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Internationale Kurzfilmtage Oberhausen
Sprechen wir über den Film

64. Internationale Kurzfilmtage Oberhausen, das im Mai 2018 stattfand
64. Internationale Kurzfilmtage Oberhausen, das im Mai 2018 stattfand | © Kurzfilmtage / Daniel Gasenzer

Wie aus dem dringenden Bedarf nach strukturellen Veränderungen im Bereich Film das revolutionäre Oberhausener Manifest entstand und ob das Manifest heute noch relevant ist, erzählt im Gespräch Christiane Büchner, Kommissionsmitglied bei den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen.

Anja Quickert: Frau Büchner, Sie sind Filmemacherin und Produzentin. Sie haben Film an mehreren Hochschulen unterrichtet und sind seit 2001 Kommissionsmitglied der Internationalen Kurzfilmtage in Oberhausen. Welche Aufgabe hat ein Kommissionsmitglied?

Christiane Büchner: Unterschiedliche. Meine wichtigste und umfangreichste ist die Auswahl des Programms für den internationalen Wettbewerb. Meine Kolleg*innen und ich sichten alle Einreichungen, diskutieren lange darüber und entscheiden schließlich. Das ist nicht einfach, auch weil beim internationalen Wettbewerb des Festivals mittlerweile über 5000 Bewerbungen eingehen – 2001 waren es noch weniger als 3000. Gemeinsam mit der Kommission für den deutschen Wettbewerb beraten wir die Festivalleitung aber auch bei strategischen Entscheidungen, die die Ausrichtung des gesamten Festivals betreffen, und wir moderieren die Programme und Filmemacher*innen, die wir ausgewählt haben, auch während des Festivals. Das Sprechen über Film ist in Oberhausen sehr wichtig.

Christiane Büchner Christiane Büchner | © Christiane Büchner
Die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen existieren seit 1954. Sie sind das älteste Festival für die kurze Form und ihre größte internationale Plattform. Mit welcher Absicht wurde es damals gegründet und was ist das Besondere an einem Kurzfilm?

Der Gründer, Hilmar Hofmann, war Leiter der Volkshochschule. Es sah nach dem Zweiten Weltkrieg den dringenden Bedarf, Film als Reflexions- und Kommunikationsmedium in der Gesellschaft präsenter zu machen, ihm eine Plattform zu schaffen. So entstand das erste Kurzfilmfestival überhaupt. Damals war der Kurzfilm ein lukrativeres Format als heute, weil Kinos, die ihn als Vorfilm zeigten, die Vergnügungssteuer vermindern oder bei Filmen mit Prädikat ganz vermeiden konnten. Heute fehlt ihm der wirtschaftliche Aspekt fast vollständig. Es ist einfacher geworden, einen Kurzfilm zu drehen, auch weil die technischen Möglichkeiten leichter zugänglich sind, aber es gibt außerhalb der Festivals kaum noch Möglichkeiten, ihn zu zeigen. Oberhausen steht für den Kurzfilm und die Freiheit, die er bietet, jenseits der kommerziellen Verwertungslogik. Wir promoten Filme, die wirksam sind –

Sie meinen „Wirksamkeit“ im Unterschied zu „Erfolg“?

Genau. Was wir für „wirksam“ halten, ist im Mainstream möglicherweise unsichtbar. Deshalb unterstützen wir den Kurzfilm auch jenseits des Festivals, beispielsweise indem wir ein umfangreiches Archiv angelegt haben und mit Programmen auf Tour gehen.

1962, bei der achten Festivalausgabe wurde das legendäre Oberhausener Manifest verkündet, in dem junge deutsche Filmemacher, unter ihnen Alexander Kluge, Peter Schamoni oder Edgar Reitz, eine komplette Erneuerung des deutschen Films forderten. Welche Bedeutung hatte dieses Manifest für die Filmlandschaft und welche Veränderungen hat es bewirkt? 

Wenn man es genau nimmt, war das Oberhausener eigentlich ein Münchner Manifest. Der Festivalleiter Hilmar Hofmann hatte dieser Gruppe von Filmschaffenden eine Plattform im Rahmen des Festivals geschaffen. Einerseits kann man das Manifest als konkrete Forderung einer speziellen Gruppe von Filmemachern betrachten − Werner Herzog oder Wim Wenders haben ja beispielsweise nicht unterschrieben − die Geld für ihre eigene Arbeit wollten. Im Grunde ist es ein Angebot an die damals dahinsiechende Filmindustrie: Wir wollen 5 Millionen DM und machen 10 Filme. Wenn nur drei davon erfolgreich sind, rechnet sich das. Andererseits war das Manifest ein ganz wichtiger Impuls für grundlegende strukturelle Veränderungen im Bereich Film, der genau zum richtigen Zeitpunkt kam. Der deutsche Film steckte in einer tiefen Krise, kleine Produktionsfirmen und Kinos mussten schließen und mit dem Fernsehen trat dazu noch ein neuer Konkurrent auf die Bildfläche. Es gab damals keine Kinemathek, es gab in Westdeutschland keine Möglichkeit, Film zu studieren – in der DDR gab es das sehr wohl – und es gab keine Filmförderung. Das sind alles Errungenschaften in der deutschen Filmlandschaft, die letztlich das Oberhausener Manifest mit ausgelöst hat.

Aus heutiger Sicht fällt auf, dass 26 Männer das Manifest unterschrieben haben – Regisseure, Autoren und Produzenten – aber keine einzige Frau.

Frauen gab es natürlich schon immer in der Filmbranche – wenn man in die Schnitträume geschaut hat, saßen da überall Frauen – aber sie hatten es extrem schwer. Erst durch die strukturellen Veränderungen wurden die Frauen auch in der Regie sichtbar, Janine Meerapfel beispielsweise studierte an dem neu gegründeten Institut für Filmgestaltung in Ulm. 1973 gab es das erste „Frauenfilmseminar“ im Kino Arsenal, ein Kongress, der in Wirklichkeit das erste Frauen-Filmfestival in Deutschland war. Angela Haardt, die später, von 1990 bis 1997 das Festival in Oberhausen geleitet hat, schreibt darüber in ihren Erinnerungen: „Ich sehe zum ersten Mal in meinem Leben 200 Frauen auf einem Haufen ausschließlich. Wunderbare Persönlichkeiten. Das war ein Riesenschock. Ich wusste gar nicht, dass es das geben kann.“ Heute gibt es fast so viele Frauen wie Männer, die ein Filmstudium abschließen. Auch wenn es nicht unbedingt von den Autoren beabsichtigt war, ist das auch eine Folge des Oberhausener Manifests.

Sind einzelne Forderungen, die das Manifest formuliert hat heute noch relevant? Oder ergeben sich angesichts der völlig veränderten Film- und Medienlandschaft gänzlich andere Forderungen? Wenn Sie heute ein Manifest schreiben müssten, was würde drin stehen?

Natürlich müsste man heute völlig andere Fragen stellen. Aber ich glaube, dass Manifeste gerade keine große Konjunktur haben. Was die Vereinigung „ProQuote Film“ beispielsweise konsequent betreibt, sind Studien. Die sind wichtig, weil man erstmal die Zusammenhänge verstehen muss und den Einfluss, den Medien auf das Bild nehmen, das wir von uns selber und der Gesellschaft haben. „If they can see it, they can be it.“ Es muss heute um einen umfassenden repräsentativen Ausgleich zwischen Menschen gehen, die alle in unserer Gesellschaft leben und ein Recht darauf haben, auch auf der Leinwand sichtbar zu sein. Auf dem letzten Kongress von „ProQuote Film“ wurde eine simple Prognose vorgestellt: Wenn wir so weiter machen wie bisher, sind wir erst in etwas mehr als 100 Jahren bei einer gleichberechtigten Ressourcen-Verteilung zwischen Männern und Frauen. Oder: Fast alle Formate und Sendungen für Kinder im deutschen Fernsehen werden von Männern gemacht. Männer erklären immer noch die Welt. − Und die Geschlechterfrage ist ja nur einer von vielen Aspekten von Diversität und Chancengleichheit. Es gilt, diese Privilegien nach anderen Kriterien zu verteilen.
 


 

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