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Was ist los mit... dem deutschen Stadttheater?
Theater im Zwielicht

Die Volksbühne in Berlin

Die Schwedische Akademie, die den Nobelpreis für Literatur nicht vergab, die Documenta und nicht zuletzt die Berliner Volksbühne – viele Kulturinstitutionen stecken heute in der Krise und werden von Skandalen erschüttert. Es stellt sich auch die Frage nach der Konzeption des Theaters – sollen herkömmliche Stücke inszeniert werden oder muss sich diese Institution für neue Formen öffnen?

Von Christoph Bartmann

Woran liegt es, dass in letzter Zeit reihenweise Theater, Festivals, Akademien und andere ehrwürdige Kultureinrichtungen entgleisen, explodieren, implodieren, jedenfalls vom Verschwinden bedroht sind? Die Schwedische Akademie, die den Literaturnobelpreis (dieses Jahr nicht) vergibt, die Kasseler Documenta, die Berliner Volksbühne, die „New York Review of Books“ und andere mehr, sie werden erschüttert von Skandalen und Debatten, die ihre Existenz gefährden. Man könnte grob unterscheiden: entweder geraten diese Institutionen wegen sexueller und anderer Verfehlungen ihres Führungspersonals ins Zwielicht (etwa die Schwedische Akademie). Oder man entdeckt ein Finanzloch, das dann der Auslöser für eine größere Kontroverse etwa um die Zukunft des Prinzips „Großausstellung“ ist (wie bei der Documenta). Oder es kommt zu einem großen Streit, weil unfähige Kommunalpolitiker eine Personalie derart ungeschickt behandeln, dass daraufhin ein ganzes Theater auseinander fliegt (das ist die Geschichte mit der Berliner Volksbühne).

Entweder geraten diese Institutionen wegen Verfehlungen ihres Führungspersonals ins Zwielicht oder man entdeckt ein Finanzloch, das dann der Auslöser für eine größere Kontroverse ist.

140 öffentlich finanzierte Bühnen gibt es in Deutschland, und von ihnen ist die Berliner Volksbühne (am Rosa-Luxemburg-Platz) die berühmteste. Oder sie war es, jedenfalls in der 25 Jahre währenden Amtszeit des Intendanten Frank Castorf, die im Sommer 2017 zu Ende ging. Castorf hätte gerne weiter gemacht, und das Publikum, das sich großenteils ein Leben ohne Volksbühne nicht vorstellen konnte, hätte auch nichts dagegen gehabt. Aber brauchen Kulturinstitutionen nicht vielleicht nach 25 Jahren auch einmal ein bisschen Erneuerung? Das fand zumindest der Kulturstaatssekretär Tim Renner (SPD), der bei der Suche nach einem neuen Intendanten auf Chris Dercon stieß. Der weltgewandte Belgier, Chef des Tate Modern in London, hatte von Theater wenig Ahnung, aber das machte nichts. Dercon sollte der Berliner Über-Impresario werden, in einer neuen Konstruktion, in der die Volksbühne, neue Spielstätten am leerstehenden Flughafen Tempelhof, Kinos und anderes unter einer „Dachmarke“ vereinigt sein sollten. Theater war irgendwie von gestern, Performance, Multimedia und „Interventionen“ im Stadtraum dagegen die Zukunft. Für die alten Volksbühnenleute und ihre zahlreichen Fans hörte sich das verdächtig nach Stadtmarketing und Gentrifizierung an; aber genau das wollte Renner. Die dann folgende Kontroverse zwischen Volksbühne alt und Volksbühne neu, zwischen zwei vielleicht nicht einmal diametral verschiedenen, aber schließlich komplett verfeindeten Theaterkonzeptionen ist in 1000 Presseartikeln dokumentiert. Die Volksbühne wurde eine Weile von Anti-Gentrifizierungs-Kritikern besetzt gehalten, der Kurzzeit-Intendant wurde gemobbt und wüst beschimpft, der neue Kulturstaatssekretär wollte mit den Entscheidungen seines Vorgängers nichts mehr zu tun haben, das Publikum blieb den wenigen und wenig überzeugenden Vorstellungen der neuen Direktion fern… es ging an der Volksbühne alles schief, was schief gehen kann, und noch ist unklar, ob sich das altehrwürdige Haus davon wieder erholen wird.

Soll das Stadttheater der Zukunft eher ein Produktionshaus mit offenen Theaterformen sein, oder soll es im Kern ein Ensemble geben, mit dem Haus-Regisseure vor allem alte und neue Stücke inszenieren?

Der Berliner Theaterstreit war freilich selbst ein Schauspiel von hohem theatralen und performativem Reiz. Seitdem sind die Erwartungen der Theaterfreunde ins Unermessliche gestiegen. Eigentlich finden sie, finden wir die Diskussion über das Theater und gerne auch im Theater aufregender als irgendeine konkrete Inszenierung, ob nun postdramatische Performance oder gutes altes Regietheater mit ein bisschen Klassikerzertrümmerung. Die lustvoll und öffentlich ausgetragene Personalie scheint jetzt an die Stelle des vom Stücktext vorgegebenen und auf der Bühne gespielten Konflikts getreten zu sein. Schon wird das Stück von anderen Theatern nachgespielt. In München ereignete sich zuletzt ein ähnlicher Fall, als Matthias Lilienthal (der einer der Gründerväter der Volksbühne war und später am Hebbel am Ufer/HAU seinen Ruf festigte) von sich aus seinen Abschied verkündete, nachdem klar wurde, dass ihm Teile des Stadtrats keine zweite Amtszeit zugestehen würden. Auch hier steckt hinter der Personalie eine konzeptionelle Auseinandersetzung: soll das Stadttheater der Zukunft eher ein Produktionshaus mit vielen Gästen und offenen Theaterformen sein, oder soll es im Kern ein Ensemble geben, mit dem Haus-Regisseure vor allem alte und neue Stücke inszenieren? Fragt man das Publikum, bekommt man keine klare Antwort. Es will wahrscheinlich Beides. Eine kleine, aber lautstarke Gruppe von Theatergängern will noch etwas Drittes: das Theater soll aufs Spielen von gleich was am besten ganz verzichten. Vielmehr soll es ein Forum für Belange der Stadtgesellschaft sein, die sich hier, in einem „geschützten Raum“ selbst artikuliert. Kaum ein Theater, das nicht Inklusion von Minderheiten, Benachteiligten und Marginalisierten auf seine Fahnen schriebe. Das ist gut, aber was könnte die politische Ästhetik eines solchen neo-engagierten Theaters werden. Man hofft, das deutsche Stadttheater bekommt genug Zeit, um sich darauf Antworten einfallen zu lassen.
 

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