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Ländliche Gebiete in Deutschland - Reportage
Zu Besuch in deutschen Landen

Vierte Station - ein Fest in Einselthum
Vierte Station - ein Fest in Einselthum | Foto © Joanna Strzałko

Auf meiner Reise durch Deutschland machte ich in mehreren kleinen Dörfern Station, um die Ortansässigen nach ihrem Leben zu fragen. Drei Bundesländer, fünf Stationen, dreizehn Gespräche und dieses Bild.

Von Joanna Strzałko

Erste Station. Bayern und der verfluchte Kurort

Als es Abend wird, bin ich in Rimbach im Bayerischen Wald, nahe der tschechischen Grenze. Zur Auswahl stehen mir ein Vier-Sterne-Hotel nebst SPA, ein menschenleerer Gasthof für mehrere Hundert Gäste, eine mehrstöckige Pension oder Bed&Breakfast im „Landhaus Wilma“.

Wilma Titz ist nicht da, als ich an die Tür klopfe. Zur Begrüßung bekomme ich ein Bier aus dem Kühlschrank und die Gesellschaft ihres Mannes Rolf.

„Rimbach war einmal richtig groß“, seufzt er, als wir im Wohnzimmer Platz nehmen, um über das Dorfleben zu sprechen. „Viel größer als das benachbarte Kötzting. Und damit meine ich nicht die Fläche oder die Einwohnerzahl“, er presst die Lippen zusammen.

Rimbach mit seinen Bergen und Seen war, wie sich herausstellt, einst ein beliebtes Reiseziel der Berliner. Auch waren hier während des Kalten Krieges Amerikaner und Franzosen stationiert, was den Einwohnern, die den Soldaten Zimmer vermieteten, ganz annehmbare Einkünfte verschaffte. Vom Militär, das Masten zum Abhören der Russen hinter der tschechischen Grenze aufstellte, flossen Investitionen. Und das sensationelle Frauenfußballspiel Amerika gegen Deutschland lockte Tausende Zuschauer aus dem ganzen Land her.

„Aber heute ist alles anders“, erzählt der Hausherr. „Denn heute gibt es Bad Kötzting.“ Das „Bad“ hat eine Bedeutung – ein „Kurort“ zieht mehr Touristen an, die Wellnessurlaub machen wollen. Noch dazu hat in Kötzting der größte Aquapark der ganzen Gegend aufgemacht. Damit können sich die Rimbacher nur schwer abfinden.

„Schuld daran ist nur die Gier“, meint Rolf. „In den Neunzigerjahren sind wir mit ein paar Leuten mit dem Bus durch Deutschland gefahren und haben Reklame für unser Dorf gemacht, um Feriengäste zu gewinnen. Sponsoren hatten wir, Infostände, Spezialitäten der Rimbacher Küche, Aufgesetzte und Brände. Doch bei der Abrechnung waren dann plötzlich ein paar Rechnungen verschwunden, alles endete im Streit, die Geldgeber zogen sich zurück, und so begann die Ära des Stillstands. Das kam Kötzting zugute“, er seufzt. 

Als Wilma sich zu uns setzt, erzählt sie vom Rimbach ihrer Jugend. „Jeder besaß ein paar Tiere, ein Stück Ackerland. Aber davon konnte man kaum überleben. Also fuhren die Männer zum Arbeiten in die Stadt, die Frauen blieben im Dorf und kümmerten sich um die Höfe. Seit die ersten Supermärkte eröffnet haben, lohnt sich die Tierhaltung nicht mehr; Fleisch, Butter, Käse sind im Supermarkt billiger. So verschwanden nach und nach die kleinen Bauernhöfe, nur die größten können sich heute noch halten. Die übrigen Rimbacher versuchen, vom Tourismus zu leben. Doch viel Geld bringt das nicht ein.“ 

Ich frage Wilma und Rolf, ob sie mich mit einem Rimbacher Landwirt bekannt machen könnten. Sie lächeln. „Das ist ein ganz spezieller, misstrauischer Menschenschlag. Trotzdem – wir versuchen es“, sagen sie. „Kommen Sie nächste Woche wieder.“ 

Zweite Station. Baden-Württemberg und der verschwindende Punkt

Als nächstes fahre ich Richtung Westen, nach Seckenheim. Von einer Stadt soll Seckenheim geschluckt worden sein, habe ich gelesen – und das, obwohl es das größte und reichste Dorf in Baden gewesen sei. Nur fünf von fünfzig Landwirten haben die Invasion überlebt. Heidi und Rudi Frey, deren Hof jetzt sieben Minuten von einer Straßenbahnhaltestelle entfernt liegt, machen ihrem Kummer Luft.

Heidi und Rudi Frey Heidi und Rudi Frey | Foto © Joanna Strzałko „Für uns lohnt sich das einfach nicht mehr“, sagt die zierliche Heidi, die ihre Hände nicht in den Schoß legen kann. Während wir reden, in ihrer warmen Küche, deren Wände gespickt sind mit Fotos der Enkelkinder, häkelt sie, näht die Ärmel an der Jacke ihres Enkelsohnes wieder an, hilft ihrer 92-jährigen Mutter ins Bad, setzt Tee auf. „In den Neunzigerjahren haben wir den polnischen Erntehelfern fünf Mark die Stunde gezahlt, den Spargel haben wir wir für fünfzehn Mark das Kilo verkauft. Heute ist der Mindestlohn für die Arbeiter viermal so hoch. Und der Spargelpreis? Hat sich kein Stück bewegt!“

Neben ihr sitzt Rudi, ein Mann um die Sechzig mit breiten Schultern, die Hände zu Fäusten geballt. Für ihn und seine Nachbarn, sagt er, lohne es sich mehr als die Landwirtschaft, wenn sie ihr Land verpachten oder als Baugrund verkaufen. Vielleicht lässt ihm deswegen die Frage keine Ruhe: „Warum können die Bauern an ihren Lebensmitteln nichts verdienen?“

„Für Salat oder Milch zahlen die Leute einen Euro, für einen Pullover oder Schuhe geben sie gut und gerne Hunderte aus!“, wirft Heidi ein und fuchtelt mit der Schere. „Gibt es in der Kosmetik- oder Textilbranche etwa Subventionen?“, sie hebt Stimme und Schneidgerät. „Nein!“, kappt sie das Fadenende an der Jackennaht.

„Wenn man die Preise ein klein wenig erhöhen würde, wären keine Lebensmittelsubventionen mehr nötig, kleine und mittlere Bauernhöfe wie unserer hätten eine Chance zu überleben“, Rudi hebt hilflos die Arme.

Vor allem tut es Heidi um die Tiere leid. Wenn ihre Haltung sich lohnen sollte, müssten in einer Box nicht zwei, sondern vier Kühe stehen, nicht fünf, sondern zehn Schweine. „Mein Vater kannte jede Kuh und jedes Schwein im Stall mit Namen“, erzählt sie. „Er sprach mit ihnen, streichelte sie, hatte Tränen in den Augen, wenn es zum Schlachter ging. Und heute? In den Ställen ist es eng, die Tiere leiden Schmerzen. Und wir Menschen sind grausam und gnadenlos geworden. Hauptsache, viel und billiger – wie, ist uns egal. Dabei ist es doch nicht egal, was man isst.“

Über die Frage, ob sie schon immer auf dem Land leben wollten, müssen Heidi und Rudi eine Weile nachdenken. „Ich bin ja nicht gezwungen worden, aber meine Eltern haben mich so erzogen, dass ich es wollte“, sagt Heidi. „Meine eigenen Träume waren nicht wichtig. Seit ich zurückdenken kann, wollte ich, um es meiner Familie recht zu machen, immer einen Bauernhof führen und einen Landwirt heiraten.“

Bei Rudi, der in Seckenheim geboren ist und insgeheim gern Elektrotechniker geworden wäre, war die Situation von Anfang an klar. Sein älterer Bruder zog weg, die Landwirtschaft interessierte ihn nicht. Ob er wollte oder nicht, musste Rudi den elterlichen Hof übernehmen. Bald darauf lernte er Heidi kennen, auf einer Tanzveranstaltung beim Fest der Tabakernte. „Vor vierzig Jahren war es noch wichtig, dass die Zukünftige aus derselben Gegend kam“, erzählt Rudi. „Es hieß, der Turm unserer Dorfkirche markiere die Grenze: Wenn man den Turm vom Fenster ihres Hauses aus sah, eignete sie sich zur Ehefrau – wenn nicht, dann wohnte sie zu weit weg“, er schmunzelt.

„Ja, nicht die Liebe zu der Frau, sondern die Liebe zum Land zählte“, lacht Heidi. – „Also hör mal, verliebt waren wir aber schon!“, kontert Rudi und wird rot.

Heidis Vater hatte sich immer einen Sohn gewünscht. Zwei Töchter hatte er bereits, als Heidi geboren wurde. Weil sie ihn nicht enttäuschen wollte, übernahm sie die Rolle des ersehnten Erben. Während ihre Schwestern zum Gymnasium gingen, arbeitete sie, seit sie denken kann, auf dem Hof mit. „Meine ersten Erinnerungen? – Ich bin drei Jahre alt, trage eine Milchkanne, nichts darf verschüttet werden. Oder ich helfe nachts bei der Geburt von Ferkeln, als ich das Blut sehe, wird mir ganz schlecht.“ Dass Heidi zur Schule musste, betrachteten die Eltern als Last; nur selten hatte sie die Zeit, ihre Hausaufgaben zu machen. „Meistens schrieb Vater eine Entschuldigung und gab mir für die Lehrer eine Wurst mit“, erinnert sich Heidi. „Und als es das Angebot gab, nachmittags nach der Schule einen Zusatzkurs in Englisch zu belegen, bat er mich inständig, es nicht zu tun.“

„Vielleicht ist das der Grund“, meint Rudi, „dass wir unseren Kindern immer erlaubt haben, zu träumen und ihre eigenen Pläne zu verwirklichen. Wir sagen unserem Sohn und unserer Tochter: ,Warum sollt ihr sechzehn Stunden am Tag schuften wie wir, wenn ihr in der Stadt eine Arbeit mit viel kürzerer Arbeitszeit und für einen besseren Lohn haben könnt? Geht in die Welt und sucht euch etwas, das euch Spaß macht.ʻ“

„Aber was wird aus Ihnen?“, frage ich Heidi und Rudi. – „Wir verschwinden“, sagen sie. Und fügen hinzu, dass in Deutschland in ländlichen Gegenden nur die größten Höfe überleben, Essensfabriken eigentlich.

„Es sieht nicht gut aus“, meint Heidi, und Rudi seufzt: „Traurig.“

Dritte Station. Rheinland-Pfalz und die Rückkehr zu den Wurzeln

„Wir waren hier vielleicht nicht die Reichsten, aber auch bestimmt keine Kinder von Traurigkeit“, lacht Daniel*, als er mich in seinem Heimatdorf Harzofen herumführt, das in einem tiefen Tal in Westdeutschland liegt, bei der französischen Grenze. „Hier war eine Kneipe, und hier, und hier“, zeigt er mit seiner rauledern behandschuhten Hand, „dort saßen die Männer, Holzfäller vor allem, abends nach der Arbeit im Wald. Mein Großvater, mein Vater. Sie tranken Bier, rauchten, spielten Karten, redeten. Dieses Leben gibt es heute nicht mehr. – Vielleicht auch besser so?“, setzt er nachdenklich hinzu.

In Harzofen lebt nur noch ein Landwirt und Holzfäller – Herbert Haag, ein Verwandter von Daniel. Die Kneipen gibt es nicht mehr, kein Postamt, keinen Spielplatz. Kinder übrigens auch kaum. Nur die Häuser sind mehr geworden – ungefähr dreißig an der Zahl.

Herberts Holzvilla thront etwas oberhalb der restlichen Umgebung. Ein schmaler Pfad führt hinauf, weiter oben ist nur noch Mischwald. Wir setzen uns ins Wohnzimmer, an einen massiven Tisch neben einem grünen Kachelofen. Herberts Frau Annoushka gießt uns Apfelsaft in hohe Gläser. „Probier mal, die Äpfel sind aus unserem Garten“, sagt sie.

Harzofen Harzofen | Foto © Detlef Haag „Wir waren hier im Dorf zwanzig junge Leute in ähnlichem Alter“, erzählt der dunkeläugige Herbert und streicht über seinen Spitzbart. „Nur ich bin in Harzofen geblieben, und ich bin auch der einzige, der Kinder hat – drei erwachsene Kinder aus erster Ehe und zwei kleine mit Annoushka“, liebevoll betrachtet er seine junge Frau.

Ein Leben außerhalb seines geliebten Dorfes konnte Herbert sich nie vorstellen. Und auch wenn man nicht mehr von der Landwirtschaft allein leben kann, wie er sagt, besaß er doch immer schon großen Einfallsreichtum. Bis heute verdingt er sich beim Holzfällen, hilft bei der Renovierung von Häusern in der Umgebung, hat außerdem einen Vertrag mit den umliegenden Gemeinden über die Geländereinigung bei Wasserentnahmestellen. So kommt immer ein bisschen Geld zusammen.

„Wir brauchen nicht viel; Annoushka und ich wollen zu unseren Wurzeln zurückkehren und so leben wie unsere Vorfahren“, sagt Herbert. „Wir haben ein paar Schweine, Schafe, einen Obstgarten, Gemüse, Holz aus dem Wald, mit dem wir das Haus heizen und Wasser warm machen. Geräte, die Strom benötigen, haben wir nicht – keinen Fernseher, kein Telefon. Kleidung kaufen wir uns auch nicht, wir arbeiten alte Kleider um.“

Auf Fotos aus den Fünfzigerjahren, die Herbert im Familienalbum aufbewahrt, ist eine Straße zu sehen, zu deren Seiten sich einst Roggen- und Haferfelder, Wiesen und ein Wald erstreckten. „Damals waren die Harzofener Selbstversorger“, erklärt Herbert. „Im Winter schnitt der Schnee sie von der Außenwelt ab. Außerdem hatten sie gar kein Geld, um sich Lebensmittel zu kaufen.“

„Erst als eine Buslinie eingerichtet wurde, in den Sechzigerjahren, öffnete sich für die Bewohner unseres Dorfes die Welt“, mischt Daniel sich ins Gespräch ein. „Damals begannen die Männer statt in den Wald in Fabriken zu fahren. Die Leute verdienten Geld und bauten sich größere Häuser aus Ziegelsteinen, gingen sonntags mit der Familie zum Essen ins Restaurant. Die Wälder verwilderten, die Felder lagen brach. Und in den Siebzigern erschienen plötzlich die ersten Verkaufsanzeigen für Grundstücke. Die Harzofener hatten keine Zeit und keine Kraft mehr, ihre Höfe zu bewirtschaften.“

Heute fahren die meisten Nachbarn von Herbert, die noch nicht in Rente sind, zur Arbeit in andere Orte. Die BASF-Fabrik in der Nähe beschäftigt 36.000 Angestellte. 

„Sterben die Dörfer aus?“, überlegt Herbert laut. „Nein, in den Städten kann man schließlich nicht mehr leben“, beantwortet er seine Frage selbst. „Mein älterer Sohn hat es versucht, doch vor Kurzem ist er zurückgekommen hier in die Gegend, jetzt will er Waldarbeiter werden. Und meine Tochter arbeitet in einer Konditorei im Nachbardorf. Ja, es geht ihnen gut hier, fernab von der großen weiten Welt.“

Doch die große weite Welt kommt in Herberts Wohnzimmer. Einmal im Monat treffen sich bei ihm Irish-Folk-Fans aus allen Ecken Deutschlands. Gitarren, Ziehharmonikas, Fiedeln spielen; das Echo trägt die Lieder weithin über die Pfälzer Berge.

„Du musst unbedingt einmal zu so einem Abend kommen!“, lädt mich Annoushka beim Abschied ein. „Wir singen, tanzen, trinken Whisky. Wirst schon sehen, das Landleben ist ganz okay“, lacht Herbert.

Vierte Station. Rheinland-Pfalz und die bösen Blicke der Nachbarn, das gute Händchen der Bürgermeisterin

„Ich musste einen langen Weg zurücklegen, um das Landleben schätzen zu lernen“, vertraut mir der 32-jährige Georg Schwedhelm an, der mich im eleganten schwarzen Sportanzug in seiner weitläufigen Vinothek empfängt. 

Geboren und aufgewachsen ist er in Zell, einem Zweihundert-Seelen-Dorf tief in den Weinbergen. Keine Spielkameraden, kein Laden, nichts. Nur eine Kirche, ein Hotel und zwei internationale Wanderwege, die durch den Ort führen: der Jakobsweg nach Spanien und die Weinstraße nach Frankreich. Seit er denken kann, plante Georg seine Flucht über diese Wege, nur weg von seinem Heimatdorf. 
  • Die Brüder Schwedhelm: Georg und Stephan Foto aus der Sammlung der Familie Schwedhelm
    Die Brüder Schwedhelm: Georg und Stephan
  • Ein Fest in Einselthum Foto © Joanna Strzałko
    Ein Fest in Einselthum
  • Das Dorf Zell Foto aus der Sammlung der Familie Schwedhelm
    Das Dorf Zell

„Ich atmete auf, als ich einen BWL-Studienplatz an der Uni Mannheim bekam“, erzählt er. „Doch die Freude hielt nur kurz an. Ich musste feststellen, dass das Stadtleben, dieser ständige Lärm und das Gedränge, enormen Stress für mich bedeuten.“

Deswegen sagt er gleich zu, als sein älterer Bruder ihm 2013 vorschlägt, gemeinsam das Weingut der Eltern weiterzuführen. Die beiden kommen gut miteinander aus, ehrgeizig sind sie und haben einen Plan. Die Zukunft gehört ihnen.

In blitzartigem Tempo tritt die Revolution bei Familie Schwedhelm ein. Die alte Weinkellerei und das Wohnhaus machen die Brüder dem Erdboden gleich; an ihre Stelle treten moderne, verglaste Gebäude, ein Weinkeller und eine Vinothek mit Designermöbeln und Aussichtsterrasse. Sie setzen neue Rebsorten, besorgen Weintanks und Fässer – investieren alles, was sie haben, und sogar etwas mehr. 70 Stunden schuftet jeder pro Woche, das Privatleben wird hintangestellt. 

Nur die Besuche von Nachbarn bringen sie hin und wieder aus dem Tritt. „Sie kamen und gaben ihre Kommentare ab: ,Schaut nur, wie sie das Familienerbe ruinierenʻ, ,Das schaffen die doch nieʻ“, berichtet Georg. „In ihren Worten schwang Neid mit. Vielleicht, weil sie selbst nie irgendeine Veränderung gewagt hätten und ihre Weingüter seit vierzig Jahren an der Rentabilitätsgrenze wirtschafteten.“

„Und eure Eltern?“, frage ich.
„Die haben zum Glück verstanden, dass ein Generationswechsel nötig war und viele Opfer erforderlich machte“, lacht Georg. 

Das Weingut der beiden Brüder ist heute 30 Hektar groß und wirft 130.000 Flaschen Wein jährlich ab; ihr Riesling „Schwedhelm. Zellertal“ wird in Deutschland, Schweden, Norwegen und Dänemark verkauft. Angeblich soll er bald auch auf dem russischen Markt erhältlich sein.

„Arbeitet ihr mit den Nachbarn zusammen?”, will ich wissen.
Georg lächelt geheimnisvoll. „Mit den Weinbauern aus Zell selbst haben wir keine Geschäftskontakte, dafür aber mit vielen Familien oder Firmen außerhalb unseres Dorfes. Letztes Wochenende haben wir zusammen einen ,offenen Freitagʻ organisiert. Ein Bus brachte die Gäste von Weingut zu Weingut. Und weißt du was? Wir hatten an dem einen Tag über zweitausend Kunden! Selbst die ältesten Einwohner von Zell können sich nicht erinnern, dass es hier je so einen Menschenauflauf gegeben hätte!“, lacht Georg.

An Menschenmengen gewöhnt sind die Bewohner des Nachbarortes Einselthum, gerade mal einen Kilometer von Zell entfernt. Marion Baumrucker, die vor Energie sprühende Dorfbürgermeisterin, hat einen randvollen Veranstaltungskalender – von Mai bis Jahresende vergeht keine Woche, ohne dass in Einselthum irgendetwas los wäre. Und zu ihren Veranstaltungen strömen die Leute in Scharen.

Zum Beispiel am Sonntag, dem 11. November, als die Einselthumer ihre Fenster putzten, goldene Kastanienblätter von den Wegen aufsammelten, ihre rotgelben, der spanischen Flagge zum Verwechseln ähnlichen Ortsfahnen hinaushängten und ein farbenfroher Reigen durch den Ort tanzte. Eine Kapelle spielte, die Musiker hatten schwarzgrüne Irokesen, Weinköniginnen schenkten großzügig Landwein aus, es gab einen Rock’n’Roll-Traktor mit Bier, einen Wagen mit Äpfeln, einen anderen mit Wein. Der Anlass? 
„Jeder Anlass ist gut genug zum Feiern“, sagt Marion Baumrucker.

In Einselthum nämlich, wo entlang des Hauptwegs stattliche mehrstöckige Häuser mit einer imposanten Anzahl von Fenstern stehen (30 zählte ich bei einem), deren Vorgärten hinter so hohen Toren liegen, dass sie gut und gern für Tore von Wehrschlössern durchgehen könnten, gibt es keinen einzigen Laden, kein Café, keine Bäckerei. Feste und Veranstaltungen bieten somit für die Einwohner eine willkommene Gelegenheit, das Haus zu verlassen, und für die Weinbauer, ihren Wein zu bewerben.

„Unser Dorf ist anders als andere“, meint Marion Baumrucker. „In dreißig Jahren sind zweihundert Einwohner hinzugekommen, jetzt sind wir achthundert. Eine neue Siedlung wird gebaut, die jungen Leute kommen zurück, die vorher weggegangen sind, um Schulen zu besuchen. In Einselthum gibt es Unmengen an positiver Energie – wir haben einen Chor, eine Freiwillige Feuerwehr, einen Frauenkreis, einen Seniorenclub. Nur der Charakter des Dorfes ändert sich.“

Früher gab es hier acht Weingüter, heute sind es noch drei – und niemand weiß, ob es Nachfolger geben wird. Weitere drei Familien leben von den Früchten der Erde – Rüben, Zuckerrüben, Kartoffeln, Mais, doch die Leute werden älter, und wer weiß, ob ihre Kinder die Höfe weiterführen werden. Die übrigen Einwohner pendeln zur Arbeit in den Chemiewerken in Worms oder Ludwigshafen. Dort verdienen sie mehr, und die Arbeit ist leichter als auf dem Feld.

„Was wird dann aus dem ganzen Land rund um Einselthum? Aus den riesigen Feldern?“, ich zeige auf die Hügel ringsum.
„Das Land bleibt“, sagt Marion Baumrucker. „Nur dass ein Außenstehender kommt und es kauft oder pachtet. Wahrscheinlich irgendwelche Geschäftsleute aus der Stadt“, ergänzt sie seufzend. 

Fünfte Station. Bayern und die Hoffnung in Gott

Zum Schluss meiner Reise kehre ich nach Rimbach zurück. Wilma und Rolf haben Wort gehalten; gemeinsam fahren wir zu einem Rimbacher Bauern.

„Grüß Gott“, mit dem traditionellen bayerischen Gruß empfängt mich der gedrungene, kräftige Karl Mühlbauer im karierten Hemd. In seiner hellen Wohnküche erwarten uns schon seine Frau Margarete, sie trägt eine geblümte Bluse, und ein Freund der beiden, Alfred Silberbauer, neben ihm liegt ein schwarzer Filzhut, wie ihn die Männer hier tragen. Durch die Wohnung läuft ein großer, lebensfroher Hund. 

„Erst einmal ein Glas Saft für jeden, gell“, schlägt Margarete vor. „Unsere Apfelbäume sind über hundert Jahre alt. Ja, du musst wissen: Dieses Land hier, mehr als vierzig Hektar“, sie zeigt aus dem Fenster hinter Karl, „gehört schon seit mehreren hundert Jahren meiner Familie.“
  • V.l.n.r. Alfred Silberbauer, Margarete Mühlbauer die Jüngere, Rolf Titz, Karl und Margarete Mühlbauer Foto © Detlef Haag
    V.l.n.r. Alfred Silberbauer, Margarete Mühlbauer die Jüngere, Rolf Titz, Karl und Margarete Mühlbauer
  • Rimbach im Jahr 1942 Foto aus der Privatsammlung von Alfred Silberbauer
    Rimbach im Jahr 1942
  • Der Bauernhof von Karl und Margarete in Rimbach Foto aus der Privatsammlung von Alfred Silberbauer
    Der Bauernhof von Karl und Margarete in Rimbach

Karl und Margarete leben von ihren Milchkühen, vierzig haben sie davon, und noch einmal so viele Rinder, die sie nach zwei Jahren für die Schlachtung verkaufen. Die Tiere sind nicht angebunden und können sich frei bewegen zwischen Stall und Weide. Die Mühlbauers haben keine Knechte und Mägde, sie machen all die Arbeit auf dem Hof allein.

„Und wie ist das, lohnt das sich für Sie?“, frage ich.
Am lautesten lacht Margarete darüber. „Du machst wohl Witze! Unsere Arbeit ist ein Hobby. Wir rackern uns ab von morgens bis abends, aber Geld bringt uns das keines ein. Trotzdem, auch wenn es schwer ist – ein anderes Leben können wir uns nicht vorstellen. Sag, Karl, wann hattest du das letzte Mal Urlaub?“, zieht sie ihren Mann auf.

„Das weißt du nicht mehr? 1950 war das, ungefähr vier Tage lang“, gibt Karl lachend zurück. Wieder ernst setzt er hinzu: „Hätten wir eine Massenproduktion an Milch oder Fleisch, dann könnten wir etwas verdienen. Aber bei so einem kleinen Hof geht das nicht. Wir bekommen 35 Cent für den Liter Milch, dabei sind die Tierhaltungskosten und all diese Versicherungen, die von den Bauern verlangt werden, enorm hoch.“

„Wir zahlen so viel, aber als eine unserer Kühe von Wölfen gerissen worden war, haben wir keinen Cent Entschädigung bekommen!“, beklagt sich Margarete. „Das hat mich so geärgert! Hunde seien das gewesen, haben sie uns gesagt. Aber der ganze Bauch der Kuh war aufgerissen, die Eingeweide gefressen. Welcher Hund tut sowas?“

„Man kann natürlich auf Automaten umsteigen, das ist auf Dauer billiger als Angestellte, trotzdem kostet es erst einmal mehrere Hunderttausend pro Maschine“, fährt Karl fort. „Und man müsste den Hof mit einer Hypothek belegen. Das schmeckt mir nicht.“
„Bekommt ihr denn EU-Förderungen?“, hake ich nach.
„Ja, 270 Euro pro Hektar im Jahr. Und Zuschläge für die Teilnahme am Programm für gesunde Ernährung, das ergibt an die 35-50 Euro pro Hektar“, zählt Karl auf.

Die jüngere Tochter der Mühlbauers betritt das Zimmer, Margarete, wie die Mutter. Lehrerin ist sie und wirft, wie Lehrerinnen es so an sich haben, gleich mit Daten und Fakten um sich. „Anfang des 20. Jahrhunderts machten die Ausgaben für Lebensmittel in Deutschland noch 70% des Familienbudgets aus. Wisst ihr, wie viel es heute sind?“, fragt sie. „Gerade mal 8-10%! Deswegen wissen die Leute das Essen nicht zu schätzen!“ 

Ich frage Margarete „die Jüngere“, wie ihre Bekannten zum Landleben stehen. „Die Landwirtschaft ist für junge Leute ein zu großes Risiko“, berichtet sie. „Sie ist mit Investitionen und ungewissen Einkünften, schwerer Arbeit und wenig Freizeit verbunden. Schließlich können die Leute sich kein Leben ohne Wochenenden, ohne Urlaube mehr vorstellen. Ich habe mehrere Freunde, die Höfe geerbt und den größten Teil des Landes oder Waldes verkauft oder verpachtet haben; den kleineren Teil haben sie für den Eigenbedarf behalten, um Gemüse oder Obst anzupflanzen, ihre eigene Milch zu haben.“

„Meine Kinder wollten mein Geschäft auch nicht übernehmen“, mischt sich Alfred Silberbauer ein. „Das sei ihnen zu viel Arbeit, sagten sie mir. Dabei habe ich die Bäckerei vierzig Jahre lang geführt, und vor mir mein Vater und mein Großvater. Die Fleischerei, die nebenan war, gibt es auch nicht mehr – aus demselben Grund.“ Er seufzt.
„Ja, aber was sollen wir dann essen?“, frage ich, leicht beunruhigt von der Vision unzähliger verlassener Dörfer.
„Was für eine Frage“, lacht Margarete „die Ältere“. „Fleisch aus Argentinien oder aus dem Reagenzglas.“
„Vielleicht könnte jeder zum Schluss noch etwas Optimistisches sagen?“, bitte ich meine Gastgeber.
„Mir fällt nichts ein“, sagt Alfred bitter und lässt den Kopf hängen.
„Und mir hat ein Motivationskurs für Landbewohner geholfen“, sagt Margarete „die Jüngere“. „Wir lernten dort positives Denken. Zum Beispiel: Statt große Mengen an Kartoffeln anzubauen und sie zu Schleuderpreisen an den Handel abzugeben, sollte man weniger, aber dafür bessere Sorten anpflanzen und sie im eigenen Hofladen verkaufen. Das zahlt sich mehr aus, und es ist weniger Arbeit. Man muss nur seine Einstellung ändern.“
„Ja, ich denke, überleben werden nur Idealisten, die viel auf sich nehmen für ihre Ideen, und die großen Höfe, die immer größer werden“, seufzt Karl.
„Ich bitte euch, hört auf zu jammern“, sagt Margarete „die Ältere“ mit einem Lächeln. „Schwierigkeiten hat es immer gegeben und wird es immer geben, aber wir sind noch jedes Mal mit ihnen fertiggeworden. Wir dürfen nicht zu viel erwarten, an den kleinen Sachen müssen wir uns freuen, wie es Gott befohlen hat.“
„Vielleicht hast du recht, alles in allem sieht es gar nicht so schlecht aus“, trösten wir uns zum Abschied mit einem Schluck Apfelsaft von den hundertjährigen Bäumen. 

Als ich Rimbach verlasse, dämmert es bereits. Ächzend erklimmt mein Auto die steilen Bergstraßen, Wälder und mondbeschienene Felder ziehen vorbei. Zeilen eines Gedichts begleiten mich: „Die Luft ging durch die Felder, die Ähren wogten sacht, es rauschten leis die Wälder, so sternklar war die Nacht.“** Dieses Bild.
 
Harzofen – Dorf in Rheinland-Pfalz, gelegen im Elmsteiner Tal im Pfälzerwald, 30 km entfernt von der französischen Grenze. Die ersten Erwähnungen Harzofens stammen aus dem Jahr 1765. Gegenwärtig leben hier 100 Einwohner.

Rimbach – Dorf in Bayern, gelegen im Bayerischen Wald, 10 km entfernt von der tschechischen Grenze. Zurzeit hat der Ort 2000 Einwohner.

Einselthum und Zell – zwei Dörfer in den Hügeln des Zellertals in Rheinland-Pfalz, bekannt für ihre Weine. Die ersten Erwähnungen des Weinanbaus in dieser Region stammen aus dem Jahr 791. In beiden Dörfern zusammen leben um die 1000 Menschen.

Seckenheim – Dorf am Neckar, das von der Stadt Mannheim in Baden-Württemberg geschluckt wurde. Anfang des 20. Jahrhundert lebten in Seckenheim um die 6000 Menschen. Heute, als Stadtbezirk von Mannheim, zählt es ungefähr 16000 Einwohner.

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