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Was ist los mit... dem deutschen Sonntag?
Gepflegte Langeweile

In Deutschland sind die Geschäfte sonntags geschlossen. Dies wurde in den vergangenen Jahrzehnten unterschiedlich motiviert – von religiösen bis hin zu anti-kommerziellen Gründen. Damals wie heute ist der Sonntag aber auch ein Tag, an dem man einfach mal entspannen kann.

 

Der deutsche Sonntag ist traditionell still, so still, wie der polnische nun auch endlich werden soll. Zwar ist er nicht mehr ganz so still wie früher einmal, als sogar die Bäckereien geschlossen hielten und der Kauf einer Sonntagszeitung allenfalls am Bahnhof möglich war. Wir erinnern uns an die Sonntage unserer Jugend als Tage der vollkommenen Langeweile. Damals gingen wir noch am Sonntagmorgen in die Kirche, im „Sonntagsstaat“, anschließend langweilten wir uns weiter bei Verwandtenbesuchen, auf Pflicht-Spaziergängen oder auch vor dem Fernseher – ein Wunder fast, das sich die Sonntagsschließung nicht auch noch auf das Fernsehen erstreckte und wir uns die Zeit mit Flipper und Am Fuß der blauen Berge vertreiben konnten. Heute gibt es Sonntagsbrötchen, Tankstellen, die in Wirklichkeit Supermärkte sind, dazu Kioske und „Spätis“ aller Art, so dass, wer will, dort seine Einkäufe machen kann. Aber still und ein bisschen langweilig ist es am deutschen Sonntag noch immer. Die Meisten finden das gut und träumen keineswegs vom super-liberalisierten Sonntag nach amerikanischer Art.
 

Infografik: Ältere sind gegen Ladenöffnung am Sonntag | Statista
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Es waren stets die Kirchen und die Gewerkschaften, die den deutschen Sonntag schützen wollten; eine interessante klerikal-sozialistische Allianz, die in der Bismarck-Ära auf eine Regulierung der bisherigen vollständigen Gewerbefreiheit drang. Bis dahin konnten Geschäfte öffnen oder auch schließen, wann immer es ihnen gefiel. Seit 1900 wurden in immer neuen Anläufen die Ladenöffnungszeiten begrenzt. Sogar die Nazis schlossen sich der Ladenschlussidee an. Auch wenn sie die Gewerkschaften längst entmachtet hatten, lehnten sie zum Schutz der „Volksgemeinschaft“ lange Einkaufszeiten ab (umso mehr, als es ja bald schon nicht mehr viel zu kaufen gab). Interessant, dass auch die junge Bundesrepublik in den fünfziger Jahren unbedingt ihre Bürger vor dem Konsum schützen wollte. 1956 wurde auf Betreiben von Sozialverbänden und Kirchen eines der strengsten Ladenschlussgesetze der Welt durchgesetzt. An Werktagen musste alles um 18.30 Uhr zu sein, am Samstag schon um 14 Uhr, ganz selten gab es einen „langen Samstag“ und noch seltener einen offenen Sonntag. Als Kinder konnten wir uns das Leben gar nicht anders vorstellen. Schon am Samstag um zwei brach das Wochenende aus, mit Autowaschen, Gartenarbeiten und Bundesligahören, und wer bis dahin nicht die Kiste Bier und die Chips nach Hause geschafft hatte, saß auf dem Trockenen. Irgendwie herrlich war das, aber so konnte es nicht bleiben.
 
Es dauerte Jahrzehnte, bis dann unter Kanzler Gerhard Schröder der Ruf nach flexibleren Öffnungszeiten erhört wurde. Die Läden konnten auf einsamen Kanzlerbeschluss bald sogar am Samstag bis 20.00 Uhr offen halten, eine unglaubliche Erleichterung für berufstätige Menschen (und weniger schön, für alle, die im Handel arbeiten). Am Sonntag wurde freilich nicht gerüttelt, oder höchstens ein bisschen. Prinzipiell gilt weiter, dass er ein arbeitsfreier Tag für alle sein soll. Zwar gibt es inzwischen tausend Ausnahmen, aber grundsätzlich gilt: die Läden sind zu. Vielleicht hat auch deshalb die Idee der Shopping Mall, in der sich am Wochenende das soziale Leben abspielt, in Deutschland nie richtig Fuß gefasst. Auch wenn sich die religiösen Inhalte des Sonntags inzwischen in Luft aufgelöst haben, ist davon ein anti-kommerzieller Rest übrig geblieben. Sechs Tage Shopping sind genug, am siebten sollen wir ruhen.
 
In Polen kann man den gegenläufigen Trend beobachten. Während in Deutschland an der Lockerung des Sonntagssschließungsregimes gearbeitet wird (aber sicher nicht mit dem Ziel einer kompletten Freigabe des Sonntags), will man in Polen gerade in die alten, sozialstaatlichen Zeiten zurück. Liberale in Deutschland, Polen und anderswo finden die Einflussnahme des Staates auf den Ladenschluss antiquiert, ein Stück Obrigkeitsstaat. Konservative, ob links oder rechts, meinen hingegen, man müsse dem Handel Schranken setzen. Die Kirche glaubt weiterhin an die primär religiöse Bestimmung des Sonntags, der sich abweichende Bedürfnisse der Bürger unterzuordnen hätten. Die Gewerkschaften haben eher die Interessen der vielen Angestellten des Handels im Blick, die es schwer haben, ihr Privatleben mit den familienfeindlichen Arbeitszeiten am Wochenende zu vereinbaren. Vielleicht sind die aktuellen politischen Gründe für die Durchsetzung der Sonntagsschließung nicht alle einleuchtend; das Ergebnis muss aber deshalb nicht schlecht sein.
 
So herrscht nun also auch in Polen am Sonntag die gepflegte Langeweile, die wir aus Deutschland so gut kennen. Lange Schlangen bilden sich neuerdings vor Restaurants, Eisdielen und sogar vor Museumskassen, weil die Shopping Center plötzlich geschlossen halten. Die Vertreibung aus dem Einkaufsparadies hat zur Folge, dass man sich die eigene Stadt noch mal ganz anders und gründlich anschaut. So viele Möglichkeiten außerhalb der Arkaden, wer hätte das gedacht? Wem dabei langweilig wird, der sollte innehalten und diese Langeweile genießen als das höchste Gut, das einem so ein Sonntag bescheren kann.

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