Stanisław Mucha In Grenzgegenden atmet es sich freier

Bildausschnitt „Tristia, eine Schwarzmeer-Odyssee”, Regie: Stanisław Mucha
Bildausschnitt „Tristia, eine Schwarzmeer-Odyssee”, Regie: Stanisław Mucha | © Stanisław Mucha

„Da, wo heute die Peripherie ist, war einmal ein Zentrum.“ – im Gespräch mit Jakub Majmurek erzählt der Dokumentarfilmemacher Stanisław Mucha über das Entdecken zahlloser Mitten Europas, die Europaverdrossenheit und eine Hrabalsche Perspektive auf die Themenstellung seiner Filme.

Jakub Majmurek: In deinen Filmen zeigst du Europa, indem du dich auf die Peripherien konzentrierst, auf Orte „mitten im Nichts“, auf die Ränder. Was interessiert dich an diesen Gegenden?

Stanisław Mucha: Um wirklich zu verstehen, was im Zentrum geschieht, muss man auf die Ränder schauen. Eine Mannschaft ist nur so stark wie ihr schwächster Spieler.

In Środek Europy [Europas Mitte] sind solche Ränder verschiedene Orte, die alle den Anspruch erheben, die „geografische Mitte Europas“ zu sein.

Ja, mich hat sehr fasziniert, wie Geografen seit dem 19. Jahrhundert Europa vermessen, wie sie versuchen, die exakte Mitte des Kontinents zu bestimmen und diese nicht nur jedes Mal an einem anderen Ort herauskommt, sondern auch stets weit abseits der Metropolen. Nicht in Bratislava, Wien oder Warschau, sondern zum Beispiel in Kutno. Die Reise mit der Kamera zu verschiedenen „Mitten Europas“ war für mich auch eine Gelegenheit, mir die europäische Substanz von einem Grenzgebiet aus zu betrachten, von Orten, an denen sich verschiedene Einflüsse, Lebensweisen und Sprachen mischen. In einer der am häufigsten genannten „Mitten Europas“, einem Ort in der Westukraine in den Karpaten habe ich zum Beispiel eine alte Frau getroffen, die durch die häufigen Grenzänderungen in dieser Region acht, neunmal die Staatsangehörigkeit gewechselt hat, ohne sich jemals vom Fleck bewegt zu haben. Sie hat auch einen Auftritt in meinem Film.

Środek Europy [Europas Mitte] hatte im Jahr 2004 Premiere, als sich die Europäische Union um Polen und andere Länder unserer Region erweitert hat. War das ein wichtiger Kontext?

Mir ist Konjunkturalismus vorgehalten worden, aber ich hatte die Idee viel früher, als ich noch nicht wusste, dass die Erweiterung der Union gerade in diesem Jahr stattfinden würde, wobei ich allerdings ahnte, dass dies eines Tages passieren würde. Wir haben unsere Aufnahmen 2003 gemacht, und das Thema EU-Erweiterung kam in den Gesprächen mit unseren Helden immer wieder vor. Sie machten sich Gedanken darüber, überlegten, welchen Platz sie in diesem Europa wohl finden würden und zeigten große Begeisterung für das europäische Projekt. Heute sähe das sicher ganz anders aus.

Ja eben, seit 2003 sind anderthalb Jahrzehnte vergangen. Ein Teil der Orte, die du gefilmt hast, ist jetzt in der EU, ein Teil nicht. Hast du nicht darüber nachgedacht, noch einmal dorthin zurückzukehren und zu zeigen, wie sich dieser Teil Europas seitdem verändert hat?

Diese Idee hatte auch mein Produzent. Wir haben etwas Geld dafür bekommen, also bin ich in letzter Zeit zu einigen Dutzend „Mitten Europas“ gereist. Wir werden sehen, was dabei herauskommt und ob ein neuer Film dabei entsteht. Das ist schwierig; ich will mich nicht wiederholen.

Europa hat sich im Laufe dieser Jahre ganz bestimmt sehr verändert. Es sind ganz neue „Mitten Europas“ unter den vierzig hinzugekommen: in Belarus, in Estland, an der Schwarzmeerküste in Bulgarien. Diese Reise nach vielen Jahren war für mich frustrierend, muss ich zugeben. Ich habe den Eindruck, dass die Idee Europas während der vergangenen Jahre irgendwie der Lächerlichkeit anheimgefallen ist. Am meisten hat mich natürlich die Fahrt durch Polen frustriert. Ich wohne im Alltag in Deutschland, aber ich weiß ungefähr, was zu Hause passiert. Trotzdem habe ich nicht damit gerechnet, in der polnischen Provinz auf derart antieuropäische Stimmungen zu treffen.

In der gesamten Region sind nationalistische Stimmungen wohl im Aufwind?

Ja, natürlich. Ich denke, das resultiert aus einem bestimmten, tieferen Problem. Je globaler der Kapitalismus wird, desto mehr schließen wir uns in uns selbst ab und schützen uns davor, etwas darüber zu erfahren, was bei unserem nächsten Nachbarn vor sich geht. Dann gewinnt der eigene Zaun plötzlich an Bedeutung. Das kann man überall sehen, daran, was für Werbung in den Supermärkten hängt, wie die Leute ihren Balkon dekorieren usw.

Bevor du auf deine Reise zur Mitte Europas gegangen bist, hast du im Jahr 2001 den Film Absolut Warhol gemacht, in dem du Andy Warhols Geburtsort Mikova in der heutigen Slowakei porträtierst. Die provinzielle Slowakei interessiert wohl viel mehr als Warhol selbst?

Interessant war für mich der Blick, den die Bewohner von Mikova und Umgebung auf Warhol und seine Kunst haben. Faszinierend war für mich das Warhol-Museum in Medzilaborce, in der Nähe von Mikova. Es ist das einzige Popart-Museum in Europa, es sieht aus wie ein Ufo, das in der Slowakei gelandet ist, weil ihm der Treibstoff für die Weiterreise ausgegangen ist. Als ich damals gedreht habe, irrte man noch auf unbeschilderten Wegen über die Dörfer, um dahin zu kommen. Inzwischen gibt es bestimmt irgendwelche Schilder. Ich versuche, mit einem warmen, ironischen Blick auf die Provinz zu schauen.

Diese Provinz ist aber wohl nicht so ganz freundlich. Die Bewohner von Mikova versichern, was auf seine Art sehr witzig ist, dass Warhol ganz bestimmt kein Homosexueller war, weil in Mikova noch kein Homosexueller geboren worden sei. Der Leiter des Warhol-Museums tut sich mit Ansichten über die Roma hervor, die nicht sonderlich sympathisch sind.

Natürlich nicht. Aber das sind ihre Ansichten, und die wollte ich zeigen. Genau solche Momente interessieren mich im Dokumentarfilm. Die Orte, an denen die Realität für einen Moment aus ihren Klammern heraustritt und die ganze Tragikomik der menschlichen Existenz entblößt.
 



In Warschau wird auch dein Film Gdzieś w Europie. Czarnomorska odyseja [Irgendwo in Europa. Eine Schwarzmeerodyssee] gezeigt werden. Er dokumentiert deine Reise um das Schwarze Meer. Der Film hatte 2015 Premiere, als man mit der Region vor allem die Annexion der Krim und den Konflikt in der Ukraine assoziierte. Deine Aufnahmen hast du aber wohl vorher gedreht?

Dieses Abenteuer hat 2012 oder 2013 begonnen. Die Idee zu dem Film hatte ich aus einem Traum, in dem das Schwarze Meer ausgetrocknet ist. Als wir die Dokumentation gemacht haben, waren die Spuren verschiedener Konflikte in der Region spürbar. Aber eher an der Grenze zwischen Georgien und Abchasien oder Russland als auf der Krim. Damals war nicht zu erwarten, dass über alledem ein Krieg ausbricht. Als wir mit der Montage des Films fertig waren, ist ein historisches Gemälde dabei herausgekommen: Er zeigte eine Wirklichkeit aus einer Zeit vor der Annexion, die es nicht mehr gibt.

Bei den gegenwärtigen politischen Verhältnissen hätte ich gar keine Chance, rund ums Schwarze Meer zu fahren. Wir mussten übrigens auch so oft die grüne Grenze nicht ganz legal überschreiten, mit irgendwelchen fabrizierten Dokumenten der örtlichen Innenministerien. In der Türkei wollten sie uns in dem polnischen Dörfchen Adampol das Auto auseinandernehmen. Irgendwas war kaputt, und wir haben es in die Werkstatt gegeben. Da hat uns ein Pole angerufen, der uns gewarnt hat, dass sie uns da die ohnehin nicht mehr neuen Teile gegen totalen Schrott auswechseln würden. Wir haben also das kaum noch laufende Auto genommen und sind damit nachts zur bulgarischen Grenze gerollt. Ich habe mich noch nie so gefreut, die Flagge der Europäischen Union zu sehen (lacht).

In diesem Film scheint es darum zu gehen, die Grenzen unseres Denkens zu erweitern, darüber, was Europa ist und wo es endet. Du zeigst, dass es nicht notwendigerweise auf die karolingischen Länder oder das gegenwärtige Gebiet der EU begrenzt ist.

Ja, für mich war das Buch von Joseph Roth Hotel Savoy sehr wichtig. Der Held kommt dort in das titelgebende Hotel an der Grenze zwischen Ost und West, wo sich Menschen aus verschiedenen Gegenden und Kulturen sammeln. Die reicheren in den besseren Apartments auf den unteren Stockwerken, die ärmeren auf den oberen Stockwerken ohne Aufzug. Diese Parabel, die Europa als Hotel beschreibt, begleitet mich bei allen meinen Filmprojekten. Auch Hrabals Metapher von Europa als einer großen Bar steht mir nahe. Hrabal hat sich aus Prag nicht fortbewegt, aber in der Prosa, die er dort geschrieben hat, hat er auf eine warme, ironische Weise Europa aus der Perspektive eines Schrottplatzes oder einer Kneipe ausgezeichnet gezeigt.

Indem ich mich von diesen Inspirationen leiten lasse, will ich immer über das Niveau der oberflächlichen Fernsehnachrichten hinausgehen. Tiefer in die Peripherie eindringen, Gebiete zeigen, die Europa sein wollen, aber es tatsächlich seit langem nicht mehr sind. Denn da, wo heute die Peripherie ist, war einmal ein Zentrum, dort sind Entscheidungen gefallen, die über die Zukunft des Kontinents entschieden haben. Dabei bemühe ich mich darum, dass diese Bilder eine gewisse Leichtigkeit haben.

Du lebst und arbeitest in Deutschland. Wie nimmt das deutsche, westliche Publikum die Bilder der Peripherie aus deinen Filmen wahr?

Als wir uns um Mittel für Gdzieś w Europie [Irgendwo in Europa] bemüht haben, wusste ein Teil der Kommissionen, die die Mittel bewilligt haben, überhaupt nicht, wo das Schwarze Meer liegt. Sie kannten das Weiße, Rote und Tote Meer, aber das Schwarze? Und das waren oft herausragende Filmemacher! Aber am Ende haben sie dem polnischen Staatsbürger Geld für einen gar nicht so billigen, sehr riskanten Film gegeben, den keine Versicherungsgesellschaft versichern wollte. Aber Gdzieś w Europie hat nicht nur auf Filmfestivals ein Publikum gefunden; der Film kam auch in den regulären Verleih, hat Kritikerdiskussionen und viele Kontroversen ausgelöst.

Worum ging es dabei?

Mehr als um den Film selbst ging es darum, wie die verschiedenen öffentlichen Meinungen den gegenwärtigen Konflikt in der Ukraine oder die Frage des Anschlusses der Krim an Russland bewerten. Solche Kontroversen sind ganz natürlich; schlimmer ist, wenn wir auf Unverständnis stoßen. Ich weiß noch, wie mich die Vorführungen von Środek Europy [Europas Mitte] im Brüsseler Europäischen Parlament fertiggemacht haben. Ich habe danach mit Euroabgeordneten gesprochen; diese Leute wussten überhaupt nicht, was in Europa wirklich vor sich geht. Die haben die Slowakei mit Slowenien verwechselt.

Du hast mit der Arbeit am Film als Schauspieler in Polen begonnen. Du hast Polen verlassen, um in Deutschland Regie zu lernen. Warum in dieser Richtung?

Ich habe in Polen die Schauspielschule abgeschlossen, hatte kleine Auftritte im Theater und im Kino, aber ich wollte weg von der Fiktion. Ich habe dann beschlossen, das Dokumentarfach in einer Filmschule bei unseren Nachbarn zu studieren. Ich habe über Prag, Moskau und Deutschland nachgedacht. Ein bisschen Research hat ergeben, dass in Deutschland am meisten Geld für filmische Erstlingswerke da ist. Heute ist das nicht mehr so wichtig, weil man einen Film auch mit dem iPhone machen kann, aber damals war das wichtig. Naja, und jetzt bin ich immer noch in Deutschland.

Fühlst du dich gut im deutsch-polnischen Grenzland?

Manchmal gibt es gewisse Spannungen mit den Kollegen. Der Markt ist gesättigt, wir konkurrieren um Mittel und Zuschauer, das ist ganz natürlich. Das wäre genauso, wenn in Polen ein Regisseur aus der Ukraine oder aus Belarus alle zwei Jahre einen neuen Film machte, über den viel geredet wird.

Ich bin überhaupt in einem Grenzland geboren und aufgewachsen, bei den Goralen. Ich bin für ein Bier über die Grenze gegangen. In Polen war es Anfang der 1990er Jahre noch schwierig, ein vernünftiges Bier zu bekommen, also sind wir zu den Slowaken gegangen. Die Grenzen waren quasi noch zu, und man ist da halblegal rübergegangen und hat dann den Grenzern erklärt, dass man die Grenze „im Nebel“ nicht bemerkt habe.

Mir wurde dann sehr schnell klar, dass man in Grenzgebieten freier atmen kann. Und dass es überhaupt nicht toll ist, wenn ein Staat oder irgendeine Gemeinschaft völlig einheitlich sind. Es ist gut, wenn es verschiedene Standpunkte, Streitigkeiten, Zusammenstöße von Weltanschauungen gibt, und dazu kommt es eben in Grenzgebieten. Im Grenzgebiet identifiziert sich niemand vollständig mit dem, was er ist. Schließlich kann er schon übermorgen jemand anderes sein. Grenzen können sich jederzeit ändern. Die Menschen glauben nicht an Pässe und politische Ideologien, die aus den Hauptstädten zu ihnen kommen. So kommt es zu einer gewissen poetischen, romantischen Improvisation, die sehr gesund ist.
 

Stanisław Mucha

geboren 1970, ist ein polnischer Regisseur. Er lebt und arbeitet in Deutschland. Mucha studierte Regie an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam. In seinen Filmen thematisiert er oft den Wandel in Europa. Muchas europäische Trilogie – Die Mitte, Absolut Warhola, Tristia, eine Schwarzmeer-Odysee – ist eine gesellschaftliche Bestandsaufnahme zu Beginn des 21. Jahrhunderts.