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Phänomen
„Lesen macht schön, schlank und sexy“

Lesenswert Quartett
Lesenswert Quartett | Foto (Ausschnitt) © SWR, Pressematerial

Wer schaut sich noch im Fernsehen Talkshows über Bücher an? Nur ganz wenige. Das ist bedauerlich, findet unsere Autorin Karolina Kuszyk. Denn sie würde Talkshows über Bücher im Zeitalter der Diskussionen selbsternannter Experten, verbaler und argumentativer Schlampigkeit und der besorgniserregenden Verbreitung von Fake News den meisten Mitmenschen am liebsten als Medizin verschreiben.

Baden-Baden, Palais Biron. Gastgeber der Sendung Lesenswert Quartett Denis Scheck heißt das Publikum vor Ort und an den Fernsehgeräten herzlich willkommen und begrüßt seine Mitstreiter: Insa Wilke, freie Literaturkritikerin aus Frankfurt am Main, Ijoma Mangold von der Literaturredaktion der Zeit und den – jeweils wechselnden – Gast. Heute ist es Jürgen Kaube, Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Scheck, Wilke, Mangold und Kaube werden eine Stunde lang über literarische Neuerscheinungen sprechen.

Das erste Buch wird von Jürgen Kaube vorgestellt. Es handelt sich um Honore de Balzacs Ein Abglanz meines Begehrens, einen gerade ins Deutsche übersetzten Bericht, der eine Reise nach Russland schildert, die Balzac 1847 unternam, um dort eine polnische Gräfin, Madame Hańska zu besuchen. Balzac hat mit der adligen Dame eine Fernbeziehung gepflegt, ist in sie verliebt gewesen und hat einige Male versucht, sie zur Heirat zu überreden, erzählt Herr Kaube. Der Buchvorstellung folgt eine lebhafte Diskussion darüber, ob es hier nun wirklich um Liebe und nicht eher um die Berechnung gehe – Balzac habe doch damals beträchtliche Schulden gehabt. Auch die Sicht des französischen Autors auf die damaligen Deutschen wird besprochen sowie die Tatsache, dass Balzac das Russland Mitte des neunzehnten Jahrhunderts mit einem verklärten Blick beschreibe, vor allem in Bezug auf die sozialen Verhältnisse, um sich beim Zaren einzuschmeicheln. Wodurch er eine gewisse Ähnlichkeit mit einem gewissen zeitgenössischen französischen Schauspieler habe, wie Denis Scheck schmunzelnd pointiert.

Denis Scheck, Insa Wilke, Ijoma Mangold Denis Scheck, Insa Wilke, Ijoma Mangold | Foto (Ausschnitt) © SWR, Pressematerial

Wenn der Moderator zum Terminator wird

Die Idee, Kritiker und Kritikerinnen zu einer Talkshow über Bücher einzuladen, stammt bekanntlich von Marcel Reich-Ranicki (1920-2013). 1988 startete seine legendäre Sendung Das Literarische Quartett im ZDF und ORF und lief dort bis 2001. Reich-Ranickis Gesprächspartner waren Hellmuth Karasek und Sigrid Löffler, über kürzere Zeiträume auch Jürgen Busche, Klara Obermüller und Iris Radisch. Das Literarische Quartett wurde im Durchschnitt von 700.000 bis 900.000 Menschen gesehen. Einzelne Sendungen erreichten bis zu anderthalb Millionen Zuschauer. Marcel Reich-Ranicki gelang Erstaunliches: Literatur an das breite Publikum zu bringen und es dabei zu unterhalten.

Aber Unterhaltung der Massen hat immer ihren Preis. So lebte die Sendung weniger von fundierten Buchbesprechungen und argumentativ untermauerten Analysen als viel mehr von den Redebeiträgen Reich-Ranickis, die durch seine despotisch-besserwisserische Art häufig für Lacher sorgten. Gerne wurde vereinfacht und zugespitzt, im Namen der von Reich-Ranicki hochgepriesenen Klarheit und Deutlichkeit. Und egal, wie viel Mühe sich seine Mitstreiter gaben, gehörte das letzte Wort meistens dem Moderator. In einer Untersuchung von Miriam Kuhl wurde ermittelt, wer während der gesamten Sendezeit wie lange redete: Der Redezeitanteil Marcel Reich-Ranickis betrug 50 Prozent, Sigrid Löfflers 30 Prozent und Hellmuth Karaseks 20 Prozent. Dem jeweiligen Gast blieb im Schnitt nur 10 Prozent der Sendezeit übrig.

Seine dominante Art, die selten Raum für Ambivalenz ließ und seine vermeintliche Unfehlbarkeit brachten Reich-Ranicki nicht nur die Bezeichnung „Kritikerpapst“, sondern auch weniger würdige Spitznamen ein, wie „Büchernörgele“ oder noch schlimmer, „Terminator der deutschen Literatur“. Reich-Ranicki verriss eben gerne alles, was in seinen Augen literarisch missraten war.

Das von ihm konzipierte Model 3+1 (drei StammkritikerInnen und ein jeweils wechselnder Gast) hat sich aber bis heute bewährt. An seine Talkshow, in der vier KritikerInnen vier Bücher besprechen und persönliche Empfehlungen geben, knüpft die oben geschilderte, seit 2014 im SWR ausgestrahlte Sendung Lesenswert Quartett von Denis Scheck; ebenso das im ZDF 2015 reaktivierte Literarische Quartett. Das neue Kritikerquartett des ZDF setzt sich aus Volker Weidermann, Christine Westermann und der Schriftstellerin Thea Dorn sowie einem jeweils wechselnden Gastkritiker zusammen. Darüber hinaus spricht Denis Scheck in der ARD-Sendung Druckfrisch über die neusten literarischen Tops und Flops, auf 3Sat läuft vier mal im Jahr die Buchzeit und auf NDR das Bücherjournal.
Eine Folge von „Druckfrisch“ in der ARD
Das Lesenswert Quartett im SWR hat seit der ersten Ausgabe mein Herz erobert. Das liegt zum einen an der Dynamik zwischen den Stammkritikern, an verbalen Feuerwerken, am intelligenten Humor und dem genuinen Interesse an der Sache, zum anderen am ungespielten Respekt zwischen den Gesprächspartnern. Diejenigen ZuschauerInnen, die mit Bier und Chips einer Schlammschlacht wie zu Reich-Ranickis Zeiten entgegenfiebern, werden enttäuscht sein. Das Schöne an der von Denis Scheck moderierten Gesprächsrunde ist, dass hier zwar leidenschaftlich diskutiert wird, aber niemand cholerische Anfälle bekommt, in besserwisserischer Manier schwadroniert oder seinem Gegenüber über den Mund fährt. Die ZuschauerInnen können sich auf einen lebhaften, gelassenen und nie langweiligen Disput freuen, was nicht zuletzt der Person des Gastgebers zu verdanken ist. Denis Scheck ist durch und durch Gentelman und moderiert die Diskussion charmant, scharfzüngig und leidenschaftlich, ohne sie jedoch zu dominieren. Und niemand versucht in dieser Runde päpstlicher als der (Kritiker-)Papst zu sein. Auch wenn Ijoma Mangolds temperamentvolles Fuchteln mit den Händen als kleiner Tribut an Ranickis unbändige Gestik gelesen werden könnte.

„Eigene Bevormundungsposition in Frage stellen“

Zugegeben, ich sehne mich nach Kultursalons der vergangenen Zeiten. Nach einem Ort, an dem noch die Kunst des gelehrten und witzigen Disputs, der treffenden und schnellen Riposte gepflegt wird. Einem Ort, an dem man sich wirklich etwas zu sagen hat und nicht nur dahin redet, um Eindruck zu schinden. Wenn meine Sehnnsucht nach solch einem Ort unerträglich wird, tauche ich in die Welt des Lesenswert Quartetts ein – was dank der ARD-Mediathek und YouTube jederzeit möglich ist – und, wie ein Freund von mir sagt, „lasse mich berieseln“. Wenn ich von Pseudodebatten von PseudopolitikerInnen die Nase voll habe, die ihren Kontrahenten Urteile ins Gesicht bellen und das Interesse an der Meinung ihres Gegenübers nicht einmal heucheln, besuche ich die gelehrte Kritikerrunde rund um Denis Scheck. Wenn mir die Diskussionen, in denen vor allem die Lautstärke zählt, zu sehr zusetzen, wenn mir der Journalismus nach dem Copy-Paste-Prinzip auf die Nerven geht, wenn mich Desinformationskriege mit ihren Fake News verzweifeln lassen, dann verabreiche ich mir eine Dosis Lesenswert Quartett. Als Serum für den Geist und für die Seele.

Es tut gut, ein Gespräch zu verfolgen, in dem Kritik nicht zur Vernichtung dessen was mißfällt eingesetzt, sondern als Austausch von Gedanken gepflegt wird. Mit der gelassenen Bereitschaft, gegebenenfalls die eigene Meinung zu revidieren. Literaturkritikerin Sigrid Löffler, die 2001 aus der Sendung mit Reich-Ranicki und Karasek ausgeschieden ist, fand, dass eine gute Kritik „die eigene Bevormundungsposition gelegentlich in Frage stellen“ sollte. Aber ist das nicht die Voraussetzung eines jeden gelungenen Gesprächs?

Mit der Bereitschaft, die eigene Bevormundungsposition in Frage zu stellen, ließe sich nicht nur über Literatur sprechen, sondern auch über Soziales, Politisches, Umweltpolitisches, Kindererziehung und Tierrechte. Wenn man nur genug Ausdauer, Geduld, Disziplin, Spaß an der Sache und Respekt für seine Gesprächspartner aufbringen würde. Denn Kritik ist nicht nur die Sache der Literatur. Sie ist eine universelle Fähigkeit, die gerade heute besonders gepflegt werden sollte. Lesenswert Quartett zeigt, dass es möglich ist.

Die Zeit drängt, noch drei Bücher warten darauf, besprochen zu werden: Bluets von Maggie Nelson, Hysteria von Eckart Nickel und der Briefwechsel zwischen Arno Schmidt und Hans Wollschläger. Zum Schluss werden noch persönliche Buchempfehlungen ausgesprochen und schon ist die Stunde um. Wie immer verabschiedet sich Denis Scheck von den ZuschauerInnen mit dem Satz: „Wieder haben wir bewiesen: Lesen macht schön, schlank und sexy“. Wenn das kein schöner Nebeneffekt ist.  
   

Bibliographie:

Lesenswert-Quartett vom 13.12.2018, https://www.ardmediathek.de/ard/player/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzEwNzgwOTM/lesenswert-quartett-mit-denis-scheck

Stefan Neuhaus: Literaturkritik. Eine Einführung, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2004

Thomas Anz, Rainer Baasner (Hrsg.): Literaturkritik. Geschichte – Theorie – Praxis, C.H. Beck, München 2004


 

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