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Deutschland auf Polnisch
Mögest du fremde Kinder lehren – über polnische Lehrer in Deutschland

Bemalte Wand in der Schule in Worms
Bemalte Wand in der Schule in Worms | Foto: Joanna Strzałko

In Deutschland gibt es Arbeit, und Lehrer werden zurzeit gesucht. Und die Sprache? Sie ist überhaupt kein Problem. Immer mehr polnische Lehrer und Lehrerinnen arbeiten an deutschen Schulen.

Von Joanna Strzałko

 

Mein erster Aufenthalt in Deutschland war nicht so gelungen. Ich war ins Unbekannte gefahren. Ich hatte nur gewusst: Bremerhaven, eine Fischfabrik und eine kalte Produktionshalle. Alles, was ich mir in meinen Jahren als Englischlehrerin in Polen aufgebaut hatte, mein Netzwerk an Kontakten mit Schülern und Schulen, hatte ich vor meiner Abreise aufgegeben. Ein halbes Jahr hielt ich es im Westen aus. Nach meiner Rückkehr nach Koszalin landete ich im Netto an der Kasse. 1300 Złoty nach einer Lehrerausbildung an einem Fremdsprachenkolleg. Es war nicht einfach, damit über die Runden zu kommen.

Ich begann, mich erneut nach einer Arbeit in Deutschland umzusehen. Warum in Deutschland? Das Land gefällt mir einfach. Ich schrieb einige deutsche Schulen an, aber sie antworteten mir, ich müsse erst umziehen, dann würde sich schon etwas finden. Und eben damals, vor vier Jahren, fasste ich den Entschluss, es für ein Jahr zu versuchen. Mein Sohn blieb bei meiner Mutter. Ich setzte mich also in den Zug, mit einem Koffer in der Hand, einem Einzelfahrschein und einem Stein im Herzen. Aber ich hatte das Gefühl: Entweder jetzt oder nie. Also schuftete ich wie ein Ochse. Drei Monate als Tellerwäscherin, weitere drei Monate als Zimmermädchen in einem Hotel. Als ich genügend Deutsch gelernt hatte, begann ich, mich nach einer Arbeit als Lehrerin umzusehen. Ein halbes Jahr später unterschrieb ich meinen ersten Arbeitsvertrag mit einer Sprachschule in Hamburg.

Nein, ich bin nicht fest angestellt. Ich muss erst mein Diplom anerkennen lassen, und das ist ziemlich aufwändig. Vorläufig bin ich als Freiberuflerin angemeldet, aber ich arbeite für eine private Sprachschule und leite Englischkurse für Arbeitslose, die von der Bundesagentur für Arbeit gefördert werden. Ich werde also vom Staat bezahlt. Das ist gutes Geld.

Ich hielt mein Versprechen und fuhr am 1. Mai 2016 nach Koszalin, um meinen Sohn abzuholen. Er war damals dreizehn Jahre alt. Als er zu mir nach Hamburg zog, bekam ich sofort Kindergeld und auch einen Unterhaltsvorschuss, denn mein ehemaliger Mann in England hatte uns seit der Scheidung keinen Cent gezahlt. Endlich kann ich ein würdiges Leben führen.
 
Ich hatte es viele Jahr lang als Lehrerin an einer polnischen Schule ausgehalten. Bis 2005. Ich war damals frisch geschieden, hatte zwei Töchter, eine sieben und eine sechzehn Jahre alt, ich war an einem Wendepunkt. Ich war damals gerade mit dem Auto unterwegs und schaltete das Radio ein, da sagte plötzlich eine energische Stimme zu mir: „Wir suchen Physik- und Mathematiklehrer für die Arbeit an deutschen Schulen.“ Ich dachte mir, dass dies der richtige Zeitpunkt für einen Neuanfang wäre. Weder meine Töchter noch ich sprachen zwar Deutsch, aber wenn man im Ausland lebt, lernt man schließlich schnell die Sprache.

Ja, ich wollte schon immer Lehrerin werden. Mein Vater war Professor an der Seefahrt-Akademie in Gdynia, er war mein Vorbild. Wenn ich mein Zeugnis bekam, sah er sich nur meine Noten in Mathematik, Physik und Geografie an, der Rest interessierte ihn nicht. Als ich ihn einmal bat, mir bei meinen Mathematik-Hausaufgaben zu helfen, nahm er gleich das ganze Buch mit mir durch.

Als ich meine Schule in Danzig verließ, schüttelte der Rektor nur den Kopf: „Das hatte ich mir schon gedacht. Es tut mir leid, dass wir nichts für Sie haben.“

Ich sagte meinen Töchtern, ich würde unsere Wohnung in Polen nicht verkaufen, sondern sie so, wie sie war, mit den Möbeln und den Bildern an den Wänden, vermieten. Und dass wir, falls es uns in Deutschland nicht gefallen sollte, einfach zurückkehren würden. Im schlimmsten Fall würden wir eben einfach eine neue Sprache lernen. Sie vertrauten mir. Und wir haben unsere Entscheidung keinen einzigen Tag bereut.

Wir kamen nach Hamburg. Ich mietete eine Wohnung in einem Stadtteil, in dem keine Polen lebten, um möglichst schnell Deutsch zu lernen. Meine jüngere Tochter kam in die Grundschule, meine ältere Tochter besuchte eine Integrationsschule und machte bereits vier Jahre später ihr Abitur an einem deutschen Gymnasium mit einem sehr guten Durchschnitt.

Mit meiner Arbeit gab es gewisse Komplikationen. Es stellte sich heraus, dass ich mindestens Sprachkenntnisse auf dem Niveau C1 benötigte, um an einer deutschen Schule zu lehren. Aber alleinerziehende Mütter wissen sich eben zu helfen. Ich absolvierte also einen mehrmonatigen Integrationskurs und erhielt das Zertifikat B1. Anschließend klapperte ich verschiedene Gesellschaften ab und absolvierte weitere kostenlose Kurse. Sogar Intensivkurse für Mathematik- und Physiklehrer, bei denen die Fahrt-, Unterbringungs- und Verpflegungskosten vom Veranstalter übernommen wurden.

Als ich mein nächstes Sprachzertifikat B2 erhielt, wandte ich mich an die Schulbehörde, um mich nach Weiterbildungsmöglichkeiten zu erkundigen. Die Beamtin sagte mir: „Keine Zeit, das lernen Sie nebenbei. Schließlich klingt Pythagoras in jeder Sprache gleich.“ Ganz so einfach war es dann doch nicht. Im Geschichtsunterricht hätte ich den Schülern mit einfachen Sätzen antworten können, aber im Mathematikunterricht muss man sich extrem präzise ausdrücken. Ich investierte also in ein Netbook und brachte den Schülern neue Begriffe bei, indem ich ihnen kurze Lehrvideos von deutschen Internetseiten zeigte. Ich war vor jeder Unterrichtseinheit aufgeregt und verbrachte Stunden damit, mich ordentlich vorzubereiten – und irgendwie ging alles gut.
Ich kam durch einen Zufall nach Deutschland. Ich hatte Germanistik an der Pädagogischen Hochschule in Rzeszów studiert. Nach meinem Abschluss im Jahr 1998 überlegte ich mir, wie es weitergehen sollte. Damals gab es in Polen noch einen großen Bedarf an Deutschlehrern. Aber viele meiner Studienkolleginnen fuhren als Kindermädchen nach Deutschland, nach Heidelberg. Sie waren fasziniert von dieser Stadt, ihrer Atmosphäre und der Universität. Und eines Tages, nach dem Examen, fragte mich eine von ihnen: „Würdest du nicht auch gerne nach Heidelberg fahren? Ein Studium aufnehmen? Eine andere Luft schnuppern?“ Also fuhr ich nach Heidelberg.

Eigentlich wollte ich nur ein oder zwei Semester dort bleiben und anschließend nach Polen zurückkehren und als Deutschlehrerin an einem Gymnasium arbeiten. Aber dann sind aus diesen zwei Semestern plötzlich zwanzig Jahre geworden.

Ich bin nur einmal nach Polen zurückgekehrt. Das war 2009. Ich wollte ein wenig Urlaub machen und anschließend in Polen nach Arbeit suchen. Nach einer festen Anstellung, denn in Deutschland hatte ich ausschließlich auf Honorarbasis gearbeitet, entweder als Deutschlehrerin an Sprachschulen oder als Lektorin im Rahmen der Sommerspruchkurse an der Universität Heidelberg.

Aber daraus wurde nichts. Ich verschickte zweihundert oder sogar dreihundert Bewerbungen an Schulen und Hochschulen in ganz Polen. Ich bekam nur Ablehnungen. Der Bedarf an Germanisten war bereits gedeckt, inzwischen waren andere Sprachen in Mode gekommen: Englisch, Spanisch und Französisch.

Nein, ich habe damals nicht den Mut verloren, obwohl ich viel Stress hatte. Ich machte mir nur Gedanken, wie es weitergehen sollte.

Nach einem Jahr in Polen nahm ich erneut Kontakt mit der Universität Heidelberg auf. Ich bekam das Angebot, einen Sommersprachkurs zu leiten. Also packte ich meine Koffer und machte mich auf den Weg.

In den folgenden Jahren in Deutschland arbeitete ich auch als pädagogische Assistentin und als Betreuerin für autistische Kinder. Aber das war nicht mein Ding. Ich bin gerne aktiv und gestalte meinen Unterricht selbst, und dort gab es diese Freiheiten nicht. Ich wollte einfach lehren. Und eine feste Anstellung haben.

Der Wendepunkt kam 2013. Ich traf eine Kollegin, die Willkommensklassen für Kinder von Flüchtlingen unterrichtete. Es stellte sich heraus, dass Deutschlehrer dort dringend benötigt wurden.

Eine polnische Lehrerin inmitten von Flüchtlingen

Während mir die Sekretärin der Mittelschule in Worms den Weg zum Lehrerzimmer zeigt, frage ich mich, wie Anna wohl aussieht. Erweist sie sich als die typische polnische Paukerin, oder werde ich gar nicht in der Lage sein, sie von den deutschen Lehrern zu unterscheiden? Auf dem Schulhof erblicke ich auf einer Wand eine große Aufschrift RESPEKT umgeben von Hunderten bunter Handabdrücke und Namen wie Mehmet, Yusuf, Zejdi und Nanna.

„Das ist ein Projekt unserer Schüler“, lächelt die Sekretärin.

Wir steigen die steinernen Stufen des altehrwürdigen roten Ziegelgebäudes empor. Die Tür zum Lehrerzimmer steht weit offen. Ich sehe gut aussehende Männer in Jeans und junge Frauen mit Sneakern, die um die hufeisenförmig aufgebauten Tische herumstehen, Kaffee trinken und lachen. Im nächsten Moment leert sich das Zimmer. Wie jeden Tag um 13:00 Uhr.

Ich begegne Anna im Hinterzimmer eines Raums, in dem die Schüler lernen, zu kochen. Sie wirkt gepflegt, ihr Gesicht macht keinen verhärmten Eindruck, sie spricht mit einer sanften Stimme, in der ich keinerlei Gereiztheit höre, und sie lacht viel. Nur manchmal fehlen ihr die polnischen Wörter.

Ja, sie arbeitet bereits seit sechs Jahren hier als Deutschlehrerin, seit dem vergangenen Jahr hat sie einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Sie hat eine Dreiviertelstelle und arbeitet 20 Stunden die Woche. In der Regel beginnt ihr Arbeitstag um 8:30 Uhr, zur zweiten Schulstunde, und endet um 12:00 Uhr.

In der Schule hat Anna 300 Schüler, ein Drittel von ihnen ist nicht in Deutschland geboren. „Aber ich bin mir nicht sicher, ob die deutschen Kinder in unserer Schule die Mehrheit bilden“, sagt Anna. „Wenn man sich die Schülerlisten ansieht, findet man nur wenige typisch deutsche Nachnamen.“

Anna gibt Deutschunterricht für Kinder von Flüchtlingen, damit sie wie ihre deutschen Mitschüler am Unterricht teilnehmen und Zensuren erhalten können.
Die Gruppen, die Anna leitet, bestehen aus bis zu acht Schülern, deshalb kann sie jedem Schüler entsprechend viel Zeit und Aufmerksamkeit widmen.

Insbesondere den Kindern aus Syrien. „Sie sind 10, 11, 12, 13 Jahre alt, viele von ihnen können nicht lesen, schreiben oder rechnen,“ erzählt Anna. „Das wäre noch nicht so schlimm, aber dazu kommt noch viel pädagogische Arbeit, denn diese Kinder kommen aus Kriegsgebieten und sind traumatisiert. Sie haben Angst vor Gewittern, weil die sie an Luftangriffe erinnern, und springen nervös auf, wenn sich die Tür plötzlich öffnet. Eine Zeit lang konnte ich sie gar nicht unterrichten, weil sie so unruhig waren, durch den Klassenraum rannten und sich unter den Tischen versteckten. Als sie allmählich merkten, dass ihnen hier keine Gefahr drohte, wurden sie schließlich ruhiger.“

Außerdem hat Anna Schüler aus Rumänien, Italien, Polen, Afghanistan, Pakistan, einen Jungen aus Thailand und ein Mädchen aus Brasilien. „Nach dem zweijährigen Intensivkurs kommen die Kinder ausgezeichnet zurecht“, sagt Anna. „Ein Mädchen aus Rumänien, das in meiner Gruppe war, hat heute die besten Deutschnoten in ihrer Klasse“.

In meiner Klasse gibt es Muslime, Buddhisten, Russisch-Orthodoxe, Katholiken und Kinder von Atheisten. Und keiner sagt hier dem anderen: Du bist schlechter als ich, und meine Religion ist besser als deine.


Als ich Anna frage, was polnische Schulen von ihrer Schule in Worms lernen können, wird Anna ernst. „Offenheit für andere Kulturen, Konfessionen und Religionen“, sagt sie. „In meiner Klasse gibt es Muslime, Buddhisten, Russisch-Orthodoxe, Katholiken und Kinder von Atheisten. Und keiner sagt hier dem anderen: Du bist schlechter als ich, und meine Religion ist besser als deine. Ja, wir sollten endlich unsere Vorurteile abbauen.“

Polnische Hartnäckigkeit und deutsche Disziplinlosigkeit

Barbara ist eine außergewöhnliche dynamische Frau mit einem vollen Terminkalender. Und doch hat sie nicht nur Zeit für unser Gespräch gefunden, sondern sich auch ausgezeichnet darauf vorbereitet. Ich denke mir, dass so auch ihr Unterricht ausgesehen haben muss. Ich setze mich also bequem hin und höre ihr zu: „Sicherlich. Deutschland hat fantastische Bildungsprogramme und ein tolles Schulsystem, aber der Schwachpunkt im deutschen Schulwesen ist der Mangel an Disziplin“, sagt sie. „Die Schüler können ihre Hausaufgaben machen oder auch nicht, der Frontalunterricht ist aus der Mode gekommen, die Schüler sollen sich alles selbst in Gruppen erarbeiten. Für die Fächer, die ich unterrichtet habe, Physik und Chemie, hat sich kaum jemand interessiert, also war es im Unterricht sehr laut. Ich habe genau gesehen, welche Schüler aus Bayern kamen, also aus einem katholischen Bundesland, weil sie folgsamer waren.“

„Und wie sind Sie schließlich mit den deutschen Jugendlichen zurechtgekommen?“, frage ich.

„Ich mochte meine Klasse, und sie haben das gespürt. Obwohl ich nicht so gut Deutsch sprach, hatte ich einen guten Draht zu ihnen. Ich denke auch, dass ich mir mit meiner Unterrichtsvorbereitung und meiner eleganten Kleidung bei ihnen Respekt verschaffte. Mit meinem Kostüm und meinen hochhackigen Schuhen unterschied ich mich von den anderen Lehrern. Vielleicht bin ich altmodisch, aber ich glaube, dass die Art, wie ich mich kleide, einen Einfluss darauf hat, wie ich wahrgenommen werde. Ich führte in der Klasse auch die Regel ein, dass die Schüler aufstehen mussten, wenn sie etwas sagen wollten. Das war für sie etwas völlig Neues. Sie verstanden es nicht und fragten mich: »Aber warum denn?« Und ich antwortete ihnen: »Ihr seid klein, ihr habt schwache Stimmen und ich kann euch nicht hören, wenn ihr sitzt.« Außerdem erklärte ich ihnen, dass alle sie ansehen, wenn sie aufstehen. Und etwas Bewegung schade ihnen schließlich auch nicht. Noch am selben Tag fand ich in meinem Fach im Lehrerzimmer eine Karte mit einer Einladung zum Rektor. Der Rektor unterhielt sich mit mir erst einmal über das Wetter und über dies und jenes, und als ich schon wieder gehen wollte, fragte er mich gewissermaßen nebenbei: »Ach, übrigens: Haben Sie in ihrer Klasse darüber abstimmen lassen, ob die Schüler aufstehen möchten oder nicht?« Ich antwortete ihm: »Ich bin eine polnische Lehrerin, bei mir wird nichts abgestimmt.« Also standen die Schüler auf, wenn sie etwas sagen wollten. Und es gefiel ihnen sogar. Ich weiß aus Erfahrung, dass Kinder Grenzen benötigen und einen Kapitän, der weiß, wo es langgeht.“

„Und sie wussten es?“, frage ich Barbara.

„Mein Lieblingsbuch im Studium war ein Buch mit dem Titel Mangelnde Lehrerfolge durch Fehler des Lehrers“, erzählt Barbara. „Ein altes Buch mit vergilbten, zum Teil gar nicht aufgeschnitten Seiten, niemand hatte sich vor mir dafür interessiert. Und immer, wenn einer meiner Schüler eine schlechte Note erhielt, dann sah ich mir an, welche Probleme er in anderen Fächern hatte, und fragte mich, ob es vielleicht an mir lag, ob ich einen Fehler gemacht hatte, und wenn ja, dann wo. Ja, vielleicht bin ich eine Idealistin. Ich hatte im Studium einen Freund, der immer zu mir sagte: »Entweder du veränderst dich oder du wirst viele Tränen vergießen«. Nun ja, es gab tatsächlich ein paar Tränen in meinem Leben.

Ich Polen bekam ich oft zu hören: »Lehrer sind Faulpelze, die arbeiten nur achtzehn Stunden die Woche und beschweren sich noch.« Das ist nicht fair. Ich fuhr mit meinem ehemaligen Mann um 7:00 Uhr morgens zur Arbeit, blieb bis 16:00 Uhr in der Schule und nahm jedes Mal einen ganzen Stapel Hefte zum Korrigieren mit nach Hause. Und am Wochenende habe ich mich auf die nächsten Unterrichtsstunden vorbereitet. Allerdings waren nur die Hälfte der Lehrer in Polen Lehrer aus Überzeugung. Wenn man zu meinen Zeiten Abitur machte und nicht zum Studium zugelassen wurde, dann ließ man sich eben im Abendstudium zum Lehrer ausbilden. Ein Kollege von mir, der Physik unterrichtete, hatte keine Zulassung zum Studium erhalten, weil er seine Physikprüfung nicht bestanden hatte.

Man darf auch nicht vergessen, dass die Arbeit als Lehrer mit ständigem Stress verbunden ist. Und das Problem sind gar nicht so sehr die Kinder und Jugendlichen, sondern vielmehr der Rektor, die Lehrerschaft, das Kuratorium, Kontrollen, der Druck, Unterrichtsinhalte in 45 Minuten zu vermitteln, und die Eltern – insbesondere jener Kinder, die nicht so gut zurechtkommen. Wenn es in Deutschland in der Schule ein Problem gibt, dann schalten manche Eltern gleich einen Rechtsanwalt ein. Und es gibt auch keine Lehrerversammlungen, wie man sie in polnischen Schulen kennt.

Ich werde nie die erste Elternsprechstunde in der deutschen Schule meiner Tochter vergessen. Ich ließ meine Tochter auf dem Flur zurück, um mit der Lehrerin unter vier Augen zu sprechen. Da bekam ich zu hören: »Die Anwesenheit des Kindes ist unbedingt erforderlich. Wir werden nichts hinter ihrem Rücken miteinander besprechen.« Verblüfft antwortete ich: »Ich bin eine polnische Mutter, ich weiß, was ich tue.« Und als ich sie fragte, ob meine Tochter möglicherweise Nachhilfe in Deutsch benötigte, sagte sie mir: »Kümmern Sie sich bitte um Ihr eigenes Leben. Und mischen Sie sich nicht in das Leben ihrer Tochter.« So ist das hier. Keinerlei Zusammenarbeit zwischen der Schule und den Eltern. Und wenn es ein Problem gibt, dann meint die Schule, es allein lösen zu müssen.

Als ich klein war, kam mein Vater nach dem Elternabend mit dem Gürtel zu mir und schrie: »Du hast uns Schande bereitet!« Denn sämtliche Probleme wurden vor allen ausgebreitet, und die Eltern schämten sich. Und nach der Elternsprechstunde nahm man das Kind eben an die Kandare.“

Große Augen beim Einmaleins

Barbara macht eine längere Pause, dann verblüfft sie mich, als sie sagt: „Sie müssen wissen, dass eine deutsche Schule wie ein Orden ist. Kommunismus, schlimmer als bei Orwell.“

Ich mache große Augen, als Barbara erklärt: „Ein deutscher Lehrer wird, sobald er sein Referendariat besteht, verbeamtet. Das ist mit gewissen Privilegien verbunden: Man hat erhebliche Steuervorteile, bekommt sein Gehalt in voller Höhe weitergezahlt, selbst man mehrere Jahre krank ist, man kann nicht entlassen werden, und wenn man in Pension geht, erhält man einen Bonus: die Anzahl der Arbeitsjahre multipliziert mit dem Gehalt, also mehrere Zehntausend Euro.“

„Aber man wird auch zu einem Sklaven, denn man verkauft dem System seine Seele“, erzählt Barbara weiter. „Beamte leisten einen Eid, der ihnen gewisse Verpflichtungen auferlegt – ähnlich wie Polizisten. Sie dürfen zum Beispiel nicht streiken oder eine Spielbank besuchen. Der Große Bruder wacht über alle und organisiert ihren Tag. Auch Überstunden werden nicht bezahlt. Du kommst von der letzten Unterrichtsstunde und denkst dir: „Jetzt gehe ich in den Laden, kaufe ein Stück Schweinerücken und mache meinen Töchtern ein polnisches Essen.“ Aber im Lehrerzimmer findest du eine Karte: »Heute findet eine Versammlung der Mathematiklehrer statt«. Am nächsten Tag: »Nach dem heutigen Unterricht treffen sich sämtliche Physiklehrer«. Und wenn ich protestiere, dass ich schließlich ein Kind in der Schule habe, wundern sich alle nur: »Was? Wie machst du dann dein Referendariat?« Ein deutscher Lehrer sagt nicht, dass er Familie hat, sondern nickt nur: »Ja, ich kann das, ja, ich will das!«“

„Welches Schulsystem gefällt Ihnen denn besser?“, frage ich. „Das deutsche oder das polnische?“

„Das deutsche“, antwortet Barbara nach kurzem Überlegen. „Vielleicht deshalb, weil sich meine Töchter in Polen gute Gewohnheiten angeeignet haben und jetzt ausgezeichnet in Deutschland zurechtkommen. Die Belastung von polnischen Schülern, die neben Mathematik auch noch Geschichte und Geografie büffeln müssen, ist enorm. In ihrem späteren Leben wenden sie vielleicht zehn Prozent von diesem Wissen an. Oder so ein Messen der Erdbeschleunigung mithilfe eines Fadenpendels. Es ist ja ganz schön, solche Übungen in einer Physik-AG zu machen, aber im Unterricht ist so etwas nur Zeitverschwendung.

Die Physik- und Mathematiklabore in deutschen Schulen sind hervorragend ausgestattet, aber wenn ich die Schüler frage, wie viel neun mal sieben ist, dann machen sie große Augen. Sie können gar nicht verstehen, warum sie etwas im Kopf rechnen sollen. Dafür haben sie schließlich ihre Taschenrechner. Vielleicht beschäftigen die Deutschen deshalb so gerne Polen, weil sie wissen, dass die auch ohne Computer zurechtkommen.

Es gefällt mir auch, dass der Mathematik- und Physikunterricht an deutschen Schulen einen Bezug zum Alltag hat. Die Schüler lernen etwas über Flüssigkristalle, die in Bildschirmen und Handy-Displays zum Einsatz kommen, sie ermitteln mithilfe von Wahrscheinlichkeitsrechnung und Algorithmen, ob eine Vogelpopulation überlebt, wenn sie von dieser oder jener Krankheit betroffen wird, oder ob es sich für eine Firma lohnt, sich gegen bestimmte Risiken zu versichern. In der Mathematik- und Physikklasse meiner Tochter haben die Schüler einen Entwurf für die Renovierung der Turnhalle entwickelt, der gute Aussichten hatte, umgesetzt zu werden. Sie trafen sich mit einem Architekten und besichtigten eine Fensterfabrik. Das war sowohl theoretische als auch praktische Arbeit.“

[Viele deutsche Lehrer] geraten in eine psychologische Zwickmühle: Sie haben zwar Sicherheit, aber keine Leidenschaft, keine Liebe zu ihrem Beruf. Und ohne die Liebe zum Lehren hältst du es als Lehrer nicht lange aus.


„Und solidarisieren Sie sich mit den Lehrern in Polen?“, frage ich Barbara.

„Ich wüsste wirklich nicht, was für eine Reform des Bildungswesens in Polen notwendig wäre, damit sich an der Situation der Lehrer irgendetwas ändert“, seufzt Barbara. „So wie ich es sehe, bräuchte es eine Revolution. Denn solange die Lehrer nicht mit sich selbst im Einklang sind, mit ihrem Beruf, mit ihren Kollegen, werden sie niemals etwas erreichen. Wenn die Lehrer freundlicher miteinander umgingen, wäre vieles leichter. Und damit meine ich nicht, dass man sich in irgendeinem Hinterzimmer der Schule zum Wodka trifft.

Ich nehme einmal meine deutschen Kollegen als Beispiel. Sie verstecken ihre bewährten Methoden und Unterrichtsideen nicht im Schubfach, sondern teilen sie voller Stolz mit anderen. Sie sagen: »Das ist doch für alle interessant«, oder: „Ich habe mir hier diesen Test ausgedacht, hier hast du ihn, er ist sehr gut«, oder: »Guck mal, ich habe ein Experiment entwickelt, die Schüler lieben es. Ich kann es dir gerne erklären.«

Aber machen wir uns nichts vor. Auch die deutschen Lehrer sind frustriert. Weil viele von ihnen lediglich Beamte werden wollen, um gewisse finanzielle Vorteile in Anspruch zu nehmen, günstige Kredite zu erhalten und für einen Euro in der Kantine zu Mittag zu essen. Auf diese Weise geraten sie in eine psychologische Zwickmühle: Sie haben zwar Sicherheit, aber keine Leidenschaft, keine Liebe zu ihrem Beruf. Und ohne die Liebe zum Lehren hältst du es als Lehrer nicht lange aus.“

Ein würdiges Leben als Lehrer

Dorota zieht an ihrer Zigarette und erklärt mit einem gewissen Stolz: „Ich kann es aushalten. Es gibt Monate, in denen ich jeden Tag Englischkurse im Internet leite, jeden Tag zehn Stunden oder fünf Unterrichtseinheiten zu je eineinhalb Stunden. Und für einen solchen Tag bekomme ich 210 Euro. Ich kann also zwischen 4200 und 4800 Euro im Monat verdienen. Von 8:00 Uhr bis 13:00 Uhr Unterricht und ab 13:00 Uhr Sprechstunde, falls einer der Teilnehmer Fragen oder Probleme mit den Hausaufgaben hat. Die Gruppen bestehen aus bis zu vierundzwanzig Teilnehmern. Ich muss auch nicht immer im Büro sein, sondern kann auch von zu Hause aus arbeiten. Ich habe hier alles, was ich dazu brauche.“

Dorota Dorota | Foto aus Privatsammlung Als ich Dorota frage, wie es ist, Deutsche zu unterrichten, lacht sie: „Eine gute Frage. Sagen wir einmal, dass es Deutsche sind. Meine Kurse sind bunt gemischt. Ich habe einen Litauer und eine Japanerin, und auch mehrere Polen. Arbeitslose sind eine ganz besondere Gruppe. Sie sind sehr fordernd. Sie bringen es fertig, zu sagen, dass sie es sind, die mich bezahlen. Heute musste ich zum Beispiel dazwischengehen, als einer meiner Schüler eine Mitschülerin beleidigte. Schließlich ranzte er mich an, dass man mit mir nicht reden könne, weil ich eine Polin sei. Zum Glück habe ich die Möglichkeit, solche Teilnehmer vom Unterricht auszuschließen. Sie würden am liebsten auf Deutsch Englisch lernen, um sich alles erklären zu lassen. Und ich sage ihnen gleich zu Beginn, dass das nicht geht, dass ich kein Deutsch spreche. Obwohl ich, unter uns gesagt, bereits das Zertifikat B1 habe, ich habe mir die Sprache selbst beigebracht und komme gut zurecht, ich kann mich sogar auf Deutsch streiten. Zum Glück hatte ich gestern eine Hospitationsstunde, und die Frau, die mich bewerten sollte, war ganz begeistert. Sie sagte, man sehe, dass ich auf Lehramt studiert habe. Ich gehe also davon aus, dass mein Vertrag um ein weiteres Jahr verlängert wird.“

Dorota wohnt in einer 80-Quadratmeter-Wohnung in der Hamburger Innenstadt, für die sie monatlich 714 Euro Miete zahlt. Sie sagt, sie könne es sich leisten, und die Wohnung sei sogar noch günstig. Sie habe Bekannte, die für eine kleinere Wohnung 1500 Euro im Monat zahlen. Dorota hat ihre Wohnung renoviert und hübsch eingerichtet, nur die Küche sei noch nicht fertig. „In Polen müsste ich jeden Groschen zweimal umdrehen“, erzählt Dorota. „Und hier wasche ich die Wäsche, und im nächsten Moment fahren wir einfach los und kaufen uns einen Wäschetrockner. Oder wir unterhalten uns darüber, dass wir noch einen Fernseher für das Schlafzimmer bräuchten. Und fünf Minuten später kaufen wir uns einen. Einfach so. Das ist die Kaufkraft des Euro.“

„Gibt es auch etwas, von dem Sie in Deutschland enttäuscht waren?“, frage ich Dorota.

„Das katholische Gymnasium, das mein Sohn zu Anfang besuchte“, erzählt sie. „Snobismus, Gucci und Armani statt Unterricht. Wir wurden dort wie Sozialhilfeempfänger behandelt, dabei habe ich nie in meinem Leben Arbeitslosengeld erhalten. Schließlich kam mein Sohn, nach viel Ärger und Stress, nach viel Hin und Her und nach vielen Absagen an eine staatliche Schule. Und ich bin ganz begeistert. Mein Sohn übrigens auch. Er geht dort gerne zur Schule. Und er will gar nichts davon hören, dass wir irgendwann einmal umziehen könnten.“

„Denkt ihr manchmal darüber nach, nach Polen zurückzukehren?“, frage ich die polnischen Lehrerinnen.

Es gab eine Zeit, in der es mir in Polen nicht schlecht ging“, sagt Dorota. „Ich hatte Schüler, private Sprachschulen, ich arbeitete fünfzig Stunden und mehr in der Woche, ich verdiente gutes Geld. Aber ich machte mir immer Sorgen, dass ich keine Absicherung für das Alter hatte, denn mit solchen befristeten Arbeitsverträgen bekommst du hinterher keine Pension, keine Rente, gar nichts. Zusätzlich verzichteten viele Unternehmen nach der Finanzkrise in New York auf Sprachkurse für ihre Mitarbeiter, und Nachhilfestunden werden bekanntlich gerne mal abgesagt. Das war kein sicheres Einkommen. Trotzdem hätten wir uns mit meinem Sohn schon irgendwie in Polen durchgeschlagen, aber ich bin auch wegen ihm nach Deutschland gekommen. Denn er wird es in Deutschland leichter haben. Er muss nicht bei Null anfangen, mit Tellerwaschen und einem gemieteten Zimmer. Außerdem sage ich Ihnen ganz ehrlich, dass ich mich fürchterlich über die derzeitige politische Situation in Polen aufrege.“

„Und Sie?“, frage ich Barbara.

„Nun ja, ich hatte bereits drei Leben, wie in einem Computerspiel“, erzählt sie. „Und jetzt habe ich das vierte, vielleicht ist es das letzte? Ich habe in Hamburg einen Mann kennengelernt, den ich inzwischen geheiratet habe. Ich arbeite nicht mehr in der Schule, sondern leite eine Speditionsfirma. Ich fühle mich hier wohl. Auch wenn mein Mann manchmal davon träumt, in die polnischen Berge zu ziehen – also, wer weiß?“

Anna nickt. „Ja, man weiß nie, was im Leben noch kommt“, seufzt sie. „Das habe ich mehr als einmal gelernt. Deshalb habe ich auch keine Brücken hinter mir abgebrochen. Wenn etwas wäre, könnte ich jederzeit in mein Elternhaus in Polen zurückkehren.“
 

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