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Was ist los mit... der Farbe Grün?
Die Sorge ums Klima und der Aufstieg der Grünen

Ballons der Grünen bei einer Demonstration
Ballons der Grünen bei einer Demonstration | © Bündnis 90/Die Grünen; Foto (Ausschnitt): Fabian Heil, CC BY 2.0

Was ist die größte Sorge der Deutschen? Laut einer neuen Umfrage ist es der Klimawandel. Dies erklärt, warum die Grünen die zweitstärkste politische Kraft geworden sind. Was sonst zu ihrem Aufstieg beigetragen hat und was sich als Hindernis erweisen kann, analysiert Christoph Bartmann.
 

Eine Zeitlang sah es so aus, als gelte die größte Sorge der Deutschen der „inneren Sicherheit“, also Problemen wie steigender Kriminalität und Terrorismus. So war es wohl in den Jahren ab (spätestens) 2014, als der „Islamische Staat“ bedrohliche Formen annahm, und ganz bestimmt ab dem Herbst 2015, als sich in die deutsche „Willkommenskultur“ die Sorge vor allzu offenen Grenzen mischte. Jetzt, Anfang 2019, darf man wohl feststellen, dass die Ära dieser Sorgen ihren Höhepunkt überschritten hat. Man sagt den Deutschen nach, dass sie sich gerne (und auch übertrieben) Sorgen machen. Was also ist unser neuer Lieblings-Sorgengrund?

Wir erinnern uns, dass wir das Dauer-Schönwetter des letzten Jahres nicht mehr so bedingungslos genossen haben wie früher einmal, als wir noch klima-naiv waren.

Es ist, nicht sehr überraschend, der Klimawandel, der bekanntlich keine Grenzen kennt und deshalb auch in anderen Ländern ähnliche Sorgen auslösen müsste. In Deutschland erklärten bei einer Umfrage, die ausgerechnet der Energiegigant E.ON veranstaltete, 32,9 Prozent der Deutschen den Klimawandel zu ihrer größten Sorge. Auf Platz 2 landete die Umweltverschmutzung, dann erst folgten Armut (26,3 Prozent) und Kriege (17,2 Prozent). Man versteht diese Reihenfolge gut, wenn man bedenkt, dass Kriege (im eigenen Land) eine Erfahrung sind, die die heute in Deutschland Lebenden nicht kennen – und dass Armut, und hier vor allem die Angst, zu verarmen, in den letzten Jahren dank guter Wirtschaftsentwicklung deutlich abgenommen hat. Was bleibt, sind Klimasorgen, die erstens der letztjährige Supersommer mit mediterranen Verhältnissen von April bis Oktober geschürt hat und die zweitens von der Angst vor Klimapolitikern vom Schlage Trump oder Bolsonaro beflügelt wird. Wir erinnern uns, dass wir das Dauer-Schönwetter des letzten Jahres nicht mehr so bedingungslos genossen haben wie früher einmal, als wir noch klima-naiv waren. Im Gegenteil, den Meisten gingen Sonne, Wärme und Trockenheit irgendwann schrecklich auf die Nerven, den Landwirten sowieso, nur den Betreibern von Freibädern und Biergärten nicht.

Wir alle haben natürlich keine Vorstellung von Tempo, Dauer und Auswirkungen des Klimawandels und sollen uns deshalb hüten, von irgendwelchen aktuellen Wetterlagen auf große Veränderungen zu schließen. Aber das Unbehagen ist da, und wir suchen für es nach einer politischen Adresse. Wir wünschen uns eine Partei oder Bewegung, die unsere Klimasorgen ernst nimmt und etwas gegen sie tut. Und hier kommen die „Grünen“ ins Spiel, jene Partei, die bei den letzten Bundestagswahlen im Herbst 2017 gerade mal 8,9 Prozent erhielt (und darüber noch froh war), und die ein gutes Jahr später, in Umfragen bei etwa 20 Prozent steht, gleich hinter der CDU und stark genug, mit ihr irgendwann eine neue Große Koalition zu bilden. Fast wundert man sich, dass noch nicht alle deutschen Wähler mit Klimaangst den Grünen ihre Stimme geben. Wenn sie es nicht tun, liegt es vor allem daran, dass auch die anderen Parteien (außer der AfD) eine grüne Agenda haben. Das klimapolitische Original sind freilich die Grünen, die nun erst einmal ihren neuen Status als Groß- und Volkspartei verarbeiten und entsprechende Wahlergebnisse einfahren müssen. Unterstützt wurde der Aufstieg der Grünen durch neues, junges Führungspersonal. Robert Habeck und Annalena Baerbock sind das neue „Dream Team“ der deutschen Politik. So gut gelaunt, pragmatisch und unverbissen hat sich die grüne Führung noch nie präsentiert, mit dem Ergebnis, dass auch der alte Vorwurf der ideologisch motivierten „Verbotspartei“, die uns das Tanken und das Fleischessen verbieten will, nicht mehr richtig greift.

Die große Aufgabe der Grünen wird es sein, das klimapolitische Anliegen so zu vertreten, dass es auch Leute verstehen und teilen, die einstweilen noch mit ihrem schmutzigen Diesel zur Arbeit fahren.

Das Hauptproblem der Grünen ist dabei: sie müssen politisch liefern. Was schwer ist, wenn man derzeit nicht mitregiert, und noch schwerer, wenn es außerhalb Deutschlands keine vergleichbar mächtigen grünen Parteien gibt. Auf europäischer Ebene, von der globalen Ebene ganz zu schweigen, haben die Grünen einstweilen wenig zu bestellen. In vielen Ländern haben Grüne und ihre Anhänger ohnehin einen schlechten Ruf: sie verstünden, heißt es oft, nichts vom Alltag der arbeitenden Menschen und von deren Sorgen, zum Beispiel wegen der nächsten Benzinpreiserhöhung.

Die Grünen sind in vielem das Gegenteil der „Gelben Westen“ und ihrer populistischen Brüder und Schwestern anderswo. Die große Aufgabe der Grünen wird es sein, das klimapolitische Anliegen so zu vertreten, dass es auch Leute verstehen und teilen, die einstweilen noch mit ihrem schmutzigen Diesel zur Arbeit fahren. Außerdem müssen die Grünen, wenn sie an der Regierung sind, in Politikfeldern Farbe bekennen, die ihnen weniger liegen: etwa die eingangs erwähnte innere Sicherheit. Man kann jedenfalls gespannt sein, wie lange der grüne Höhenflug in Deutschland weiter geht und was ihn eventuell stoppen könnte. In einer Zeit, wo Klima- und schon Wetterfragen politische Fragen geworden sind, schauen wir gespannt aus dem Fenster und fragen uns, was das Wetter politisch bedeutet. Es schneit. Das freut uns, weil es in einem richtigen Winter schneien muss. Bei den Grünen, für die schlechte Nachrichten vom Klima politisch gute Nachrichten sind, ist das nicht unbedingt eine gute Nachricht. Wie auch immer: hoffen wir auf einen schneereichen und kalten Winter 2019.

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