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Was ist los mit… den beliebtesten Vornamen?
Die Politik des Vornamens

Becher mit Namen
Quelle: pxhere.com © CC0 1.0

„Man verdient in Deutschland am meisten Geld, wenn man entweder Dirk oder Sabine heißt.“ Die alte Wahrheit, dass das Private politisch ist, gilt auch für die Vornamensgebung. Über die Trends und die Konsequenzen der Namenswahl schreibt Christoph Bartmann.

Emma, Mia, Emilia, Hannah / Hanna, Sophia / Sofia, das sind aktuell die fünf beliebtesten Vornamen für Mädchen in Deutschland. Bei den Jungen heißen die Favoriten: Ben, Paul, Jonas, Leon und Elias. Ein kurzer Vergleich mit Polen. Dort waren die Lieblingsnamen zuletzt: Zuzanna, Julia, Maja, Zofia und Hanna sowie  Antoni, Jakub, Jan, Szymon und Aleksander. Es sieht so aus, als gäbe es, in Deutschland, Polen und anderswo, einen Trend zu kürzeren und international verbreiteten Namen. Der Vorname soll auch jenseits der Grenzen „funktionieren“, er muss also leicht auszusprechen sein. Nur noch in Ausnahmen gibt der Vorname einen Hinweis auf die nationale oder sonstige Herkunft.

Vornamen sind ein hochinteressantes kulturelles Thema, sowohl im historischen wie auch im Ländervergleich. Im Jahre 2000 waren die fünf beliebtesten Mädchennamen in Deutschland: Anna, Lea, Sarah/Sara, Hannah/Hanna, Michelle. Bei den Jungen waren es: Lukas/Lucas, Jan, Tim, Finn/Fynn und Leon. Kein sehr großer Unterschied zu heute, aber jetzt schauen wir zurück auf 1950. Da hießen die Mädchen Brigitte, Renate, Karin, Angelika und Monika, und die Jungen Peter, Hans, Wolfgang, Klaus und Manfred. Diese Namen waren schon in den Hitler-Jahren 1933 bis 1945 populär, populärer jedenfalls als der Vorname Adolf, der es nie in die „Top Ten“ schaffte. Schauen wir noch weiter zurück, und zwar auf das Jahr 1900. Damals hießen die neugeborenen Mädchen Anna, Martha/Marta, Frieda/Frida, Emma und Marie, und die Jungen: Wilhelm, Carl/Karl, Heinrich, Hermann, Friedrich. Man sieht: viele Mädchen von heute heißen wieder wie ihre Ur- (oder Ur-ur-) großmütter. Und auch bei den Jungen ist eine Sehnsucht nach der guten alten Zeit zu verzeichnen. Nicht nur Max(imilian) und Moritz sind wieder da, auch Ludwig, Gustav, Paul und Heinrich (nicht aber Erich, Ernst, Walter oder Alfred). Eltern aus akademischem Milieu geben ihren Kindern gerne gutbürgerliche Namen wie diese. Das verbessert ihre Chancen in Schule und Beruf. Eine Untersuchung brachte übrigens ans Licht, dass man in Deutschland dann am meisten Geld verdient, wenn man entweder Dirk oder Sabine heißt. Wie schon immer, sind Vornamen ein Mittel der sozialen Differenzierung. Mit unseren „guten“ Vornamen unterscheiden wir uns von Leuten, die so heißen (oder ihre Kinder nennen) wie: Chantal, Dennis, Cheyenne, Kevin, Justin, Mandy, Meik. Solche Namen assoziieren wir mit „sozial schwach“, „Unterschicht“ und „Proll“ und tun damit den Namensträgern oft Unrecht.

Nun erleben wir, in der „Gesellschaft der Singularitäten“ (...), die Individualisierung der Vornamen.

Und dann gibt es noch die Tendenz zum „wilden“ Namen, den das Standesamt akzeptiert oder nicht. Adonis, Poseidon, Wendelbert, Bombastus, Terence-Spencer oder auch Jamy-Oliver. Noch schlimmer, und deshalb auch nicht akzeptiert: Popcorn, Urmel, Eisenstein, Knirpsi oder Lucifer. Zu Recht. Man weiß nicht, was Eltern sich bei solchen Namen denken. Sie haben jedenfalls keine Ahnung davon, welche lebenslange Belastung ein ausgefallener Name für ein Kind bedeuten kann. Die deutsche Vornamensgebung war nie so frei wie etwa in den USA (wo man Kinder gerne auch „Brooklyn“, „River“ oder „Chelsea“ nennt), sie folgte eher engen sozialen Konventionen. Nun aber erleben wir, in der „Gesellschaft der Singularitäten“ (wie das der Soziologe Andreas Reckwitz nennt), die Individualisierung der Vornamen. Aber die Summe individueller Entscheidungen erzeugt dann doch wieder ein kollektives Muster: kurz soll der Name sein, klingend, international brauchbar, nicht zu selten und auch nicht zu häufig. Deswegen sind Ben und Paul, Emma und Hanna, Leon und Mia allgegenwärtig, und verschwunden dagegen die Hildegards, Gerhards oder Mechthilds – lauter fast ausgestorbene Namen.

Für Aufregung sorgte auch die Meldung, dass in Berlin 2018 Mohammed der beliebteste männliche Vorname war (deutschlandweit auf Platz 24). Das war natürlich Wasser auf die Mühlen der „Alternative für Deutschland“ (AfD). „Überfremdung“! „Islamisierung“!  Aber dann folgte rasch die Korrektur, und zwar durch niemand anderen als Bild, das Massenblatt mit neuerdings scharfer Positionierung gegen rechts außen. Nicht etwa Mohammed sei der häufigste Vorname in Berlin 2018 gewesen, sondern, man glaubt es kaum, Emil (ja, wie in Emil und die Detektive). Aber auch auf diesen Emil entfiel nur etwas mehr als 1 Prozent aller Namensgebungen in Berlin. Man sieht, die Individualisierung des Vornamens schreitet voran: auch die aktuellen Modenamen haben nur einen vergleichsweise kleinen Anteil am Gesamt-„Markt“ möglicher (und unmöglicher) Vornamen. Ist das nun gut oder schlecht? Man hat sich jedenfalls viel weniger Gedanken über Vornamen gemacht, als man noch seinen Kindern dieselben Namen gab wie alle anderen auch. Oder als das christliche Erbe noch verlässlich für eine hohe Frequenz von Aposteln und Heiligen sorgte. Peter, Hans und Stefan! Karin, Gabi und Susanne! Eure Namen waren doch auch nicht schlecht. Aber es sieht nicht so aus, als ob Eure Zeit zurückkäme.
 

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