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Was ist los in… Chemnitz? Und in Sachsen?
Sachsen goes Visegrád?

Rechte Demonstration in Chemnitz am 01.09.2018
Rechte Demonstration in Chemnitz am 01.09.2018 | Foto (Ausschnitt): Flickr © De Havilland, CC BY-NC 2.0

Nach den Vorkommnissen im sächsischen Chemnitz zeigten die Bürger ihre Wut, die von Rechtsextremen instrumentalisiert wurde. Hat Sachsen womöglich mehr gemein mit Polen oder Ungarn als mit dem westlichen Deutschland? – fragt sich Christoph Bartmann.

„Das Jahr 2018 hält für Chemnitz mehrere Gründe bereit, um ausgelassen zu feiern. Neben dem 200. Geburtstag des ehemaligen Namensgebers Karl Marx im Mai steht dieses Jahr vor allem unter dem Motto ‚875 Jahre Chemnitz‘. Um den Geburtstag gebührend zu feiern, darf er natürlich auch auf dem Chemnitzer Stadtfest 2018 nicht fehlen. Vom 24. bis 26. August strömen wieder über 260.000 Besucher aus Chemnitz und der Region in die Innenstadt um gemeinsam zu schlemmen, zu erkunden und den Stadtgeburtstag zu feiern.“

So steht es noch immer auf den Seiten von „Chemnitz Tourismus“. Inzwischen hat die halbe Welt gehört, dass an dem besagten Wochenende im sächsischen Chemnitz ein integrativ und fröhlich gemeintes Stadtfest komplett aus dem Ruder lief. Ein Mann wurde erstochen, offenbar sind ein Syrer und ein Iraker die Täter. In Windeseile organisierte sich der Protest, angeführt von lokalen und angereisten Hooligans und anderen Rechtsextremisten, unterstützt von Teilen des besorgten Chemnitzer Bürgertums, instrumentalisiert von AfD und Pegida, und kaum überwacht von einer überforderten Polizei. Nur wer in diesen Tagen selbst in Chemnitz war, oder vielleicht auch nur, wer selbst aus Sachsen kommt, versteht wohl ganz die Gemengelage aus chronischer Unzufriedenheit bis weit ins gemäßigte Milieu hinein und akutem neonazistischen Haß einschließlich Hitlergruß und „Hetzjagden“ (ob es wirklich Hetzjagden waren, ist umstritten) auf Personen mit, nun ja, ausländischem Aussehen.

Wir brauchen hier diese Geschichte, die noch nicht am Ende ist, nicht nachzuerzählen; auch manche polnischen Medien haben ja darüber berichtet. Interessanter sind die Erklärungsversuche hinsichtlich der Frage, „wie die Sachsen ticken“. Was läuft falsch in diesem schönen Freistaat mit einer (überwiegend) blühenden Wirtschaft und sogar (überwiegend) steigenden Bevölkerungszahlen, so falsch, dass es Sachsen fast nur noch mit seinen Problemen in die Nachrichten schafft, was natürlich die sächsischen Bürger nur noch wütender macht? Zwei Sachsen haben sich zuletzt zu der Frage geäußert, was Sachsen vom übrigen Deutschland trennt, und ganz ausnahmsweise sind einmal der liberale Sachse und der rechte Sachse beinahe derselben Meinung. Frank Richter, früher Direktor der Landeszentrale für Politische Bildung in Dresden, sagte kürzlich in der Süddeutschen Zeitung: „Teile von Ostdeutschland, auch Teile Sachsens, gehören eher zu Ost- als zu Westeuropa. In vielerlei Hinsicht tickt Sachsen kulturell und politisch mehr wie Polen oder Ungarn. Das müssen wir einfach zur Kenntnis nehmen.“ Überraschenderweise ist das auch die Ansicht von Martin Kohlmann, dem Gründer der rechten Bürgerbewegung „Pro Chemnitz“. Vor etwa 900 Demonstranten in Chemnitz, schreibt die Frankfurter Allgemeine, habe Kohlmann die Frage ins Mikrophon gerufen, „ob ‚wir‘ mit Polen, Ungarn und Tschechen nicht mehr gemein hätten als ‚mit diesen Wessis‘.“ Später bestätigte Kohlmann der Zeitung im Gespräch, „Sachsen habe mit den Visegrád-Staaten ‚mehr gemein, als mit der westlichen Bundesrepublik‘.“

Deshalb müsse man über Autonomie für einzelne Bundesländer reden.
In die Visegrád-Begeisterung der (nicht nur ost-)deutschen Rechten muss man auch noch Österreich einbeziehen. Seit in Wien Kanzler Kurz und sein Vize Strache den Ton angeben, ist Österreich, noch vor den Visegrád-Ländern, das Rollenmodell für einen straff konservativen und vor allem migrationskritischen Kurs. Auch in der deutschen CDU und CSU, wo die Merkelkritik eher hinter vorgehaltener Hand gepflegt wird, lösen Auftritte und Ansichten des jungen Kanzlers aus Wien Freude aus. Manchem erscheint schon eine rechts gewendete CDU/CSU das einzige verbliebene Mittel gegen die Extremisten von der AfD. Ob eine solche Rechnung aufgeht, wird man bald schon bei den bayerischen Landtagswahlen sehen können.

Zurück zu Polen und Ungarn als Sachsens Vorbildern (oder wie wir korrekterweise sagen wollen: als den Vorbildern mancher Sachsen). Ein starker Mann wird herbeigesehnt. Jemand wie Orbán idealerweise, der dem dekadenten Wessis einschließlich Ossi Angela Merkel wahre europäische Werte beibringt. Jemand, der Ausländer nicht nur nicht rein lässt, sondern sie zur Not auch wieder rauswirft. Jemand, der sich mit Putin im Zweifel wohler fühlt als mit Brüsseler Bürokraten. Im ehemaligen Königreich Sachsen sitzen die autoritären Sehnsüchte tief, und mit ihnen Frustrationen aller Art, vor allem über Bevormundungen durch fremde Mächte (oder was man dafür hält). Sachsen goes Visegrád: wie begeistert wären eigentlich die bisherigen Visegrádstaaten über so ein Beitrittsgesuch? Und was soll man etwa als Pole von diesem neuen Bekenntnis zur Mentalitätsgemeinschaft halten? Nur damit eines gleich mal klar ist: Katholisch sind die Sachsen nicht. Aber vielleicht sehen ja die Sachsen die neue Werteunion mit den Nachbarn im Osten und Südosten genauso pragmatisch, wie diese Nachbarn sie sehen. Nicht um Völkerfreundschaft geht es ja, sondern um strategische Allianzen gegen den Brüsseler Hegemon. Mal sehen, vielleicht sieht man das ja in Thüringen auch nicht so viel anders.
 

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