Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Reduzierung der Lebensmittelverschwendung
SirPlus – ein Lebensmittelmärchen

SirPlus Coverbild
Foto: Maja Seidel © SirPlus, Pressematerial

Soll abgelaufenes Essen immer weggeworfen werden? Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist eine willkürliche Einschätzung – erklären die Gründer des Berliner Supermarktes SirPlus. Dort kann man noch essbare Lebensmittel kaufen, die große Handelsketten nicht mehr wollten.

Von Karolina Sulej

Niemand wollte sie mehr. Sie waren alt und nutzlos.
Wie hatte es dazu kommen können? Waren sie nicht mehr attraktiv genug? Waren sie einfach zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort? Waren sie zu gewöhnlich? Oder, im Gegenteil, zu exquisit? Waren sie möglicherweise falsch einsortiert worden? Wozu waren sie noch gut? Ihnen blieb nichts anderes übrig, als sich in das Unvermeidliche zu fügen. Niemand machte sich mehr die Mühe, sie anzupreisen, sie anderen anzubieten. Sie waren wie Müll.

Doch dann kam er.
Er sagte, es sei alles nicht wahr. Er sagte, sie verdienten es, geliebt zu werden. Er erlöste sie. Er nahm sie unter seine Fittiche, machte sich stark für sie, prahlte mit ihnen. Sie waren wieder gefragt. So, wie sie waren: reifer, älter als die anderen.

Paprika, Tomaten, Gurken, Bananen, Mandarinen, Orangen, Kartoffeln und sogar Salate, die traurig die Köpfe hängen ließen. Schließlich begann er, sich auch um andere Lebensmittel zu kümmern: Brot, Nudeln, Getreide, Milch, Fleisch, Fertigsuppen, Getränke, Süßigkeiten... Die Liste nahm kein Ende.
Er sagte, er sei ihr Retter. Und, dass es viele wie ihn gebe.

Erstens: Teilen 

Der Supermarkt SirPlus Der Supermarkt SirPlus | Foto: Maja Seidel © SirPlus, Pressematerial „Ich fuhr morgens auf den Markt, ging von Stand zu Stand, fragte die Verkäufer, welche Produkte sich ihrer Ansicht nach nicht mehr für den Verkauf eigneten, und kaufte sie ihnen ab. Mal für den halben Preis, mal für ein Viertel, manchmal auch umsonst. In der Regel wollten sie ihre Lebensmittel gerne so lange wie möglich zum vollen Preis verkaufen, um möglichst viel Umsatz zu machen. Sie wussten, dass ich ohnehin warten würde. Aber sie wunderten sich immer über mich und sagten mir: Das ist doch Müll. Das wird doch bald schlecht, das sieht doch nach nichts aus, wer will denn das noch haben? Aber ich antwortete ihnen: Es ist noch immer gesund und schmackhaft, warum sollte man es wegwerfen? Letztendlich ließen sie sich von wirtschaftlichen Argumenten überzeugen. Ihnen wurde bewusst, dass sie gleich doppelt profitierten: Einerseits sparten sie die Entsorgungskosten, und andererseits zahlte ich ihnen auch noch etwas Geld.“

Leo fuhr fast zwei Jahre lang auf Berliner Wochenmärkte und kaufte Lebensmittel auf, bevor sie in den Müll wanderten. Leo arbeitet bei SirPlus, einem Berliner Unternehmen, das Lebensmittel mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum verkauft. Oder, wie die Betreiber es gerne bezeichnen, mit geretteten Lebensmitteln. Von Wochenmärkten, Großhändlern oder direkt vom Produzenten. Sie bezeichnen sich selbst als Lebensmittelretter und ermutigen ihre Kunden dazu, ihrem Beispiel zu folgen. Sie haben es sich zum Ziel gemacht, die Verschwendung von Lebensmitteln zu reduzieren. Die traditionellen Lieferketten halten sie für ineffektiv und korrekturbedürftig.

„Wusstest du, dass jede Minute in Deutschland eine LKW-Ladung an Lebensmitteln weggeworfen wird, die man noch essen könnte? Und dass man mit den weggeworfenen Lebensmitteln alle Hungernden auf der Welt ernähren könnte, sogar gleich viermal?“. Johanna liebt Zahlen, sie ist Bildungsreferentin bei SirPlus. Sie hat ein offenes Gesicht ohne ein Gramm Make-up, ihren ansteckenden Enthusiasmus verbirgt sie unter einer ruhigen Wesenart.

Gerade beginnt die monatliche Entdeckungs- und Probiertour durch einen der beiden SirPlus-Stores. Der erste Rettermarkt befindet sich in einem großen Einkaufszentrum an der Warschauer Straße in Berlin-Friedrichshain. Im Erdgeschoss, zwischen Vodafone und Deichmann, mitten im Gewirr von Kettenläden und Fast-Food-Restaurants. Der zweite Rettermarkt, in dem die Führung stattfinden wird, befindet sich in der Schloßstraße in Berlin-Steglitz, unweit des Steglitzer Rathauses. Es sind durchaus wohlhabende Berliner Bezirke, ständig schießen hier neue Geschäfte aus dem Boden: Schuhgeschäfte, Juweliere, Kaufhäuser, Haushaltswaren-, Textil- und Kosmetikläden. Der SirPlus-Store wirkt wie ein ironischer Fremdkörper in diesem Spalier von Gütern, die allesamt erstrebenswert erscheinen – ein Laden mit Dingen, die niemand mehr haben wollte.

Um mich und meine Übersetzerin herum hat sich bereits eine Gruppe von etwa zwanzig Personen versammelt. Johanna ist freudig überrascht, normalerweise kommen nur wenige Interessierte zu diesen Veranstaltungen.

„Hier seht ihr, wie viel Lebensmittel an den unterschiedlichen Etappen der Verbraucherkette weggeworfen werden.“ Johanna deutet auf ein Schaubild. „14 % gehen bereits während der Ernte verloren, noch einmal soviel bei der Weiterverarbeitung und noch einmal so viel auf dem Transportweg. Weitere 19 % werden schließlich von den Großhändlern nicht abgenommen. Doch am meisten verschwenden wir selbst, also die Konsumenten: ganze 39 %. Wir sind also für über die Hälfte aller weggeworfenen Lebensmittel selbst verantwortlich. Könnt ihr mit gutem Gewissen sagen, dass ihr Essen nur dann wegwerft, wenn es wirklich gesundheitsschädlich ist?“, fragt sie scherzhaft aber auch ein wenig vorwurfsvoll und macht eine dramatische Pause. Dann führt sie uns zwischen den Ladenregalen entlang. Auf den ersten Blick sieht es hier aus wie in jedem anderen Lebensmittelgeschäft. Als ich näher hinsehe, bemerke ich jedoch, dass die Paprikas bereits ein wenig runzelig sind, die Bananen braune Punkte haben und die Avocados schon recht weich, also verzehrreif sind.

„Die Idee zu SirPlus stammt von Raphael Fellmer, den ihr bestimmt aus den Medien kennt“, erzählt Johanna weiter.

Ich hatte nie zuvor etwas von ihm gehört. Zum Glück habe ich jedoch vor der Besichtigung meine Hausaufgaben gemacht und erfahren, dass Raphael ein bekannter deutscher Aktivist ist, der mit Mitte zwanzig in einen „mentalen Geldstreik“ trat und über fünf Jahre lang ohne Geld lebte. Begonnen hatte alles mit einer Reise, die er gemeinsam mit zwei Freunden von den Niederlanden bis nach Mexiko unternahm – ohne einen einzigen Cent in der Tasche. Transport, Unterkunft und Essen erhielten sie kostenlos oder bezahlten dafür mit ihrer Arbeitskraft.

Nach seiner Rückkehr beschloss Raphael, den Menschen zu zeigen, dass man auch ohne Geld ein erfülltes Leben führen kann. Seine Erfahrungen beschrieb er 2013 in seinem Buch „Glücklich ohne Geld!“. Am meisten bewegte ihn das Thema Lebensmittelverschwendung. Bei seinen Reisen hatte er beobachtet, dass in jedem Land, das er besuchte, Tonnen von Lebensmitteln weggeworfen wurden, die noch essbar waren. Also trat er in einen Geldstreik und begann – im Einklang mit seinen Überzeugungen – sich von weggeworfenen Lebensmitteln aus Mülltonnen zu ernähren. Dabei bemerkte er, dass diese Lebensmittel nicht nur nahrhaft, sondern auch schmackhaft waren und sich kaum von denen in den Regalen unterschieden – außer, dass sie ihr Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten hatten oder kleine optische Makel aufwiesen.

Er beschloss, seine Erfahrungen mit anderen zu teilen, und gründete den Verein Foodsharing e. V. und die gleichnamige Plattform, um Lebensmittel aus Geschäften und Restaurants vor dem Wegwerfen zu retten. Heute hat die Plattform 30 000 aktive Mitglieder und fast 3 000 Kooperationsbetriebe. Die geretteten Lebensmittel werden an Bedürftige übergeben, aber auch an all jene, die lieber Lebensmittel verbrauchen wollen, die ansonsten weggeworfen würden, als neue zu kaufen. Die Teilnehmer können im Internet nachsehen, welche Lebensmittel gerade in ihrer näheren Umgebung verfügbar sind, und sich anschließend mit dem entsprechenden Foodsharer verabreden.

Mit der Zeit erkannte Raphael jedoch, dass es auch Grenzen gibt. Er war älter geworden, war Vater zweier Kinder, und seine Frau hatte allmählich genug von seiner radikalen Lebensweise. Sie hatte weiterhin Geld benutzt, wenn auch nur wenig. Hätte sie es nicht getan, hätten ihre Kinder nicht zum Arzt gehen können. Langsam erkannte Raphael, dass seine Lebensweise eine Belastung für seine Familie darstellte und dass er, wenn er so weiter lebte, sich zwar vom Kapitalismus lossagen, ihn jedoch nicht verändern könnte – und dabei sein eigenes Familienglück aufs Spiel setzte. Also beendete er seinen Geldstreik, aus der Einsicht heraus, dass man nicht unbedingt zu radikalen Mitteln greifen muss, um die Welt zu verändern, und dass man von anderen nicht erwarten kann, dass sie ihr Leben plötzlich nach fremden Prinzipien ausrichten – auch wenn diese noch so sinnvoll erscheinen. Er hörte auf, zu urteilen und zu kritisieren, und begann, zu beobachten. Wenn die Menschen so gerne in Geschäften einkauften, dann musste man ihnen eben ein Geschäft geben. Nur eben eines, das anders war, als die anderen.

Ladengeschichten 

Der erste SirPlus-Store, der in der Wilmersdorfer Straße in Berlin-Charlottenburg entstand, war mit 70 Quadratmetern noch recht klein, jedenfalls im Gegensatz zu den neuen Stores mit 300 bis 400 Quadratmetern. Mehrere Monate lang versuchten Raphael und seine Mitarbeiter, die Großhandelskette Metro als Kooperationspartner zu gewinnen. Doch in der Chefetage herrschte Skepsis: Wer will denn bitte abgelaufene Lebensmittel kaufen? Und was, wenn sich jemand vergiftet? Wer trägt dann die Verantwortung? Sie waren es gewohnt, nach bewährten Mustern zu arbeiten, und dieses Projekt schrie gerade nach Problemen.

„Ich wundere mich nicht wirklich darüber“, gibt Johanna offen zu, als wir uns im Büro von SirPlus miteinander unterhalten, „Sie mussten uns ja für verrückt halten, als wir ihnen unsere Idee vortrugen. Schließlich ist es der größte Albtraum eines jeden Supermarkts, wenn der Kunde in den Regalen abgelaufene Lebensmittel entdeckt. Und der größte Albtraum des Kunden, wenn er solche Lebensmittel auch noch isst. Dazu kommt noch ein weiterer Albtraum: Dass der Kunde im Geschäft nicht das findet, was er haben möchte. Ein Geschäft, das abgelaufene Lebensmittel verkauft, hat schließlich nur ein begrenztes, wechselndes Sortiment und nicht all das, was der Kunde sich möglicherweise gerade wünscht. Also alles in allem ein absolutes kapitalistisches Schreckensszenario!“, Johanna lächelt. „Und so soll es auch sein. Denn es geht uns in erster Linie um einen Wechsel des Narrativs.“ Eben dafür ist Johanna bei SirPlus zuständig. Solche Geschichten gab es bisher noch in keinem Lebensmittelgeschäft.
An den Regalen befinden sich Zettel, die die Arbeitsweise von SirPlus erläutern oder Ratschläge geben, wie man Lebensmittel wieder auffrischen kann. Die Lebensmittel sprechen für sich selbst – in der ersten Person. „Hast du zu viel von uns gekauft? Dann frier uns doch einfach ein!“, empfehlen die Brötchen. Ein paar alte Brotlaibe schlagen vor, sie mit Wasser zu befeuchten, und der Salat rät uns: „Wenn ich den Kopf hängen lasse, wickle mich einfach in ein feuchtes Handtuch.“ Die Bananen flehen: „Wir sind zwar schon etwas älter, aber gerade deswegen verdienen wir eine Extraportion Liebe“. Und über der Gemüseabteilung hängt ein Schild mit dem Hinweis, dass 30 Prozent des Gemüses bereits während der Ernte weggeworfen werden.

„Dabei ist Vielfalt doch etwas Wunderbares. Warum muss man alles, was ein wenig anders aussieht, gleich als Müll ansehen?“, fragt Johanna rhetorisch.

Im Logo von SirPlus befindet sich ein Herz. Und als ich Johanna frage, warum sie auf eine so einfühlsame, geradezu vermenschlichende Weise über Lebensmittel schreibt, antwortet sie mir schlicht und einfach: „Aus Liebe.“
„Wir setzen uns dafür ein, dass Lebensmittel wieder mehr wertgeschätzt werden, dass sie wortwörtlich geliebt werden. Dass die Menschen endlich aufhören, Lebensmittel, deren Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist, als Müll anzusehen. Deshalb bezeichnen wir unsere Mitarbeiter und die Menschen, die bei uns einkaufen, auch nicht als Konsumenten, sondern als Retter. Essen ist keine Selbstverständlichkeit. Wir sollten dankbar für jede Mahlzeit sein. Es ist ein Privileg, essen zu dürfen, so schmackhafte Sachen essen zu dürfen. Wir wollen vermitteln, dass wir eine Verantwortung gegenüber unserem Essen tragen. Lebensmittel sind keine abstrakten Gebilde, sondern Früchte der Erde und der menschlichen Arbeit, sie verdienen allein schon deshalb Respekt, weil irgendjemand eine Arbeitsleistung erbracht hat, damit wir sie kaufen können.“

Johanna hat sich auch die Rezeptideen ausgedacht, die zeigen, was man mit den im Laden erhältlichen Lebensmitteln alles machen kann, und versucht, die Waren so zu arrangieren, dass die Kunden Anregungen erhalten. Sie ist überzeugt davon, dass es ein allgemeines Bedürfnis nach Kreativität gibt.

„Erst einzukaufen und dann zu kochen, ist immer am einfachsten. Aber etwas aus dem zuzubereiten, was man gerade im Kühlschrank hat, erfordert wirklich Phantasie.“

Bevor Johanna zu SirPlus kam, hatte sie einige Jahre lang für eine bekannte deutsche Bio-Lebensmittelmarke gearbeitet. Dort war ihr aufgefallen, dass die Festsetzung des Mindesthaltbarkeitsdatums in den meisten Fällen nicht so sehr von der Qualität des Produkts, sondern vielmehr von den Vorgaben der Konkurrenz abhängt. Es ist ein Wettrennen, bei dem es nicht um unsere Gesundheit, sondern ausschließlich um Umsätze geht.

„Der Hinweis »mindestens haltbar bis« hat nichts mit gesundheitlicher Unbedenklichkeit zu tun. Er ist eine willkürliche Einschätzung des Produzenten. Er bedeutet nicht »zu verbrauchen bis:«. Habt ihr schon vergessen, wie eure Mütter und Großmütter Lebensmittel geprüft haben? Das Mindesthaltbarkeitsdatum wurde erst 1981 in Deutschland eingeführt. Wie hat man sich denn vorher vergewissert, ob sich etwas noch zum Verzehr eignet?“
„Man muss daran riechen“, sagt eine der älteren Teilnehmerinnen.
„Genau. Daran riechen, es sich genau ansehen, ein Stückchen davon probieren. Anstatt uns von fremden Empfehlungen leiten zu lassen, sollten wir uns lieber auf unsere eigenen Sinne und auf unseren gesunden Menschenverstand verlassen. Und genau das tun wir jetzt mal.“

Johanna verteilt unterschiedliche Produkte unter den Teilnehmern und bittet uns, zu schätzen, wie lange sie bereits abgelaufen sind, ohne auf das Mindesthaltbarkeitsdatum zu blicken. Ich erhalte Karamell-Popcorn und Erdnussflips. Das Popcorn ist ein wenig süßer und feuchter, aber es schmeckt gut. Die Erdnussflips sind etwas härter und trockener als normal. Ich schätze, dass das Mindesthaltbarkeitsdatum im Juli und im August lag. Wie sich herausstellt, ist es bereits im März und im Mai abgelaufen. Wir machen große Augen. Ich habe gerade mit Genuss etwas gegessen, das ich, wenn es nach dem Produzenten gegangen wäre, schon vor einem halben Jahr hätte wegwerfen sollen.
„Es schmeckt sicherlich etwas anders und sieht etwas anders aus, aber es ist immer noch gut, oder?“

Ich sehe wie zwei andere, jüngere Teilnehmer mit leichtem Ekel ein Glas mit veganem Brotaufstrich öffnen. An der Oberfläche hat sich ein merkwürdiger Belag gebildet. Johanna bittet sie, das Glas kurz zu schütteln. Zunächst zögern die beiden ein wenig, aber dann probieren sie den Brotaufstrich – und essen ihn schließlich ganz auf. Sein Mindesthaltbarkeitsdatum ist vor drei Monaten abgelaufen.

Johanne erklärt, dass es zwei unterschiedliche Kennzeichnungselemente für Lebensmittel gibt. Das eine ist das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD), das vom Produzenten festgelegt wird. Das andere ist das Verbrauchsdatum (VD), nach dessen Ablauf tatsächlich eine Gefahr für die menschliche Gesundheit besteht. Zwischen diesen beiden Daten liegt eine Grauzone, eine Terra Incognita, in der sich SirPlus bewegt.

„Unser Traum wäre es, dass irgendwann auf Lebensmitteln noch ein drittes Kennzeichnungselement angebracht wird, ein Mindestverzehrfähigkeitsdatum (MVD), bis zu dessen Ablauf es der Einschätzung des Konsumenten überlassen bleibt, ob er ein Produkt noch essen möchte oder nicht.“

Während Johanna sich mit den anderen Teilnehmern unterhält, sehe ich mir das Mindesthaltbarkeitsdatum auf den anderen Produkten an: Die Nudeln sind vor fast einem Jahr abgelaufen, der Ketchup und der Senf vor einem halben Jahr und das Mineralwasser und die Cola sogar vor mehreren Jahren.

„Es gibt auch Produkte, die man möglichst schnell verzehren sollte, so wie Gemüse, Fleisch und Käse. Die haben wir hier im Kühlschrank. Bei diesen Produkten fällt das Mindesthaltbarkeitsdatum fast mit dem Verbrauchsdatum zusammen, die Grauzone ist kleiner. Besonders bei Fischprodukten.“

Für die Qualitätskontrolle hat SirPlus eine Expertin angeheuert. Viktoria ist zwischen zwanzig und dreißig, trägt einen Nasenring und hat vor Kurzem ihr Studium in Lebensmittelwirtschaft abgeschlossen. Alles, was später in den Verkauf kommen soll – egal, ob vom Wochenmarkt, vom Großhändler oder vom Landwirt – landet zunächst bei Viktoria. Wenn sie ihr Okay gibt, wandert das Produkt in den Laden oder in das Lager. Jedes der Produkte wird anschließend in regelmäßigen Abständen getestet. Ich treffe Viktoria am nächsten Tag und frage sie nach ihren Erfahrungen.

„Am meisten liebe ich Überraschungen. Ich habe zum Beispiel bemerkt, dass verdorbene Kokosmilch nach Seife riecht. Auch bei vielen anderen Produkten treten nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums Veränderungen im Geschmack auf, die jedoch in den meisten Fällen nur geringfügiger Natur sind. Es ist eher eine Frage der Gewöhnung: Das Popcorn ist eben etwas feuchter oder die Schokolade etwas trockener. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die meisten Menschen durchaus experimentierfreudig sind. Nur wenn es um ihre Kinder geht, sind sie vorsichtiger. Sie selbst probieren gerne alles Mögliche aus, aber für ihre Kinder kaufen sie dann doch lieber in „normalen“ Geschäften ein.“

Einer der Teilnehmer überreicht Johanna mit triumphierender Mine einen Energy-Drink, dessen Mindesthaltbarkeitsdatum noch gar nicht überschritten ist, und fragt, warum er trotzdem hier verkauft wird. Johanna deutet auf die Liste mit den Inhaltsstoffen und erklärt, dass ein abgelaufenes Mindesthaltbarkeitsdatum nicht der einzige Grund ist, warum Lebensmittel weggeworfen werden. Ein Produkt kann zu Müll werden, weil es einen Fehler im Produktnamen oder in der Liste der Inhaltsstoffe aufweist oder weil es von einem Inhaltsstoff ein wenig zu viel enthält. Weil die Marke ein Rebranding durchgeführt hat und alles, was noch das alte Logo trägt, aus dem Verkehr gezogen wird. Weil es ein Saisonprodukt ist, wie zum Beispiel Osterhasen oder Weihnachtsmänner aus Schokolade, die nach den Feiertagen keiner mehr haben will. Oder weil irgendein Gewinnspiel oder eine Werbeaktion zu Ende gegangen ist.

Eine Teilnehmerin, die eine Coccinelle-Tasche über der Schulter trägt, fragt, ob SirPlus ausschließlich Bio-Lebensmittel rettet. Johanna verneint dies.
„Nein, wir betreiben keine Auslese. Jedes Lebensmittel ist es wert, gerettet zu werden. Es gibt keine besseren und keine schlechteren Lebensmittel!“, verkündet sie mit einer Ernsthaftigkeit, die einigen Teilnehmern übertrieben erscheint. Sie lächeln einander verstohlen zu.
Dafür strahlen alle vor Begeisterung, als es schließlich ans Bezahlen geht.

Ich habe gekauft:
Chips mit Paprika- und Olivengeschmack (160 g) für 0,95 Euro, also 70% günstiger.
Bio-Kakao mit Minze (100 g) für 1,95 Euro, also 76% günstiger.
Chili-Mayonnaise (50 ml) für 65 Cent, also 66% günstiger.
Eine Packung Kinder Bueno für 55 Cent, also 60% günstiger.
Bier für 50 Cent, also 66% günstiger.
Zwei Tomaten für ein paar Cent (ein Kilo kostet 1,50 Euro).
Ein halber Liter Sojamilch für 85 Cent.
Ein Glas Auberginen-Brotaufstrich für 1,20 Euro, also 50% günstiger.
 
Mein gesamter Einkauf kostet so viel, wie ich gestern in einem Bio-Laden in Kreuzberg für nur drei Produkte bezahlt habe. Johanna erklärt, dass der Preis jedes Mal aufs Neue mit dem Produzenten verhandelt wird und von dem jeweiligen Produkt, seiner Qualität und Haltbarkeit, abhängt. So erklären sich die unterschiedlichen Preisnachlässe, sie liegen jedoch alle zwischen 30 und 80 Prozent.

Hinter mir in der Schlange steht eine ältere Dame, die einen Apfel, Tomaten, Käse, Schokolade, Kaffee, Milch und Buchweizengrütze auf das Kassenband legt. Ich frage sie, wie ihr der Laden und die Führung gefallen haben.

„Ich bin Rentnerin und kann mir viele Dinge nicht leisten. Anfangs mied ich diesen Laden, weil ich Angst hatte, ich könnte mich vergiften. Doch inzwischen mache ich hier immer größere Einkäufe. Ich probiere auch gern neue Produkte aus, die ich vorher gar nicht kannte. Zum Beispiel diese Chips hier mit Essiggeschmack! Ich kann mir auch mehr leisten, weil hier alles so günstig ist.“
Die trendigen Chips landen in der Einkaufstasche der Rentnerin, die sich noch an das geteilte Berlin erinnert. Ich spreche einen jungen Mann an, der Kartoffeln, Yerba Mate und ein paar Bananen gekauft hat.

„Ich bin zu Forschungszwecken hier. Ich studiere Informatik und möchte im Rahmen meiner Magisterarbeit eine App entwickeln, die anzeigt, welche Maßnahmen gastronomische Einrichtungen gegen die Lebensmittelverschwendung unternehmen.“

Als die Führung zu Ende ist, bittet ein Obdachloser kurz um unsere Aufmerksamkeit. Erst jetzt fällt mir auf, dass er schon die ganze Zeit dabei war. Er sagt, es wäre gut, wenn die Menschen Lebensmittelreste nicht in die Mülltonne schmeißen, sondern vor die Haustür stellen – damit erspare man den Obdachlosen das Wühlen in Mülltonnen, was in Deutschland nämlich verboten sei. Alle nicken zustimmend. Auch die Frau mit der Coccinelle-Tasche, die zuvor gefragt hatte, ob nur Bio-Lebensmittel gerettet werden. Ich sage ihr, ich könne es mir nicht vorstellen, dass die Einwohner eines wohlhabenden Stadtteils in Polen in demselben Laden einkaufen gehen wie Obdachlose.

„Es geht uns ja nicht ums Prestige. Warum sollten wir mehr bezahlen als nötig? Mein Mann und ich kaufen am häufigsten bei Kaufland ein. Aber hier ist es noch günstiger!“

Wirtschaftsengel 

Am nächsten Tag besuche ich Johanna, Leo und Viktoria im Büro von SirPlus. Wir essen gemeinsam Lunch, das Essen stammt aus einem nahe gelegenen Restaurant – dank der App „Too Good To Go“, die einem anzeigt, wo man übrig gebliebene Lebensmittel abholen kann. Man muss sich nur anmelden und kann anschließend seine Tüte abholen. Johanna, Leo und Viktoria zeigen mir, wie es funktioniert. In einer Stunde könnte ich zum Beispiel auf meinem Weg zur U-Bahn eine Tüte Muffins in einem Café abholen. Aber jetzt kommt erst einmal ein Kuchen auf den Tisch.

„SirPlus holt nur das ab, was andere Organisationen aus unterschiedlichen Gründen nicht retten können“, erklärt Leo. „Bei unseren Partnern haben Foodsharer und gemeinnützige Organisation wie die Tafel immer Vorrang.“
Das Büro ist voller junger Leute. Es befindet sich in einem schlichten einstöckigen Gebäude, die Einrichtung ist überwiegend aus Holz, es gibt einen Essensraum mit gemütlichen Kissen und Lebensmitteln zum Mitnehmen. In ähnlichen Gebäuden um uns herum befinden sich andere junge Start-ups. Der gesamte Komplex nennt sich InfraLab und befindet sich auf dem EUREF-Campus in Berlin-Schöneberg.

„Zu Beginn mussten wir viel Überzeugungsarbeit leisten, inzwischen kommen die Betriebe von selbst zu uns. Der Großhändler Metro hat uns versprochen, die Zahl der weggeworfenen Lebensmittel bis 2025 um die Hälfte zu verringern. In gewisser Weise arbeiten wir gegen die Logik des Kapitalismus an – darauf hin, dass er irgendwann überflüssig wird.“

Von SirPlus gerettete Lebensmittel Von SirPlus gerettete Lebensmittel | Foto © SirPlus, Pressematerial „Die Reduzierung der Lebensmittelverschwendung ist kein Trend. Es ist nichts Cooles, womit man vor seinen Bekannten angeben kann. Es geht um die Lösung eines wichtigen gesellschaftlichen Problems, das wir uns selbst eingehandelt haben, indem wir die Qualitätsstandards immer höher geschraubt, uns gegenseitig überboten, die Erwartungen der Konsumenten in die Höhe getrieben und gleichzeitig ihr Wissen über Lebensmittel verringert haben. Deshalb mache ich so gerne Workshops mit Kindern. Gerade Kinder sollten verstehen lernen, dass es etwas Tolles ist, wenn Mama etwas aus den Resten im Kühlschrank zaubert, anstatt neue Lebensmittel im Supermarkt zu kaufen.“

Johanna erzählt mir, wie sie sich vor einigen Jahren, als sie noch Politik und Wirtschaft studierte, wunderte, warum alle in Berlin so einen Bio-Fimmel hatten. Worum ging es dabei eigentlich genau? Um diese Frage für sich zu beantworten, arbeitete sie in ihren Ferien als freiwillige Helferin auf einer Farm in Kanada. Dort lernte sie, wie man alles selbst macht. Wie man Kühe melkt, wie man Getreide anpflanzt und wie man Gemüse erntet. Ihr wurde bewusst, dass Essen etwas Politisches ist. Sie arbeitete zunächst für Foodsharing und landete schließlich bei SirPlus.

Leo hingegen kam, wie er selbst sagt, aus der harten Wirtschaft. Er hatte gelernt, wie man mit anderen konkurriert, wie man Schwächere übers Ohr haut und wie man viel Geld verdient. Aber das entsprach nicht seiner ethischen Überzeugung. Er wollte mit anderen zusammenarbeiten und Schwächeren helfen, das Geldverdienen stand für ihn nicht an erster Stelle. Er begann, sich mit der Theorie des Sozialkapitalismus und dem von Christian Felber entwickelten Konzept der Gemeinwohl-Ökonomie zu beschäftigen, die eine Orientierung der Wirtschaft an Werten wie sozialer Gerechtigkeit, Menschenwürde und ökologischer Nachhaltigkeit in den Vordergrund stellt.

„Klar wollen wir uns vergrößern. Mehr Läden eröffnen. Aber langsam, nach und nach. Wir haben keine Investoren, sondern nur Förderer, sogenannte „Business Angels“. Die machen das nicht, weil sie Geld verdienen wollen, sondern weil ihnen die Idee gefällt. Wir wollen auch kein Franchise gründen, sondern möglichst viele Menschen mit unserer Idee erreichen und flexibel mit allen zusammenarbeiten, die abgelaufene Lebensmittel in ihrem Land verkaufen wollen.“

Jedes Mal, wenn die SirPlus-Mitarbeiter von „abgelaufenen“ Lebensmitteln sprechen, hört man die Anführungszeichen. Am liebsten würden sie dieses Wort für immer aus dem gastronomischen Sprachgebrauch verbannen. Auf den Stofftaschen von SirPlus steht der Slogan „I don't care if you are abgelaufen or not“. Und darunter ist ein Herz abgebildet. 

Du hast eine Nachricht erhalten 

Raphael lerne ich nicht persönlich kennen. Wir unterhalten uns am Telefon. Er ist rund um die Uhr unterwegs, sitzt gerade im Zug, in der Straßenbahn oder im Bus (er fährt kein Auto und fliegt nur in Ausnahmefällen mit dem Flugzeug) oder nimmt an irgendeiner Veranstaltung teil. Er erklärt mir, dass seine Arbeit vor allem darin besteht, ununterbrochen zu reden.

Wenn er meinen Anruf gerade nicht annehmen kann, hinterlässt er mir eine Sprachnachricht auf WhatsApp. Zum Beispiel diese:
„Ich glaube, dass sich unsere Gesellschaft in den kommenden zehn Jahren dramatisch zum Besseren verändern wird. Die künstliche Intelligenz wird uns viele lästige Aufgaben abnehmen, wir werden endlich Zeit für uns selbst haben, für die Kunst, für den Umweltschutz. Ich glaube, dass wir eines Tages lernen werden, in Frieden und Harmonie miteinander zu leben.“

Nach Zweifeln sucht man bei Raphael vergeblich. Seiner Ansicht nach ist jeder imstande, so zu leben wie er: Kein Fleisch zu essen, nur gebrauchte Kleidung zu kaufen, mit anderen zu teilen, im Einklang mit der Natur zu leben, keine Lebensmittel zu verschwenden und sich Zeit für die wichtigen Dinge des Lebens zu nehmen. Er achtet darauf, dass er dreimal in der Woche pünktlich um 17 Uhr zum Essen nach Hause kommt und an diesen Abenden ausschließlich für seine Familie da ist. An zwei Tagen in der Woche arbeitet er länger. Er sagt, er wolle nicht mehr radikal sein.

Ein Happy End 

„Die Zeit der Ernte war gekommen. Ich fühlte mich bereit. Ich konnte es kaum erwarten, vom Ast zu fallen und mich zu meinen Freunden zu gesellen, die bereits gemütlich im Gras lagen. Doch dann fiel ich auf etwas Hartes. Ich merkte sofort, dass etwas nicht stimmte. Später wurde dieses Gefühl zur Gewissheit, als meine Freunde sich allesamt von mir abwandten. Ich war nicht mehr so schön wie sie. Sie waren in das weiche Gras gefallen, ich auf einen Stein. Ich versuchte, ihnen erklären, dass ich noch immer zu etwas gut war, doch da wurden sie bereits aufgesammelt. Ich fand mich schon damit ab, ein einsames, aussortiertes Leben zu führen, da streckte plötzlich jemand die Hand nach mir aus. Jetzt sehe ich zwar etwas anders aus als die anderen, aber jeder kann sich davon überzeugen, wie gut ich schmecke. Ich bin etwas Besonderes.“
„Das ist wie ein Märchen“, sagt meine Übersetzerin, „das vom hässlichen Entlein.“
Ich lege mir eine Packung Apfel-Chips der Marke Dörrwerk in den Einkaufskorb und füge ein neues Kapitel hinzu.

Top