR haben Erfahrungen gemacht, die uns so fremd sind wie ihnen unsere. Aber müssten wir uns dann nicht, wie ein früherer Bundespräsident empfahl, dringend „unsere Biographien erzählen“? Aber das tun wir ja, so oft es geht, aber aus dem Biographienerzählen entsteht ja noch keine Freundschaft. Freundschaft wächst, auch darüber sind wir uns einig, durch geteilte Erfahrungen. Durch Dinge, auf die wir uns gemeinsam beziehen können. Beim Weiterreden stellen wir fest: es ist nicht das Deutsche, das den Boden unserer Gemeinsamkeit bildet, sondern das Westdeutsche. Die „Westbindung“, die wir im Übrigen mit vielen Europäern teilen, ist, wenn man will, der Quell unserer… Identität? Mentalität? Die deutsche Sprache ist hierfür weniger wichtig, wir teilen sie ja auch mit Österreichern oder Schweizern, die eine ganz andere Geschichte, aber meistens auch eine Westbindung, haben. Wer wie wir bis 1989 im amerikanisch dominierten Nachkriegswesten gelebt hat, teilt ganz von selbst unzählige Erfahrungen und Einschätzungen mit den anderen Bewohnern dieses ehemaligen Westens. Ohne uns darüber viele Gedanken zu machen, haben wir wohl dieselbe Grundlage von „Werten“. Wir teilen sie natürlich mit allen Menschen, die vor oder 1989 in den kommunistisch beherrschten Ländern vom Westen träumten. Deshalb war ja der Geschichtsmoment 1989/90 so euphorisch. Jetzt sollten, dachten wir, alle Menschen Westler werden, und also Freunde.

Bald 30 Jahre später sind wir ernüchtert. Wer heute in Deutschland behauptet, es gehe weiterhin ein Riss durch das Land, und zwar zwischen West und Ost, der wird nicht belächelt. Ja, es gibt vielleicht einen Riss, aber man kann ihn sehr bequem auf breiten Autobahnen und mit superschnellen ICEs überqueren. Sobald wir die ehemalige innerdeutsche Grenze von West nach Ost überschreiten, finden wir gleich alles viel moderner. Unser „Soli“, die Sondersteuer, die wir seit der Wende entrichten, hat Wunder gewirkt. Wir sehen, nicht überall, aber hier und da die „blühenden Landschaften“ Helmut Kohls. Aber die Stimmung ist, hört man, nicht gut, jedenfalls dort, wo die Landschaften nicht blühen – und manchmal sogar dort, wie etwa in Dresden. Manche Leute sind aggressiv, fühlen sich verraten und verkauft, vor allem natürlich von Angela Merkel, und sie wollen, wie Nigel Farages UKIP, „ihr Land zurück“. Welches Land und welche Republik meinen sie? Das ist wohl auch den Unzufriedenen nicht klar. Man darf sie das auch gar nicht fragen, jedenfalls nicht als Vertreter der „Lügenpresse“.

Aber die These vom neuen oder andauernden Riss ist zu simpel. Keine geographische oder territoriale Grenze kann wie früher einmal Identitäten oder Mentalitäten formen. Entscheidend ist vielmehr, wer die Grenze überwindet und wer nicht. In der britischen Brexit-Diskussion kam die Unterscheidung zwischen den „Anywheres“ und den „Somewheres“ auf. Die „Anywheres“, das sind wir, die „Somewheres“ sind die Anderen. Die „Somewheres“ haben zuletzt mehr Wahlen für sich entschieden als unsereiner. Sie sind weder „abgehängt“ noch „ausgegrenzt“, sondern, in vielen Ländern, die neue Mehrheit. Noch nicht in Deutschland, was wiederum mit der deutschen und Wiedervereinigung zu tun haben muss. Die Ostdeutschen und die Westdeutschen wählen signifikant anders, und noch gibt es keine gesamtdeutsche Bewegung der Unzufriedenen und der „Somewheres“. Aber auch die deutsche Politik ist so volatil geworden, dass sich das ändern kann.

Riss oder nicht, wir sollten uns vielleicht mehr an kulturellen Unterschieden freuen und die Aufmerksamkeit für sie schärfen. Das ist sicher klüger als noch ein Appell zum Zusammenwachsen und Brückenbauen. Jeder Riss in der Landschaft ist eine Erfahrung. Manche Risse sind viel älter, und gottseidank kommt keiner mehr auf die Idee, wir müssten sie heilen. Etwa der römische Limes, der Grenzwall mit seinen Überresten, der Deutschland von Nordwest nach Südost quert. Auf der einen Seite leben die Zivilisierten, auf der anderen die Barbaren. Vielleicht ist auch davon noch ein bisschen Mentalitätsunterschied geblieben. Oder man bedenke den eben erst 300 Jahre vergangenen Dreißigjährigen Krieg in seinen kulturellen Folgen. An jeder zweiten Wegbiegung in Deutschland änderte sich danach die Konfession, und mit ihr die Kultur. Die Folgen dieses Krieges (gerade schrieb Daniel Kehlmann einen großartigen Roman, „Tyll“, über ihn) sind unabsehbar. Aber manche Wunden heilen auch, etwa die konfessionelle. Ob einer Katholik oder Protestant ist, scheint heute in Deutschland keine Rolle mehr zu spielen. Vielleicht wird das eines fernen Tages in puncto Ostdeutsch-Westdeutsch genauso sein.