Was war los mit… Mesut Özil und Ilkay Gündogan? Multikulturelle Mannschaft

Deutschland und Türkei während der EM 2008
Deutschland und Türkei während der EM 2008 | Quelle: Flickr, Foto (Ausschnitt) © Elena Pleskevich, CC BY-SA 2.0

„Liegen wir falsch, wenn wir erwarten, dass unsere Fußballer sich nebenbei noch als Eins A-Patrioten bewähren?“ Christoph Bartmann über einen Fußballerskandal zwischen Deutschland und der Türkei.

Immer öfter wird jetzt der Sport überlagert von Fragen, die weniger sportlich als vielmehr politisch sind. Oder medizinisch, wie der ganze große Doping-Komplex. Manchmal sind solche sportfernen Debatten beinahe interessanter als der Sport selbst. So zuletzt die Diskussion, die sich an das etwas problematische Verhalten zweier deutscher, in England spielender Fußball-Nationalspieler anschloss. Mesut Özil und Ilkay Gündogan hatten sich im Mai in London mit dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan getroffen, als dieser dort auf Staatsbesuch war. Sie posierten für Fotos, Özil schenkte Erdogan ein Arsenal T-Shirt und schrieb dazu auf Twitter (wo er, Stand heute, 23,1 Millionen Follower hat): „For my honoured President, with great respect.“

Die Empörung in Deutschland war groß, in den Medien und in der Politik. Umso mehr, als besonders Özil ein persönlicher Favorit von Angela Merkel zu sein schien. Nach der gewonnenen WM in Rio 2014 zeigte sie sich besonders gerne mit dem Fußballer. Ist Mesut Özil, der erfolgreiche Straßenkicker aus dem Ruhrgebiet, nicht ein Paradebeispiel für gelungene Integration? So konnte man glauben, und entsprechend groß war nun die Enttäuschung, dass Özils und Gündogans Loyalität offenbar einem anderen Präsidenten gehört. „Ihr Präsident“ hat sich zuletzt zudem selten als guter Demokrat gezeigt, sondern reiht sich ein die Riege der neuen Potentaten, für die der Westen nur noch ein Auslaufmodell ist. Was haben also Özil und Gündogan genau genommen in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft verloren? Oder liegen wir falsch, wenn wir erwarten, dass unsere Fußballer sich nebenbei noch als Eins A-Patrioten bewähren? Ist das in Polen noch so? In Frankreich, Belgien und anderen multikulturell geprägten Ländern ist es so jedenfalls schon lange nicht mehr. Und übrigens, wir erinnern uns noch an 100 % deutschstämmige Fußballer, die statt die Nationalhymne mitzusingen, lieber dumpf ihr Kaugummi vom einen Mundwinkel in den anderen schoben. Während manch ein so genannter Migrant engagiert das Lied von „Einigkeit und Recht und Freiheit“ mitsang.

Mesut Özil und Ilkay Gündogan sind Deutsche; sonst könnten sie auch gar nicht für Deutschland spielen. Die türkische Staatsbürgerschaft besitzen beide nicht. Dennoch empfinden sie natürlich eine tiefe Verbundenheit mit ihrem Herkunftsland, die sich offenbar auch auf ihren Präsidenten und dessen politische Haltung erstreckt. Von Gündogan war zu lesen, dass er häufig das Heimatdorf seiner Familie in der Türkei besucht und dort sich einen Ruf als Wohltäter erworben hat. Es wäre komisch, wenn Gündogans und Özils Heimatliebe auf Gelsenkirchen (wo sie aufwuchsen) beschränkt bliebe. Eine andere Frage ist es, ob sie öffentlich und für ein Millionenpublikum von ähnlich fühlenden „Deutschtürken“ (ein Wort, das Özil nach eigenem Bekunden ablehnt) für Erdogan Reklame machen. Es muss den beiden bewusst gewesen sein, dass eine solche Aktion so kurz vor der Weltmeisterschaft für schlechte Stimmung im Team und in der Öffentlichkeit sorgen. War es nun also sehr naiv von Özil und Gündogan, trotzdem die Nähe des Präsidenten zu suchen, oder war es sehr genau überlegt, einschließlich der erwartbaren schlechten Presse in Deutschland? Wohl eher das Letztere. Was würden die Beiden durch größere Loyalität mit Deutschland gewinnen? Wie gut hat Deutschland sie behandelt? Wir erinnern uns, dass vor einiger Zeit Alexander Gauland von der AfD sich mit der Bemerkung hervor tat, man hätte Jerome Boateng vielleicht gerne im Team, aber lieber nicht als Nachbar. Boateng hat nicht mit anderen Präsidenten geflirtet, aber zum Deutschen im Sinne der AfD hat ihn das noch immer nicht erhoben. Wahrscheinlich fühlen sich Özil und Gündogan, wie viele ihrer deutsch-türkischen Fans, im Herzen als Doppelstaatler. Wenn ihre wahre Liebe der Türkei gehört, ist das nicht zu kritisieren; es ist im Übrigen auch keine Neuigkeit. Der Deutsche Fußball-Bund muss das Verhalten seiner Spieler deshalb aber noch lange nicht gut heißen. Irgendwie muss es auch Özil und Gündogan geschwant haben, dass sie mit ihrem Rendezvous mit Erdogan ein bisschen übertrieben hatten. Auf Wunsch von Özil, wie es hieß, kam es zu einem eilig einberufenen Treffen mit dem deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier; auch der hatte sich zuvor „ratlos“ über die Londoner Aktion gezeigt. Bei der Begegnung, so war zu hören, seien „Missverständnisse“ ausgeräumt worden. Özil und Gündogan haben „bedauert“, aber eher die Reaktionen als ihr Verhalten selbst.

Wer noch immer auf Integration durch sportliche Erfolge und auf die Vorbildwirkung von Fußballidolen hofft, könnte sich getäuscht sehen. Özil und Gündogan wollen keine Musterdeutschen werden, und so wenig wollen das viele ihrer jugendlichen Fans, die sie genau deshalb bewundern, weil sie diesen Streit vom Zaun gebrochen haben. Sie sind ganz zufrieden als Fußballstars mit deutschem Paß, türkischer Heimatliebe und englischem Gehalt. Insofern verkörpern die beiden vielleicht nicht die Lümmel von der letzten Bank, denen der Bundespräsident nun freundlich die Ohren lang gezogen hat, sondern die neue Avantgarde aus multi-kulturellen und multi-loyalen Showstars, die über Twitter als „Influencer“ ihre Gefolgschaft unterhalten. Fußball 2018 – wir wünschen allen eine unterhaltsame WM.