Deutschland heute – Reportagen Eine Gemeinschaft von Seniorinnen

„Wir möchten sein / einzeln und frei wie ein Baum / und brüderlich wie ein Wald“ – das Motto des Wohnprojekts OLGA
„Wir möchten sein / einzeln und frei wie ein Baum / und brüderlich wie ein Wald“ – das Motto des Wohnprojekts OLGA | Quelle: pixabay; Foto © smellypumpy; CC0

Die deutsche Gesellschaft altert zunehmend, und die bestehenden Formen der Altersbetreuung sagen nicht jedem zu. Maciej Wasielewski von der Reportergruppe Rekolektyw hat sich selbstorganisierte Alternativen zu den staatlichen Altenheimen angesehen.

Sie liest die Gedichte von Nâzım Hikmet und findet in ihnen ihre dringlichsten Wünsche wieder. Sie würde gerne auch im Alter ohne Hilfe von außen zurechtkommen, sie möchte auch nicht gern allein sein. Dorothea Hoffmeister hat sich die folgenden Verse unterstrichen:
WIR MÖCHTEN SEIN
EINZELN UND FREI WIE EIN BAUM
UND BRÜDERLICH WIE EIN WALD

Sie fantasiert von einer anderen Art zu leben, einer selbstorganisierten Wohngemeinschaft von älteren Menschen, in der man die Nähe zu anderen suchen kann, wenn einem danach ist, und in der man sich je nach Befinden und Laune von dieser Nähe erholen kann. Dorothea wird siebzig. Sie hat nie geheiratet, lebt in keiner Beziehung und hat keine Kinder. Sie hat eine Ausbildung zur Pflegerin absolviert und anschließend Soziologie studiert – sie interessiert sich für die Frage, ob das Individuum eine Verpflichtung gegenüber der Gemeinschaft hat. 

Wohnprojekt OLGA Wohnprojekt OLGA | Foto © Maciej Wasielewski

FREI WIE EIN BAUM

Dorothea hat fünfundvierzig Jahre lang im Klinikum Nürnberg Nord gearbeitet. Sie hat Patienten an den Tropf angeschlossen, sie gewaschen, verbunden und ihnen Morphiumspritzen gegeben. Sie hat auf die verfallenden Körper von Menschen geblickt, die auf die Gnade ihrer Familie und des Gesundheitssystems angewiesen sind. Sie hat sich angehört, was ihre Patienten kurz vor dem Tod am meisten bereuten: Viele von ihnen hatten nach den Vorstellungen anderer gelebt, ohne zu wissen warum.

Dorothea hält sich mit Yoga und Meditation fit. Bei Yoga-Kursen für Seniorinnen erzählt sie den anderen Frauen von einem Alter in Selbstverantwortung, von einem Für-Sich-Sein, das nicht mit Einsamkeit gleichzusetzen ist, von einem gemeinsamen Garten. Sie findet Gleichgesinnte: Witwen, Geschiedene, Alleinstehende und Singles aus Überzeugung. Es sind neun Frauen: Hildegard, Lisa, Märit, Renate, Christel, Erika, Karin, Ute und Dorothea tauschen sich über ihre Wünsche und Erwartungen aus: Sie wollen weder von ihrer Familie noch vom Staat abhängig sein. Sie wollen so lange wie möglich, selbstbestimmt und selbstverantwortlich leben, jede in ihrer eigenen Wohnung, doch alle in einem gemeinsamen Haus. 

BRÜDERLICH WIE EIN WALD 

Sie mieten ein dreistöckiges Haus in der Chemnitzer Straße in einem ruhigen Teil Nürnbergs, mit Parks, Restaurants, Schönheitssalons, Arztpraxen und einem Krankenhaus in der Nähe. In dem Gebäude befinden sich elf Ein- und Zweizimmerapartments. Jede Wohnung hat eine Küche und ein Bad. Die Balkons gehen auf einen verfallenden Garten hinaus. Dorothea und ihre Freundinnen planen die notwendigen Umbauten – niedrige Schwellen, Rampen für Rollstühle, ein Aufzug, Antirutschmatten und Duschen statt Badewannen. Um später ohne Unterstützung vom Staat auszukommen, benötigen sie zunächst einmal staatliche Unterstützung – der Umbau wird vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend finanziert. Das Haus in der Chemnitzer Straße soll ein soziales Experiment sein, ein innovatives Modell und in Zukunft vielleicht eine Alternative zu den traditionellen Pflegeheimen und Seniorenresidenzen.

Dorothea und ihre Freundinnen gründen eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts, deren Kapital sich aus den Mieten zusammensetzt: acht Euro pro Quadratmeter. Sie schließen eine Vereinbarung über die Grundsätze ihres Zusammenlebens ab: Sie wollen sich gegenseitig unterstützen und helfen. Im Garten arbeiten sie gemeinsam. Einmal in der Woche schmieden sie Pläne und besprechen aktuelle Fragen. Wenn eine von ihnen stirbt, entscheiden die anderen gemeinsam, wer in die frei gewordene Wohnung einziehen soll. Sie unterschreiben noch ein weiteres Postulat: HILFE VON AUSSEN WIRD NUR IM NOTFALL IN ANSPRUCH GENOMMEN. 

Wohnprojekt OLGA Wohnprojekt OLGA | Foto © Maciej Wasielewski

INNEN

Sie pflanzen Stauden – weiße, violette und blaue. Stauden sind langlebig und benötigen wenig Pflege. Der Garten ist fünfzig Quadratmeter groß und von der Straße durch eine hohe Hecke getrennt. Die hier herrschende Stille macht es leichter, die Dinge ins Reine zu bringen. Die Außenwelt bleibt hinter der Hecke zurück. Hier fühlen sich Dorothea und ihre Freundinnen nicht schwächer als die anderen, sie leben nach ihren eigenen Regeln, jede schläft so lange, wie sie kann. Die Langeweile eines geregelten Tagesablaufs verschwindet. Die Frauen stellen Vogelhäuschen auf, lernen Hortensien von Forsythien zu unterscheiden, und erzählen sich Witze aus ihrer Jugendzeit. Dinge, die sie lange in sich begraben haben, kommen wieder zum Vorschein. Sie sprechen aus dem Herzen heraus, trinken zusammen Kaffee, legen Tarotkarten, spielen Klavier, Klarinette und Cello, lösen Rätsel, tauschen miteinander ihre Zeitungen aus und sagen einander, was sich zu lesen lohnt. Wenn es nötig ist, geben sie sich gegenseitig Schmink- und Frisurentipps. Eine Hand hilft der anderen. Man muss nicht extra aus der Stadt zurückfahren, um nachzusehen, ob man die Wohnungstür auch wirklich abgeschlossen hat. Dorothea und ihre Freundinnen haben einen Pflegekurs absolviert. Sie sind in der Lage, viele Krankheiten zu erkennen, sie kurieren sich gegenseitig und bringen die Mikrozirkulation ihres Gewebes wieder in Gang. Wenn es nötig wird, helfen sie einander beim Hinsetzen, Essen, Waschen, Blutdruckmessen und später auch beim Wechseln der Windelhosen. Sie führen Tagebücher über die eingenommenen Medikamente. Jede weiß, was der anderen schadet und was nicht. Sie wünschen sich, gemeinsam hundert Jahre alt zu werden – halbwegs gesund und unabhängig von der Welt auf der anderen Seite. 

AUSSEN 

Die Außenwelt erinnert sie auf Schritt und Tritt daran, dass fast jeder mehr kann als sie. Die Außenwelt, das ist der Artikel in der Bild-Zeitung über einen etwas über fünfzigjährigen Mann, der sich erhängt hat, weil er Angst hatte, dement zu werden. Die Außenwelt breitet sich immer mehr aus, drängt sie an den Rand. Das Leben auf der anderen Seite wird zunehmend zu einer Falle, einem Hindernis. Die Straßen werden mit jedem Schritt länger. Ältere Menschen spüren, dass sie sich zwischen Menschen bewegen, die beweglicher sind als sie. Das Leben auf der anderen Seite zwingt sie zur Wachsamkeit.

Dorothea hat sich genau angehört, was ihre Patienten im Krankenhaus ihr erzählt haben. Dass ältere Menschen unfähig seien zu leben, dass sie lediglich auf schlechte Nachrichten warten, die überraschenderweise beruhigend auf sie wirken. Eine fünf Jahre jüngere Nachbarin ist gestorben – also hat man dem Leben bereits fünf Jahre mehr abgerungen. Ältere Menschen vergleichen sich mit den Toten. Sie reden auch immer weniger, als gäbe es ein Limit an Wörtern, das ihnen zur Verfügung steht. Sie fühlen sich nutzlos. Sie fangen an, nach innen zu leben. 

Wohnprojekt OLGA Wohnprojekt OLGA | Foto © Maciej Wasielewski

EINE ALTERNATIVE 

2003 entschlossen sich Dorothea und ihre Freundinnen, zusammenzuziehen. Damals entstand OLGA (Oldies Leben Gemeinsam Aktiv), ein Wohnprojekt, das sich zu einer Alternative zu den traditionellen Pflegeheimen entwickelt hat – eine Alternative, nach der gegenwärtig in Deutschland gesucht wird.

Nach Angaben der Weltbank beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland über 81 Jahre, und es gibt wenige Länder auf der Welt, in denen die Menschen länger leben. Dies stellt eine Herausforderung an das Gesundheitswesen dar: 2,8 Millionen Menschen in Deutschland sind derzeit pflegebedürftig. Man schätzt, dass es in fünf Jahren über 3 Millionen Menschen sein werden, denn die durchschnittliche Lebenserwartung erhöht sich zunehmend und die Babyboomer-Generation erreicht allmählich das Rentenalter. Gleichzeitig sinken die Geburtenzahlen – man erwartet, dass die Bevölkerungszahl in Deutschland bis zum Jahr 2050 von 82 auf ungefähr 69 Millionen abnehmen wird. Das bedeutet, dass jeder Fünfzehnte pflegebedürftig sein wird.

Gegenwärtig werden circa 70 Prozent der Pflegebedürftigen in Deutschland zu Hause versorgt. Die Übrigen leben in stationären Einrichtungen im In- und Ausland. Immer mehr Deutsche verbringen ihren Lebensabend in den Ländern Mittel- und Osteuropas oder auch in Asien. Dies hat vor allem wirtschaftliche Gründe. Nach Schätzungen des Statistischen Bundesamtes können sich über 400 000 Senioren in Deutschland die Unterbringung in einem deutschen Altenheim nicht mehr leisten. Die Kosten für eine stationäre Heimbunterbringung liegen in Deutschland bei mindestens 4 000 Euro. In Tschechien, Polen, der Slowakei und Ungarn – den beliebtesten Zielen deutscher Senioren – sind diese Kosten nur ein Drittel oder sogar nur ein Viertel so hoch. Weitere Ziele sind Spanien, Thailand und die Philippinen – auch dort sind die Kosten nicht viel höher als in Polen, Tschechien oder der Slowakei. Den Senioren bleibt also etwa im Portemonnaie. Die durchschnittliche Rente in Deutschland beträgt circa 820 Euro, in den alten Bundesländern ist sie durchschnittlich um 90 Euro höher. In dem Land, das als erstes eine staatliche Rentenversicherung einführte (bereits 1889 unter der Kanzlerschaft Otto von Bismarcks), gibt es keine gesetzlich garantierte Grundrente, und zehn Prozent der Deutschen über 65 Jahren leben unterhalb der Armutsgrenze. 

DEPORTATION ODER EIN SCHÖNERER LEBENSABEND? 

Nach einer Studie der Frankfurter Niederlassung von PricewaterhouseCoopers ist fast jeder zweite Deutsche bereit, seine Eltern in einem Altenheim im Ausland unterzubringen. Die Senioren selbst teilen diese Bereitschaft nur bedingt. Eine Untersuchung des Meinungsforschungsinstituts TNS Emnid ergab, dass nur jeder fünfte Deutsche für sich selbst die Unterbringung in einem Altenheim im Ausland in Betracht ziehen würde.

Die Kommentare in den deutschen Medien fallen äußerst unterschiedlich aus. Die Kritiker dieser Entwicklung schreiben von einem „Akt der Verzweiflung“, von „Oma-Export“, „gerontologischem Kolonialismus“ und „unmenschlicher Deportation“. Die Süddeutsche Zeitung schrieb sogar von der „Zwangs-Entsorgung der Alten“ als einem „Akt der Verrohung der Gesellschaft“. Die Befürworter sprechen von einer vernünftigen Entscheidung, einer notwendigen Entwicklung und einem schöneren Lebensabend.

Es werden zunehmend Stimmen laut, die von einer Krise des deutschen Gesundheitswesens sprechen. Auf einen Facharzt für Geriatrie kommen in Deutschland über 10 000 Senioren. Die steigenden Kosten und der Mangel an qualifiziertem Personal wecken Befürchtungen hinsichtlich der Qualität der Betreuung. Christel Bienstein von der Universität Witten/Herdecke warnt, dass viele deutsche Altenheime bereits einen kritischen Punkt erreicht haben. In vielen Einrichtungen müssen Pflegekräfte bis zu 40 Heimbewohner versorgen, auf jeden Bewohner entfallen am Tag nur durchschnittlich etwa 53 Minuten individuelle Betreuung, Essen und Körperpflege mit einberechnet. 

Projekt mieszkaniowy OLGA Projekt mieszkaniowy OLGA | Foto © Maciej Wasielewski

EIN LAND FÜR ÄLTERE MENSCHEN 

Und doch gibt es nur vier Länder auf der Welt, in denen ältere Menschen bessere Bedingungen vorfinden – dies sind die Ergebnisse einer Studie der Hilfsorganisation HelpAge International, in der die Lebensqualität von Menschen über 60 Jahren untersucht wurde. Bessere Bedingungen als in Deutschland gebe es lediglich in Norwegen, Schweden, der Schweiz und in Kanada.

Nach Angaben von HelpAge International können etwa 90% der Befragten in Deutschland auf die Unterstützung von Familienangehörigen und Freunden zählen – dieser Wert liegt weit über dem europäischen Durchschnitt. Die übrigen können sich über die große Anzahl ehrenamtlicher Helfer in Deutschland (über 23 Millionen) freuen. Und es gibt noch einen weiteren Faktor: Deutsche Senioren suchen zunehmend nach Alternativen zum institutionalisierten Gesundheitswesen und erhalten dabei Unterstützung vom Staat. Das 2013 in Kraft getretene Pflege-Neuausrichtungs-Gesetz (PNG) unterstützt Senioren, die eine Wohngemeinschaft gründen wollen, mit bis zu 10 000 Euro und zusätzlich mit einer monatlichen Pauschale von 200 Euro.

Häuser wie das in der Chemnitzer Straße gibt es inzwischen auch in Berlin, München, Dresden, Hamburg und Hannover. Am Stadtrand von Potsdam leben acht Demenzkranke im Alter von 80 bis 100 Jahren in einer ambulant betreuten Wohngemeinschaft.

„Seit 2005 ist die Zahl der Menschen, die dauerhaft Pflege benötigen, gestiegen, während die Zahl der Bewohner von Altenheimen gesunken ist“, erklärte Heinz Rothgang, Professor am SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen, in einem Interview mit dem Sender CNN.

Es entstehen zunehmend Mehrgenerationenhäuser mit betreuten Seniorenwohnungen und einem Kindergarten. Zum Beispiel im sogenannten Haus im Viertel in Bremen, in dem die Senioren rund um die Uhr betreut werden und Zeit mit den Kindern des benachbarten Montessori-Kindergartens verbringen können. 

GEWINN UND VERLUST 

Die Wohnungen in der Chemnitzer Straße sind hell und freundlich. Sie sind in warmen Pastelltönen gestrichen und erinnern ein wenig an Kinderzimmer. An den Wänden hängen Bilder, Poster und Fotografien von Katzen, Hunden und Koalabären, Landschaftsbilder, abstrakte Malereien und Stillleben.

Dorothea sitzt in einem Korbsessel, ihre rechte Hand streichelt die linke. Sie ist wachsam, daran gewöhnt, jederzeit auf einen möglichen Hilferuf von jenseits der Wand zu reagieren. Die Frauen in der Chemnitzer Straße lassen ihre Türen unverriegelt.

Wohnprojekt OLGA Wohnprojekt OLGA | Foto © Maciej Wasielewski Sie wünschen sich ein Leben ohne Hilfe von außen, aber irgendjemand muss die Ratten fangen, die schweren Wasserflaschen tragen, die Fahrradkette reparieren und das undichte Abflussrohr auswechseln. Hat das Individuum eine Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft, außer die Gesetze zu befolgen und seine Rechnungen zu bezahlen? Dorothea will nicht alle Regeln einfach hinnehmen. Sie weiß, dass man nicht in Abgrenzung von der Gesellschaft leben kann, sehr wohl aber in Opposition zu ihrer Mehrheit. Die Frauen in der Chemnitzer Straße bezahlen den Kammerjäger, den Bringdienst, den Fahrradhändler und den Klempner. Sie berechnen Gewinn und Verlust. Erneut stellt sich die Frage, ob sie dem Leben ein Schnippchen geschlagen haben. Sind sie wirklich glücklich, oder geben sie nur vor, es zu sein? Wem können sie ihre Erfahrungen weitergeben? Ältere Menschen haben für gewöhnlich Schüler.

Dorothea fühlt sich nicht einsam. Sie braucht keine endlosen Gespräche und fremden Blicke. Sie sucht immer häufiger Abstand zu anderen Menschen. Aber sie spürt auch, dass der Mensch ohne die Nähe zu anderen schneller stirbt. Sie selbst sucht intuitiv nach Menschen, mit denen sie ihr Alter verbringen möchte – für alle Fälle, wie sie sagt. Seit sie sich erinnern kann, hat sie es immer besser verstanden, zu helfen, als Hilfe anzunehmen. WIR MÖCHTEN SEIN EINZELN UND FREI WIE EIN BAUM – aus dieser scheinbar egoistischen Haltung hat sich ein altruistisches Bedürfnis entwickelt, und der Garten in der Chemnitzer Straße ist wieder aufgeblüht. Dorothea und ihre Freundinnen geben einander Nähe, jede nach ihren eigenen Vorstellungen und Möglichkeiten, eine Nähe, die die Möglichkeit einschließt, sich jederzeit zurückzuziehen. Ist das Leben in einer traditionellen Familie einfacher? Wohl kaum, meint Dorothea. Zwei erwachsene Menschen, die zusammenleben, haben nur sich selbst. Die Frauen in der Chemnitzer Straße hingegen können sich aussuchen, mit wem sie sich am besten verstehen, mit wem sie Karten spielen und mit wem sie zur Klavierbegleitung singen wollen. 

DAS GEDENKEN NACH DEM TOD

Die Frauen in der Chemnitzer Straße haben sich gegenseitig versprochen, einander nach dem Tod zu gedenken. Auf der Internetseite von OLGA findet sich eine Fotografie mit der Unterschrift „Karin Neubarth. Im Gedenken an die Mitbegründerin der Hausgemeinschaft Olga“. Karin Neubarth lebte, so wie sie es sich gewünscht hatte, bis zum Ende in der Wohngemeinschaft. Dorothea will ihre Wohnung nur dann verlassen, wenn sie irgendwann Palliativpflege benötigt. Dann will sie in ein Hospiz ziehen. Ein Hospiz, sagt sie, ist ein ausgezeichneter Ort zum Sterben. Mit zunehmendem Alter hat sie erkannt, dass ihre Wohngemeinschaft kein Ersatz für ein Hospiz ist. Die Frauen in der Chemnitzer Straße werden älter. Sie helfen einander bei alltäglichen Verrichtungen: Sie kochen füreinander, stützen einander beim Spazierengehen und helfen beim Einnehmen von Medikamenten. Doch wenn es Nacht wird, überkommt sie die Müdigkeit. Sie werden älter. Ihre Pläne verändern sich mit den Jahren.

Wenn ein Zimmer frei wird, schickt Dorothea eine E-Mail an mögliche Interessentinnen. Sie trifft sich mit ihnen, stellt ihnen Fragen: Welche Erwartungen haben sie an die Wohngemeinschaft? Was können sie selbst einbringen? Fast alle geben die gleiche Antwort: Sie wollen nicht allein sein, sie wollen in einer Gemeinschaft leben. Einer Gemeinschaft, die auf sie aufpasst. Die sie beschützt.
 

Verwendete Literatur

Dallinger Ursula, „Elderly Care in the Family in Germany“, Universität Jena, 2012

Hildergard Theobald, „Care Services for the Elderly in Germany“

Steinert Elisabeth, „German Insurance Bankruptcy Threatens the Elderly and Sick“, International Committee of the Fourth International, 2011.

Gunnam Rajesh, „Healthcare, Regulatory and Reimbursement Landscape – Germany“. Press Release Distribution, 2012.

www.helpage.com

www.worldbank.org