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68-er Bewegung
Seit 1968 ist nichts mehr wie zuvor

Rudi Dutschke spricht in Frankfurt auf einer Demonstration gegen den Vietnamkrieg
Rudi Dutschke spricht in Frankfurt auf einer Demonstration gegen den Vietnamkrieg | Foto (Ausschnitt) © picture alliance/ullstein bild

Die Jugendrebellion in der gesamten westlichen Welt von Japan über Mexiko und die Vereinigten Staaten bis nach Europa war vor allem ein Kulturkampf. Junge Menschen lehnten sich auf gegen kleinbürgerliche Werte, Konsum, den Krieg in Vietnam und konservative Moralvorstellungen: „Make peace not war” und „Make love not war” waren die zentralen Parolen dieser Revolution. In Deutschland markierte es den Beginn einer neuen Ära oder wenigstens, wie einige meinen, einen Meilenstein darin.
 

Von Ewa Wanat

Die Fundamente dazu hatten gleich nach dem Krieg die Alliierten gelegt, indem sie in ihren Besatzungszonen die Idee der „Reeducation“ verwirklichten, einer vollständigen Veränderung des deutschen Bildungs- und Erziehungssystems. Es war die in diesem Geist erzogene Jugend, die in Deutschland Revolution machte – eine geistige Revolution.
 
Von 1966 bis 1969 regierte in Deutschland eine große Koalition aus CDU und SPD, die gemeinsam über 90 Prozent der Sitze im Bundestag verfügte, so dass die Opposition praktisch keinerlei Einfluss auf die Arbeit des Parlaments hatte. Viele waren der Meinung, dass angesichts solcher Größenordnungen die Demokratie eine Fiktion sei. Die junge Intelligenz glaubte dem deutschen Staat nicht. Das Misstrauen verstärkte sich mit der Einführung der Notstandsgesetze, die dem Staat nicht nur Werkzeuge für den Kampf gegen Naturkatastrophen, sondern auch gegen einen Putsch oder einen Aufstand in die Hand gab. Kritiker sagten, dass diese Gesetze den Weg zurück in den Faschismus öffneten.

Flammpunkt

Berlin, Anti-Schah-Demo/Benno Ohnesorg Berlin (West), 2.Juni 1967: Der Schah des Iran, Resa Pahlewi, u.Gemahlin Fahra Diba besuchen Berlin im Rahmen eines Staatsbesuchs in der Bundesrepublik. - Anti-Schah-Demonstration vor der der Deutschen Oper in der Bismarckstrasse in Charlottenburg: Der Student Benno Ohnesorg wird bei Ausschreitungen von einem Polizisten erschossen. Berlin, Anti-Schah-Demo/Benno Ohnesorg Berlin (West), 2.Juni 1967: Der Schah des Iran, Resa Pahlewi, u.Gemahlin Fahra Diba besuchen Berlin im Rahmen eines Staatsbesuchs in der Bundesrepublik. - Anti-Schah-Demonstration vor der der Deutschen Oper in der Bismarckstrasse in Charlottenburg: Der Student Benno Ohnesorg wird bei Ausschreitungen von einem Polizisten erschossen. | Foto © picture-alliance / akg-images / Henschel Als Flammpunkt der Revolte erwies sich die Tötung des Studenten Benno Ohnesorg im Juni 1967. Vor der Berliner Oper fanden Demonstrationen gegen Reza Pahlavi, den Schah von Persien statt, der auf Staatsbesuch in Deutschland war. Er wurde beschuldigt, die Menschenrechte zu verletzen und die Opposition zu verfolgen. Deutsche Studenten gerieten mit iranischen Studenten, aber auch mit Männern der iranischen Geheimdienste aneinander. Ein deutscher Polizist in Zivil schoss aus kurzer Entfernung auf Ohnesorg. Hinterrücks, in den Kopf, und überdies nicht auf offener Straße, sondern in einem Hinterhof. „Am folgenden Tag gingen die Studenten auf die Straße und riefen ‚SS‘“, schrieb damals Adam Krzemiński im Wochenblatt Polityka, „und sie lagen damit nicht falsch. Die Polizeiaktion vom 2. Juni wurde von Hans Ulrich Wagner, einem ehemaligen SS-Mann geführt. Und er war nicht der Einzige. Der Polizeichef Erich Duensing brachte systematisch frühere SS- und Gestapoleute in die Berliner Polizei. Aber jetzt waren es gerade die demonstrierenden Studenten, die von der Bild-Zeitung aus dem Springerverlag und auch von hitzigeren Politikern als SA-Horden beschimpft wurden.”

Dieser Bezug zur nationalsozialistischen Vergangenheit zeigt, dass im Vergleich zu anderen Ländern 1968 für Deutschland ein außergewöhnliches Jahr war. Denn nirgendwo sonst hatte es diese Dimension einer Auseinandersetzung mit einer nationalen Schuld, einem nationalen Trauma. Die Revolte ging von der ersten Nachkriegsgeneration aus. Sie lernten in der Schule etwas über den Krieg, sahen Bilder und Filme aus Auschwitz und verstanden das Schweigen ihrer Eltern nicht. Als Erwachsene fingen sie an, Fragen zu stellen.

Eine Teilnehmerin der Revolte, deren Vater SS-Mann in Dachau gewesen war, erinnert sich in einem vom bundesdeutschen Fernsehen gedrehten Film daran, was sie von ihrer Mutter zu hören bekam, als sie anfing, Fragen zu stellen: Ob sie wisse, wie ihr Vater gelitten habe, wenn er töten musste?

„Ihr könnt das nicht verstehen“, sagte der Vater von Wolfgang, der heute Lehrer im Ruhestand ist, „das war eine andere Zeit“. Er war Wehrmachtsoffizier, hatte in Polen gedient und starb 15 Jahre nach dem Krieg an den Folgen einer Schussverletzung. Die Mutter blühte nach dem Tod ihres Mannes auf, begann sich in der Freiwilligenarbeit zu engagieren und sich um Probleme der Dritten Welt zu sorgen. Als habe sie etwas geraderücken oder reparieren wollen. Wolfgangs Frau Siegrun hat ihren Vater nie kennengelernt, weil er zwei Monate nach ihrer Geburt umgekommen ist, im Mai 1944 auf der Krim. Ihre Mutter sagte immer, dass ihr Vater schöne Briefe von der Front geschrieben habe. Als sie, schon erwachsen, diese selbst las, stellte sich heraus, dass der idealisierte Vater, nach dem sie sich immer gesehnt hatte, ein Rassist, ein Nationalsozialist gewesen war, der Slawen und Juden gehasst hatte.

Wolfgang und Siegrun adoptierten fünf Kinder, eins aus Peru, eins aus San Salvador und drei aus Brasilien. Hätten sie das nicht getan, wäre heute wahrscheinlich keines dieser Kinder mehr am Leben. Das Paar hat sie aus extremer Armut und schwierigsten Lebensbedingungen geholt, als eine Art Wiedergutmachung, ein Versuch, die Schuld ihrer Eltern zu tilgen. Die Frage an die Eltern, was sie im Krieg getan hatten, ist ein immer wiederkehrendes Motiv in allen Erinnerungen an „1968“.

In den 1960er Jahren kam eine neue Generation von Staatsanwälten zu Wort, die bereits nach dem Krieg ausgebildet worden waren und die sich energisch daran machten, NS-Verbrecher zu verfolgen. In den Jahren 1967 bis 1969 nahm die Zahl der Prozesse zu; in jeder Zeitung war davon zu lesen. „Die Aussage dieser Artikel war eindeutig“, sagt der Historiker Götz Aly, damals ein Teilnehmer der Revolte, heute ihr Kritiker, in einem Interview für die „Rzeczpospolita“ unter dem Titel „Na szczęście się nie udało” [Zum Glück ist das nicht gelungen]: „Diese Leute sind genauso wie Deine Eltern. Sie haben weder vorher noch nachher irgendein Verbrechen begangen.”

Freie Liebe, freie Wissenschaft 

Das Fotomodell Uschi Obermaier in einer erotischen Aufnahme aus dem Jahr 1970. Obermaier wurde bekannt als Mitbewohnerin der legendären Kommune 1 um Fritz Teufel in Berlin. Das Fotomodell Uschi Obermaier in einer erotischen Aufnahme aus dem Jahr 1970. Obermaier wurde bekannt als Mitbewohnerin der legendären Kommune 1 um Fritz Teufel in Berlin. | © dpa - Bildarchiv Die Studenten demonstrierten, besetzten Hörsäle, schrieben Manifeste, aber vor allem diskutierten sie. Sie forderten mehr Demokratie, ein Ende des Krieges in Vietnam, und sie protestierten gegen den Kapitalismus und zügellosen Konsum.

Das Jahr 1968 war auch eine sexuelle Revolution, die wie ein Sturm die gesamte westliche Welt erfasste. Deutschland war in den fünfziger und sechziger Jahren ein puritanisches Land gewesen. Der Bundesgerichtshof sah vorehelichen Sex noch 1954 als verboten an, und wenn Eltern jungen Leuten gestatteten, vor der Eheschließung zusammenzuleben, konnte sie wegen Kuppelei mit Gefängnis bestraft werden. In der Urteilsbegründung hieß es: „Die sittliche Ordnung will, daß sich der Verkehr der Geschlechter grundsätzlich in der Einehe vollziehe, weil der Sinn und die Folge des Verkehrs das Kind ist”.

Das Gericht berücksichtigte indes nicht, dass vier Jahre zuvor die empfängnisverhütende Pille erfunden worden war. Als sie 1961 in Deutschland zum Verkauf zugelassen wurde, war Sex plötzlich nicht mehr nur ein reiner Fortpflanzungsakt; man konnte ihn haben, ohne dass in der Konsequenz Kinder geboren wurden.

Rainer LANGHANS (2. v. links), Mitbegründer der Kommune 1 und seine Freundin Uschi OBERMAIER (2. v.r.), deutsche Schauspielerin und Fotomodell. Rainer LANGHANS (2. v. links), Mitbegründer der Kommune 1 und seine Freundin Uschi OBERMAIER (2. v.r.), deutsche Schauspielerin und Fotomodell. | Foto © picture alliance/Keystone Junge Leute gründeten Kommunen, in denen die freie Liebe propagiert und praktiziert wurde. Als erste entstand 1967 die Berliner Kommune 1. In Frankfurt am Main gab es den berühmten Kolbkeller. Im Erdgeschossraum fanden politische Versammlungen linker Studenten statt, im Keller Sexorgien mit reichlich Alkohol und Haschisch. Eine der spektakulärsten Parolen damals lautete „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment”.
 
Die Studenten forderten auch eine Demokratisierung der Hochschulen. Die Universitäten waren erstarrt, stark hierarchisch aufgebaut und darauf ausgerichtet, Wissen weiterzugeben, aber nicht auf Diskussionen oder das Suchen. Die Professoren waren unangreifbare Autoritäten, was auch in steifen, ritualisierten Formen des akademischen Lebens zum Ausdruck kam.

Am 9. November 1967 führten zwei Studenten im Auditorium Maximum der Hamburger Universität während der zeremoniellen Übergabe des Rektorenamtes, zu der die Professoren in ihren traditionellen Togen erschienen, eine spektakuläre symbolische Protestaktion durch. Detlev Albers, ein späterer Professor der Politikwissenschaften und Vorsitzender der SPD in Bremen, sowie Gert Hinnerk-Behlmer, ein späterer Senator der Stadt Hamburg, spannten ein Transparent mit der Aufschrift „Unter den Talaren -Muff von 1000 Jahren” auf. Seitdem werden diese Togen an deutschen Universitäten nicht mehr getragen.

Die Studenten forderten u.a., die Allmacht der Professoren zu brechen und eine demokratische Universitätsverwaltung einzuführen, die Assistenzen und das Habilitationsverfahren zu reformieren, Studiengebühren und den Numerus clausus aufzuheben. Im Ergebnis wurden die Gebühren 1970 abgeschafft und 1971 ein neues Gesetz, das sog. BAföG beschlossen, das die staatliche Unterstützung für Studierende regelt, u.a. ein Stipendiensystem und verschiedenerlei Ermäßigungen und Vergünstigungen. 1976 traten an die Stelle der Professorenmacht demokratisch gewählte Gremien, in denen neben Professoren auch Studenten und nichtwissenschaftliche Universitätsmitarbeiter sitzen. „Unter den Talaren, Muff von 1000 Jahren“, steht auf einem Spruchband, das Studenten am 09.11.1967 beim Eintritt des neuen und des alten Rektors der Universität Hamburg ins Auditorium Maximum halten. Links hinter dem Spruchband der ehemalige Rektor, Prof. Dr. med. Schöfer, rechts der neue Rektor, Prof. Dr. rer. pol. Ehrlicher. In einer Protestaktion forderten Studenten während des Rektorenwechsels lautstark in Sprechchören die Beschleunigung der Hochschulreform. „Unter den Talaren, Muff von 1000 Jahren“, steht auf einem Spruchband, das Studenten am 09.11.1967 beim Eintritt des neuen und des alten Rektors der Universität Hamburg ins Auditorium Maximum halten. Links hinter dem Spruchband der ehemalige Rektor, Prof. Dr. med. Schöfer, rechts der neue Rektor, Prof. Dr. rer. pol. Ehrlicher. In einer Protestaktion forderten Studenten während des Rektorenwechsels lautstark in Sprechchören die Beschleunigung der Hochschulreform. | Foto © picture-alliance/ dpa

Revolution einer Minderheit

Aber das Jahr 1968 war keine gesellschaftliche Massenbewegung, sondern die Revolte einer gebildeten Jugend. Damals studierten an den Hochschulen kaum 280.000 junge Menschen, etwa fünf Prozent eines Jahrgangs. Sie waren Kinder der Mittelklasse und hatten nicht die Unterstützung der Mehrheit deutschen Gesellschaft, die zu dieser Zeit die Früchte des Wirtschaftsbooms konsumierte.

Während der Weihnachtstage 1967 organisierten Studenten vor der Gedächtniskirche im Zentrum von Berlin eine Protestkundgebung gegen den Krieg in Vietnam. Die Leute gingen in die Kirche, „um sich die Predigt des Pastors anzuhören, während sie ihre Weihnachtsgans verdauten“, erzählt in einem Dokumentarfilm über das Jahr 1968 der Augenzeuge Otto Schily, der ein Freund des Studentenführers Rudi Dutschke war und später Innenminister wurde. Dutschke stand auf den Stufen vor dem Altar, um über den Krieg in Vietnam zu sprechen. Er fing ebenso an, wie ein Pastor gewöhnlich seine Predigt beginnt, mit „Liebe Brüder und Schwestern“. Sofort zerrten ihn zwei große Männer von den Stufen und schleiften ihn zum Ausgang. Menschen spuckten ihm ins Gesicht, jemand schlug ihm einen Stock auf den Kopf, es floss Blut.

Die Bild-Zeitung aus dem Verlagshaus Springer brachte am 6. Februar 1968 einen Artikel „Stoppt den Terror der Jung-Roten jetzt“, der mit einem Bild von Dutschke illustriert war. Am 11. April tritt der 23-jährige Arbeiter Josef Bachmann an Rudi Dutschke heran, zieht eine Pistole und feuert ihm zwei Schüsse in den Kopf, einen weiteren in die Brust und schreit: „Du dreckiges Kommunistenschwein!“ In der Tasche hatte er einen Artikel aus der Bild-Zeitung. Nach dem Anschlag explodierte Berlin. Noch am selben Abend gingen die Studenten auf die Straße. Molotow-Cocktails flogen, Autos brannten vor dem Sitz des Springer-Verlags. Die Proteste breiteten sich in ganz Deutschland aus. Es gab Verletzte, in München starben zwei Menschen. Dutschke überlebte das Attentat, ertrank aber 1979 in der Badewanne wegen eines epileptischen Anfalls, der eine Spätfolge seiner Schussverletzungen war.
  Demonstranten im Sitzstreik werden am 02.06.1967 vor dem Rathaus Schöneberg in Berlin von der Polizei beobachtet. Die Demonstranten protestierten gegen den Besuch des persischen Herrschers Schah Reza Pahlevi. Bei den Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Polizei die später am Tag folgten wurde der Student Benno Ohnesorg erschossen. Demonstranten im Sitzstreik werden am 02.06.1967 vor dem Rathaus Schöneberg in Berlin von der Polizei beobachtet. Die Demonstranten protestierten gegen den Besuch des persischen Herrschers Schah Reza Pahlevi. Bei den Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Polizei die später am Tag folgten wurde der Student Benno Ohnesorg erschossen. | Foto © picture-alliance / Joachim Barfknecht In Deutschland wird über die Bedeutung und das Erbe des Jahres 1968 heftig gestritten. In seinem Buch Unser Kampf 1968 – ein irritierter Blick zurück urteilt Götz Aly, dass die Generation der 68er ihre Bedeutung bei der Errichtung einer modernen deutschen Gesellschaft überschätze. Die wichtigsten Veränderungen, einschließlich derjenigen im Bereich der Sexualität, waren seiner Meinung nach zu Beginn der sechziger Jahre bereits eingetreten. Er denkt, dass 1968 nicht die Ursache der Veränderungen gewesen sei, sondern ein Teil von ihnen. Er erhebt schwerwiegende Vorwürfe gegen die Studentenrevolte, nennt sie eine totalitäre Bewegung, die sich von der faschistischen Bewegung der frühen dreißiger Jahre nicht unterscheide. Ihre Führer beschuldigt er, Gewalt verherrlicht zu haben, und er setzt hinzu, dass alles, womit sie sich beschäftigt hätten – der Vietnamkrieg, die Kapitalismuskritik usw. – lediglich Stellvertreterprobleme gewesen seien, die letztlich nur dazu gedient hätten, vor der eigenen Vergangenheit zu fliehen. Aly widerspricht damit der verbreiteten Überzeugung, dass es die Kinder des Jahres 1968 gewesen seien, die ihre Eltern zur Rechenschaft gezogen hätten. Als Spur der damaligen Stimmungen führt er ein Gespräch an, in dem Rudi Dutschke auf die Frage „ob es nicht an der Zeit sei, statt sich immer nur über die imperialistische Gewalt in Afrika und Vietnam zu erregen, ‚etwas über den Judenmord zu machen‘“, geantwortet habe: „Wenn wir das anfangen, verlieren wir unsere ganze Kraft. […] aus dieser Geschichte kommen wir nicht mehr heraus. Man kann nicht gleichzeitig den Judenmord aufarbeiten und die Revolution machen. Wir müssen erst einmal etwas Positives gegen diese Vergangenheit setzen.”

„Ich erkläre mir das so“, schreibt Aly: „Die Studenten hatten […] mitten in der Pubertäts- und Ablösungsphase unvorbereitet und ohne familiären und gesellschaftlichen Rückhalt in den Abgrund Auschwitz blicken müssen. [...] Die großen Verjährungsdebatten im Deutschen Bundestag, die Errichtung der Zentralen Stelle zur Verfolgung der NS-Verbrechen, die fortwährende Auseinandersetzung um Restitutionsfragen – all das wurde nicht entfernt von einer gesellschaftlichen Mehrheit gefordert und durchgesetzt, sondern gegen diese von Verfassungsorganen der zweiten deutschen Republik.”

Aly sagt, die Flucht in den Internationalismus, der Kampf mit dem Kapitalismus, mit dem amerikanischen Imperialismus seien der Abwehrreflex von Leuten gewesen, die ihre Augen vor dem verschlossen haben, was sie nicht ertragen konnten.

Vorwiegend sonntäglich- mit Schlips und Kragen - demonstrierten Mittglieder der IG Metall und des DGB gegen Vietnamkrieg und Notstandsgesetze in Bretten. Vorwiegend sonntäglich- mit Schlips und Kragen - demonstrierten Mittglieder der IG Metall und des DGB gegen Vietnamkrieg und Notstandsgesetze in Bretten. | Foto © picture-alliance / Klaus Rose

Ein hässlicher Fleck

Die Revolte von 1968 hat einen hässlichen Fleck: die Unterstützung, die sie durch die Geheimdienste der DDR erfuhr. Im Jahr 2009 wurden Dokumente veröffentlicht, aus denen hervorgeht, dass Karl-Heinz Kurras, der Polizist, der Ohnesorg erschoss, ein Stasi-Agent war. Ein anderer Stasi-Agent verteilte Flaschen mit Benzin an die Studenten und zeigte ihnen während der Unruhen nach dem Berliner Attentat auf Rudi Dutschke, wie man Autos in Brand steckt. Derselbe Agent führte die Verhaftung der Mitglieder der Hippie-Kommune 1 herbei, indem er ihnen Sprengstoff unterschob, und lieferte den angehenden Terroristen der RAF Waffen.

Trotz der Einflussnahme und der Provokationen durch die Stasi und trotz der Streitigkeiten um Motivation, Charakter und Verbindungen der 68er Revolte mit dem späteren Terrorismus scheint die Tatsache unbestreitbar, dass das Jahr 1968 wenn schon nicht der Anfang, so doch ganz gewiss ein Wendepunkt für die Herausbildung eines neuen deutschen Bewusstseins war. Der spätere Bundeskanzler Helmut Kohl war der Meinung, dass die Studenten im Jahr 1968 dazu beigetragen hätten, gewisse, seit langem erwartete Veränderungen herbeizuführen, auf deren Verwirklichung man sonst noch viele Jahre hätte warten müssen.

„Der Prozess, der in den sechziger Jahren begonnen hat, war voller Widersprüchlichkeiten“, schreibt Klaus Bachmann in seinem Buch „Długi cień Trzeciej Rzeszy: jak Niemcy zmieniali swój charakter narodowy [Der lange Schatten des Dritten Reiches. Wie die Deutschen ihren nationalen Charakter veränderten]”.Er wollte eine Revolution und hat Reformen erzwungen; er hat unter den Porträts kommunistischer Führer demonstriert und eine Modernisierung des rheinischen Kapitalismus herbeigeführt; er wollte das System von innen sprengen und ist zu einem Teil von ihm geworden; auch der „lange Marsch durch die Institutionen“ (um diese von innen heraus zu verändern, wie es Rudi Dutschke gefordert hat) hat diese Institutionen wenigstens in dem gleichen Maße verändert, wie sie diejenigen verändert haben, die durch sie marschiert sind.”

Auch folgt dem Jahr 1968 wie ein Schatten der linke Terrorismus. In den siebziger Jahren waren Ulrike Meinhof und Andreas Baader, die Gründer der Roten Armee Fraktion, der Schrecken Deutschlands. Sie überfielen Banken, zündeten Geschäfte an, legten Bomben und schossen kaltblütig auf Polizisten. In Heidelberg sprengten sie das europäische Hauptquartier der amerikanischen Truppen in die Luft. In Stockholm besetzten und sprengten sie die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland. Sie ermordeten den Generalbundesanwalt Siegfried Buback, den Vorstandsvorsitzenden der Dresdner Bank Jürgen Ponto und den Präsidenten des Deutschen Arbeitgeberverbandes Hanns Martin Schleyer. Insgesamt beging die RAF einige Dutzend politischer Morde, und sie existierte bis 1998. Aber Klaus Bachmann sagt, dass die Leute, welche die RAF geschaffen haben, in der 1968er-Bewegung keine wesentliche Rolle gespielt haben, und dass ihre Entstehung mit der Revolte selbst nichts zu tun hatte. Die meisten Akteure des Jahres 1968, die in der Politik aktiv geblieben sind, traten in die SPD ein oder gründeten die Grünen. „Der Teil, der zu den Waffen gegriffen hat, war nur eine kleine Minderheit in der großen Masse der 1968er Generation, die die Bewegung geprägt hat“, meint Bachmann.

Blick auf den Tatort der Entführung des damaligen Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer durch die Rote Armee Fraktion (RAF) in Köln (Archivfoto vom 05.09.1977). Blick auf den Tatort der Entführung des damaligen Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer durch die Rote Armee Fraktion (RAF) in Köln (Archivfoto vom 05.09.1977). | Foto © picture alliance/KEYSTONE

Der Geist des Jahres 1968

Der Geist des Jahres 1968 geht in Deutschland noch immer um. Manche meinen, dass er verschwinden wird, wenn die Generation ‘68 – der heute Siebzigjährigen – ausstirbt. Einstweilen kann man sehen, dass sich das Konzept des langen Marschs bewährt hat, unabhängig davon, ob die 68er Generation die Institutionen verändert hat oder ob die Institutionen sie verändert haben. Viele, die in der Studentenbewegung aktiv waren, sind Lehrer, Beamte, Journalisten und Politiker geworden. Die Grünen haben die Bundesrepublik in den Jahren 1998 bis 2005 mitregiert, und ihr Vorsitzender Joschka Fischer, selbst ein Aktivist des Jahres 1968, ist Außenminister gewesen. Das Jahr 1968 hat die Haltung der Deutschen zur Pädagogik verändert. „Die Zeit der antiautoritären Kindererziehung begann“, schreibt Klaus Bachmann, „in von den Eltern gemeinsam selbstverwalteten Vorschulen, die auf eine stressfreie Bildung setzten und wo es im großen Streben nach Gleichheit nicht erlaubt war, die Kinder nach Intelligenz, Effizienz, Wissen oder Fleiß zu klassifizieren (diese Werte landen auf dem Müllhaufen der Geschichte), wo es keine anerkannten Autoritäten gab (weil diese nur reaktionäre Machtverhältnisse zementieren).” Zu Beginn der 1979er Jahre wurden die nationalsozialistische Diktatur und der Zweite Weltkrieg zu einem der wichtigsten Themen in der Schule, wobei der Schwerpunkt auf den Gründen für die Entstehung des Nationalsozialismus und auf Diskussionen mit den Schülern darüber liegt, warum was geschehen ist. Fast jede Schule in Deutschland hält solche Stunden inzwischen auf dem Gelände ehemaliger Konzentrationslager ab.

„Heute besteht die wichtigste Herausforderung für die Pädagogik darin, dass Auschwitz sich nie wiederholt“, schrieb Theodor Adorno, einer der wichtigsten Vordenker der 68er Bewegung in seinem berühmten Text „Erziehung nach Auschwitz”.

Meiner Meinung nach ist das der wichtigste Gedanke der heute in Deutschland dem Erbe des Jahres 1968 leuchtet.

Beim Blick auf das heutige Deutschland lohnt es sich daran zu erinnern, dass es in der DDR keine 68er-Revolte gegeben hat. In diesem Jahr ist die Armee der Deutschen Demokratischen Republik gemeinsam mit anderen Staaten des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei einmarschiert, um den Prager Frühling zu gewaltsam zu beenden. Im Jahr 1989 haben sich zwei verschiedene Gesellschaften vereinigt, die verschiedene Erfahrungen gemacht und ein unterschiedliches Niveau der Verarbeitung der eigenen Geschichte erreicht haben – oder eben auch nicht – und das ist bis heute sichtbar. So hat die rechtsextreme, nationalistische AfD in Hamburg oder Bremen nur sechs Prozent der Wähler hinter sich; dagegen sind es in Ostsachsen und Brandenburg bis zu 26 Prozent. Diese Gegenüberstellung gibt meiner Meinung besser als alles andere eine Antwort, welche Wirkung das Jahr 1968 in Deutschland hatte.
 

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