Jakob Hein – Feuilletonreihe Berliner Sprache

Berliner Sprache
Berliner Sprache | Quelle: Pixabay © geralt

Der altmodische Berliner Dialekt oder das internationale Englische? Dass die Hauptstadt auch sprachlich ein Schmelztiegel ist, beweist Jakob Hein.

Über den Berliner Dialekt wird gesagt, was über die Dialekte der Hauptstädte überall gesagt wird: Er ist hart, er ist direkt und er klingt für andere wie eine Beschimpfung. Für Menschen aus anderen Gegenden klingt dieser Dialekt oft so furcheinflößend, dass sie gar nicht erkennen können, dass die Berliner versuchen, nett zu sein. So können Berliner den Satz: „Entschuldigen Sie bitte, mein Herr, aber könnten Sie bitte einen Schritt zur Seite treten, damit ich eben an Ihnen vorbeikomme, um das Lokal vorzeitig zu verlassen?“ in solcher Kurzform bellen, dass man fürchten könnte, es werden einem Schläge angedroht.

Deswegen war das Berlinische auch in den Schulen jahrzehntelang verboten und zwar im Westen genauso wie im Osten. Im Westen hieß es, mit diesem Dialekt würde man klingen, als würde man der proletarischen Unterschicht angehören. Im Osten, wo die Proletarier angeblich das Land regierten, sollte man nicht berlinern, weil das wie „Gossensprache“ klingen würde.

Was auch immer die Gründe waren, das Berlinern wurde einem ausgetrieben. „Was soll denn dieses Wort bedeuten?“, fragten die Lehrerinnen scheinheilig, wenn wir beispielsweise „ick“ statt „ich“ sagten. „Hier ist ein Duden. Kannst Du mir bitte zeigen, auf welcher Seite dieses Wort im Duden steht?“ Erwachsene, die sich für Kinder dumm stellen, wirken auf Kinder dümmer, als sie sich vorstellen und noch viel dümmer, als sie sich selbst finden.

In den 1990er Jahren versuchten die meisten jüngeren Leute Hochdeutsch zu sprechen. Erstens war das am leichtesten verständlich und zweitens war es transnational.

Hochdeutsch konnten die Ostdeutschen und die Westdeutschen sprechen und auch die Ausländer verstanden das Deutsch besser, was auch in Sprachkursen unterrichtet wird. Außerdem wurde man mit einem Berliner Dialekt zu leicht als Ostdeutscher erkannt und das war ein bisschen peinlich. Die Ostdeutschen waren irgendwie die Neuen, die noch nicht alle Spielregeln kannten, die nicht im Ausland gewesen waren, die kein Englisch konnten. Klar, dass die Westdeutschen einen nett genug behandelten, aber eben so, wie man vielleicht ein bisschen zu freundlich zu einem behinderten Menschen ist. Außerdem hatte wohl niemand mehr Lust, irgendwelche ost-spezifischen Fragen zu beantworten und so wurde es Hochdeutsch. Sowieso ist es ja interessant, dass die Ostdeutschen jahrelang gefragt wurden, wie die Wende ihr Leben verändert hatte, während sich die Westdeutschen diese Frage überhaupt nicht zu stellen schienen.

Anfang der 2000er Jahre verschwand langsam das alte Berlin. Viel Geld kam in die Stadt, alte Gebäude wurden renoviert und teurer weiter vermietet oder einfach nur teurer weiter vermietet ohne die Renovierung. Viele Clubs verschwanden, illegale Kellerräume wurden geschlossen und überall wurden Rauchverbote und Lautstärkeregelungen eingehalten. So entstand eine Sehnsucht nach dem alten, dem echten, dem verloren gehenden Berlin. Das Ost-West-Thema war zumindest hier zwanzig Jahre nach dem Mauerfall uninteressant geworden. Dafür wurde es wieder schick, zu berlinern. Wer es konnte, musste sich nicht mehr verstellen. Aber leider versuchten es auch viele Leute, die das gar nicht konnten und das klang schrecklich, deplatziert und war irgendwie unverständlich wie eine Amsel, die versucht so zu krächzen wie eine Krähe.

Der neueste Trend der Sprache in Berlin ist aber Verbreitung einer Art von Englisch auf den Straßen von Berlin-Mitte. Die Berliner hatten sich angewöhnt, mit jedem englischsprachigen Besucher möglichst in seiner Muttersprache zu reden. Es kamen nicht viele Amerikaner, Engländer oder gar Australier nach Ost- oder Westberlin und weil es außerdem noch cool und anders war, bestanden die Berliner gern darauf, Englisch mit ihnen zu sprechen und zwar unabhängig von den jeweiligen Sprachkompetenzen. Das heißt, dass auch ein Berliner mit sehr rudimentären Englischkenntnissen mit einem Professor für Germanistik aus Oxford auf Englisch sprechen wollte. Man hielt das für international.

Unglücklicherweise haben wir mit diesem Verhalten wie aus einem schlechten Film über die Kolonialzeit die englischsprachigen Menschen faul gemacht. Denn der Sprachunterricht ist in vielen englischsprachigen Ländern nicht besonders gut und wenn die Einheimischen bereit sind, Englisch zu sprechen, ja, wenn die Einheimischen nicht wollen, dass man ihre Sprache spricht, dann zucken die Engländer und Amerikaner eben mit den Schultern und sprechen Englisch.

Und so finden sich ganze Viertel in Berlin-Mitte wo Englisch die gängige Sprache ist und wo man tatsächlich verwundert angeschaut wird, wenn man die Verkäufer oder Kellnerinnen auf Deutsch anspricht. Besonders bizarr ist es dann, wenn der betreffende Verkäufer einen starken deutschen Akzent hat und nicht besonders gut Englisch spricht. Auch dann wird er sich beharrlich an sein knappes Vokabular krallen wie ein Ertrinkender an einen Baumstamm. Die sonstige Dienstleistung dieser Kellner mag mangelhaft sein, das Essen kalt, der Kaffee zur Hälfte auf der Untertasse zu finden, aber man spricht Englisch und hält das für international.

Einmal habe ich mir in so einem Laden ein belegtes Brot gekauft und zu dem deutschen Verkäufer, der mit mir kein Deutsch sprechen wollte gesagt: „Wow! In New York we call that a Stulle.“

„Really?“, freute er sich. „We say so also in Berlin.“