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Hof
Das Tor zur Freiheit

Hof, Ludwigstraße
Hof, Ludwigstraße | Foto (Zuschnitt) © Stadt Hof, Pressematerial

Das bayrische Städtchen Hof war für viele Einreisende aus dem Ostblock der erste Halt hinter dem Eisernen Vorhang. Wie sieht dieser symbolische Ort heute aus?

Von Ewa Wanat

Das Städtchen Hof in Oberfranken war einmal mein privates Symbol der freien Welt. Ich bin 1985 in die Bundesrepublik Deutschland emigriert. Für die polnischen Behörden war ich ein illegaler Flüchtling und für die deutschen eine illegale Immigrantin. Zwei Jahre später heiratete ich einen Deutschen und konnte, nunmehr Inhaberin eines sogenannten Konsularpasses, endlich frei reisen. Wir wohnten in München und fuhren zweimal im Jahr nach Polen. Auf der Rückreise machten wir dann immer hier Halt, in der ersten Stadt hinter dem Eisernen Vorhang, und reagierten in den Hofer Cafés unsere Abenteuer an der Grenze ab. Es kam vor, dass die DDR-Grenzer uns die Autositze ausbauen ließen, und einmal mussten wir sogar selbst alle Reifen ab- und wieder anmontieren. Wir haben nie erfahren, was sie eigentlich suchten.

Heute beginne ich meinen Streifzug durch die Stadt auch mit einem Kaffee im ältesten Café der Stadt, dem Café Vetter. Am frühen Vormittag sind nur ältere Herrschaften da, die alle Zeitungen und Bücher lesen. Kein Tablet, kein Smartphone. Eine Dame im blauen Sweater füllt in kleiner, gleichmäßiger Handschrift eine Postkarte. Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich das letzte Mal eine Postkarte erhalten, geschweige denn selbst eine geschrieben habe. An den Wänden hängen Fotos des Cafés aus verschiedenen Epochen. Seit 1933 hat sich hier nicht viel verändert.

Heute, dreißig Jahre nach meinem letzten Besuch, gehe ich durch die Haupteinkaufsstraße von Hof, die Ludwigstraße und ertappe mich dabei, dass ich nichts wiedererkenne, kein Haus, keine Kirche, keinen Platz. Das ist interessant – Orte, die für mich einmal so wichtig waren, sind komplett aus meinem Gedächtnis verschwunden, ganz so, als würde ich sie nicht mehr benötigen und hätte deshalb die Tafel geputzt.

Ich suche einen Optiker; mir ist die Brille kaputt gegangen und ich habe das Etui verloren. Der Geschäftsinhaberin gefällt mein rosafarbenes Gestell so gut, dass ich nicht nur die Reparatur, sondern auch ein Etui und ein Brillenputztuch gratis von ihr bekomme. Alle, mit denen ich ein paar Worte wechsle, sind ebenso herzlich und hilfsbereit. „In meiner Heimatstadt kennen sich alle. Das Tratschen und die Gerüchte funktionieren ausgezeichnet”, schreibt Jennifer Müller, die den Blog www.hof-bloggerin.de betreibt. Und doch ist Hof kein Dorf. „Für mich persönlich ist es die ideale Verbindung von Leben in der Stadt und Leben auf dem Land. Hof ist keine Metropole, Hof ist gemütlich. In dieser häuslichen Atmosphäre sind alle Träume möglich. Und wenn sie sich schon erfüllen sollen, dann sind sie alle zum Greifen nahe.”
Museum Bayerisches Vogtland Museum Bayerisches Vogtland | Quelle: Wikimedia Commons, Foto (Zuschnitt): Tilman2007 © CC BY-SA 3.0

Die Liebe zur Ordnung

Hof war nicht nur für mich das Tor zur freien Welt. Gleich nach dem Krieg gab es hier ein Durchgangslager für Deutsche, die aus Polen und der Tschechoslowakei vertrieben worden waren. Im Museum Bayerisches Vogtland kann man betrachten, was von ihnen in Hof geblieben ist, zum Beispiel ein Porträt von einem lachenden blonden Jungen hinter Glas. Unter dem Bild sind das rosakarierte Hemd und die Hose samt Trägern ausgestellt, in denen er abgebildet wurde, sowie ein Paar abgelaufene Lederschuhe. Reinhard Poepperl wurde im böhmischen Marienbad geboren und starb 1944, als er sieben Jahre alt war. Seine Mutter, die ihr Haus zwei Jahre später verließ, hat diese Erinnerungsstücke an ihren Sohn mitgenommen: das eingerahmte Porträt, das Hemd, die Hose und die Schuhe.

Hof war nach dem Fall der Mauer im Jahr 1989 erneut das Tor zur Freiheit. Hier holten sich Tausende von Ostdeutschen aus dem benachbarten Thüringen und Sachsen ihre 100 DM Begrüßungsgeld ab und gaben es gleich im örtlichen Plus und Aldi aus. Die Stadtverwaltung ließ damals Bekanntmachungen aushängen, mit denen sie den Neuankömmlingen die Regeln für ein Leben im Westen Deutschlands nahebrachten: Parken nur auf den dafür vorgesehenen Plätzen, keinen Müll auf die Straße werfen. Man könnte sagen, was für eine Engherzigkeit: Historisches ereignet sich, und die Bewohner von Hof stören sich an Falschparkern und Müll auf dem Gehweg. Auch das ist der Volksgeist Deutschlands, die Liebe zu Regeln und Ordnung, der Umstände ungeachtet.
Von der DDR über Prag nach Hof: Familie Kuhn über ihre Flucht im Jahr 1989

Ängste haben keine Nationalität

„So geht es nicht weiter. Nach Hof kommen zu viele Flüchtlinge. Die Stadt sorgt sich, ob deren Integration überhaupt möglich ist. Lokalpolitiker sind der Meinung, dass die Lage sich dramatisch verschärft. Wenn in einer Grundschulklasse fast nur noch Kinder aus Flüchtlingsfamilien lernen, entsteht die Gefahr einer sogenannten Parallelgesellschaft.” Das ist kein Text vom Ende der fünfziger Jahre, als 600 000 Flüchtlinge durch die Stadt zogen, und auch nicht aus dem Jahr 1989, als Zehntausende von ihnen hier waren. Es ist ein Artikel aus Die Welt, aus dem Jahr 2017. Zu dieser Zeit wohnten knappe 2 000, hauptsächlich aus Syrien gekommene Flüchtlinge in Hof, auf fast 50 000 ständige Einwohner.

Heute, zu Beginn des Jahres 2019, erinnern die Straßen von Hof in nichts an die bunten, vielsprachigen Straßen Berlins, Hamburgs oder Münchens. Im Laufe eines ganzen Tages treffe ich ein paar Menschen, die etwas exotisch aussehen, einige Frauen in Kopftüchern.

Hof, St. Michaeliskirche Hof, St. Michaeliskirche | Quelle: Wikimedia Commons, Foto: T. E. Ryen © CC BY-SA 3.0 „Jüngst wurden in Hof im Kloster drei Nonnen verabschiedet. Wie ein katholischer Priester bei dieser Gelegenheit sehr treffend sagte: Wir sehen in der Stadt immer häufiger Frauen mit verhüllten Häuptern, es sind nur leider keine Ordensschwestern“, beklagte in einem Interview für den Bayern Kurier vor zwei Jahren Harald Fichtner, der CSU-Bürgermeister von Hof. „Vor kurzem hat ein syrischer Imbiss eröffnet, und es ist ein arabisches Fuhrunternehmen entstanden, das Möbeltransporte aus Damaskus anbietet. Das sind vielleicht die Anfänge der Parallelgesellschaft, die sich mit ihrer Sprache, mit ihren Werten und ihrem Rechtsverständnis vielleicht nicht mehr in unsere Gesellschaft einfügen kann“, schlug Bürgermeister Fichtner Alarm. Was soll man machen – Ängste gibt es überall, sie sind universell und haben keine Nationalität.

Jennifer Müller schreibt nicht nur einen Blog, sondern dreht auch Videos. In einem davon tritt sie selbst mit ihrem Mann auf, der Eigentümer eines Piercingstudios ist. Herr Müller zieht den Leuten Ringe durch alle erdenklichen Körperteile, entfernt aber auch Tätowierungen, wie zum Beispiel die Namen nicht verflossener Verlobter oder Symbole, die ihre Bedeutung verloren haben. Auch Hakenkreuze. „Aber das Entfernen eines Hakenkreuzes kostet extra”, betont Müller und lacht boshaft.

Das ist der Volksgeist Deutschlands, den ich in Hof spüre: das gelobte Land für Flüchtlinge, die Herzlichkeit gegenüber Fremden ebenso wie die Furcht vor ihnen, und auch der überall gepiercte Typ, der die Leute von ihren Jugendsünden befreit und sich dafür teuer bezahlen lässt.
 

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