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Agnieszka Drotkiewicz empfiehlt
Lob oder Parodie?

Kaffee
Quelle: Unsplash; Foto: Harry Brewer

Der Titel des Buches von Sibylle Berg, „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“, könnte den Eindruck erwecken, dass man es mit einem Ratgeber zu tun hat. Ganz falsch. Es ist ein starkes, brutales Buch, dem aber ein schneidender Sinn für Humor nicht fehlt.

Von Agnieszka Drotkiewicz

Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot – diesen Buchtitel habe ich das erste Mal gesehen, als ich in einem Café eine Zeitung durchblätterte. Das war im Jahr 2003, ich war 22 Jahre alt und saß über einem Café au lait. Dieser Kaffee hielt mich in einer Welt der Träume, Pläne, Ambitionen, Gratiskulturzeitschriften und dem vorübergehenden Allmachtgefühl fest, das man als Kundin eines trendigen Cafés verspürt. Ich stand am Anfang eines unpraktischen Studiums, der Kulturwissenschaft nämlich, und wusste nicht recht, was ich im Leben außer Bücher lesen und Milchkaffee trinken anfangen sollte. Ein paar Monate später schrieb ich meinen ersten Roman und veröffentlichte ihn auch, so dass ich sagen kann, dass sich meine Träume erfüllt haben, denn ich habe seitdem viele Bücher geschrieben und einen Ozean aus Kaffee ausgetrunken.

Buchcover von „Ludzie szukają szczęścia...“ Buchcover von „Ludzie szukają szczęścia...“ | © Oficyna 21, Pressematerial Der Titel des Buches von Sibylle Berg könnte den Eindruck erwecken, dass man es mit einem Ratgeber zu tun hat, z.B. für „positives Denken“. Ganz falsch. Es ist ein starkes, brutales Buch, dem aber ein schneidender Sinn für Humor nicht fehlt, ein Buch, das mit unseren Träumen, Illusionen, Depressionen und den Notbehelfen abrechnet, mit denen wir uns zu trösten versuchen. Mit seinem schwarzen Humor erinnert es mich an meine schweizerische Lieblingsschriftstellerin Milena Moser (die Autorin der auch in Polen erschienenen Putzfraueninsel und des Schlampenbuches), in der Form hingegen an Montauk von Max Frisch. Die Einsamkeit und das zwanghafte Bemühen, diese zu verbergen, sei es durch Shoppen, Essen, Sex oder Reisen, aber auch: Eifersucht und Altern, die Schwierigkeit, sich in einem aggressiven Kapitalismus selbst zu finden und die Unfähigkeit, in der eigenen Arbeit einen Sinn zu sehen (der Erzählerin zufolge ist eine der sinnloseren Tätigkeiten das Schreiben von Buchrezensionen – „Das ist noch weniger als nichts zu machen. Das sind Gedanken zu anderer Leute Gedanken“); die fehlende Akzeptanz der eigenen Person, die Selbstquälerei, Anorexie eingeschlossen. Das sind nur einige der Probleme, mit denen die Heldinnen und Helden dieses Buches zu kämpfen haben. Sie flüchten eher vor ihnen, als dass sie versuchen, mit ihnen zurecht zu kommen.

Sibylle Berg hat dieses Buch 1997 veröffentlicht, so dass in ihm diverse Ikonen der Popkultur der neunziger Jahre präsent sind: Kurt Cobain als Symbol des verfluchten Künstlers und gleichzeitig als männliches Schönheitsideal, die Parfums „CK one“ von Calvin Klein als Statussymbol und modische Kücheneinrichtungsstühle, auf denen niemand sitzen kann. Eine der Heldinnen des Buches, eine Journalistin für Frauenzeitschriften namens Bettina, sagt: „Die 80er sind durch, und manchmal denke ich, so schlecht waren die auch nicht. Alle hatten schwarze Sachen an, und in der Werbung zu sein war kein Dreck. Wir konnten wenigstens das Geld anbeten in den 80ern.“ Liest man „Ein paar Leute...“ heute, sieht man, wie aktuell auch im Jahr 2019 die von der Autorin angesprochenen Probleme sind, obwohl ihre Heldinnen sich noch Postkarten schicken und vom Festnetz aus miteinander telefonieren. Ihre Reflexion über den Kapitalismus als Falle hallt kräftig nach, ebenso ihre Kritik der Frauenzeitschriften („Vielleicht sollten Zeitschriften nur noch aus Werbung bestehen. Ich glaube nicht, dass es jemandem auffallen würde“) und auch ihr Nachdenken über die Flüchtigkeit der zwischenmenschlichen Beziehungen und über die Distanz, in der wir voneinander leben, selbst von Menschen, die uns dem Anschein nach am nächsten stehen.

Sibylle Berg schlägt hart zu, genau wie die Autoren der Dramen, die ich zu Beginn des dritten Jahrtausends im Theater gesehen habe, etwa Sarah Kane und Mark Ravenhill. Und doch finde ich in ihrer Botschaft paradoxerweise etwas, das den Schmerz vielleicht nicht lindert, aber doch universalisiert. Denn es leiden alle, wir alle leiden. Diese banal erscheinende Schlussfolgerung ist in diesem Fall sehr reinigend. Zudem erleben die Helden dieses Buches ihre einzigen Glücksmomente dann, wenn sie ihr Suchen für einen Moment aufgeben und einfach am Fenster oder an einem Café-Tisch sitzen. Ist das ein Lob der gerade modischen Achtsamkeit? Oder ihre Parodie? Ich weiß es nicht, aber ich finde immer noch Freude im sinnlosen Kaffeetrinken und in vorübergehenden Auszeiten von der Wirklichkeit:
„Worum es geht, ist doch einfach nur, etwas zu lieben. Und wenn es Milchkaffee und Zigaretten sind. Es ist egal, was einer liebt. Und einfach so zu sterben, ohne noch einen Milchkaffee getrunken zu haben, ist ganz schön blöd. Und dann biegt das Boot mit den Särgen um die Ecke, und Vera vergißt ihre Gedanken. Sie trinkt einfach ihren Kaffee und raucht.“
 

Sibylle Berg, Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot, Reclam Verlag, Leipzig 1997
 

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