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Phänomen
Anmerkungen zur Gurke

Gurken
Quelle: pixabay.com; Foto: Photo Mix

Sprachlich leitet sich das deutsche Wort „Gurke“ vom altpolnischen „ogurek“ ab und die Gurke selbst wanderte nach Westen über Osteuropa. Am Anfang der „Sauregurkenzeit“ schauen wir uns dieses unscheinbare Gemüse genauer an.

Von Karolina Kuszyk

Der Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt (VEN) wählte die Gurke zum Gemüse des Gartenjahres 2019/2020. Dem wasserhaltigen Gemüse aus der Kürbispflanzenfamilie droht zwar kein Aussterben, denn Gurkenanbau wird in Europa mit Erfolg betrieben, aber ein Großteil der einstigen Gurkensortenvielfalt ist verschwunden. In Deutschland werden vor allem Salat- oder Schlangengurken aus Spanien oder Holland verkauft, die meistens nach nichts schmecken, da sie im Gewächshaus auf künstlichem Nährsubstrat angebaut werden. Anders ist es da geschmacklich um  die verschiedenen Formen von Einlegegurken bestellt, die köstlich und ebenso beliebt sind. Viele alte Sorten allerdings würden nicht mehr angebaut, so Alexander Artmann vom VEN. „Zum Beispiel die kleinen kugelrunden Zitronengurken oder die Apfelgurken. Oder weiße Gurken, die ganz blassgrün sind.“

„Der eine hat den Dill, der andere die Gurken“

In Mittelosteuropa isst man Gurken das ganze Jahr über. Neben dem Sommerklassiker, frischem Gurkensalat mit Sahne, in Polen „mizeria“ genannt, der früher als Arme-Leute-Essen galt, kennt man vor allem die zahlreichen eingelegten Varianten: Gewürzgurke, auch Essiggurke oder Cornichon genannt, Salzgurke, die durch Milchsäuregärung haltbar gemacht wird oder Senfgurke. Es gibt auch Schmorgurke, für die eine Sorte verwendet wird, die nur in gegartem Zustand schmeckt.

Wenn man von Gurke spricht, muss auch ihr treuer Begleiter der Dill erwähnt werden, der ihr nur selten von der Seite weicht, vor allem in der osteuropäischen Küche. „Der eine hat den Dill, der andere die Gurken“, so werden in einem russischen Sprichwort Vorteile der Kooperation gelobt.

Aus Indien über Ost- bis nach Westeuropa

Die Heimat der Gurke ist jedoch nicht Osteuropa und auch nicht der Spreewald, sondern Indien, wo sie schon vor 3000 Jahren angebaut wurde. Die Kulturgurke ist dort wahrscheinlich aus einer bitteren Wildform domestiziert worden. Noch heute wird in Indien die bittere Gurkensorte „Bittermelone“ angebaut, mit einer knubbeligen Schale, die an Reptilienhaut erinnert. Vor kurzem konnte ich die Bittermelone an einem Gemüsestand auf dem Indian Street Food Festival in Berlin bewundern, neben Okras, Meerretichbaum und anderen Exoten. „What do you use it for?“, fragte ich den Verkäufer. „For cooking“, sagte er und lächelte breit. „But it´s bitter!“, wandte ich ein. „Yes, very, very bitter!“, bestätigte er und lächelte noch breiter. Ich beschloss, der Bittermelone irgendwann einmal eine Chance zu geben!

Von Indien aus wanderte die Gurke nach Westen, sowie in Richtung China und Japan. Die ältesten Nachweise ihrer Nutzung in Osteuropa stammen aus dem 7. bis 10. Jahrhundert um Krakau. Dann „gurkte“ das Gemüse eine Weile im Osten Europas herum, bevor es sich im 16. Jahrhundert auch in Westeuropa verbreitete. Sprachlich leitet sich das deutsche Wort „Gurke“ denn auch vom altpolnischen „ogurek“ ab. Dieses wiederum kommt vom mittelgriechischen „angourion, was „unreif“ bedeutet. In der Küche wird die Gurke nämlich vorwiegend in unreifem Zustand verwendet. Sobald sie reif und gelb ist, ist sie meistens nicht mehr genießbar.

Die „Gurkenkrümmungsverordnung“

In der fernen Heimat der Gurke kümmert sich vermutlich niemand um deren Krümmung, anders als in der EU, wo die Europäische Gemeinschaft bereits 1988 eine Verordnung zur Festsetzung von Qualitätsnormen für Gurken verabschiedete. Die „Gurkenkrümmungsverordnung“ teilte die Gurken anhand verschiedener Merkmale in unterschiedliche Güteklassen. So durfte eine Gurke der Handelsklasse „Extra“ maximal eine Krümmung von 10 Millimetern auf 10 Zentimetern Länge aufweisen. Über zwanzig Jahre lang diente diese absurde Vorschrift als gängiger Beleg für den Normwahn der europäischen Verwaltung. Erst 2009 wurde die Verordnung, die zur massenhaften Verschwendung von gutem, genießbarem Gemüse führte, von der Europäischen Kommission außer Kraft gesetzt. Viele Großhändler verwenden die Vorgabe allerdings weiterhin als interne Normung. So landen immer noch Gurken, die für „zu krumm“ befunden werden, ansonsten aber absolut in Ordnung sind, tonnenweise auf dem Müll, neben anderem Gemüse mit ungewöhnlicher Form. Diese Verschwendung stößt auf Protest: Initiativen wie das Startup „The Good Food“ aus Köln und der Abo-Service „Etepetete“ aus München retten Obst und Gemüse, das sonst ausschließlich aufgrund seines extravaganten Aussehens auf dem Feld liegen gelassen, vernichtet oder zur Energiegewinnung zweckentfremdet würde. „Bei uns kommt alles in die Kiste: Wir pfeifen auf unnötige Normen und nehmen alles vom Feld. So kann man auf der Homepage von Etepetete lesen: „Egal ob krumm oder schief, Hauptsache es schmeckt, ist frisch und gesund. Werde jetzt zum Gemüseretter und bestelle deine Box!“, und ich bewundere die Vielfalt der Gemüsewelt auf Fotos, die mir das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen: Kartoffeln in Herzform, zweibeinige Möhren, sowie Gurken, die aussehen, als würden sie sich vor Lachen krümmen.

Erstaunlich ist auch, in wie vielen Sprachen die Gurke zum Symbol des Sommerlochs geworden ist, jener ereignisarmen Urlaubsaison, in der Nachrichtendürre herrscht: Sauregurkenzeit bedeutet auf Polnisch sezon ogórkowy, auf Tschechisch okurková sezóna, auf Dänisch und Norwegisch agurketid, auf Niederländisch komkommertijd, auf Isländisch gúrkutíð. Wenn die Zeit der Gurken kommt, passiert nicht viel und man kann sich endlich erlauben, offline zu gehen, zu entschleunigen, ziellos durch Wälder und Wiesen zu streifen und einfach, ja, rumzugurken.
 

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