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Agnieszka Drotkiewicz empfiehlt
Die Lebensfreude wiederfinden

Wie findet man die Lebensfreude nach dem Holocaust wieder? Der Roman „Fuck America: Bronskys Geständnis“ von Edgar Hilsenrath erzählt die Geschichte eines Juden, der den Krieg überlebte und nach New York zog, wo er versucht, sich mit seinem Trauma auseinanderzusetzen, indem er schreibt.

Buchcover „Fuck America“ © Wydawnictwo Literackie, Pressematerialien
„Ein Buch ist wie ein Gebet“, sagte Dorota Masłowska einmal zu mir, als wir bei literweise Tee über die Grundproblematiken des Schriftstellerinnendaseins diskutierten. Das war vor acht Jahren, doch ich denke noch oft an diesen Satz, wenn ich lese, einen Film sehe, im Theater oder in der Oper bin.

Wenn „ein Buch ist wie ein Gebet“, worum betet dann Jakob Bronsky, Hauptfigur und Erzähler in Fuck America, deutscher Jude in New York? Er betet darum, dass das Leuchten in seine Augen zurückkehren möge, dass er wieder Begehren und Lebenswillen verspüren möge.

„,[A]ls der Krieg zu Ende war, gab es plötzlich zwei Jakob Bronskysʻ, erzählt er der Psychologin in einer Fernsehsprechstunde. – ,Den einen Jakob Bronsky, der mit den sechs Millionen gestorben ist, und den anderen Jakob Bronsky, der die sechs Millionen überlebt hat.ʻ Den einen Jakob Bronsky, der mit den sechs Millionen gestorben ist, hat er verdrängt, weil er sich vor ihm fürchtet. ,Ich könnte Ihnen sechs Millionen Geschichten erzählen (…), aber die Nacht wäre zu kurz. Ich glaube, daß alle Nächte, die ich noch erleben werde, nicht reichen würden, um Ihnen alle Geschichten zu erzählen.ʻ
,Keiner kann so viele Nächte erleben.ʻ
,Deswegen habe ich Ihnen nur eine erzählt, eine einzige.ʻ“

Ist diese eine Geschichte die Geschichte von Edgar Hilsenrath? War es tatsächlich so, wie er schreibt? Wie viel ist hier wahr, wie viel fiktiv? Solche Fragen kommen im ersten Impuls von selbst auf, aber hat das schlussendlich irgendeine Bedeutung? Es zählt doch eher, dass die Augen von Bronskys (und Hilsenraths) Familie ihr Leuchten verloren haben. Und unzählige andere Augenpaare ebenfalls. Nach dem Holocaust seine Lebensfreude wiederzufinden – das grenzt an ein Wunder. Und das wahre Wunder ist es, zu schreiben, Trauma und Leid zu einer Botschaft verarbeiten und in Schönheit umwandeln zu können. Die transformative Macht der Kunst ist ein Wunder. Ein Wunder, ja, vor allem bedeutet sie aber schwere Arbeit, eine Anstrengung, die geplant und ausgeführt werden will, der man einen Platz, der man Raum geben muss in seinem Leben. Beim Schreiben braucht man aber auch etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf. Für all das muss der Schreibende Sorge tragen. Für all das muss Jakob Bronsky Sorge tragen.

Das Buch eröffnet mit einer Korrespondenz zwischen Jakobs Vater und dem amerikanischen Konsul in Deutschland aus den Jahren 1938 und 1939. Der Konsul weist das Asylgesuch der Familie Bronsky zurück – oder, besser gesagt, er vertagt das Asyl auf das Jahr 1952 … Die Bronskys überleben den Krieg (wie ihnen das gelingt, wissen wir nicht; Bronsky selbst hat diesbezüglich eine Gedächtnislücke). Nach dem Krieg verbringt er einige Zeit in Paris. In New York übrigens trägt er noch die Hosen, die er in Frankreich gekauft hat; sie sind mit Knöpfen zu schließen, nicht mit einem Reißverschluss wie in Amerika – eines der Dinge, die ihn von anderen unterscheiden. Auch einen Anzug aus Paris besitzt Bronsky, und dieser Anzug verhilft ihm von Zeit zu Zeit auf die „bessere“ Seite des Lebens. In New York vegetiert Bronsky an der Armutsgrenze dahin, ist im Rückstand mit der Miete, hat keine Krankenversicherung (und wird mit starker Diabetes ins Krankenhaus eingeliefert!). An den simpelsten Dingen fehlt es ihm oft: an Kaffee, Milch, Brot, Eiern fürs Frühstück, an Rasierklingen, am nötigsten Lebensbedarf. Deswegen nimmt er Aushilfsjobs an (als Kellner, Portier, Hundeausführer), um wenigsten das Minimum zu verdienen, das es ihm erlaubt, die nächsten Tage in Ruhe zu schreiben. Er spart, wo er kann (lebt hauptsächlich von Graupensuppe aus der Emigrantencafeteria), um so viel Zeit wie möglich zum Schreiben zu gewinnen.

Das Schreiben ist so wichtig, bringt es doch Bronsky dem Leben zurück: „Eines Tages begann ich zu schreiben. Und plötzlich wurde ich wieder gesund. (…) [A]ls ich das erste Kapitel meines Ghettobuches fertig hatte, war ich gesund. Alles, was sich da aufgestaut hatte, floß plötzlich aus mir heraus. Je mehr ich schrieb, desto freier fühlte ich mich. Ich begann wieder zu reden, wirkte wie ein vernünftiger Mensch, konnte auf einmal Witze machen, hatte plötzlich wieder Humor. (…) Mein Geschlechtstrieb erwachte. Ich stellte plötzlich fest: Bronsky. Es klappt wieder.“

Welche Rolle spielt Amerika in diesem Roman? Die des Gelobten Landes, in dem man es nicht zugeben darf, wenn man einsam oder arm ist? Als die Bronskys 1952 nach Amerika kommen, baut sich der Vater vor der Freiheitsstatue auf und sagt die zwei einzigen Worte, die er auf Englisch kann: „Fuck America“. Das Amerikabild in diesem Buch ist das Bild vom Leben der Menschen am gesellschaftlichen Rand: der Wartenden in den Büros unseriöser Arbeitsvermittlungsagenturen, der Prostituierten vom Straßenstrich, der vereinsamten älteren Damen, die Zimmer in ihren Wohnungen untervermieten. Dieses Bild birgt aber auch frohe Momente – wie ein Mittagessen, einen Film mit Ingrid Bergman, einen Spaziergang.  

Auf die Frage „Warum möchten Sie hierbleiben [in Deutschland]?“ antwortet Bronsky, wegen seiner Sprache. Denn nur auf Deutsch kann er schreiben – und in diesem Schreiben sich selbst und auch uns, die wir lesen, ein wenig transformieren, das heißt: retten.
 

Edgar Hilsenrath, Fuck America: Bronskys Geständnis, dtv, München 2005

[Titel der polnischen Ausgabe: Fuck America. Wyznania Bronskiego, aus dem Deutschen von Ryszard Wojnakowski, Wydawnictwo Literackie, Kraków 2018]
 

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