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Was ist los mit... Antisemitismus in Deutschland?
Brüchiger Konsens

Vor Kurzem ist die Antisemitismus-Debatte in Deutschland erneut entbrannt. Unterscheidet sich die Judenfeindlichkeit der Alt- und Neonazis, der linken und rechten Politiker? – fragt Christoph Bartmann in seinem neuesten Beitrag.

Habe ich schon mal einen richtigen Antisemiten kennengelernt, fragte ich mich, als in den letzten Wochen antisemitische oder antijüdische, -israelische, -zionistische Zwischenfälle in Deutschland für Entsetzen und Debatten sorgten. Eigentlich erinnere ich mich nur an Begebenheiten aus meiner Kindheit. Es waren da eher alte oder immer-noch Nazis als Neo-Nazis, von denen man manchmal, auf der Straße oder im Bus, Sachen hörte wie „Die Juden sind allem schuld“, „das Weltjudentum will..“ oder gar „alles verjudet“, eben Nazisprache und -gedanken von sogenannten „Unbelehrbaren“ oder „ewig Gestrigen“. Damals dachten wir, diese braunen Sprüche würden mit ihren Sprechern aussterben, aber das war zu optimistisch. Nach den Altnazis kamen die Neonazis, und natürlich sind sie Anitisemiten. Deshalb kann die erste Antwort auf die Frage „Gibt es einen neuen Antisemitismus in Deutschland?“ nur heißen: Ja, aber er ist immer noch der alte. Es gibt geschätzt 3 oder 4 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland, die rechtsradikal-neonazistisch denken und die vielleicht sogar Israel bewundern, aber „die Juden“ hassen.

Von ihnen war selten die Rede, als es zuletzt um den neuen Antisemitismus ging. Ausgelöst oder jedenfalls weiter erhitzt wurde die Diskussion durch zwei Vorfälle. Das erste war die Verleihung des Echo-Musikpreises in der Sparte „HipHop/Urban National“ an die zwei „Battle-Rapper“ Kollegah und Farid Bang. Erst bei der Preisverleihung fiel es auf, dass die beiden Rapper immer schon Texte im Programm haben, die, nun ja, sehr geschmacklos sind. Zeilen wie „Mein Körper definiert wie Auschwitzinsassen“, vorgetragen von Stars des deutschen Gangster Rap, die sich in Text und Bild diffus als pro-palästinensisch und anti-jüdisch in Szene setzen, wurden nun plötzlich als Signale eines um sich greifenden Antisemitismus wahrgenommen. Stimmt das? Mit dem alten, oben beschriebenen und genuin deutschen Antisemitismus hat dieses Phänomen eher wenig zu tun. Die beiden Rapper haben vom Antisemitismus alter Schule wahrscheinlich gar keine Ahnung. Was sie wollen, ist erstens provozieren – und womit kann man das in Deutschland besser als mit einer Herabwürdigung von Auschwitz-Opfern? Und sie wollen zweitens ihre Kundschaft auf Deutschlands Schulhöfen bei Laune halten, mit dummen Sprüchen und Parolen, die dort leider auf große Sympathie stoßen. Auf den Schulhöfen ist nämlich vielfach eine Kultur der migrantischen „Underdogs“ erblüht, deren Helden in Gaza und anderswo dem „israelischen Aggressor“ gegenüber stehen. Ob man diese israelfeindliche Haltung auch antisemitisch nennen kann, bleibt die Frage. Kollegah und Farid Bang, sagen sie, haben jedenfalls alles gar nicht so gemeint, wie es sich anhörte und werden demnächst auf Einladung nach Auschwitz reisen. Danach wird man weiter sehen.

Der andere Zwischenfall passierte jüngst am Berliner Prenzlauer Berg. Zwei junge Israelis (mit arabischem Hintergrund) hatten sich testweise eine Kippa aufgesetzt, um das Gerücht zu überprüfen, dass man als Jude auf Berlins Straßen heute nicht mehr sicher sei. Es dauert nicht lange, bis ihnen ein junger Syrer mit einer Glasflasche und einem Gürtel zusetzte (das reaktionsschnell gedrehte Filmchen kann man auf Youtube ansehen). Sicher gibt es viele junge Syrer in Berlin und anderswo, die Israel und „die Juden“ aus ganzem Herzen hassen. Sind sie deshalb Antisemiten? Wenn es das Gleiche meint wie „judenfeindlich“, dann muss man sagen: ja, sie sind Antisemiten, auch dann, wenn sie das Gedankengut der älteren Nazis gar nicht kennen oder teilen. Nach dem Berliner Zwischenfall war viel die Rede davon, dass dieser neue Antisemitismus von in Deutschland lebenden Muslimen angefacht würde. Das ist nicht falsch, auch wenn, wie auch gleich konstatiert wurde, die große Mehrheit der in Deutschland lebenden Muslime damit nichts tun haben will. Man kann anderswo in Deutschland als Kippa-Träger auch von deutschen Neonazis angegriffen werden. So gesehen, teilen sich deutsche Neonazis und junge judenfeindliche Migranten den Job, das Leben für Menschen jüdischer Herkunft in Deutschland gefährlicher zu machen.

Und dann gibt es schließlich noch die politischen Unterstützer des Antisemitismus oder wenigstens des Ressentiments gegen Israel und „die Juden“. Es ist nichts Neues, dass sich die Linke gegen Israel und zugunsten Palästinas positioniert und notfalls auch die „Hamas“ als Teil eines weltweiten anti-imperialistischen Befreiungskampfes feiert. In Deutschland geht diese Neigung nicht so weit wie etwa bei der britischen Labour Party, aber die Distanzierung fällt auch hier schwer. Ohne selbst antisemitisch zu sein, hat die Linke ein Antisemitismus-Problem, und ein noch größeres Antisemitismus-Problem hat natürlich die rechtspopulistische AfD, die nichts tut, um Neonazis aus den eigenen Reihen zu verbannen. Stellt man sich vor, dass beide Parteien, die Linke und die AfD, im Bundestag über mehr als 20 Prozent der Sitze verfügen, weiß man, dass der Konsens, in dem sich Demokraten aller Parteien energisch gegen jeden Antisemitismus richten, schmaler wird.
 

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