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Jacek Dehnel empfiehlt
Mit dem Finger reisen

Eine Seite aus „Atlas der abgelegenen Inseln“ (Ausschnitt)
Eine Seite aus „Atlas der abgelegenen Inseln“ (Ausschnitt) | © Wydawnictwo Dwie Siostry, Pressematerial

„Fünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde“ – so lautet der Untertitel zu Judith Schalanskys „Atlas der abgelegenen Inseln“. Und somit verhält es sich hier völlig anders als bei den zehn Texten, an die ich mich ab heute setzen werde: Ich war auf allen diesen zehn Inseln – deutschsprachigen Büchern, die in polnischer Übersetzung erschienen sind. Auf manchen zum ersten Mal, auf anderen, die ich immer wieder gern besuche, viele Male. Und von diesen ist Schalanskys Buch das erste, das mir in den Sinn kam: eine Erleuchtung, die mir höchsten Lesegenuss bereitet – woran ich auf der Stelle mehrere Freunde teilhaben lassen wollte, indem ich ihnen ein Exemplar schenkte. Und jetzt kann ich auch Sie, liebe Leser*innen, daran teilhaben lassen.

Von Jacek Dehnel

Über den Atlas lässt sich nicht sprechen, ohne seine materielle Form zu bemerken: Auch die außergewöhnliche graphische Gestaltung ist das Werk der Verfasserin. Schalansky ist nämlich nicht nur Schriftstellerin, sondern auch Buchdesignerin und Typographin (zwei ihrer Bücher, eines davon der Atlas, wurden als „schönstes deutsches Buch des Jahres“ ausgezeichnet).

Buchcover der polnischen Ausgabe vom „Atlas der abgelegenen Inseln“ Buchcover der polnischen Ausgabe vom „Atlas der abgelegenen Inseln“ | © Wydawnictwo Dwie Siostry, Pressematerial Auf jeder Doppelseite befindet sich ein Text mit zahlreichen Angaben (Längen- und Breitengrad, eine Ansicht der Weltkugel mit der markierten Insel, die Entfernung zum nächstgelegenen Festland, ein Zeitstrahl mit den wichtigsten geschichtlichen Ereignissen des Ortes), und ihm gegenüber – wie es sich für einen Atlas gehört – eine Karte. Graublauer Grund, darauf perlfarbenes Land mit orangenen Flecken und Linien für menschliche Ansiedlungen, wimmelnde schwarze Ortsnamen. Manche Inseln überzieht eine weiße Schicht, andere – blaues Seengetüpfel. Die einen sind kompakt wie ein Klumpen Erdreich, die anderen lose gestreut; Tristan da Cunha ist eine nahezu kreisrunde Vulkaninsel, die Kokosinseln formen ein unregelmäßiges Atoll, die Weihnachtsinsel sieht aus wie ein Hund, der den Mond anheult. Doch die Illustrationen machen nur die eine Hälfte des Kunstwerks aus.    

Allein die Einleitung zum Atlas der abgelegenen Inseln ist ein herzzerreißend schöner Essay über die Geographie, die Kartographie, über das Reisen (auch – oder vielleicht sogar vor allem – mit dem Finger) und über die Natur der Insel an sich. „In den physischen Topographien können die Landmassen vom tiefebenen Dunkelgrün bis zum hochgebirgigen Rotbraun oder polaren Gletscherweiß leuchten und die Meere in allen Blautönen erstrahlen – erhaben über den Lauf der Geschichte“ – schreibt Schalansky, und für die polnische Ausgabe hat Tomasz Ososiński ihren Text meisterhaft ins Polnische gebracht – „Natürlich zähmen auch diese Kartenbilder die natürliche Wildnis durch gnadenlose Generalisierung, welche die Vielfalt der realen Geografie reduziert, sie durch stellvertretende Zeichen ersetzt und darüber entscheidet, ob ein paar Bäume schon einen Wald ergeben, ob eine menschliche Spur als Pfad oder Feldweg registriert wird. So ist die Autobahn auf Karten dem Maßstab widersprechend breit, wird eine deutsche Millionenstadt mit dem gleichen Viereck beschrieben wie eine chinesische, und eine arktische Bucht leuchtet genauso blau wie eine pazifische, weil beide die gleiche Meerestiefe haben. Die Eisberge, die sich in Ersterer türmen, werden hingegen einfach verschwiegen. Landkarten sind abstrakt und gleichzeitig konkret – und bieten bei aller vermessenen Objektivität doch kein Abbild der Wirklichkeit, sondern eine kühne Interpretation.“

Jeder der fünfzig Texte wählt sich eine Begebenheit aus der Geschichte des betreffenden Ortes. (...) Doch ist die Gesamtheit keinesfalls eine Chronik der Highlights, sondern eben eine kühne Interpretation.

Ganz ähnlich verhält es sich mit Schalanskys Text (außer vielleicht in dem Punkt, dass er historische Ereignisse sehr wohl berücksichtigt). Der letzte Satz könnte gut und gerne Zusammenfassung des gesamten Atlas sein: Jeder der fünfzig Texte wählt sich eine Begebenheit aus der Geschichte des betreffenden Ortes – eine abstrakte und gleichzeitig konkrete Auswahl, doch ist die Gesamtheit keinesfalls eine Chronik der Highlights, sondern eben eine kühne Interpretation. Nicht nur der Geschichte dieser oder jener Insel, sondern weit allgemeinerer Fragen: des Wandels der Welt, der menschlichen Haltungen, unserer Beziehungen zur Natur und zu anderen Vertreter*innen der Gattung Homo sapiens.

Eine Seite aus „Atlas der abgelegenen Inseln“ Eine Seite aus „Atlas der abgelegenen Inseln“ | © Wydawnictwo Dwie Siostry, Pressematerial Die Vielfalt dieser Mini-Essays ist wundervoll; wie eine diebische Elster trägt Schalansky verschiedenste Kleinigkeiten zusammen, die im Kontext der benachbarten Texte in reinem Licht erstrahlen. Der Text über Raoul Island ist praktisch zur Gänze einem Handzettel entnommen, auf dem das neuseeländische Departament of Conservation freiwilligen Mitarbeitern die unwirtlichen Umstände des Insellebens schildert. An anderer Stelle gibt eine einseitige Notiz im Telegrammstil eine unglaubliche Geschichte wieder, die Thema eines Romans oder Films sein könnte (und es manches Mal auch war): Die Geschichte eines Leuchtturmwärters, der als einziger Mann in einer Gruppe von Frauen und Kindern zurückbleibt. „Er ruft sich zum König aus, zum König von Clipperton, nimmt Mätressen, vergewaltigt und tötet, regiert fast zwei Jahre lang. Am 17. Juli 1917 erschlagen die Frauen ihn mit einem Hammer und massakrieren sein Gesicht. Da taucht am Horizont ein Schiff auf.“ Oder die Geschichte auf Floreana, wo „eine selbst ernannte Baronin, eine Lebedame mit großen Zähnen und dünnen Augenbrauen“ gemeinsam mit ihren zwei Liebhabern ein Paar terrorisiert, das bereits länger auf Galapagos weilt, bis die Geschehnisse unerwartet in einer Serie von Todesfällen münden.

Vielleicht macht gerade diese Knappheit der Texte – und zugleich ihre Offenheit für weit schweifende Interpretationen – die Stärke dieses Buches aus: Ein kurzer Text über eine Strafkolonie auf Norfolk, wo der neue Kommandant anlässlich des Geburtstags der Queen Feierlichkeiten anordnet, ist eine vollständige Erzählung über das Wesen der Freiheit und die Konzeption der Strafe. Und die Notizen über Tromelin, wo Soldaten die Sklaven in den sicheren Tod entlassen, oder über Diego Garcia, von wo die britische Regierung die ganze ansässige Bevölkerung vertrieb, um das Atoll in einen Militärstützpunkt namens Camp Justice zu verwandeln, sprechen von Ethik, Gerechtigkeit und Herrschaft.

So wie die Karten der Inseln sind auch die Essays nur eine Annäherung – alles Weitere müssen Leserin und Leser sich selbst erschließen.
 
Judith Schalansky, Atlas der abgelegenen Inseln. Fünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde, Mare-Verlag, Hamburg 2009
 

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