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Friend of a Friend
Kunst zu Besuch

Ein Werk von Paweł Althamer bei der Ausstellungseröffnung
Ein Werk von Paweł Althamer bei der Ausstellungseröffnung | Foto © Fundacja Galerii Foksal, Pressematerialien

Wer sich einen Überblick über die deutsche Galerienszene verschaffen möchte, muss nicht Hunderte Kilometer fahren – es genügt bereits ein Spaziergang durch Warschau. Dank der Initiative Friend of a Friend waren im April in Warschauer Galerien Kunstwerke aus aller Welt zu sehen, darunter allein fünf Ausstellungen aus Deutschland.

Es gibt in Warschau bereits zwei internationale Veranstaltungen, die von privaten Galerien organisiert werden: das Warsaw Gallery Weekend, das dem Berlin Gallery Weekend nachempfunden ist, und die Not Fair, eine Kunstmesse im Kulturpalast, an der polnische und ausländische Galerien teilnehmen. Friend of a Friend (FOAF) ist eine neue Initiative, die von Zuzanna Hadryś und Michał Lasota von der Galerie Stereo und Piotr Drewko von der Galerie Wschód ins Leben gerufen wurde. Die Inspirationen für diese Veranstaltung waren die alternative Kunstmesse Condo und Initiativen wie die Villa-Projekte der Warschauer Galerie Raster oder die letztjährige Okey Dokey Show, eine Kooperation Kölner und Düsseldorfer Galerien. Als Antwort auf diesen neuen Trend der Zusammenarbeit zwischen privaten Kunstgalerien taten sich acht Warschauer Galerien zusammen und luden fünfzehn Galerien aus aller Welt in die polnische Hauptstadt ein.

1:3 für Deutschland

Ein Drittel der eingeladenen Galerien stammt aus Deutschland. Kein Wunder, schließlich lassen wir uns schon seit vielen Jahren gerne von der Kulturszene unseres Nachbarlandes inspirieren (und manchmal auch umgekehrt).

Der Überblick über die deutsche Galerienszene konzentriert sich auf vier Städte: Köln, Berlin, Düsseldorf und Frankfurt. Die Organisatoren luden ganz bewusst Galeristen aus unterschiedlichen Regionen ein, weil es – wie auch die Eingeladenen selbst betonten – große Unterschiede zwischen ihnen gibt.

Die kulturelle Bedeutung Kölns hat sich stark verändert. Der künstlerische Ruf der Stadt liegt vor allem in der Vergangenheit begründet: Ihr Name verbindet sich u. a. mit dem „Kölner Kunstmarkt“, der ersten Kunstmesse weltweit, und der legendären Konrad Fischer Galerie, die vielen Institutionen bis heute als Vorbild dient. Seit einigen Jahren versucht eine neue Generation von Galeristen, wie Jan Kaps, Lucas Hirsch oder auch Laura Henseler von der Galerie Ginerva Gambino, die Initiatorin der bereits erwähnte Okey Dokey Show, der Stadt wieder zu ihrer einstigen Bedeutung zu verhelfen. Ihren Galerien ist es zu verdanken, dass sich diese Region allmählich ihren Platz auf der kulturellen Landkarte Deutschlands zurückerobert. 

Die Kölner Kunstszene war vielen Veränderungen unterworfen. In den Achtziger- und Neunzigerjahren war hier richtig viel los. Damals zählten in der internationalen Kunstszene im Grunde nur Köln und New York.

Jan Kaps, Köln

Als nach der Wiedervereinigung die größeren Galerien nach Berlin umzogen, wurde die Position Kölns erheblich geschwächt. Dieser Zustand des Rückzugs dauerte ungefähr zehn Jahre an. Inzwischen geschieht in Köln und Nordrhein-Westfalen wieder einiges. Für mich persönlich ist die Stadt geradezu ideal gelegen: Ich bin in wenigen Stunden in Warschau, Brüssel oder Paris.“ (Jan Kaps, Kolonia)

Berlin hingegen ist seit mehreren Jahrzehnten ein Mekka der internationalen Kunstszene. Trotz finanzieller Krisen und den Schwierigkeiten bei der Etablierung einer großen Kunstmesse ist Berlin nach wie vor die Stadt, in der am meisten los ist. Auch viele ausländische Galerien haben in Berlin nach wie vor eine Filiale.

„Die Finanzkrise 2007 hatte sicherlich auch Auswirkungen auf den Kunstmarkt, doch die Atmosphäre dieser Stadt hat sich dadurch nicht verändert. Berlin ist nach wie vor ein multikulturelles Zentrum der zeitgenössischen Kunst. Meine Galerie besteht bereits seit zehn Jahren: zunächst acht Jahre als Galerie Chert und seit zwei Jahren – seitdem ich mit Florian Lüdde zusammenarbeite – als Galerie ChertLüdde. Unsere Galerie agiert weit über die Grenzen Berlins hinaus, wir sind sehr aktiv in der internationalen Szene.“ (Jennifer Chert, Berlin)

Frankfurt unterscheidet sich stark sowohl von Köln und Düsseldorf als auch von Berlin. In der deutschen Bankenstadt passiert künstlerisch eher wenig. Mark Dickenson von der Galerie Neue Alte Brücke hat diese Nische für sich genutzt. Die Galerie arbeitet eng mit den Absolventen der Frankfurter Staatlichen Hochschule für Bildende Künste (Städelschule) zusammen und hat sich so zu einem wichtigen Akteur der deutschen Kunstszene entwickelt. Ihre Tätigkeit unterstreicht auch die Bedeutung der Städelschule, an der viele aktive Künstler lehren.

Showrooms mit Kunst

Friend of a Friend bietet uns nicht nur eine Gelegenheit, Kunstwerke von Künstlern aus aller Welt zu erleben, sondern auch zu sehen, wie sie sich im Warschauer Kontext präsentieren. Jede der teilnehmenden Galerien präsentiert eine eigenständige Ausstellung, die in Zusammenarbeit mit den eingeladenen Galeristen entwickelt wurde. Die Kuratoren setzen vor allem auf Neue Medien und Skulpturen. Ein häufiges Motiv sind private Geschichten aus dem Leben der Künstler. Der Mitorganisator Michał Lasota betont jedoch, dass die Ausstellungen keinem bestimmten Konzept folgen, sondern eher als Showrooms gedacht sind. Trotz dieses bescheidenen Anspruchs wirken die entstandenen Ausstellungen durchdacht und stimmig.

Was gibt es also zu sehen? Zum Beispiel die großartigen Installationen in der Stiftung Galerie Foksal, in der die Galerie ChertLüdde aus Berlin und die Galerie Jan Kaps aus Köln zu Gast sind. Hier dreht sich alles um Skulpturen, das zentrale Element der Ausstellung bildet eine Doppelstatue mit zwei Gorillas von Paweł Althamer. Im obersten Stockwerk des Treppenhauses thront über der gesamten Ausstellung, eine Arbeit von Petrit Halilaj: Ein gigantischer, aus Stoffen und Wandteppichen zusammengenähter Nachtfalter, der in Zusammenarbeit mit der Mutter des Künstlers entstand und der wirkt, als würde er im nächsten Moment aus dem Fenster hinausfliegen.
 
  • Die Ausstellung „Friend of a Friend“ in der Galeria Piktogram Foto: M. Sadowski / FOAF Warsaw
    Die Ausstellung „Friend of a Friend“ in der Galeria Piktogram
  • Die Ausstellung „Friend of a Friend“ in der Fundacja Galerii Foksal Foto: M. Sadowski / FOAF Warsaw
    Die Ausstellung „Friend of a Friend“ in der Fundacja Galerii Foksal
  • Die Ausstellung „Friend of a Friend“ in der Galeria Wschód Foto: M. Sadowski / FOAF Warsaw
    Die Ausstellung „Friend of a Friend“ in der Galeria Wschód
  • Die Ausstellung „Friend of a Friend“ in der Fundacja Galerii Foksal Foto: M. Sadowski / FOAF Warsaw
    Die Ausstellung „Friend of a Friend“ in der Fundacja Galerii Foksal
Die Ausstellung der Galerie Wschód, die in Zusammenarbeit mit der Galerie Neue Alte Brücke aus Frankfurt und der Union Pacific Gallery aus London entstand, bietet eine Gelegenheit, die in den ehemaligen Wohnräumen des Bildhauers Mieczysław Lubelski eingerichteten Ausstellungsräume neu zu entdecken. Die ausgestellten Werke verweisen auf die ehemalige Funktion der Räume und nehmen Bezug auf Einrichtungsgegenstände, die der Organisation konkreter Lebensräume dienen. In der Küche befinden sich zum Beispiel Tongefäße mit geschmolzenen Münzen von Mateusz Choróbski, im Wohnzimmer stehen Bänke von Reece York und ein Fernseher mit einem Video von Will Benedict, und die Möblierung besteht aus filigranen Konstruktionen von Ben Burgis und Ksenia Pedan.

Die Galerie Lucas Hirsch, die in der Galerie von Dawid Radziszewski ausstellt, ist nicht zum ersten Mal zu Gast in Warschau. Bereits 2016 hatte die Galerie – kaum zwei Monate nach ihrer Eröffnung – bereits an der Warschauer Not Fair teilgenommen.

Lucas Hirsch Lucas Hirsch | Foto © Lucas Hirsch

„Wir kamen ohne irgendwelche Arbeiten nach Warschau, zwei Tage vor Beginn der Ausstellung. Wir wollten die Materialien für unsere Installationen vor Ort finden. Schließlich verwendete Lukas Müller Flugblätter, die er in den Straßen Warschaus gefunden hatte, und installierte sie auf Wäscheständern. Eine dieser Arbeiten wurde vom Museum für zeitgenössische Kunst erworben. Im folgenden Jahr luden wir die Galerie Stereo zur Teilnahme an der Okey Dokey Show ein. Damals stellten wir in meiner Galerie Arbeiten von Gizela Mickiewicz aus. Selbstverständlich wollten wir auch in diesem Jahr an der FOAF teilnehmen. Dieses Mal stellt Lukas nur eine einzige vor Ort entstandene Arbeit aus, die restlichen Werke stammen aus seinem Atelier in Frankfurt. Sämtliche Arbeiten wurden von Lukas aus Fundgegenständen angefertigt.“ (Lucas Hirsch, Düsseldorf)

Die in Berlin und Mexico City beheimatete Future Gallery präsentiert in der Galerie Piktogram ein faszinierendes Gemälde von Botond Keresztesi mit dem Titel „Danse Macabre“ (eine zeitgenössische Version von Henri Matisses „Der Tanz“) und eine geniale Sprachperformance von Nora Turato, deren eindringliche und sehr persönliche Monologe wir bereits auf der letztjährigen Not Fair erleben durften.

Eine Freundschaft, die allen nützt

Die Initiative FOAF weckt Assoziationen mit der amerikanischen Serie „Friends“ über eine Gruppe von Freunden, die Tür an Tür in New York leben und ihre Zeit mit endlosen Diskussionen verbringen, zusammen in Kneipen gehen oder sich gegenseitig besuchen. Sie haben Spaß miteinander und unterstützen sich gegenseitig. Auch bei Friend of a Friend steht der gegenseitige Austausch im Vordergrund: Jeder findet etwas für sich und alle haben etwas davon. Die Besucher erhalten die Gelegenheit, Kunstwerke aus aller Welt zu erleben und die nach wie vor ein wenig fremd wirkende Welt der Galerien zu erkunden. Die Galerien wiederum haben die Chance, die Zusammenarbeit untereinander zu stärken. Das Konzept der Veranstaltung wurde gemeinsam entwickelt, die Teilnehmer nehmen Rücksicht auf ihre gegenseitigen Interessen und vermitteln einander Kontakte – auch finanzielle. Normalerweise versuchen die einheimischen Galerien, polnische Kunstwerke auf dem internationalen Kunstmarkt zu platzieren. Doch Ausstellungen ausländischer Galerien ziehen ein eigenes Publikum an: Kuratoren und Sammler, die sich einen Eindruck von der polnischen Kunstszene machen können. Dabei handelt es sich um einen Austausch, der in beide Richtungen funktioniert: Dank der Zusammenarbeit zwischen der Initiative Friend of a Friend und dem Museum für Zeitgenössische Kunst in Warschau wurde während der Veranstaltung ein Werk aus der New Yorker Lomex Gallery, die in der Galerie Piktogram zu Gast war, erworben. Dank seiner internationalen Partner hat die Initiative die Aufmerksamkeit von ausländischen Sammlern erregt, und die eingeladenen Galeristen haben erkannt, dass sie ihre Arbeiten auch in Warschau verkaufen können.

Das Eröffnungswochenende und das Konzept der Veranstaltung erwiesen sich als ein voller Erfolg. Mit Sicherheit trugen hierzu auch die informelle Atmosphäre und die Auswahl der eingeladenen, befreundeten Galerien bei. Wieder einmal zeigt sich, dass man im Leben nicht Millionen von Bekannten braucht, sondern nur einige wenige echte Freunde.
 

Friend of a Friend
7.-28. April 2018, Warschau

  • BWA Warszawa: Antoine Levi (Paris) und Hunt Kastner (Prag)
  • Foksal Gallery Foundation: ChertLüdde (Berlin) und Jan Kaps (Köln)
  • Leto: Dürst Britt & Mayhew (Den Haag)
  • Piktogram: Future (Berlin und Mexico City), Lomex (New York) und  SVIT (Prag)
  • Dawid Radziszewski: Lucas Hirsch (Düsseldorf)
  • Raster: Bernhard (Zürich) und Ermes-Ermes (Wien)
  • Stereo: Crèvecoeur (Paris) und Reserves Ames (Los Angeles)
  • Wschód: Neue Alte Brücke (Frankfurt) und Union Pacific (London)

 
 

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