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Was ist los mit... 100 Jahren 1918?
Kein Grund zum Feiern?

Reichstag, Amtseinführung Walter Simons, 1925
Reichstag, Amtseinführung Walter Simons, 1925 | Bundesarchiv, Bild 102-01154 / CC-BY-SA 3.0

Im Jahr 2018 ist auch in Deutschland der 100. Jahrestag der Gründung eines neuen Staates. Die vor einem Jahrhundert entstandene Weimarer Republik mündete zwar schnell in die Diktatur, aber ohne dieses Kapitel in der deutschen Geschichte gäbe es vielleicht keine Bundesrepublik, wie wir sie heute kennen.

Von Christoph Bartmann

Polen feiert in diesem Monat 100 Jahre nationaler Unabhängigkeit. Wir gratulieren herzlich und müssen bedauernd feststellen: in Deutschland gibt es in diesem Jahr nichts Derartiges zu feiern. Das Jahr 1918 bedeutet in der deutschen Erinnerung (die man zwischen 1949 und 1989 auch in eine west- und eine ostdeutsche Erinnerung teilen muss): ein verlorener Krieg, eine neue Republik, die scheitern musste, wenn die Revolution glücken sollte, und eine Revolution, die scheitern musste, wenn die Republik glücken sollte. Alles in allem ein großes Durcheinander, das nicht einmal dann zum Feiern Anlass gäbe, wenn die neue, die Weimarer Republik nicht 14 Jahre später in Hitlers Diktatur gemündet wäre.

Wenn es heute noch eine internationale Idee von „deutscher Kultur“ gibt, dann verdankt sie sich ganz wesentlich den Leistungen und Problemen der wenigen Jahre der Weimarer Republik.

Trotzdem erlaube ich mir einen Augenblick Stolz: auf die erste deutsche Demokratie, auf die wegweisende Weimarer Verfassung, auf den gewaltigen kulturellen und sozialen Aufbruch der frühen Republik, und sogar auf das große Durcheinander, das den sonst so autoritätsgläubigen Deutschen niemand zugetraut hätte. Wenn es heute noch eine internationale Idee von „deutscher Kultur“ gibt, dann verdankt sie sich ganz wesentlich den Leistungen und Problemen der wenigen Jahre der Weimarer Republik. Das Bauhaus, die frühen UFA-Filme, die großen Jahre der Philosophie, des Theaters, der Literatur oder der Wissenschaft haben weltweit ausgestrahlt und sind bis heute unvergessen. Fernsehserien wie Babylon Berlin versuchen etwas von der Faszination dieser Jahre wiederzugeben. Möglich wurde diese Blüte vor allem durch ein urbanes, kosmopolitisch gestimmtes, wohlhabendes Bürgertum, in dem Juden eine Rolle spielten, die weit über ihren Anteil an der Gesamtbevölkerung hinausging. Wahrscheinlich hören die Weimarer Jahre auch deshalb nicht auf zu faszinieren, weil wir heute wissen, wie kurz und wie bedroht sie waren. Mit der Ausrufung der deutschen Republik im November 1918 wurde gleichzeitig auch die Feindschaft zu dieser Republik ausgerufen. Antisemitismus, Revanchismus, Militarismus und der Glaube an autoritäre Lösungen haben ein neues Ziel: die Weimarer Regierung, der man die Schuld am verlorenen Krieg ebenso zuschiebt wie die Verantwortung für das aufziehende Chaos. Von rechts wird die Regierung mit dem Vorwurf bekämpft, sie habe die kämpfende Truppe mit einem „Dolchstoß von hinten“ entmutigt, von links lautet die Parole: „Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!“ Eine Rhetorik, die sich bis heute bei der extremen Linken in Deutschland einer gewissen Beliebtheit erfreut.

Das frühe Ende der Weimarer Republik sollte man nicht mit ihrem Scheitern verwechseln.

Die deutsche Republik von 1918 hätte vielleicht eine längere Dauer gehabt, wenn… sie tatsächlich eine Revolution gewesen wäre und nicht durch die freiwillige Abdankung des Kaisers zustande gekommen wäre. Wenn sie nicht auf den Trümmern eines selbst gewollten und verlorenen Kriegs errichtet worden wäre. Wenn nicht die Russische Revolution das Modell der bürgerlichen Revolution durch das der sozialistischen Weltrevolution ersetzt hätte. Wenn nicht der Versailler Vertrag den Revanchisten in die Hände gespielt hätte. Wenn die Demokratie in Deutschland schon früher etabliert worden wäre, so wie in England, Frankreich und den USA. In den Jahren ihres Bestands hat sie freilich Dinge auf den Weg gebracht, die sie überdauert haben: das Frauenwahlrecht, die Arbeitslosenversicherung oder die Einführung der Tarifautonomie von Arbeitgebern und Gewerkschaften. Das frühe Ende der Weimarer Republik sollte man nicht mit ihrem Scheitern verwechseln. Ohne Weimar, so schreibt der Historiker Heinrich August Winkler dieser Tage, gäbe es auch kein Bonn, ohne die Fehler der ersten Republik nicht die Langlebigkeit der zweiten Republik. So gesehen mündet die Weimarer Republik nicht nur in den Nationalsozialismus, sondern auch schon in die Nachkriegszeit.

Übrigens wird 1918 doch hier und da in Deutschland gefeiert. Weniger auf der großen politischen Bühne, sondern überall dort, wo tatsächlich eine Revolution stattgefunden hat, oder vielleicht auch nur eine Rebellion, oder auch nur eine Meuterei, allerdings mit großen Folgen. Etwa in Kiel, dem Schauplatz des berühmt gewordenen Kieler Matrosenaufstands. Im Reichskriegshafen Kiel widersetzten sich vor genau 100 Jahren die Matrosen Befehl, trotz begonnener Waffenstillstandsverhandlungen erneut zu einer Seeschlacht auszulaufen. Soldaten anderer Truppenteile schlossen sich an, Arbeiter- und Soldatenräte wurden gebildet, überall im Land entstanden weitere Räte, in München wurde eine bayerische Räterepublik ausgerufen…für einen kurzen Moment stand das Land am Rand einer wirklichen Revolution. Das Gedenkjahr 1918 ruft diese Ereignisse noch einmal wach, aber es bleibt unklar, welche Botschaft von ihnen ausgehen soll. Es fehlt, wie man heute sagt, ein „Narrativ“. So bleibt das deutsche Jahr 1918 weiterhin im Dunkeln, was uns nicht hindern sollte, der Kieler Matrosen und anderer Helden dieses Jahres in diesem Jahr besonders zu gedenken.

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