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Greifswald
Von rechts bis links

Der Markt in Greifswald
Der Markt in Greifswald | Quelle: Flickr; Foto © O Petros; CC BY-NC-ND 2.0

Eine bunte Universitätsstadt und zugleich eine Hochburg der rechtsradikalen AfD. Wie es sich in Greifswald lebt, prüft Ewa Wanat.
 

Von Ewa Wanat

Zur Begrüßung hielt Greifswald für mich einen echten architektonischen Schock bereit: Die Stadt besitzt einen der schönsten Marktplätze in Norddeutschland, aber das Bild, das sich in vielen der zum Markt führenden Straßen bietet, zeugt von der architektonischen Gedankenlosigkeit, die nach dem Zweiten Weltkrieg in den Ländern des Ostblocks herrschte. Der Denkmalschutz und die Bewahrung der architektonischen Harmonie genossen östlich des Eisernen Vorhangs keine Priorität. Sowohl in Lüneburg als auch in Greifswald verfiel man nach dem Krieg auf die Idee, dass es günstiger wäre, die verfallenen, Jahrhunderte alten Gebäude abzureißen und neu zu bauen, als sie zu restaurieren. Im westdeutschen Lüneburg protestierten die Einwohner mit Erfolg gegen entsprechende Pläne. Im ostdeutschen Greifswald hingegen wurden die Einwohner nicht nach ihrer Meinung gefragt. Die Machthaber beschlossen, dass es sich nicht lohnte, die alten Gebäude zu restaurieren, also ersetzte man die mittelalterlichen Gebäude durch Plattenbauten. An manchen Stellen versuchte man sogar, an die ehemalige Bebauung anzuknüpfen: Einige der Gebäude haben Giebeldächer oder sogar Gesimse, doch all das verstärkt nur das architektonische Durcheinander. Von der ehemaligen Bebauung sind nur einige Kirchen, der Marktplatz mit dem Barock-Rathaus und einige wenige Gebäude um den Marktplatz erhalten.

Energie und Offenheit

Greifswald ist eine sechzigtausend Einwohner zählende Hansestadt in Mecklenburg-Vorpommern. Sie liegt an dem in die Ostsee mündenden Fluss Ryck. Die Stadt besitzt eine der ältesten Universitäten in Deutschland und ist die Geburtsstadt des romantischen Malers Caspar David Friedrich. Auf den ersten Blick wirkt Greifswald ein wenig schläfrig, doch beim näheren Hinsehen fällt mir auf, dass im Gegensatz zu vielen anderen ostdeutschen Städten die Straßen hier von überwiegend jungen Leuten bevölkert sind. Ich gehe in ein Restaurant in der Nähe des Marktplatzes und bestelle eine Pizza. Die Pizza ist ein Reinfall, aber die Atmosphäre hier erinnert an Berlin: Es geht jung, bunt und vielsprachig zu, man hört Spanisch, Italienisch, Französisch und selbstverständlich Englisch. Wahrscheinlich handelt es sich um Austauschstudenten des Erasmus-Programms. An der Greifswalder Universität studieren über zehntausend Studenten, über die Hälfte von ihnen kommen von außerhalb Mecklenburg-Vorpommerns zum Studium nach Greifswald – manche sogar aus Großstädten wie Berlin, wo die Seminarräume häufig überfüllt sind. In Greifswald geht es beschaulicher zu, die Dozenten kennen ihre Studenten mit Vor- und Nachnamen. Die jungen Leute bringen, selbst wenn sie Greifswald nach dem Ende ihres Studiums wieder verlassen, eine Menge Energie und Offenheit in die Stadt.

Der Fluss Ryck in Greifswald Der Fluss Ryck in Greifswald | Quelle: pixabay; Foto: Erich Westendarp Mein Blick bleibt an einigen Plakaten des Theaters Vorpommern hängen, die eine Show mit dem Titel „Magie der Travestie“ ankündigen, eine „fulminante Mischung aus Tanz, Gesang, Parodie und Erotik“ – das Stadttheater lädt zum Auftritt einer Drag Queen ein. Man stelle sich vor, eine entsprechende Show fände in einem städtischen Kulturzentrum in Ełk oder Biała Podlaska statt. Es würde kaum ohne Proteste abgehen. In Polen finden solche Auftritte in Schwulenbars oder hinter verschlossenen Türen statt.

In Greifswald müssen sich Minderheiten nicht verstecken. Im sozio-kulturellen Zentrum St. Spiritus (vor 750 Jahren gab es hier ein Spital mit diesem Namen) wurde im Februar die Ausstellung „WIR* HIER! Lesbisch, schwul und trans* zwischen Hiddensee und Ludwigslust“ eröffnet, eine Wanderausstellung über die Lebenserfahrungen von Lesben, Schwulen und Transsexuellen in Geschichte und Gegenwart. Das Interesse an der Ausstellung war riesig, berichtete die Ostsee-Zeitung. „Es ist toll, einfach herrlich, schön, dass es diese Offenheit gibt“, freute sich Maximilian Weihs, der sich übergangsweise als Transmann versteht und selbst in der Ausstellung vertreten ist, in einem Interview mit der Zeitung. Er sei vor sieben Jahren von Ueckermünde nach Greifswald gezogen, weil die Stadt wesentlicher offener und toleranter sei.

Das Aktionsbündnis Queer in Greifswald organisiert jedes Jahr anlässlich des Tags der Akzeptanz ein LGBT-Festival vor dem Rathaus, und die Gender Trouble AG an der Universität Greifswald veranstaltet zweimal im Monat Queer-Partys. 
Gleichzeitig ist Mecklenburg-Vorpommern das Bundesland, in dem die meisten Rechtsextremen leben. Der Verfassungsschutz in Mecklenburg-Vorpommern ordnet 1.500 Menschen im Land der aktiven rechtsextremen Szene zu. 2017 gab es 180 Aktionen und Veranstaltungen der rechtsextremen Szene: von Aufmärschen über Konzerte bis hin zu Kampfsport-Seminaren oder sogenannten Sicherheitsschulungen. Auch in Greifswald kommt es zu Aufmärschen und Treffen rechtsextremer Gruppen, die jedoch regelmäßig – wie überall in Deutschland – von Gegendemonstration der Antifa begleitet werden. Caspar David Friedrich, „Der Greifswalder Markt“ (Ausschnitt) Caspar David Friedrich, „Der Greifswalder Markt“ (Ausschnitt) | © gemeinfrei

Eine Stadt am Bodden

Die rechtsextreme Szene spielt in Greifswald nur eine Nebenrolle, sie schreckt weder Studenten noch Touristen ab. Die Letzteren kommen vor allem wegen Caspar David Friedrich, einem der bedeutendsten Maler der Romantik. Das Haus, in dem er 1774 geworden wurde, ist heute ein Museum, und im Pommerschen Landesmuseum hängen mehrere seiner Bilder.

Ein besonderer Anziehungspunkt für die Liebhaber der melancholischen Gemälde Caspar David Friedrichs ist die Klosterruine Eldena, die sich ganz in der Nähe der städtischen Badestelle befindet. In dem ehemaligen Zisterzienserkloster aus dem 12. Jahrhundert wurde unter anderem Prinzessin Anna von Polen bestattet, die Tochter des polnischen Königs Kasimir IV. Andreas. Caspar David Friedrich machte die Klosterruine Eldena zu einem zentralen Motiv seines Schaffens. Auf manchen seiner Bilder versetzte er sie sogar in andere, dramatischere Landschaften, zum Beispiel ins Gebirge. Denn Greifwald ist flach, so weit das Auge reicht. Die Stadt liegt nicht unmittelbar an der Ostsee, sondern an einer lang gezogenen, flachen Bucht, dem sogenannten Greifswalder Bodden. Ohne die Klosterruine würde sich diese Landschaft kaum als Motiv für einen romantischen Maler eignen: Das Wasser der Bucht liegt trotz des starken Windes nahezu unbewegt da. Kein Wunder also, dass Caspar David Friedrich gerne auf die nahe gelegene Insel Rügen und in das Riesengebirge reiste, um sich von den dortigen Landschaften inspirieren zu lassen.


Ruiny klasztoru cysterskiego – Eldena Ruiny klasztoru cysterskiego – Eldena | Źródło: pixabay; Foto (fragment): Kerstin Riemer Doch die flache und monotone Landschaft hat auch ihre Vorzüge. Angeblich ist Greifswald nach Münster die zweite Fahrradhauptstadt Deutschlands: 44 Prozent der Greifswalder nutzen das Fahrrad als Verkehrsmittel im Alltag. Außerdem liegt die Stadt an mehreren Radwanderwegen, unter anderem dem Ostseeküstenradweg und dem Iron-Curtain-Trail – dem längsten europäischen Radfernweg, der entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs von der Barentssee bis an das Schwarze Meer führt.

Ich fahre vom Bodden in die Innenstadt zurück und steige am Museumshafen Greifswald aus. An einer der Museumswerften, in denen unter anderem historische Segelschiffe restauriert werden, hängt ein großes Transparent mit der Aufschrift „Seenotrettung ist kein Verbrechen“ – ein Protest gegen die Behandlung von Menschen wie den Lifeline-Kapitän Claus-Peter Reisch, der Flüchtlinge im Mittelmeer vor dem Ertrinken rettet. Und ein Zeichen dafür, dass die Solidarität mit Fremden im heutigen Deutschland noch immer eine größere Rolle spielt als nationalistische Ressentiments.
   

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