Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Deutschland auf Polnisch
Die IT-Welt kennt keine Grenzen

Polish Berlin Tech Logo
© Polish Berlin Tech

Ein Gespräch von Urszula Jabłońska mit Ula Lachowicz darüber, warum sie sich entschied, in einem Start-up gerade in Berlin zu arbeiten.

Urszula Jabłońska: Aus ganz Europa kommen Menschen nach Berlin, die sich mit der Schaffung neuer Technologien beschäftigen. Manchmal wird die Stadt sogar als das „Silicon Valley Europas“ bezeichnet. Was macht Berlin so attraktiv für Start-up-Gründer?

Ula Lachowicz: Da Berlin viele Jahre lang von einer Mauer umgeben war, entwickelte sich die Wirtschaft in anderen Teilen Deutschlands. Die wichtigsten Wirtschaftszentren sind Frankfurt, München und Hamburg. Als die Mauer fiel, war es für die großen Unternehmen bereits zu spät, um in die neue Hauptstadt umzuziehen. Dies hat Berlin zu einer Besonderheit in Europa gemacht: Die Stadt ist nicht die deutsche Wirtschaftshauptstadt, sondern nur das politische und kulturelle Zentrum. Als in den Neunzigerjahren der Start-up-Boom einsetzte, begann Berlin, innovative Unternehmen zu fördern.

Start-ups haben in ihrer Anfangsphase kein großes Kapital, sondern suchen erst nach Finanzierungsmöglichkeiten für ihre Projekte – und das Leben in Berlin ist im Vergleich zu anderen europäischen Hauptstädten, wie London oder Paris, verhältnismäßig günstig. Außerdem ist Berlin eine multikulturelle Stadt: Hier leben Menschen aus aller Welt, und in den Straßen kann man viele unterschiedliche Sprachen hören. Neuberliner kommen in der Stadt auch ohne Deutschkenntnisse gut zurecht, insbesondere in der Start-up-Szene, in der überwiegend Englisch gesprochen wird. 

Ein Ökosystem für Start-ups

Wie sieht die Unterstützung konkret aus?

Es gibt ein spezielles Programm „Berlin Partner“, das Start-ups fördert. Es bietet zahlreiche Veranstaltungen an, in denen erklärt wird, wie man ein Unternehmen gründet oder eine Arbeitserlaubnis erhält, es finanziert die Teilnahme an Messen und Konferenzen und organisiert diverse Schulungen. Nach und nach hat sich in Berlin ein Ökosystem für Start-ups entwickelt. Es gibt hier viele Investoren, nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus dem Ausland, eine riesige Anzahl von Accelerators, die junge Start-ups in ihrer Entwicklung unterstützen, sowie Korporationen und Organisationen, die neue Projekte fördern. Außerdem leben inzwischen auch viele Branchenspezialisten in Berlin.

Du leitest das Marketingteam des Berliner Start-ups Neufund. Womit beschäftigt sich dieses Unternehmen?

Wir schaffen eine Plattform, die die Welt der Blockchain mit „traditionellen“ Technologien verbindet und Start-ups mit Investoren vernetzt. Unsere Plattform ermöglicht es Unternehmen, ihre Anteile in der Blockchain zu tokenisieren und auf diese Weise Finanzierung für ihre Projekte zu erhalten. Start-ups können in ihrer Anfangsphase nicht einfach an die Börse gehen und Anteile verkaufen. Das ist eine elitäre Welt. Wir wollen eine Plattform schaffen, auf der jedes Unternehmen Anteile verkaufen und jeder zum Investor werden kann – sogar meine Großmutter.

Die IT-Welt kennt keine Grenzen

Ula Lachowicz Ula Lachowicz | Foto: privat
Wolltest du schon immer im Bereich neue Technologien arbeiten?

Ich bin da eher zufällig hineingerutscht. Ich habe Soziologie studiert und anschließend ein Aufbaustudium in Public Relations absolviert. Bereits während meines Studiums an der Universität Danzig begann ich, für die Firma Blue Media zu arbeiten – damals nannte man so etwas IT-Unternehmen, heute würde man Start-up dazu sagen. Ich habe dort all die Dinge erledigt, die nichts mit Technologie zu tun hatten: Verkauf, Kundenbetreuung, ein wenig Marketing. Nach knapp vier Jahren bei Blue Media habe ich eine Technologie-Pause eingelegt und bin zur Danziger Hospiz-Stiftung gewechselt. Ich habe jedoch rasch gemerkt, wie sehr mir die IT-Szene fehlt: die Zusammenarbeit mit Programmieren, ihre abstrakte Denkweise und ihr spezieller Humor. Vor allem jedoch das Gefühl der Freiheit. Die Mitglieder dieser Szene, ob nun in den USA oder in Polen, lesen alle dieselben Publikationen und nutzen dieselben Technologien. Unsere Welt kennt keine Grenzen.

Nach einem Jahr bei der Hospiz-Stiftung kehrte ich in den Technologie-Bereich zurück und arbeitete eine Zeit lang für einen Online-Zahlungsanbieter. Wir versuchten, die Menschen in Polen davon zu überzeugen, dass Kartenzahlungen im Internet sicher sind. Heute klingt das komisch, aber vor einigen Jahren hielten viele Menschen das noch für eine riskante Transaktion. Nach vier Jahren bekam ich allmählich den Eindruck, dass ich in dieser Firma alles erreicht hatte, was es zu erreichen gab. Ich überlegte, wo ich in Zukunft arbeiten könnte, und hatte das Gefühl, dass mir Danzig zu klein wurde. Ich hatte mich damals bereits auf internationales Produktmarketing spezialisiert, und es gab dort zu jener Zeit nicht viele Projekte, die jemanden wie mich benötigt hätten. Ich wusste, dass ich nach Warschau, Krakau oder Posen umziehen könnte, aber mir schwebte eine größere Veränderung vor: ein Wechsel ins Ausland.

Warum gerade Berlin?

Es gibt nur zwei Städte in Europa, in denen man mit Englischkenntnissen in einem Start-up arbeiten kann: London und Berlin. Das Leben in London war mir immer zu schnell gewesen, alle hatten es ständig eilig. Berlin hingegen hatte es mir schon immer angetan, vor allem wegen seiner Offenheit. Also machte Berlin das Rennen, und inzwischen lebe ich bereits seit vier Jahren dort.

Also hattest du in Polen – trotz der Tatsache, dass es in der Welt der neuen Technologien keine Grenzen gibt – doch gewisse Einschränkungen wahrgenommen?

Man kann überall auf der Welt ein Produkt entwickeln, aber um ein Unternehmen aufzubauen, muss man Kontakte in dem entsprechenden Land herstellen, Veranstaltungen besuchen, Menschen treffen. In Polen habe ich überall immer nur die gleichen Gesichter gesehen.

Also suchte ich nach einer Arbeit in einem Berliner Start-up. Die angesprochene Offenheit ist von Anfang an spürbar: Die ersten Bewerbungsgespräche werden über Skype geführt. Erst in der letzten Bewerbungsphase reist man zu einem persönlichen Gespräch an und lernt das Team und den Chef kennen. Als ich nach Berlin zog, wusste ich bereits, dass ich den Job hatte.

Polen helfen einander

Wie bist du auf die Idee gekommen, eine Community für die in Berlin lebenden polnischen Fachleute im Bereich neue Technologien zu gründen?

Durch einen Zufall. Vor über drei Jahren traf ich mich mit einem Bekannten aus Polen. Wir begegneten einem italienischen Bekannten, der gerade von einem Treffen der DigItaly, einer Community für die in der digitalen Industrie Berlins tätigen italienischsprachigen Fachleute kam. Wir stellten fest, dass es auch viele polnische Fachleute in Berlin gab, jedoch keine entsprechende Community.

Wir gründeten zunächst eine Facebook-Gruppe, um zu sehen, inwieweit Interesse an einer solchen Initiative bestand. Zu unserem ersten, ad hoc organisierten Treffen erschienen dreißig Personen. Wir beschlossen, uns einmal im Monat unter dem Motto Polish Berlin Tech zu treffen. Seit zwei Jahren haben diese Treffen einen professionelleren Charakter angenommen: Ich lade zu jeder Veranstaltung einen oder mehrere Experten ein, wobei ich versuche, darauf zu achten, dass zumindest einer der Referenten aus Polen kommt. Jede Veranstaltung hat einen anderen Schwerpunkt: Virtual Reality, Produktdesign, Produktmanagement, die Blockchain. Die Themen sind mal technologischer und mal allgemeiner Natur, das Thema der nächsten Veranstaltung lautet zum Beispiel „Public Speaking“. 

Was bringen euch diese monatlichen Treffen?

Die Treffen haben zwei Ziele. Zum einen sollen sie all die großartigen in Berlin lebenden polnischen Fachleute zusammenbringen – nicht nur die Programmierer, sondern alle möglichen Spezialisten. Es gibt hier Polen, die für große Unternehmen arbeiten, die Events organisieren, die sich mit Logistik, Programmierung oder Marketing beschäftigen. Zum anderen sollen die Veranstaltungen eine Gelegenheit zum Networking bieten. Im Rahmen unserer Treffen werden viele geschäftliche Gespräche geführt.

Auch unsere Facebook-Gruppe ist sehr aktiv: Jemand hat ein Büro und möchte einen Raum untervermieten, jemand veranstaltet ein Event und lädt alle dazu ein, jemand anders sucht Kontakt zu einem Investor oder benötigt Hilfe bei der Firmengründung. Die Mitglieder helfen einander. Manche sind gerade erst nach Berlin gekommen, andere leben bereits seit fünfzehn Jahren in der Stadt.

Einmal im Jahr organisieren wir auch die Polish Tech Night mit, die polnischen Start-ups eine Möglichkeit gibt, ihre Ideen deutschen Investoren und Fachleuten aus der Szene zu präsentieren. 

Also bilden die Menschen auch in einer so multikulturellen Stadt wie Berlin nationale Enklaven?

Ich lache selbst oft darüber, dass ich Polen verlassen habe, um von den polnischen Start-ups wegzukommen – und jetzt haben sie mich doch wieder aufgespürt. Wenn du im Ausland lebst, kommt irgendwann der Moment, in dem du Kontakt zu deinen Landsleuten suchst. Ich denke, das ist bei allen so. Das bedeutet jedoch nicht, dass sich diese Gruppen anderen gegenüber verschließen. Jeder von uns arbeitet tagtäglich in einem internationalen Team mit Menschen aus Australien, Afrika, Asien, Amerika und Europa zusammen. Hin und wieder hat man einfach das Bedürfnis, zu seinen Wurzeln zurückkehren.

Top