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Phänomen - Worst of Chefkoch
Wunderkammer kulinarischer Absurditäten

Cover des Buches „Worst of Chefkoch. Die Rezeptsammlung des Grauens“ (Ausschnitt)
Cover des Buches „Worst of Chefkoch. Die Rezeptsammlung des Grauens“ (Ausschnitt) | © Goldmann Verlag, Pressematerial

Toasts mit Fleischwurst und Nutella oder Hello-Kitty-Gyros – unter Tausenden von Rezepten auf Chefkoch.de findet man auch kulinarische Absurditäten. Das erste der kulturellen Phänomene, die wir demnächst präsentieren werden, ist „Worst of Chefkoch“, ein Blog über Kochrezepte des Grauens.

Von Karolina Kuszyk

Im Dezember wird viel gekocht und gegessen. Üppige Weihnachtsfeier mit den Arbeitskollegen hier, Schlemmerei an Weihnachtsmarkt-Ständen da. Ganz zu schweigen vom täglichen Naschen von Plätzchen und Adventskalender-Schokos. Während es im Advent noch relativ zivilisiert zugeht, gibt man sich spätestens am Heiligabend und den Feiertagen völlig hemmungslos der Völlerei hin, die während der darauffolgenden Tage zwar ein wenig abflaut, doch schließlich an der Silvestertafel und beim Neujahrsbrunch ihr fulminantes Ende findet. All denjenigen, die ihren Appetit dämpfen und Übergewicht und Sodbrennen vorbeugen möchten, empfiehlt sich als Gegenkur die Lektüre des Blogs „Worst of Chefkoch“.
 
In Deutschland kennt Chefkoch.de fast jeder, der einigermaßen kochen kann und dem manchmal die Ideen ausgehen. Das Portal, das schon seit 20 Jahren existiert und mittlerweile an die 300.000 aktive UserInnen zählt, ist die größte Community von Hobbyköchen und die umfangreichste kulinarische Datenbank der Republik. Hausfrauen und -männer mit großer Leidenschaft für das Kochen und gemütlichen Pseudonymen wie Flotte_Biene oder Papa Schlumpf schauen bei Chefkoch.de genauso vorbei wie gelangweilte Gourmets mit Lust auf Neues oder gestresste Studierende, die einen Wochenendbesuch von ihren Eltern erwarten und panisch feststellen, dass in ihrer WG-Küche nur Bier und Chips zu finden sind. Auf Chefkoch.de kann man sich zudem austauschen. Es gibt dort Foren zu unterschiedlichsten Themen, vom „perfekten Auflauf“ bis zu „Weight-Watchers-Gerichten“. Es gibt alles, für jeden Geschmack und in jedem Schwierigkeitsgrad. Und jeder, der sich einloggt, darf sein eigenes Rezept samt Foto des Gerichtes hochladen, mit der er die Welt begeistern möchte. Allerdings ist, wie sich beim Stöbern schnell herausstellt, kochbar nicht gleich essbar. Von genießbar ganz zu schweigen.
 
Das demokratische Prinzip von Chefkoch, nach dem ein (kulinarischer) Idiot gleichwertig neben einem Genie steht, lässt an so manchen Spruch über die Nachteile der Demokratie denken. Denn die Rezepte, die manchmal auf dem Portal landen, machen den Eindruck, als stammten sie von kompletten Gastro-Analphabeten ohne jegliches Gefühl für Geschmack und Ästhetik.

Rezeptsammlug des Grauens

Um wahres Grauen zu erleben, muss man sich gar nicht erst ins Darknet begeben. Es lauert bereits auf  ganz normalen Webseiten auf. Man muss nur ein wenig an der Oberfläche kratzen und schon zeigt es sich, zum Beispiel in Form von „Nufleika“ – einem Toast mit Nutella, Fleischwurst und Käse. Richtig, alles zusammen auf einer Brotscheibe. Jenes Grauen empfanden auch der Berliner Lukas Diestelbach und der Freiburger Jonathan Löffelbein, die aneinder zur gegenseitigen Belustigung schaurig-schreckliche Kochrezepte schickten, die sie auf Chefkoch.de aufgestöbert hatten. Das erste skurrile Rezept, auf das sie aufmerksam wurden, war eine Anleitung zum Bau eines „Fischstäbchen-Autos“. Dabei handelt es sich um einige aufeinander gestapelte Fischstäbchen, die Räder aus gekochten Möhrenscheiben verpasst bekommen. Und wrrrum in den Mund! Oder lieber doch nicht. Die Idee mag verspielt klingen, das Endprodukt jedoch sieht einfach nur abartig aus.
 
Mit der Zeit stießen Lukas und Jonathan auf immer mehr Rezepte mit schier unvereinbaren Zutaten wie zum Beispiel Ananas, Sauerkraut, Feta und Sauce Hollandaise. Auf Fotos zu Kochanleitungen, bei denen der Betrachter beizeiten mit Übelkeit zu kämpfen hat, wie beim Ketchup-Ei, einer Art Brotaufstrich aus zermanschtem, hart gekochtem Ei, vermischt mit viel Ketchup und ein wenig Senf. Auf Rezepte, deren Schöpfer und Schöpferinnen die alte Wahrheit „Das Auge isst mit“ viel zu wörtlich nahmen. Wie im Fall eines „Hummers“ aus rotem Paprika, der eingetunkt in einem Speisequark-Brei auf einem Teller ruht und einen traurig mit Augen aus Johannesbeeren anschaut. Optisch erschütternd und ohne jegliche Gewürze.

„Bad Food Porn“ in der Ära des „instragrammable Food“

Die Idee, einen Blog zu starten, um diese schamlosen Ausgeburten der Kochkunst der Öffentlichkeit zu präsentieren, ist Lukas und Jonathan im Sommer 2017 in einem Freiburger Biergarten gekommen. Sie nannten den Blog „Worst of Chefkoch“ und eine Woche nach dem Start hatte die entsprechende Facebook-Fanseite bereits 10.000 Likes. Im gleichen Jahr bekam der Blog den „Goldener Blogger“-Preis in der Kategorie Food- und Weinblog. Im Oktober 2018 erschien dann Worst of Chefkoch. Die Rezeptsammlung des Grauens als Buch im Goldmann Verlag. Mittlerweile wird die Facebook-Seite von „Worst of Chefkoch“ von über 150.000 Fans abboniert und das Autorenduo tourt mit einer „Anti-Kochshow“ durch Deutschland.
 
Wie lässt sich ein derartiger Erfolg erklären? Anscheinend haben die Blogger einen Nerv der Zeit getroffen. Einer Zeit, in der selbst die simpelsten Mahlzeiten aufwendig zur Schau gestellt und tausendfach gelikt werden. Im Englischen gibt es dafür sogar ein neues Adjektiv: instagrammable – instagramtauglich. Man spricht in diesem Bezug auch von „Food Porn“.
 
Der Trend des instagrammable Food provoziert einen Antitrend, eine Lust am „Bad Food Porn“, am ästhetisch und geschmacklich Entgleisten und Jämmerlichen. „Worst of Chefkoch“ funktioniere so gut, so Lukas Diestelbach, weil sich jeder beim Scrollen endloser Foodbilder auf Instagram freue, wenn er mal auf etwas stoße, was zwar nicht besonders gut aussehe, aber näher an dem dran sei, was man zu Hause koche. Zum Beispiel Gulasch. Wer schon versucht hat, Gulasch so zu fotografieren, dass er ansprechend wirkt, weiß worum es geht.
 
Bedeutet das, „Worst of Chefkoch“ feiert das Gewöhnliche und lobt die Mittelmäßigkeit? Nach dem Motto: „Chillt mal Leute, weniger Kontrolle und Organisation, mehr Spaß und Spontaneität“? Mitnichten. Durch das Bloßstellen der „Rezepte des Grauens“ wird das kulinarische Versagen, das sich als Kochkunst schmückt, oft mit sehr unverblümten Worten angeprangert. Denn klar kann man sich Leberkäse auf ein mit 1 TL Senf bestrichendes Toastbrot legen, aber muss man das Ding gleich als „Rezept“ bei Chefkoch.de hochladen? Kochen ist mehr als das. Kochen ist eine durchdachte Aufeinanderfolge bestimmter Tätigkeiten. Kochen ist Mühe. Und Kochen ist Respekt: für sich selbst und für diejenigen, für die man kocht.

Wurstgulasch von Sachsen an die deutsche Nation

An den Texten des Duos Diestelbach & Löffelbein wird auf herrliche Weise deutlich, wie unterhaltsam sich über Ungenießbares schreiben lässt. Abartige Mahlzeiten, denen unmögliche oder unbeholfene Namen gegeben werden, bieten viel Raum für Fantasie. Wer ist der Mensch, der seinen Gulasch stolz „Wurstgulasch von Sachsen an die deutsche Nation“ nennt? Und wer bildet sich ein, die Community mit einem Rezept für „Salzstangen-Auflauf“ beglücken könnte, einer Kreation, die nichts als ein Klumpen aus Salzstangen mit Schinken und überbackenem Käse als Kleistermasse ist? Die Texte sind nicht nur urkomisch, sondern auch abwechslungsreich: mal kafkaesk, mal abenteuerlich, mal verspielt poetisch. Es gibt sogar gereimte Gastrolyrik und Rätselspiele, die sprachlich irgendwo zwischen Yoda und Heidegger angesiedelt sind (Was ist die Frage der zermürbernden Zermürbung?). Es gibt auch eine pikante Ministory, die, zugegeben, nicht sehr raffiniert ist – aber der Speisename „Versteckte Bananen à la Christa“ ist ja auch eine Steilvorlage für unverblümte Schlüpfrigkeit.

Silvester: lieber beim Käsefondue bleiben

Im Buch sind die Schreckrezepte nach Kategorien geordnet: Vorspeisen, Hauptgänge, Nachtisch, Für die Kleinen (hier lassen einen vor allem „Hello-Kitty-Gyros“ und „Tausend-Augen-Kuchen“ erschaudern) und Getränke. Letzteres beinhaltet „Topf – den wohl größten Cocktail der Welt“ aus Wodka, Red Bull, Cola, Fanta und Orangensaft. Auf dem zugehörigen Foto schwimmt im „Topf“ eine verlorene Salzstange. Aus welchen Gründen auch immer.
 
Leider gibt es im Buch kein extra Kapitel für „Festliches Essen“. Man wird also vergebens nach mit Gummibärchen gefüllter Weihnachtsgans oder nach Rotkohl mit Bananen blättern. Offenbar gibt es auch im Chefkoch-Universum Traditionen, an denen nicht gerüttelt werden darf. 
 
Für Partys – Achtung, Silvester! – findet sich dafür eine beachtliche Auswahl an Gerichten, die den Lesern und Leserinnen einen gemeinsamen Spaß am Kochen und Verzehren versprechen. Zum Beispiel die „Lasagne mit Hühnerherzen, Bananen und Champignons“ oder der „Big Mac Salat“, der genau das ist, was der Name besagt: Big Mac als Schichtsalat, die wattigen Brötchenscheiben a la McDonald´s ganz oben. Oder das „Hackfleisch vom Blech mit Ananas und Frühstücksspeck“. Alles schön und gut, solange der Magen es toleriert. Aber besser, man lässt die Finger davon und bleibt zum Silvester beim guten alten Fondue. Mit Käse, nicht mit Marshmallows. Denn, so das Fazit von „Worst of Chefkoch“, es ist okay, Nein zu sagen. Auch zu Rezepten.
Einen guten kulinarischen Rutsch allerseits!
 

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