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Wohngenossenschaften
„Herz statt Profit“

Spreefeld Berlin
Spreefeld Berlin | © EXPERIMENTDAYS.18, Foto: Larisa Tsvetkova

Steigende Mieten zwingen Bewohner, nach Alternativen zu suchen. Mitglieder der Berliner Wohngenossenschaft Spreefeld haben ihre Wohnblöcke selbst gebaut. Eine Reportage von Urszula Jabłońska.

 

Auf den ersten Blick handelt es sich um ganz gewöhnliche Wohnblöcke: drei sechsstöckige, graue Gebäude im Zentrum Berlins, unmittelbar am Spreeufer. Lediglich die etwas unregelmäßig angeordneten, mit Pflanzen und Bänken vollgestellten Balkone erregen möglicherweise ein wenig Aufmerksamkeit – oder auch die Tatsache, dass sich in den Erdgeschossräumen keine Geschäfte oder Restaurants befinden, sondern eine Werkstatt, eine Kindertagesstätte und einige nicht näher gekennzeichnete Büroräume. Das Gelände ist auch nicht umzäunt. Jeder, der einen Spaziergang am Spreeufer unternehmen möchte, kann dies nach Belieben tun. Besucher können sich hier auf eine Bank setzen und das Gemüse aus dem anliegenden Gemeinschaftsgarten, dem sogenannten Spreeacker, kosten. Das eigentliche Geheimnis der drei grauen Wohnblöcke ist jedoch mit bloßem Auge nicht zu erkennen: Ihre Bewohner haben sich zu einer Genossenschaft zusammengeschlossen und die drei Gebäude nach ihren eigenen Bedürfnissen entworfen.

Graue Wohnblöcke

Michael LaFond frühstückt gerade gemeinsam mit zwei Nachbarinnen in der großen Gemeinschaftsküche der Spree WG 1.
„Bedien dich“, fordert er mich auf, „hier sind Brot, Obst, Saft und Tee.“
„Frühstückt ihr jeden Tag zusammen?“, frage ich.
„Jedes Mal in anderer Besetzung. Die Bewohner stehen zu unterschiedlichen Uhrzeiten auf, man weiß also nie genau, wen man gerade in der Küche antrifft.“
Gerade geht eine andere Nachbarin durch die Küche, die nur mit einem Handtuch bekleidet ist – offensichtlich kommt sie gerade aus der Dusche. Sie begrüßt alle herzlich.

In den 65 Wohnungen der Spreefeld Genossenschaft leben insgesamt 150 Menschen: Die jüngsten sind noch im Säuglingsalter, der älteste Bewohner ist 65 Jahre alt. Bei den meisten Wohnungen handelt es sich um ganz gewöhnliche Appartements mit Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche und Bad, doch etwa 35 Prozent sind sogenannte Großwohnungen. In der Spree WG 1, in der ich gerade frühstücke, leben dreiundzwanzig Personen. Die WG umfasst zwei Stockwerke, auf denen sich zwölf abgeschlossene Wohneinheiten mit jeweils einem Duschbad und einer Küchenzeile befinden. Daneben gibt es ein gemeinsames Wohnzimmer, in dem man es sich mit einem Buch auf dem Sofa gemütlich machen kann, und eine große gemeinsame Küche, in der sich das Gemeinschaftsleben der Bewohner überwiegend abspielt. Manchmal kocht jemand ein großes Abendessen für alle Bewohner, und manchmal – so wie jetzt – sitzen die WG-Mitglieder in kleineren Gruppen beim Frühstück zusammen. In der Küche stehen zwei Kühlschränke: Stellt ein Bewohner seinen Saft in den ersten Kühlschrank, gehört er ihm, stellt er ihn in den zweiten, gehört er jedem. Neben den Kühlschränken liegt ein Notizbuch, in dem jeder einträgt, wie viel er für die Gemeinschaftseinkäufe ausgegeben hat. Eine simple Methode, um die gemeinsamen Ausgaben untereinander aufzuteilen.

„Jeder hat seinen privaten Raum, in den er sich zurückziehen kann und in dem ihm keiner sagt, was er tun soll“, erklärt Michael. „Jeder Bewohner kann selbst entscheiden, inwieweit er am Gemeinschaftsleben teilnehmen möchte. Es ist keine Kommune, die Bewohner sind nicht verpflichtet, ihren persönlichen Besitz mit den anderen zu teilen – aber wenn sie es möchten, können sie es tun.“

Dass das Spreefeld überhaupt entstehen konnte, ist der besonderen Wohnsituation in Berlin zwischen 1995 und 2008 zu verdanken. Die Lage war entspannt, die Einwohnerzahlen hielten sich in Grenzen, die Mieten waren stabil, und die Grundstücke günstig. Der Berliner Senat betrieb im Grunde keine Wohnungspolitik, Wohngebäude wurden entweder privatisiert oder abgerissen. Es herrschten also ideale Voraussetzungen für Projekte wie das Spreefeld. Man suchte sich irgendein Grundstück, gründete eine Genossenschaft, um es der Stadt abzukaufen, heuerte einen Architekten an und machte sich an die Planung.
 

Das Gelände, auf dem sich heute das Spreefeld befindet, lag 2008 nahezu brach. Es befand sich in der Nähe des ehemaligen Mauerstreifens, es gab zahlreiche leer stehende, zerstörte Wohngebäude und Lagerhallen, die in den Neunzigerjahren von der aufkommenden Techno-Szene in Beschlag genommen worden waren. Als die Stadt ankündigte, sie wolle die Grundstücke an internationale Konzerne verkaufen, regte sich großer Widerstand in der Bevölkerung, es kam zu Demonstrationen und Unterschriftensammlungen. Man befürchtete, die Konzerne würden einen abgeschlossenen Komplex aus exklusiven Bürogebäuden und Lofts errichten und damit den gewöhnlichen Berlinern und Berlinerinnen den Zugang zum Spreeufer verwehren. Schließlich gelang es mithilfe eines Bürgerentscheids, die Grundstücke am Spreeufer vor den Investoren zu retten.

Damals rief eine kleine Gruppe von zehn bis zwölf Personen das Spreefeld-Projekt ins Leben. Sie fanden ein Grundstück, auf dem ein unscheinbares Schild mit der Aufschrift „Zu Verkaufen“ stand. Die Planung nahm vier Jahre in Anspruch, der Bau weitere vier Jahre. Die ursprünglichen Mitglieder hatten wichtige Entscheidungen zu treffen: Wie sollten die Gebäude aussehen? Wie hoch sollten die Mieten sein? Wie viele Menschen sollten hier wohnen? Benötigten die Bewohner einen Parkplatz? Dann begannen sie, nach Mitstreitern zu suchen, die sich mit diesem Konzept identifizieren konnten. Sie erhielten einen günstigen Förderkredit von einer Bank, die ethisch und ökologisch wertvolle Projekte unterstützt. Die Mitglieder der Genossenschaft dürfen ihre Anteile nicht ohne Zustimmung der anderen Mitglieder auf dem freien Markt verkaufen – die anderen Genossenschaftler haben in diesem Fall grundsätzlich das Erstkaufsrecht. Damit soll verhindert werden, dass die Wohnungen im Spreefeld zum Spekulationsobjekt werden.

Die Wohngenossenschaft Spreefeld Die Wohngenossenschaft Spreefeld | Foto: Urszula Jabłońska Bei der Planung des Spreefelds stand vor allem der offene Charakter des Projekts im Vordergrund.
„Wir wollen uns von niemandem abgrenzen“, betont Michael. „Jeder kann hier spazieren gehen, jeder kann die Werkstatt besuchen und für einen geringen Unkostenbetrag etwas aus Holz herstellen. In den halböffentlichen Gemeinschaftsräumen im Erdgeschoss finden Tanz-, Yoga- und Tai-Chi-Kurse statt. Es gibt auch ein Bootshaus, in dem zu DDR-Zeiten die Boote der Wasserschutzpolizei gelegen hatten und das heute als Partyraum gemietet werden kann. Die Büroräume im Erdgeschoss werden von Architekten, Aktivisten und Mitgliedern von Nichtregierungsorganisation genutzt, von denen die meisten nicht selbst im Spreefeld leben. Auch in der Kindertagesstätte werden überwiegend Kinder von außerhalb betreut.“

Ein weiterer wichtiger Aspekt war der Solidaritätsgedanke.
„Wir überweisen jeden Monat die Miete für unsere beiden Stockwerke an die Genossenschaft, doch wir entscheiden selbst, wer wie viel zahlt“, erklärt Michael. „Wir haben beschlossen, dass Bewohner, die weniger Raum nutzen, auch weniger pro Quadratmeter zahlen. Eine Mutter mit zwei Kindern zahlt also für eine 50-Quadratmeter-Wohnung weniger, als jemand der diesen Raum allein bewohnt, denn bei ihr kommen auf jeden Bewohner nur etwas über 15 Quadratmeter. Wir haben auch einige der Wohnungen günstig an Flüchtlingsfamilien vermietet.“

Einmal im Monat treffen sich sämtliche Mitglieder der Genossenschaft, um gemeinsam wichtige Entscheidungen zu treffen: Wie können wir Fahrradstellplätze schaffen? Wie hoch sollen die Mieten für die halböffentlichen Gemeinschaftsräume sein? Was wollen wir dieses Jahr im Garten machen? Auch die Mitglieder der Spree WG 1 treffen sich einmal im Monat. Bei diesen Treffen werden persönlichere Themen angesprochen: Wie verhalten wir uns gegenüber den jugendlichen Bewohnern, die sich nicht am Saubermachen oder Einkaufen beteiligen wollen, aber in den Gemeinschaftsräumen gerne Partys veranstalten, ohne hinterher aufzuräumen? Sollen die erwachsenen Bewohner ein solches Verhalten tolerieren, oder sollen sie darauf bestehen, dass die Jugendlichen ihren Verpflichtungen nachkommen?

Ein buntes Leben

Michael LaFond stammt aus Seattle. Nach Berlin kam er zum ersten Mal in den Achtzigerjahren. Eigentlich wollte er nur seinen Bruder besuchen, der hier als Soldat stationiert war, doch schon bald fand er Gefallen an dieser vom Krieg versehrten und durch eine Mauer geteilten Stadt. Also nahm er ein Studium an der Technischen Universität auf. Damals wohnte er in einer Wohngemeinschaft in einem Altbau im Prenzlauer Berg, die Miete betrug gerade einmal 50 Mark. Die Toilette befand sich zwar im Flur, und die Dusche in einem der Zimmer, aber den Studenten machte das nichts aus. Michael erinnert sich gern an diese Zeit, ihm gefielen die Idee des Miteinander-Teilens und das dadurch entstehende Gemeinschaftsgefühl. Anschließend lebte er sieben Jahre in der ufaFabrik, einer ehemaligen Kommune, in der sich heute ein alternatives Wohn- und Kulturzentrum befindet. Nach dem Studium gründete er das Institut für kreative Nachhaltigkeit id22, das sich für die Förderung selbstorganisierter, gemeinschaftlicher und nachhaltiger Wohnformen einsetzt. Und das versucht, Antworten auf die Frage zu finden, wie jeder Einwohner Berlins eine bezahlbare Wohnung finden kann.
Dies ist heutzutage nämlich gar nicht so einfach.

„Nach der Finanzkrise 2008 wurde viel Kapital aus Aktien und Anleihen abgezogen, das anschließend neu investiert werden musste“, erklärt Michael. „Also begann man, Grundstücke in aller Welt zu kaufen – und Berlin rückte zunehmend in den Fokus internationaler Investoren. Die Stadt war wenig entwickelt, es gab viele günstige Grundstücke. Und da die Wirtschaft in Deutschland verhältnismäßig stabil ist, waren die Investitionen weitgehend abgesichert. Wenn Privatpersonen heutzutage ein Grundstück oder ein Gebäude kaufen möchten, müssen sie mit internationalen Investoren konkurrieren.“
Als die Spreefeld Genossenschaft das Grundstück am Spreeufer kaufte, kostete der Quadratmeter noch 500 Euro, heute sind es rund 3500 Euro.

Spreeufer heute Spreeufer heute | Foto: Urszula Jabłońska Antonia, eine junge Frau mit kurz geschnittenem Haar und dunkler Kleidung, hat diese Probleme am eigenen Leib erfahren. Sie lebt zurzeit in einer WG in Berlin-Lichtenberg, würde jedoch gerne ganz woanders wohnen. Mit ihren Mitbewohnern versteht sie sich gut, doch die anderen Nachbarn kennt sie so gut wie gar nicht. Sie träumt davon, in einer größeren Gemeinschaft zu leben, gemeinsam zu kochen und Dinge miteinander zu teilen. Gemeinsam mit Freunden hat sie das Hausprojekt Bande15 gegründet, das sich um ein vom Land Berlin im sogenannten Konzeptverfahren ausgeschriebenes Grundstück in Berlin-Steglitz bewirbt. Bei diesen Ausschreibungen erhält nicht der Meistbietende den Zuschlag, sondern derjenige, der das beste Nutzungs- und Bebauungskonzept vorlegt – und eben darin sieht die Bande15 ihre Chance. Einige Mitglieder der Gruppe haben bereits an einer solchen Ausschreibung teilgenommen, jedoch ohne Erfolg. Jetzt starten sie einen neuen Versuch, in neuer Besetzung und mit einem neuen Konzept.

„Es ist ein kleines Grundstück in der Brandenburgischen Straße in Berlin-Steglitz“, erzählt Antonia. „Wir wollen dort ein barrierearmes, dreistöckiges Haus mit vielen Gemeinschaftsflächen bauen, in denen die Bewohner einander begegnen und miteinander Zeit verbringen können. In dem Haus sollen bis zu 25 Menschen mit möglichst unterschiedlichen Hintergründen leben, deshalb bewerben wir unser Projekt auch an unterschiedlichen Orten.“

Auf diese Weise erklärt sich auch der Slogan der Bande15: „Buntes Leben in der Brandenburgischen Straße“. Jeder, der möchte, kann das Projekt mit einem Direktkredit unterstützen und damit die Chance erhöhen, dass die Bande15 den Zuschlag erhält.
Mit solchen Konzeptverfahren will das Land Berlin sicherstellen, dass zumindest ein Teil der Grundstücke auf direktem Weg in die Hände der Einwohner gelangt. Doch damit ist es nicht getan.
„Wir brauchen systematische Lösungen“, erklärt Michael LaFond. „Wir müssen anfangen, den Politikern die Frage zu stellen, wie sie den Menschen langfristig Zugang zu Wohneigentum und bezahlbaren Mietwohnungen garantieren wollen?“ 

Niemandsland

Im alternativen Kulturzentrum RAW in Berlin-Friedrichshain denken Vertreter von Wohnungsgenossenschaften, Banken, politischen Parteien und Nichtregierungsorganisationen gemeinsam darüber nach, wie man die Berliner Grundstücke den Händen gieriger Spekulanten entreißen und den Einwohnern zurückgeben kann. Dort finden gerade die Experimentdays statt, eine „Plattform für gemeinschaftliche Wohnprojekte, Ideen und Akteure der kreativen Nachhaltigkeit“. Die meisten teilnehmenden Organisationen stammen aus Berlin. Die Stadt kann auf eine lange Tradition des alternativen Wohnens zurückblicken: Seit den Siebzigerjahren gab es hier zahlreiche Wohngemeinschaften, Kommunen und besetzte Häuser.

Wohnungsgenossenschaften hingegen haben in ganz Deutschland eine lange, bis ins 19. Jahrhundert zurückreichende Geschichte. Heute gibt es in Deutschland rund 2000 Genossenschaften mit über zwei Millionen Wohnungen. In Tübingen zum Beispiel waren Genossenschaften eine der treibenden Kräfte der Stadtentwicklung.

In der kalten Betonhalle auf dem RAW-Gelände präsentieren sich zahlreiche Projekte, unter anderem die Baugruppe Holzhaus Linse (ein Architektenehepaar, das gemeinsam mit Mitstreitern den Bau eines innovativen ökologischen Holzhauses am Schöneberger Südkreuz plant und noch zwei weitere Mitbewohner sucht), die GLS Bank (eine sozial-ökologische Bank, die hier ihre Kreditangebote für alternative Wohnprojekte vorstellt) und die Stiftung Edith Maryon, die Immobilien der Spekulation entzieht und zur Verwirklichung sozial innovativer und nachhaltiger Projekte zur Verfügung stellt.

Ein ähnliches Ziel verfolgt auch André Sacharow mit der Gründung eines sogenannten Community Land Trusts. André bewohnt gemeinsam mit seinem Bruder eine von 29 Wohnungen in einem Mietshaus in Berlin-Wedding. Die Bewohner – unter anderem Akademiker, Filmemacher, Künstler und Psychologen – bilden eine enge Gemeinschaft. Seit mehreren Jahren veranstalten sie jeden Sonntag ein gemeinsames Hoffest. Und bei einem dieser Hoffeste begannen sie, sich darüber zu unterhalten, dass ihr Vermieter nicht mehr der Jüngste war und das Gebäude sicherlich bald verkaufen würde. Sie überlegten, was sie tun könnten, um sicherzustellen, dass der neue Vermieter sie nicht vor die Tür setzen würde. Sie wussten genau, wie es in Berlin normalerweise läuft: Das Gebäude war schon etwas in die Jahre gekommen, also würde der neue Vermieter die Wohnungen renovieren und die Mieten gehörig anheben. Einige der Bewohner würden sich die höheren Mieten nicht mehr leisten können und sich nach einer neuen Wohnung umsehen müssen.

Wie sich herausstellte, war es höchste Zeit, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Wenig später sahen die Bewohner im Internet, dass ihr Mietshaus zum Verkauf angeboten wurde. Sie versuchten, mit ihrem Vermieter zu verhandeln, doch er verlangte 3,5 Millionen Euro für das Gebäude – eine Summe, die sie selbstverständlich nicht aufbringen konnten. Doch zumindest hatten die Bewohner zwei Monate Zeit, um sich das notwendige Wissen über Immobilien, Banken und Stiftungen anzueignen und selbst die Initiative zu ergreifen. Sie gründeten den Hausverein AmMa65 (mit dem Motto „Herz statt Profit“) und fanden schließlich eine Stiftung, die sich bereit erklärte, das Gebäude zu erwerben und anschließend in Raten an die Bewohner weiterzuverkaufen. Leider war es bereits zu spät. Das Haus wurde an einen Immobilieninvestor verkauft, der bereits Dutzende Mietshäuser in Berlin besitzt.

„Wir geben nicht auf“, versichert André. „Jetzt bleibt uns nur noch ein Ausweg: Wir müssen dem neuen Besitzer so auf die Nerven gehen, dass er das Gebäude schließlich an uns verkauft, anstatt es zu renovieren.“
Dazu stehen ihnen vor allem zwei Methoden zur Verfügung: Solidarität (sie haben Kontakt mit den Bewohnern der anderen Mietshäuser des Investors aufgenommen, und sobald einer von ihnen zum Auszug gedrängt wird, unterstützen sie ihn und bieten ihm juristische Hilfe an) und Aufklärung (sie haben Transparente aus ihren Fenstern gehängt und informieren die Presse über jeden Schritt ihres neuen Vermieters – in der Hoffnung, dass er schließlich einlenkt, um einen drohenden Imageschaden abzuwenden).
Diese persönlichen Erfahrungen mit dem Berliner Wohnungsmarkt bewogen André schließlich dazu, sich für die Gründung eines Community Land Trusts (CLT) im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg einzusetzen. Der CLT soll dafür sorgen, dass so viele Grundstücke wie möglich in den Händen der Einwohner bleiben, damit diese selbst entscheiden können, was weiter mit ihnen geschehen soll. Soll es hier bezahlbare Wohnungen geben? Oder benötigen die Menschen hier Geschäfte und Dienstleistungsunternehmen? Sein Startkapital hat der CLT vom Bezirk erhalten.

„Ein großes Problem in Berlin ist, dass die Einwohner aus der Innenstadt vertrieben werden“, erklärt André. „Immer mehr Immobilien werden von Investoren aufgekauft. Die Mieten werden in die Höhe getrieben, und viele Menschen können es sich einfach nicht mehr leisten, hier zu wohnen. Ältere Menschen, die fünfzig Jahre hier gelebt haben, müssen plötzlich in die Außenbezirke umziehen, wo sie weder Freunde noch Familie haben.“
Wie kann man die Grundstücke wieder in die Hände der Einwohner zurückgeben?
Ganz einfach: Man muss sie kaufen.

André erklärt, dass es im Bezirk viele ältere Vermieter gibt, die nur ein einziges Mietshaus mit zwanzig bis dreißig Wohnungen besitzen. Es sind wohlhabende Anwälte oder Ärzte, die sich irgendwann dazu entschlossen haben, ihr Geld in eine Immobilie anzulegen. Sie behandeln ihre Mieter zumeist fair, doch nach ihrem Tod gehen die Mietshäuser in den Besitz der Erben über, die sie anschließend an den Höchstbietenden verkaufen.

„Wir versuchen, die Besitzer dazu zu bewegen, dass sie ihre Immobilie nicht an Investoren, sondern an uns verkaufen“, erklärt André. „Wir zahlen einen angemessenen Preis und sorgen dafür, dass die bisherigen Mieter dort wohnen bleiben können. Das ist für alle Beteiligten von Vorteil. Die Besitzer erhalten gutes Geld und handeln verantwortlich. Und wir stellen sicher, dass die Grundstücke für gemeinwohlorientierte Zwecke genutzt werden. Wir wollen auch versuchen, Gebäude aufzukaufen, deren Besitzer sich seit Jahren im Rechtsstreit mit ihren Mietern befinden.“

Bisher sucht André noch nach der geeigneten Rechtsform für sein Projekt und steht im ständigen Austausch mit den lokalen Mietergemeinschaften. Es gibt in Berlin Hunderte solcher Mietergemeinschaften – auch dies ist ein Ausdruck der dort herrschenden problematischen Wohnsituation. Seine ersten Immobilien will der Community Land Trust bereits im kommenden Jahr erwerben.

„Wir kaufen diese Immobilien nicht, um sie zu besitzen“, betont André. „Der Vorstand wird zu einem Drittel aus Mietern, zu einem Drittel aus Einwohnern des Bezirks und zu einem Drittel aus Vertretern von Nichtsregierungsorganisationen, die sich mit dem Thema Wohnungspolitik beschäftigen, bestehen. Die Grundstücke bleiben in den Händen des CLTs, wir verpachten oder verkaufen lediglich die Gebäude – an Genossenschaften oder Privatpersonen, die sie anschließend zwar selbstständig verwalten, aber nicht gewinnbringend weiterverkaufen dürfen. Auch die Mieten dürfen nicht wesentlich erhöht werden. Man könnte sagen, wir kaufen die Grundstücke, damit sie niemandem gehören.“
 

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