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Gera
Eine Stadt der geschlossenen Kirchen

Gera, Marktplatz
Gera, Marktplatz | © Thüringer Tourismus GmbH, Pressematerial

„Man kann hier gut leben, es gibt keine Probleme – sagt Hassan.“ Ein Spaziergang durch die Straßen Geras zeigt, wie sich schrumpfende ostdeutsche Städte wandeln.
 

Von Ewa Wanat

Mein Wecker klingelt um 4:30 Uhr. Ich ziehe die Vorhänge auf und lege mich wieder ins Bett. Ein riesiger Vollmond blickt in mein Zimmer. Heute ist der Mond der Erde am nächsten. Ich beobachte, wie der Schatten der Erde sich langsam über seine leuchtende Oberfläche schiebt. „Super-Blutmond“ nennt sich diese Mondfinsternis, die nächste findet erst wieder in fünfzehn Jahren statt.

Gera liegt in Thüringen, etwa sechzig Kilometer südlich von Leipzig. Eine Stadt, die typisch ist für den sich seit 1989 rapide entvölkernden Osten Deutschlands. Vor dreißig Jahren hatte Gera noch 134 834 Einwohner, im Dezember 2014 waren es nur noch 94 492.

Mit dem Fall der Mauer im Jahr 1989 brach auch die Wirtschaft der ehemaligen DDR zusammen, in Gera vor allem die Textilindustrie. Von einem Tag auf den anderen verschwanden viele Großbetriebe und Kombinate, in denen bis dahin drei Viertel der DDR-Bürger beschäftigt gewesen waren. Es kam zu einer tiefen sozialen Krise, deren Auswirkungen allenfalls mit den Folgen der Weltwirtschaftskrise in den 1930er-Jahren vergleichbar waren. Viele Ostdeutsche wanderten in den Westen ab, seit 1989 schrumpfte die Einwohnerzahl Geras um fast ein Drittel. Aktuelle Prognosen gehen davon aus, dass die Einwohnerzahl bis 2030 auf 85 000 zurückgehen wird.

Einwohnerentwicklung von Gera – ab 1871 Einwohnerentwicklung von Gera – ab 1871 | Grafik: Summer ... hier!, Quelle: Wikimedia Commons © CC0 1.0 Das Geschäft geht ganz gut

Am Morgen mache ich mich auf den Weg in die Innenstadt. Im frühen Tageslicht wirken die Jugendstilgebäude besonders schön. Die Architektur erinnert mich ein wenig an Breslau, ein wenig an Zielona Góra. Auf dem Weg zum Fluss, der Weißen Elster, betrete ich ein syrisches Lebensmittelgeschäft mit dem Namen Damaskus Tor.

Der Besitzer spricht kein Deutsch, aber Hassan, der gerade dort einkauft, unterhält sich gerne mit mir. Er ist sechsunddreißig Jahre alt und kommt aus Damaskus. Seit zwei Jahren lebt er mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Gera. Er spricht schon ziemlich gut Deutsch, gerade macht er seinen LKW-Führerschein. Es ist hier leicht, eine günstige Wohnung zu finden, für eine Dreizimmerwohnung mit 65 Quadratmetern zahlt er 400 Euro. In Berlin würde eine vergleichbare Wohnung mindestens 1000 Euro kosten, und er müsste monatelang suchen, um überhaupt eine zu finden. „Man kann hier gut leben, es gibt keine Probleme“, sagt Hassan.

Auf der anderen Straßenseite befindet sich ein Geschäft mit dem Namen Legal, in dem Shishas, Haschpfeifen, Tattoos, Piercing-Ringe und Artikel mit Cannabis-Motiven verkauft werden. Das Schaufenster wird von Gegenständen im Totenkopf-Design beherrscht. „Der Laden existiert jetzt schon siebzehn Jahre, das Geschäft geht ganz gut“, erklärt der Besitzer. Ich frage ihn, wer bei ihm einkaufe. „Alle. Deutsche, Flüchtlinge, Jugendliche, ältere Leute.“ Ein Typ mit großen Löchern in den Ohren sieht sich eine gläserne Wasserpfeife an. Als die Rede auf die Flüchtlinge kommt, schaltet er sich in unser Gespräch ein. Er sagt, es gebe viele von ihnen, zu viele. Es komme zu Schlägereien, Auseinandersetzungen und sogar Messerangriffen.

Die Zahl der in Gera lebenden Ausländer hat sich seit 2012 verdreifacht, inzwischen beträgt sie 7 000, also etwa sechs Prozent der Einwohner. Damit liegt Gera weit unter dem bundesdeutschen Durchschnitt, der etwa 22 Prozent beträgt. Ginge es nach den Einwohnern Geras, würde Deutschland von der AfD regiert werden. Bei den letzten Bundestagswahlen erreichte die Partei 28,5 Prozent der Stimmen und landete damit auf dem ersten Platz.

Auch der ehemalige SPD-Politiker Thilo Sarrazin, der 2010 mit seinem umstrittenen Buch Deutschland schafft sich ab einen Skandal auslöste, stammt aus Gera. In gewissem Sinne ist auch er ein Flüchtling. Seine Mutter war in der Endphase des Zweiten Weltkriegs aus den deutschen Ostgebieten geflohen und hatte ihr Kind bei Verwandten in Gera zur Welt gebracht.

Die ungläubigste Stadt Deutschlands

Die Stadt scheint viel zu groß für die wenigen Menschen, denen ich auf der Straße begegne. Gera besitzt einen hübschen Marktplatz mit einem interessanten Rathaus aus dem 16. Jahrhundert. Zwischen den sorgfältig restaurierten historischen Gebäuden befinden sich viele leer stehende Häuser mit kaputten Fenstern und aufgegebenen Geschäftsräumen im Erdgeschoss. Die Geschäfte, die noch übrig geblieben sind, haben in der Regel nur vier Tage die Woche, von Dienstag bis Freitag, geöffnet. Vor dem leeren Schaufenster eines Jugendstilgebäudes, in dem sich einst das größte Warenhaus in Gera befand, spreche ich eine ältere Frau an. „Die Menschen ziehen von hier weg, besonders die jungen Leute, nur die Alten bleiben in Gera“, erzählt die pensionierte Krankenschwester. „Durch die Flüchtlinge sind inzwischen wenigstens wieder Kinder in die Stadt gekommen. Aber es gibt auch Probleme, es kommt zu Auseinandersetzungen. Das ist auch kein Wunder: So viele unterschiedliche Nationalitäten in einer neuen Umgebung“, sagt sie.
Gera, St. Marienkirche Gera, St. Marienkirche | Foto (Zuschnitt): Zacke82, Quelle: Wikimedia Commons © CC BY-SA 3.0 Am Ufer der Weißen Elster entstehen neue zweistöckige Wohngebäude mit Südterrassen. Die Preise liegen bei ungefähr 2 000 Euro pro Quadratmeter. Gar nicht so günstig für eine „aussterbende Stadt“. Im Süden höre ich Glocken läuten, dort befindet sich die evangelisch-lutherische Marienkirche. Die spätgotischen Innenräume der Kirche bekomme ich leider nicht zu sehen, an der Tür hängt ein Zettel: Von Januar bis Ende März geschlossen. Egal, welche Kirche ich in Gera besichtigen möchte, alle sind verschlossen und verriegelt.

Nach offiziellen Angaben aus dem Jahr 2011 gehören nur dreizehn Prozent der Einwohner Geras einer Religion an – knapp zehn Prozent bezeichnen sich als Protestanten, drei Prozent als Katholiken. Damit ist Gera die ungläubigste Stadt Deutschlands. Durch die Ankunft der Flüchtlinge ist inzwischen sicherlich die Zahl der Muslime gestiegen.

Geraer Maler

Im Schatten der Marienkirche befindet sich das Geburtshaus von Otto Dix, einem der bedeutendsten deutschen Maler des Zwanzigsten Jahrhunderts. Angeblich soll Hitler bei seinem Besuch der berüchtigten Ausstellung Entartete Kunst vor einem Bild von Otto Dix stehen geblieben sein und geseufzt haben: „Es ist schade, dass man diese Leute nicht einsperren kann!“ Zu diesem Zeitpunkt war Dix bereits mit einem Ausstellungsverbot belegt worden. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 hatte er seine Professur an der Kunstakademie in Dresden verloren und war aus der Preußischen Akademie der Künste ausgeschlossen worden.
Gera, Orangerie Gera, Orangerie | Foto (Zuschnitt): Steffen Löwe, Quelle: Wikimedia Commons © CC BY-SA 4.0 1947 sollte in Gera eine erste Bilanzausstellung der zeitgenössischen Kunstszene mit dem Titel Geraer Maler stellen zur Diskussion stattfinden. Ein empörter Otto Dix schrieb damals an das Kulturamt Gera: „Ich schrieb Ihnen schon neulich, dass ich nicht gewillt bin, meine Bilder »zur Diskussion zu stellen«! Wir haben nun in Deutschland jahrelang die Stimme des Volkes über künstlerische Dinge gehört, und wie wenig ist über das wahre Wesen der Kunst dabei herausgekommen. Diskussionen laufen darauf hinaus, dass jeder Spießbürger und jeder »Blinde« seine kleinen Wünsche anbringen möchte. Jeder glaubt zu wissen, wie Kunst sein sollte. [...] Bescheidenheit ist das Erste, das der Künstler vom Betrachter verlangt. Denn das, was am Kunstwerk erklärbar ist, ist wenig, das Wesentliche an ihm ist nicht erklärbar, sondern allein schaubar.“ Der Titel der Ausstellung wurde schließlich in Geraer Maler stellen zur Schau geändert. Im Otto-Dix-Haus (das von Mittwoch bis Sonntag geöffnet ist) und in der nahe gelegenen Orangerie (die am 24. August 2019 nach einem Umbau wiedereröffnet wird) kann man sich einige Hundert Werke von Otto Dix aus unterschiedlichen Perioden seines Schaffens ansehen.
 
Bei meinem Spaziergang durch die Stadt stoße ich immer wieder auf Skulpturen, überwiegend sitzende oder vor sich hin schreitende, lebensgroße menschliche Figuren, die von dem 1942 geborenen, ostdeutschen Künstler Volkmar Kühn angefertigt wurden. Heute gibt es in Gera zwölf dieser Skulpturen – früher waren es fünfzehn, aber zwei wurden zerstört und eine verschwand einfach. In einer Dezembernacht im Jahr 2012 zogen Unbekannte den nackten Figuren Pullover, Schals und Mützen über. Die Ostthüringer Zeitung war sich nicht sicher, ob es sich um einen Schülerstreich oder um eine künstlerische Aktion handelte – eine Frage, die wohl bis heute unbeantwortet geblieben ist.
 
Bei meiner Reise durch deutsche Kleinstädte stelle ich mir immer wieder die Frage, ob es so etwas wie einen Volksgeist, eine gemeinsame deutsche Seele gibt. Auch in Gera suche ich nach ihm, werde aber nicht so recht fündig. Bis ich schließlich hinter einem Einkaufszentrum ein großes Graffito entdecke, das zwei Frauen mit kurz geschnittenen Haaren in einer erotischen Umarmung zeigt – Emanzipation, Gleichberechtigung und gelebte Vielfalt.
 

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