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Phänomen
Neujahrsvorsatz - weniger Plastik

Plastikverpackungen
Plastikverpackungen | © Pixabay

Neues Jahr, neue Vorsätze. Weniger Netflix, mehr Joggen. Weniger Alkohol, mehr Smoothies. Zugfahren statt Fliegen. Und: Weniger Müll, mehr Nachhaltigkeit.

Schätzungen zufolge gelangen allein in der EU 150.000 bis 500.000 Tonnen Plastik pro Jahr ins Meer. Die Vorstellung, bei der einem ganz schön mulmig wird. Noch mulmiger wird es, wenn man bedenkt, dass es ca. 450 Jahre braucht, bis sich zum Beispiel eine PET-Flasche zersetzt. Nach Angaben des Umweltbundesamtes verursachten die Deutschen im Jahr 2016 pro Kopf 220 Kilo Verpackungsmüll. Im EU-Durchschnitt waren es 167 Kilo. Ich lebe in Deutschland, also in einem Land, das europaweit nicht nur in Sachen Biolandwirtschaft, sondern auch bezüglich der Müllproduktion ganz vorne liegt. Ich würde gerne erfahren, wie viel Müll ich selbst im letzten Jahr verursacht habe. Es war aber bestimmt nicht gerade wenig.

WEG MIT DEM EINWEG

Die gute Nachricht lautet: Ich bin mit meinem Vorsatz nicht allein. Im Oktober 2018 verabschiedete das EU-Parlament eine neue Richtlinie gegen Plastikmüll. Ab 2021 sollen neun Einwegprodukte aus Plastik verboten werden: Trinkhalme, Besteck, Teller, Luftballonstäbe, Rührstäbchen für Kaffee, dünne Plastiktüten, Wattestäbchen, Getränkeverpackungen aus Styropor und sogenanntes „oxo-abbaubares Plastik“ – ein Material mit Metallbeimischung. Die Maßnahmen sollen den Ausstoß von Kohlendioxid um 3,4 Millionen Tonnen verringern. Bis 2030 könnten somit Umweltschäden im Wert von 22 Milliarden Euro vermieden werden. Das Verbot soll in Deutschland greifen, sobald die EU-Richtlinie in nationales Recht umgesetzt ist.

Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit startete bereits eine bundesweite Kampagne unter dem Motto „Nein zur Wegwerfgesellschaft“. Im Internet und auf großen Plakaten im öffentlichen Raum wird zum Beispiel über die Vereinbarung mit Handel informiert, dank der die Plastiktüte an der Kasse zum Auslaufmodell geworden ist und bald komplett abgeschafft sein wird.

Es gibt aber auch eine schlechte Nachricht und sie lautet: Groß ist die Macht der Gewohnheit. Bis der Plastikkonsum spürbar durch die Maßnahmen „von oben“ eingedämmt wird, werden noch viele weitere Millionen Tonnen Plastik in unseren Meeren landen. Denn es ist einfacher, nicht mitdenken zu müssen und zum Beispiel auf Partys Plastikgeschirr zu verwenden. Danach halt einfach in den Müll: aus den Augen, aus dem Sinn.

Die Supermarktketten Edeka und Rewe bieten schon jetzt No-Waste-Lösungen an. Statt mit klassischer Verpackung, sprich Folien und Etiketten, arbeitet Edeka zunehmend mit sogenannten „Smart Brandings“ und kennzeichnet sein Obst und Gemüse per Laser-Markierung. Auf lange Sicht sollen pro Jahr 50 Millionen Etiketten und Folien gespart werden. Bei Rewe kann der ökobewusste Kunde in der Obst- und Gemüse-Abteilung statt nach einer dünnen Plastiktüte nach einer Alternative in Form eines Mehrwegnetzes greifen.

Cocktailsschlürfen aus Plastik-Trinkhalmen ist glücklicherweise auch schon passé. Einige Restaurants und Bars steigen auf wiederverwendbare Bambustrinkhalme oder auf natürliche Trinkröhrchen aus Nudelteig um. Pasta-Trinkhalme werden zwar nach einer gewissen Zeit von der Flüssigkeit weich, aber bis es soweit ist, ist das Getränk meistens eh schon getrunken. Auch essbares Geschirr wird angeboten. Das Prinzip ist ähnlich wie bei der guten alten Eiswaffel.

Gegen den Plastikwahn engagieren sich in Deutschland auch einige Celebrities, wie die Band Revolverheld aus Hamburg, deren Mitglieder Partner der Umweltorganisation WWF sind. Die Musiker haben in ihrem Band-Alltag immer wieder mit Plastik zu tun. „Auf Tour kriegst du dauernd irgendwelche Plastikbecher- und Flaschen vorgesetzt. Wir schreiben schon auf unseren Rider, das ist eine Art Wunschzettel, den du vor Konzerten an die Veranstalter schickst: Bitte keine Wegwerfbecher, sondern Pfandsysteme, echtes Geschirr…“, erzählte im Oktober 2018 der Sänger und Gittarist Johannes Strate dem Naturkostmagazin Schrott & Korn. Jakob Sinn, der Schlagzeuger von Revolverheld, füllt seine Shampooflasche regelmäßig in einem Unverpackt-Laden auf.

Ein Unverpackt-Laden ist ein Geschäft ohne Einwegverpackungen. Man bringt eigene Behältnisse mit und füllt sich aus Großverpackungen ab, was man kaufen möchte: vom Mehl bis zur Seife. Für die Lieferung einiger Produkte, z.B. Kaffee und Obst, gibt es Mehrwegsysteme,  andere werden in großern Papier- oder Plastiksäcken in den Laden transportiert. Einen der ersten Zero-Waste-Supermärkte Deutschlands, „Original Unverpackt“, gründete 2014 in Berlin-Kreuzberg Milena Glimbovski. In ihrem Buch Ohne Wenn und Abfall – Wie ich dem Verpackungswahn entkam (Kiepenheuer&Witsch, 2017) beschreibt sie ihren Weg zu einem weitgehend verpackungs- und abfallfreien Leben nach dem Motto Refuse-Reduce-Reuse-Recycle-Rot. „Ohne wenn und Abfall“: Für mich klingt das wie ein perfekter Neujahrsvorsatz. 

DEM MÜLL EINE ABFUHR VERPASSEN

Der Abschied vom müllanhäufenden Konsumverhalten erfordert Disziplin, ist aber durchaus möglich. Mir hilft bei der Selbstdisziplinierung die Erinnerung an die Vorwendezeit im Ostblock, als beim Einkaufen lediglich ein Bruchteil der heutigen Verpackungen anfiel und das Prinzip „Wiederverwenden“ als das erste Gebot des Alltags galt. Beim Einkaufen kam immer wieder das „Netz“ oder ein Korb zum Einsatz und die Verkäuferin vom Gemüseladen um die Ecke wickelte die Petersilie in Zeitungspapier ein. Zerschlissene Kleidungsstücke aus Baumwolle wurden zu Putzlappen zerschnitten, Altpapier und Glasflaschen wurden zur Sammelstelle getragen. Geschenkpapier wurde nach Weihnachten sorgfältig gefaltet und im nächsten Jahr wieder verwendet. Zur Zeit meiner Kindheit in den Achtzigern wurden auch meistens Stofftaschentücher benutzt, die den heutigen Millenials wie ein Gadget aus dem Rokoko vorkommen müssen.

Denjenigen, die den Müll, insbesondere Plastik, im Alltag minimieren möchten, rät Bea Johnson, die in den USA lebende Urmutter der Zero-Waste-Bewegung und Autorin des Buches Zero Waste Home: The Ultimate Guide to Simplifying Your Life by Reducing Your Waste, Scribner, 2013 (ins Deutsche von Anne-Mirjam Kirsch: Zero Waste Home – Glücklich leben ohne Müll!, Steve-Holger Ludwig, 2016) zur Strategie der kleinen Schritte. Denn es bringt nichts, von einem Tag auf den anderen von unbekümmertem Konsumwahn auf disziplinierten Minimalismus umzusteigen. Aber vielleicht könnte man die Flüssigkeitshandseife gegen ein Seifenstück austauschen? Oder überlegen, ob man nicht auf billige Wegwerfkugelschreiber verzichtet und patronenfreie Füller, Druckbleistifte und Mehrweg-Kugelschreiber bevorzugt? Vielleicht können Kataloge, die regelmäßig den Briefkasten verstopfen, endlich abbestellt werden? So minimiert man Müll und befreit sich gleichzeitig von der Versuchung, immer wieder neue Dinge zu kaufen, die in diesen Katalogen angeboten werden. Unnützes, was gratis angeboten wird, sollte auch abgelehnt werden: also das Minishampoo im Hotelbadezimmer lieber stehen lassen und den Flyer, den man eh bald wegwirft, einfach mal nicht mitnehmen.

Morgenmuffel, die keine Zeit zum Frühstücken haben und ihren Morgenkaffee erst auf dem Arbeitsweg beim Bäcker kaufen, könnten sich einen Mehrwegbecher zulegen. An manchen Verkaufsstellen, die Kaffee-to-go anbieten, hängt sogar ein Schild „Hier darfst du deinen eigenen Becher mitbringen“. Bevor man also die Wohnung verlässt, noch schnell einen wiederverwendbaren Kaffeebecher einpacken. So viel Zeit muss sein.

Okay, man schleppt ganz schön viel mit, wenn man nachhaltig leben möchte: das Einkaufsnetz und die Obst- bzw. Gemüsenetze, den eigenen Kaffebecher und - falls man unterwegs kein Wasser in Plastikflaschen kaufen will - gegebenenfalls auch eigene Wasserflasche. In eine kleine Damentasche passt das Ganze schon mal nicht. Aber wer bewegt sich heutzutage durch die Großstadtdschungel noch mit einer kleinen Damentasche? Geräumige Stadtrucksäcke oder Stoffbeutel sind sowieso „angesagter“. Und wie geschaffen für den Transport wiederverwendbarer Ess-Utensilien.

Die Liste der kleinen Schritte kann noch erweitert werden. Frauen, die nicht ihren Teil zu den wachsenden Bergen aus Damenbinden und Tampons beitragen möchten, stehen mehrere Möglichkeiten zur Verfügung: von Menstruationstassen aus Silikon über wiederverwendbare Stoffbinden bis „Period Panties“ – Unterhosen mit eingebauten Pads. Ökobewusste Eltern können im Bioladen bei zu 100% biologisch abbaubaren Einwegwindeln zuschlagen oder es mit Stoffwindeln versuchen. Und diejenigen, die auf ihr Sprudelwasser nicht verzichten möchten, aber von den vielen Flaschen genervt sind, können in einen Wassersprudler für Leitungswasser investieren. So spart man sich auch die tägliche Schlepperei.

Ich habe jedenfalls beschlossen, im neuen Jahr auf Mineralwasser in Plastikflaschen und den Kaffee-to-go in Einwegbechern komplett zu verzichten. Um mich zu belohnen, werde ich den Gutschein für den Outdoorladen, den mir meine Freunde unter den Weihnachtsbaum gelegt haben, in ein Unterwegs-Set investieren: eine Brotdose aus Edelstahl, eine Wasserflasche sowie einen Thermobecher. Im Thermobecher bleibt der Kaffee sowieso viel länger warm als in diesen Einwegdingern.
 

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