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Lehrer in Deutschland
Hinter der goldenen Fassade

Gymnasium
Gymnasium | Quelle: flickr.com; Foto (Zuschnitt): Paul Sableman © CC BY 2.0

„Euch geht es gut!“, habe ich zu den drei Lehrerinnen aus Deutschland gesagt, mit denen ich mich zu einem Gespräch getroffen habe. Sie haben gelächelt, mich ein wenig merkwürdig angesehen und mir anschließend einige Lektionen erteilt, die ich im Folgenden in einzelne Themen gegliedert habe.

Von Joanna Strzałko

„Bevor wir uns über die Licht- und Schattenseiten eures Berufs unterhalten, sagt mir bitte: Seid ihr Lehrerinnen aus Berufung geworden?“, bitte ich meine Gesprächspartnerinnen Marthe, Heike* und Anastasia.

„Nein!“, ruft Marthe und schubst Puschkin von ihrem Schoß, einen grauen Kater mit hungrigem Blick, der gerade mit seiner Pfote nach der Sahne auf dem Tisch angelt. „Ich habe nie daran gedacht, Lehrerin zu werden“, fährt sie fort. „Während meines Romanistik- und Anglistikstudiums wollte ich unbedingt Übersetzerin werden, alles, was mit Schule zusammenhing, kam mir schrecklich langweilig vor. Doch meine Träume wurden schon bald von der Realität eingeholt. Als frisch gebackene Absolventin erhielt ich einfach keine Aufträge. Und weil ich unbedingt auf eigenen Beinen stehen und finanziell nicht von irgendeinem Mann abhängig sein wollte, entschied ich mich für ein geregeltes Einkommen. Umso mehr als mein Staatsexamen mir die Möglichkeit bot, als Lehrerin zu arbeiten. Also wurde ich Lehrerin und bin es mehrere Jahrzehnte geblieben.“

Die elegante, dunkelhaarige und dunkeläugige Heike stammt aus einer Familie von Geschäftsleuten, und auch sie selbst hätte nie gedacht, dass sie einmal Lehrerin werden würde. Nach ihrem Fotografie- und Filmstudium arbeitete sie eine Zeit lang im Berliner Studio des ZDF. Doch dann hatte sie Pech und brach sich den Knöchel. Fortan durfte sie keine schweren Gegenstände mehr tragen, eine Karriere als Kamerafrau war ausgeschlossen. „Ich habe mich dann als Cutterin versucht, aber den ganzen Tag in einem dunklen Zimmer zu arbeiten, allein vor dem Computer und unter ständigem Zeitdruck, war nicht das, was ich mir erträumt hatte“, erzählt Heike. „Ich habe dann noch eine Zeit lang in der Marketing-Abteilung gearbeitet, aber dann kam 2000 die Rezession, und überall wurden die Mittel gekürzt. Mir mangelte es an Sicherheit und Stabilität. Ich war eine alleinerziehende Mutter mit Schulden. Und so wurde ich Lehrerin.“

„Ich würde jederzeit wieder Lehrerin werden, wenn ich die Wahl hätte“, sagt Anastasia, die mit ihren langen Haaren, ihrer Jeans und ihrer weißen Bluse eher wie eine Schülerin aussieht. „Schaut mich nicht so an. Schließlich genießen Lehrer in Deutschland nach wie großes Ansehen, sie sind gut ausgebildet und verdienen gut.“
Anastasia kam vor zwanzig Jahren mit ihren Eltern aus Russland nach Deutschland. Sie war damals sechzehn Jahre alt, und das erste Jahr über hatte sie nur geweint, weil sie nicht gut genug Deutsch sprach, um sich ihren Traum vom Lehrerberuf zu erfüllen. Doch schließlich biss sie die Zähne zusammen, machte ihr deutsches Abitur und wurde zum Lehramtsstudium an der Universität Mainz zugelassen, mit der Fächerkombination Mathematik, Physik und Russisch.
„Ja, meine Eltern waren auch Lehrer, aber die Begeisterung für den Beruf haben sie mir nicht in die Wiege gelegt. Es waren meine Mathematiklehrer, die mich für diesen Beruf begeistert haben. Sie waren klug, ernst und streng. Ich wollte auch so werden wie sie. Leider habe ich ein zu weiches Herz, also ist es mir nicht immer gelungen.“
Marthe und ihre Katze Puschkin Marthe und ihre Katze Puschkin | Foto: Detlef Haag

Thema Nummer eins: Arbeit und Stress

„Okay, mit euren Blicken wollt ihr mir wohl sagen, dass der Lehrerberuf in Deutschland doch kein Zuckerschlecken ist?“, frage ich meine Gesprächspartnerinnen.

„Man hört immer häufiger, wir seien faul, wir arbeiten nur zwanzig Stunden die Woche und haben so viel Urlaub (6 Wochen Sommerferien und insgesamt 6 Wochen Oster-, Herbst- und Winterferien)“, erzählt Heike, die seit sechzehn Jahren an einer Höheren Berufsfachschule in Ludwigshafen arbeitet. „Doch in Wahrheit haben all jene, die so etwas sagen, keine Ahnung, was der Lehrerberuf alles mit sich bringt. Sie wissen nicht, dass unsere Arbeit nie aufhört, dass wir uns zu Hause auf die nächsten Unterrichtsstunden vorbereiten, dass wir Klassenarbeiten korrigieren und Tests erstellen. Wenn ich nicht so viel Urlaub hätte, würde ich wahrscheinlich verrückt werden. Und den Stresslevel in der Schule, wo du jeden Tag fünf Unterrichtstunden lang vor über zwanzig Schülern stehst, die dich keine Sekunde lang aus den Augen lassen, kann ich nur mit meiner Erfahrung als Cutterin vergleichen, als ich manchmal drei Minuten, bevor wir auf Sendung gingen, noch Material schneiden musste.“

„Es stimmt, was Heike sagt“, seufzt Marthe, die über dreißig Jahre an einer Realschule in Mannheim unterrichtete. „Der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder hat uns einmal öffentlich als faule Säcke bezeichnet und damit der Kritik Tür und Tor geöffnet. Wenn ich jedoch sehe, wie sich die Einstellung zum Lehrerberuf in den vergangenen Jahren verändert hat, dann denke ich schon, dass wir heute wesentlich mehr Anerkennung genießen als in der Zeit, in der ich Lehrerin wurde. Und zwar nicht nur dank unseres Wissens, sondern auch dank unserer gesellschaftlichen Position, die wir dem würdigen Gehalt verdanken.

Denkt mal an einen Schauspieler während einer Aufführung. Meint ihr wirklich, dass er nur die zwei oder drei Stunden arbeitet, die er auf der Bühne steht?

Und all den Schlaumeiern kann ich nur sagen: Denkt mal an einen Schauspieler während einer Aufführung. Meint ihr wirklich, dass er nur die zwei oder drei Stunden arbeitet, die er auf der Bühne steht?“, sagt Marthe. „Jedes Mal, wenn ich einen Klassenraum betrete, spüre ich, wie bei den Schülern der Radar angeht, wie sie meine Stimmung registrieren, wie sie jeden meiner Schritte verfolgen, wie sie darauf warten, was ich als Nächstes sage. Und diese ständige Anspannung, das kann man gar nicht in Worte fassen. Nach 90 Minuten gibt es eine kurze Pause, in der du nicht einmal Zeit hast, dich zu erholen, weil du die Schüler im Flur kontrollieren musst, weil du in ein anderes Stockwerk rennen musst, um die Materialien für die nächste Stunde zu holen, und weil du dich auf das nächste Unterrichtsthema einstellen musst. Du kannst von Glück sagen, wenn du Zeit hast, auf die Toilette zu gehen. Und das drei Unterrichtsblöcke hintereinander. Auf dem Heimweg habe ich manchmal gebetet, dass ich keinen Unfall baue, so ausgepumpt war ich.“

Anastasia, die an einem Gymnasium in Alzey unterrichtet, erzählt, dass sie zwar laut Vertrag vierundzwanzig Unterrichtsstunden die Woche erteilt, aber zu Hause fast doppelt so viel Zeit für die Vorbereitung des Unterrichts und das Korrigieren der Arbeiten benötigt. „Man muss dazu sagen, dass wir für Überstunden – wie Vertretungsstunden und Versammlungen – keine Vergütung erhalten. Auch nicht für das Korrigieren der Abiturarbeiten. Wir machen die Korrekturen immer zu zweit, weil einer allein schließlich irgendetwas übersehen oder falsch verstehen kann. Ich sehe die Arbeiten durch, korrigiere sie und gebe sie an einen Kollegen oder eine Kollegin weiter. Bei der Benotung müssen wir einen Kompromiss finden.“

„Wenn es um Stress geht, dann war die schlimmste Zeit für mich das Referendariat“, erinnert sich Anastasia. „Noch heute bricht mir der kalte Schweiß aus, wenn ich nur daran denke: Ich stehe mitten im Klassenraum, und an einem Tisch in der Ecke sitzt der für mich zuständige Lehrer und hört mir zu. Plötzlich unterbricht er mich und schreit mich an: »Was ist denn das? So kann man doch keinen Unterricht leiten!«. Und immer wieder diese mitleidigen Blicke der Schüler. Selbst heute, nachdem ich zehn Jahre als Lehrerin gearbeitet habe, mache ich manchmal Fehler, wer macht die nicht? Und es kommt vor, dass ich mich vor den Schülern zum Affen mache, nur um ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Sie lachen mich dann zwar aus, aber das ist mir egal.“

Thema Nummer zwei: Die Schüler

Anastasia Anastasia | Foto: privat „Stellt die Arbeit mit jungen Menschen für euch eine Herausforderung dar?“, frage ich.

„Trotz des ganzes Stresses liebe ich es, mit den Schülern zu arbeiten“, erzählt Anastasia. „Jeder Schüler ist anders, und ich versuche, auf jeden einzugehen. Mir gefällt das partnerschaftliche Lehrer-Schüler-Verhältnis, das an deutschen Schulen herrscht. Vielleicht kommt das daher, dass die Deutschen nach dem Krieg ein Misstrauen gegenüber autoritären Strukturen hatten, sie wollten keine Führer mehr. Also wurde im Lehrplan viel Wert auf eigenständiges Denken, auf Fragenstellen und Diskutieren gelegt. Wir ermuntern die Schüler und Schülerinnen dazu, ihre eigene Meinung zu äußern, anstatt ihnen unsere eigenen Ansichten aufzuzwingen.

„Ich persönlich habe den Eindruck, dass unser Bildungssystem, insbesondere in der Mittelstufe, viele Schwächen hat“, sagt Heike. „Vor zwei Jahren hatte ich eine Klasse, in der die Schüler extreme Probleme mit der Konzentration und dem Leseverständnis hatten. In einer Sozialkundestunde gab ich ihnen einen Text zum Thema Kinderwahlrecht und forderte sie auf, Argumente dafür und dagegen zu finden. Stille im Raum.

In einer Sozialkundestunde gab ich ihnen einen Text zum Thema Kinderwahlrecht und forderte sie auf, Argumente dafür und dagegen zu finden. Stille im Raum.

Also habe ich Fragen gestellt und versucht, eine Diskussion in Gang zu bringen. Doch sie haben mich nur entgeistert angesehen und überhaupt nicht verstanden, worum es mir ging. Ich habe noch nie so ratlose Schüler gesehen. Ich konnte nur mit dem Kopf schütteln.“

„Ich kann nur sagen, dass ich voller Neid auf das Schulsystem in Finnland blicke“, erzählt Heike. „Ich war dort vor Kurzem auf einer Studienreise mit einer Gruppe von Lehrern und Lehrerinnen aus Ländern der Europäischen Union. Ich hatte immer gedacht, die finnischen Lehrer würden irgendwelche Wunderdinge vollbringen, weil ihre Schüler immer so gute Ergebnisse haben. Aber wisst ihr was? Sie machen gar nicht so viel anders als wir. Sie genießen einfach einen großen Respekt vonseiten der gesamten Bevölkerung, sowohl von den Eltern als auch von den Schülern. Und dieser Respekt spiegelt sich in den schulischen Beziehungen und in den schulischen Leistungen wider. Das ist die ganze Magie. Ich musste nur lachen, als ich gesehen habe, wie der gesamte Lehrkörper sich auf Socken durch die Schule bewegte. Die Finnen ziehen ihre Schuhe aus, wenn sie ein Gebäude betreten, gleich hinter der Tür. Vielleicht sind sie deshalb so entspannt? Auch die Effizienz der finnischen Schulsozialarbeiter hat mich sehr beeindruckt. Wenn ein Lehrer merkt, dass einer seiner Schüler Probleme hat oder häuslicher Gewalt ausgesetzt ist, informiert er sofort die zuständigen Sozialarbeiter, und der Schüler erhält professionelle Hilfe. Der Schutz der Schüler wird dort als etwas Selbstverständliches angesehen, schließlich sind es diese jungen Menschen, die unsere zukünftige Gesellschaft gestalten werden. Deswegen scheut die Regierung in Helsinki auch keine Kosten für ihre Bildung, ihre Entwicklung und ihr Wohlergehen.“

Anastasia seufzt. „An dem Gymnasium, an dem ich arbeite, sind die größte Herausforderung derzeit die Schüler, die aus Kriegsgebieten, insbesondere aus Syrien, nach Deutschland gekommen sind und dort seit Jahren keine Schule mehr besucht hatten“, sagt sie. „Ich weiß nicht, wie ihr Leben dort aussah und was sie irgendwann einmal gelernt haben. Ich versuche im Unterricht, irgendeine Verständnisebene zu finden. Ich frage sie: Was für Bücher habt ihr gelesen? Sie sagen, sie haben nur den Koran gelesen, und auch nur zum Teil. Ich frage sie: Kennt ihr irgendwelche Märchen? Sie sagen, sie kennen keine. Es ist schwer, mit ihnen zu arbeiten. Ich fürchte, sie sind eine verlorene Generation. Dafür habe ich sehr viel Freude an meinen ehemaligen Schülern aus Polen, Russland, Rumänien oder Griechenland. Als sie vor fünf Jahren in die zehnte Klasse des Gymnasiums kamen, sprachen sie kein Deutsch. Sie hatten ein Jahr Zeit, die Sprache zu lernen. Wir machten gemeinsam Ausflüge und veranstalteten Aktionstage, an denen die Schüler die Kultur ihrer Heimatländer vorstellten. Wir haben Comics gelesen, uns Fotografien und Filme angesehen und Musik gehört. Ich habe miterlebt, wie diese jungen Menschen sich entwickelten und geradezu aufblühten. Heute sprechen sie fließend Deutsch und sind voll integriert, im Studium oder im Berufsleben. Sie haben den Sprung in die Erwachsenenwelt geschafft.“

„Ja, unsere Arbeit ist mit starken Emotionen verbunden. Wir entwickeln Sympathien für unsere Schüler und zahlen einen hohen Preis dafür“, seufzt Marthe. „Nach drei Jahren verlassen sie die Schule, und oft empfinden wir das als einen Verlust. Und wenn wir eine neue Klasse bekommen, versuchen wir uns zu schützen, auf Distanz zu gehen, uns zurückzuziehen, um keine zu engen emotionalen Bindungen entstehen zu lassen. Aber die Schüler spüren das, es ist fast, als würden sie sagen: »Es wird nicht funktionieren, wenn du dich nicht auf uns einlässt«. Ohne emotionales Engagement geht es in unserem Beruf nicht. Genauso wenig wie ohne Idealismus und ohne Sympathie und Verständnis für unsere Schülerinnen und Schüler.“

Thema Nummer drei: Die Lehrerschaft

Von polnischen Lehrerinnen, die in Deutschland arbeiten, habe ich gehört, dass deutsche Lehrer einander unterstützen und sich gegenseitig bei ihrer Arbeit helfen. Ich frage Heike, Anastasia und Marthe, ob sie auch diese Erfahrung gemacht haben.

Anastasia rückt ihre dunkelgeränderte Brille zurecht, die ihren sanften Zügen eine gewisse Ernsthaftigkeit verleiht, und sagt: „Ich habe vor Kurzem eine Studie zur Zusammenarbeit zwischen Lehrern an deutschen Schulen gelesen. Am schlechtesten schnitten die Gymnasiallehrer ab. Das kann ich bestätigen. Viele meiner Kollegen halten sich – weil sie ja schließlich Magister oder Doktor sind und am Gymnasium lehren – für so klug, dass sie sich mit niemandem mehr absprechen müssen. Und besser man stellt keine Fragen, sonst gilt man hinterher noch als unwissend.“

„Das überrascht mich überhaupt nicht“, sagt Marthe und blickt auf ihre gelben Tennisschuhe. „Oberstufenlehrer galten schon immer als etwas überheblich.

Oberstufenlehrer galten schon immer als etwas überheblich.

Ich kann mich noch eine Konferenz sämtlicher Anglisten in Mannheim erinnern, bei der wir darüber diskutieren wollten, wie man Übersetzungen von Fremdsprachentexten am gerechtesten bewerten kann. Aber wie soll man gemeinsame Kriterien finden, wenn jeder der Diskussionsteilnehmer sich für den allergrößten Experten hält? Also gelang es uns auch nicht, einen Kompromiss zu finden.“

„Und wie ist das Verhältnis zwischen den Lehrern und der Schulleitung?“, frage ich.

„Natürlich spielt die Schulleitung eine wichtige Rolle, aber die Lehrer arbeiten größtenteils unabhängig von ihr“, erzählt Marthe. „Sobald du verbeamtet bist, kann der Schulleiter dich nicht mehr entlassen. Er entscheidet auch nicht über deine Einstellung, das tut die Schulbehörde. Der Schulleiter kann dir höchstens sagen, dass ihm deine Arbeitsweise nicht passt.“

Heike lächelt bitter, nippt an ihrer Zitronenlimonade und sagt: „Im Grunde stimmt das, aber ich bin selbst ein Opfer von Mobbing geworden. Und zwar vonseiten meiner unmittelbaren Vorgesetzten, einer ehemaligen Kollegin, die irgendwann befördert wurde. Wie das aussah? Scheinbar ganz harmlos, aber sie rückte meine Arbeit in ein schlechtes Licht. »Man weiß ja, dass sie immer zu spät kommt«, »Man kann ihr nichts glauben«, »Sie lügt«, sagte sie über mich auf den Lehrerversammlungen. Sie besuchte meinen Unterricht, fragte die Schüler, wie sie meine Arbeit beurteilten, und kritisierte mich. Und zwar Jahre lang. Ich war kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Ein Schulwechsel kam nicht infrage – in Deutschland können Lehrer nicht selbst darüber entscheiden, wo sie arbeiten. Ich weiß nicht, wie das ausgegangen wäre, wenn ich damals nicht meinen heutigen Lebenspartner kennengelernt hätte. Er stand zu mir, gab mir Kraft und Selbstvertrauen. Heute weiß ich, dass ich es schaffe. Schließlich habe ich nur noch zwölf Jahre bis zur Pensionierung.“

Thema Nummer vier: Das liebe Geld

„Okay, euer Beruf bringt also gewisse Probleme mit sich, aber euer Gehalt und eure Pension entschädigen euch doch sicherlich für diesen ganzen Stress?“, frage ich meine Gesprächspartnerinnen.

Anastasia lacht. „Das stimmt. Mein Mann, der seinen Doktor in Physik gemacht hat und in einem privaten Unternehmen arbeitet, verdient weniger als ich“, erzählt sie. „Sein Bruttogehalt ist zwar höher, aber er muss viel mehr Steuern zahlen als ich. Deshalb sage ich manchmal zu ihm: »Schatz, was zählt, ist das, was am Ende auf dem Konto landet, und das ist bei mir mehr« (lacht). Wie viel? Ein Gymnasiallehrer, der, wie ich, bereits einige Jahre gearbeitet hat, verdient etwa dreieinhalbtausend Euro. Ist das viel für deutsche Verhältnisse? Ja, aber wenn ich eine alleinerziehende Mutter wäre, müsste ich schon aufs Geld achten. Aber wenn noch das Gehalt des Partners oder der Partnerin hinzukommt, kann man gut davon leben. Geht es uns gut? Na, Sie wissen ja, man gewöhnt sich schnell an das Gute.“

Nach fünf Jahren in der Schule denkt man nicht mehr groß an das Gehalt oder das gesellschaftliche Prestige.

Heike nickt. Sie war jahrelang eine alleinerziehende Mutter und hatte Schulden. „Obwohl ich nicht verbeamtet bin und dadurch etwa 800 Euro weniger als meine Kolleginnen und Kollegen verdiene, kann ich gut von meinem Lehrergehalt leben“, sagt sie. „Die über zweitausend Euro, die ich jeden Monat auf die Hand bekomme, sind fast doppelt so viel wie der Mindestlohn.“

Marthe bekommt als Pension rund 70 Prozent ihrer vorherigen Bezüge. „Wenn du keine Designerklamotten kaufst und nicht jedes Jahr in die Südsee fliegst, reicht das locker zum Leben“, sagt sie.

Meine Gesprächspartnerinnen stimmen darin überein, dass einer der größten Vorteile ihres Berufs das Gefühl von Sicherheit ist – insbesondere für jene Lehrer, die nach ihrem Referendariat und ihrem zweiten Staatsexamen verbeamtet werden. Angehende Beamte müssen eine Gesundheitsprüfung ablegen, ihre Staatsangehörigkeit nachweisen und einen Eid auf die Verfassung leisten. Außerdem verpflichten sie sich, nicht zu streiken, und erklären sich bereit, unbezahlte Überstunden zu leisten. Meine Gesprächspartnerinnen sind jedoch der Ansicht, dass die Vorteile die Nachteile deutlich aufwiegen.

„Als ich Ende der Sechzigerjahre mein Studium beendete, boomte der Arbeitsmarkt, damals konnten junge Menschen sich noch aussuchen, was sie werden wollten“, erzählt Marthe. „Freie Berufe waren damals gefragt: Journalist zu werden, das war etwas! Aber sehen Sie sich mal die heutige Situation von Medienarbeitern und Freiberuflern an. Die haben Schwierigkeiten, über die Runden zu kommen. Währenddessen verdienen Lehrer mit mehrjähriger Berufserfahrung teilweise über viertausend Euro im Monat. Natürlich hängt alles davon ab, mit wem man sich vergleicht. Es gibt immer Menschen, die besser verdienen, zum Beispiel Juristen oder Ärzte, die verdienen teilweise ein Vielfaches mehr als wir“, erzählt Marthe.
„Wenn Ihr so gut bezahlt werdet, warum gibt es dann in Deutschland einen Lehrermangel“, frage ich. Ich berufe mich dabei auf eine Aussage des Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes Heinz-Peter Meidinger, der 2018 erklärte, dass in Deutschland zurzeit fast 40 000 Lehrer fehlen – einen derart dramatischen Lehrermangel habe es in Deutschland seit drei Jahrzehnten nicht mehr gegeben.

„Ich denke, dass das eher mit falscher Planung zu tun hat. Die zuständigen Behörden haben nicht vorhergesehen, dass wir so viele Schüler haben werden. Jetzt warten sie erst einmal ab und bieten Lehrern keine festen Stellen an. Sie sagen: Wir haben zwei unbefristete und drei befristete Stellen. Es ist klar, dass nicht jeder zu diesen Bedingungen arbeiten will.“

„Ja, bereits vor einigen Jahren, als es noch einen Lehrerüberschuss gab, wurden viele Lehrer aufs Wartegleis geschoben“, fügt Marthe hinzu. „Die Schule sagte: Du kannst bis zum Ende des Schuljahres hier arbeiten, aber für weniger Geld. Rechtzeitig vor den Ferien entließ man den Lehrer dann wieder, um ihm im nächsten Schuljahr erneut einen befristeten Vertrag anzubieten. Es wurde am falschen Ende gespart. Und das rächt sich jetzt.“

Thema Nummer fünf: Was kann man ändern?

„Dann sagt mir doch bitte, was ihr am deutschen Schulwesen gerne verändern würdet“, bitte ich Marthe, Anastasia und Heike zum Abschluss unseres Gesprächs.

„Ich denke, dass Lehrer alle paar Jahre eine Auszeit vom Beruf nehmen sollten“, erklärt Anastasia. „Während meiner Elternzeit hatte ich richtig Sehnsucht nach der Schule und den Schülern. Als ich wieder zurückkehrte, war ich viel motivierter als vorher.“

„Ich würde das Schulsystem verändern“, sagt Heike. „Ich finde es nicht gut, dass ein Lehrer in Deutschland nach vier Jahren Grundschule entscheidet, welcher Schüler auf das Gymnasium, in die Real- oder Hauptschule kommt, wer also eine bessere und wer eine schlechtere Ausbildung erhält. Wenn man die Schüler zu einem so frühen Zeitpunkt bewertet, kann es leicht zu Irrtümern kommen.

Ich halte es für sinnvoller, wenn die Schüler bis zur achten oder neunten Klasse gemeinsam unterrichtet werden.

Die motivierteren Schüler könnten die schwächeren Schüler mitziehen. Ich denke, dass sich das Unterrichtsniveau dadurch steigern würde.“

„Es wäre auch gut, wenn es weniger Stress gäbe, sowohl für die Lehrer als auch für die Schüler“, fügt Anastasia hinzu. „Früher machte man sein Abitur nach dreizehn Jahren, heute bereits nach zwölf. Ich verstehe nicht, warum. Das Material ist schließlich das gleiche geblieben. Und durch diesen Stress und die Hektik geht viel Zeit für den zwischenmenschlichen Kontakt zwischen Lehrern und Schülern verloren.“
Marthe überlegt. „Früher gaben die Lehrer einfach den Schülern das weiter, was sie im Studium gelernt hatten“, sagt sie. „Mehr verlangte niemand von ihnen. Heute müssen sie darüber hinaus auch noch Psychologen, Sozialarbeiter und Verwaltungsbeamte sein. Sie müssen körperlich fit sein und sich mit den neuesten Technologien auskennen. Wie sollen wir diesen Ansprüchen gerecht werden? Und dann erwartet man auch noch von uns, dass wir die Schüler auf die Anforderungen des Arbeitsmarktes vorbereiten, obwohl wir selbst gar nicht so viel darüber wissen.
Ich wollte einmal eine Zeit lang als Möbelrestauratorin arbeiten, einfach so, um mal den Kopf frei zu bekommen. Ich habe es dann doch nicht getan, weil ich Angst um meine finanzielle Sicherheit hatte. Nein, ich bereue es nicht, aber ich bin überzeugt davon, dass die Welt ein besserer und interessanterer Ort wäre und wir Menschen glücklicher und kreativer wären, wenn wir nicht unser ganzes Leben lang nur einen einzigen Beruf ausüben müssten.“

*Der Name wurde auf Bitte der Interviewten geändert
 

Das Schulsystem in Deutschland

In Deutschland ist Schule nicht zentral organisiert, sondern Ländersache. Verantwortlich sind die Kultusministerien der 16 Bundesländer. In jedem Bundesland können das Angebot an Fächern, Lehrpläne, Abschlüsse und Übergänge zwischen den Schulformen anders geregelt sein.

Das Lehramtsstudium (an einer Universität oder Pädagogischen Hochschule) dauert in der Regel zehn Semester und umfasst Fachstudien, Fachdidaktik, erziehungswissenschaftliche Anteile und Praktika in der Schule. Die angehenden Lehrer wählen mindestens zwei Fächer, die sie später unterrichten wollen. Je nach Bundesland und Hochschule wird das Studium mit Bachelor- und Master-Abschluss absolviert oder gliedert sich in Grund- und Hauptstudium.

An die erste Phase des Studiums schließt ein Referendariat an, in dem die Anwärter eigenständig unterrichten. Das Referendariat dauert je nach Bundesland zwischen achtzehn und vierundzwanzig Monate und endet mit dem zweiten Staatsexamen.

Je nachdem, ob verbeamtet oder angestellt, in welchem Schultyp und welche Fächer ein Lehrer unterrichtet, erfolgt die Einteilung in eine Gehaltsgruppe. Für verbeamtete Lehrer sind die sogenannten „Besoldungsgruppen“ A12 bis A16 relevant.
Jede dieser Gruppen ist in Erfahrungsstufen unterteilt, die meist von eins bis neun reichen: Je mehr Berufserfahrung eine Person vorweist, desto weiter oben wird sie eingestuft und desto höher fällt ihr Verdienst aus. Ein Beispiel: Ein verbeamteter Gymnasiallehrer in NRW klettert in den ersten zehn Berufsjahren im Drei-Jahres-Takt höher. Ab diesem Zeitpunkt erfolgt die Höherstufung alle vier Jahre.

Eine der wenigen Gemeinsamkeiten bei den Gehaltsregelungen zwischen den Bundesländern ist die Eingruppierung von Gymnasiallehrern in A13. Damit sind Gymnasiallehrer die Bestverdiener unter den unterrichtenden Beamten. Im Durchschnitt liegt das Einstiegsgehalt in der Besoldungsgruppe A13 bei 3 861 Euro, nach zwanzig Berufsjahren bei 4 658 Euro. **
 
Das Gehalt von Gymnasiallehrern in ausgewählten Bundesländern (Vollzeit):
 
Gehalt Gymnasiallehrer A13 Gymnasiallehrer Berufsstart Gymnasiallehrer 20 Berufsjahre
Baden-Württemberg 4 064 Euro 4 661 Euro
Bayern 3 945 Euro 4 640 Euro
Niedersachsen 3 577 Euro 4 505 Euro
Rheinland-Pfalz 3 497 Euro 4 402 Euro


**Basierend auf Informationen der Internetseiten: deutschland.de, ©academics
 

 

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