Was ist los mit… Kunst im öffentlichen Raum? Blumen, Frauen und eine Debatte

Avenidas y flores
Das Gedicht auf der Mauer der Alice-Salomon-Hochschule für Sozialarbeit | Foto: Rudolph Buch - Eigenes Werk, CC-BY 4.0

Alle sprechen von einem Gedicht, das aus dem öffentlichen Raum verbannt wurde. Die Welt ist voll von Werken, die nicht den aktuellen Stand der Geschlechterverhältnisse repräsentieren. Müssen sie als veraltet erklärt werden? Ein Feuilleton von Christoph Bartmann.

Gute Zeiten für Poesie? Ein Gedicht ist in aller Munde. Aber leider nur, weil es aus dem öffentlichen Raum verbannt worden ist. So geschehen in Berlin mit einem kurzen, vor Jahrzehnten geschriebenen Poem des experimentellen Lyrikers Eugen Gomringer. Bis eben noch zierte es eine Außenmauer der Alice-Salomon-Hochschule für Sozialarbeit. „avenidas/avenidas y flores/flores/flores y mujeres/avenidas/avenidas y mujeres/avenidas y flores y mujeres y/un admirador” Oder auf Deutsch: „Alleen/Alleen und Blumen/Blumen/Blumen und Frauen/Alleen/Alleen und Frauen/Alleen und Blumen und Frauen und/ein Bewunderer“. Studierende der Hochschule hatten an dem Text Anstoß genommen: die Gleichsetzung von Frauen, Avenuen und Blumen stieß sie ab, und mehr noch der männliche Beobachter als bekennender Bewunderer weiblicher Schönheit. 1951, auf einer Barcelona-Reise, hatte den jungen Gomringer das Schöne in Gestalt von Straßen, Blumen und Frauen überwältigt. Im Berlin des Jahres 2017 gerät ein solcher Überschwang schnell unter Sexismus-Verdacht. Nun wurde also das Gedicht entfernt, aber auch nicht ganz, weil nun eigens ein Schild mit dem Text aufgestellt wurde, das an seine Entfernung erinnert: ein Berliner Kompromiss in aufgeregten. Zeiten. Inzwischen gab es auch lautstarken Protest gegen die Verbannung des Gedichts, etwa von Kulturstaatsministerin Grütters („Kulturbarbarei“) oder dem Schriftsteller Christoph Hein („barbarischer Schwachsinn“, „Kulturstürmer“). Andere äußerten sich zustimmend, etwa Elfriede Müller, die sich für den Berliner Senat um Kunst im öffentlichen Raum kümmert. 

„Ich finde die Einwände der Student*innen stichhaltig“, sagte sie der taz. „Das Kunstwerk sollte auf dem Stand der gesellschaftlichen Entwicklung sein, auch der Entwicklung der Geschlechterbeziehungen. Solche Argumente finden auch in die Bewertung der künstlerischen Qualität des Ganzen Eingang. Ich finde das Gedicht veraltet. Was ja nicht erstaunlich ist, weil es von 1951 ist.“ Frau Müller hat nicht ganz Unrecht: an ein Kunstwerk im öffentlichen Raum dürfen besondere Ansprüche gestellt werden. Es soll möglichst niemanden herabsetzen, verletzen oder gar traumatisieren. Nun ist das Gomringer-Gedicht gar keine offizielle Kunst im öffentlichen Raum: die Hochschule hatte es aus freien Stücken und ohne den üblichen Wettbewerb angebracht. Offizielle Kunst am Bau sollte auf dem Stand der „Entwicklung der Geschlechterbeziehungen“ sein, meint Elfriede Müller. Das treffe auf Gomringers Gedicht nicht zu. Es sei „veraltet“. Nun ist die Welt ist bekanntlich voll von Gedichten, Bildern und Figuren, die nicht unbedingt den Stand der Entwicklung der Geschlechterbeziehungen repräsentieren. Wollen wir sie deshalb veraltet nennen? Nicht alle diese Darstellungen wünschen wir uns unbedingt als Kunst im öffentlichen Raum, vor der man, anders als vor Kunst in Museen, nicht ohne weiteres die Augen verschließen kann. Wenn eine nicht ganz kleine Anzahl von unfreiwilligen Gomringer-Rezipientinnen auf das Gedicht genervt reagiert, dann muss seine Eignung für den öffentlichen Raum bezweifelt werden.

Man weiß allerdings nicht, ob man mit einer derartigen Sensibilität in Kunst- und Geschlechterfragen im Stadtraum gut beraten ist. „Wie wär’s mit Toleranz?“, könnte man die Gomringer-Gegnerinnen fragen. Dieselbe Toleranz wird ja etwa benötigt beim Anblick von Kirchen gleich welcher Religion, die bestimmt nicht als Werbeflächen für heutige Geschlechterverhältnisse dienen. Nicht alles, was in der Stadt mein Auge oder meinen Verstand beleidigt, kann oder soll weg. Deshalb üben sich Stadtbewohner seit jeher in der Kunst der selektiven Wahrnehmung. „Leben und leben lassen“ als urbane Überlebensformel ist bedroht, wenn ich von den anderen verlange, die Objekte meiner (Über)-Empfindlichkeit wegen Trauma-Gefahr umgehend aus dem Weg zu räumen. War es „Kulturbarbarei“, was in Berlin geschah, als man das Gedicht entfernte? Nein, aber es war kleinkariert, humorlos und intolerant.

Zugegeben: ein bisschen gruselt es uns bei der Vorstellung, im öffentlichen Raum bald nur noch Kunstwerken zu begegnen, die geschlechterpolitisch okay sind. Und die deswegen „nicht veraltet“ sind. Solche Kunstpädagogik und -moralistik spricht uns die Fähigkeit ab, selbst den Unterschied zwischen zeitgemäßer und vielleicht veralteter Kunst zu finden. Sie will uns vor Erfahrungen bewahren, vor denen wir gar nicht bewahrt werden wollen. Sie bietet uns „sichere Räume“ an, die uns vor Irritationen schützen wollen; dabei möchten wir lieber selbst entscheiden, wieviel Sicherheit und Unsicherheit wir uns zumuten wollen. Schlimmer als Gomringers unzeitgemäßes Bild an der Hochschulmauer ist ganz bestimmt eine Politik des Verdachts, die allem und jedem an den Kragen will, was nicht an der Elle politischer Korrektheit anno 2018 gemessen werden kann.