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Das Denkmal „Jüdische Opfer des Faschismus“, Jüdischer Friedhof Berlin-Mitte
Das Denkmal „Jüdische Opfer des Faschismus“, Jüdischer Friedhof Berlin-Mitte | Quelle: flickr.com; Foto: Dario-Jacopo Lagana' © CC BY-NC-ND 2.0

Der nach 80 Jahren entdeckte Roman von Ulrich A. Boschwitz „Der Reisende“ ist eine überraschend treffende Diagnose der Ereignisse im nationalsozialistischen Deutschland nach 1938 – und zeigt das ganze gesellschaftliche Panorama des Dritten Reiches.

Von Jacek Dehnel

Es ist der November 1938. In Paris kommt dem 17-jährigen Herszel Grynszpan zu Ohren, dass man seine Eltern im Deutschen Reich soeben ihrer sämtlichen Habe beraubt und als Juden im Rahmen einer „Säuberungsaktion“ deportiert hat. In einem Akt der Verzweiflung erschießt er einen Sekretär der deutschen Botschaft – was von Hitlers Propagandamaschinerie als Vorwand genutzt wird, um in ganz Deutschland, angeblich „vom Volk ausgehend“, Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung zu organisieren, die unter dem Namen „Reichspogromnacht“ in die Geschichte eingehen sollen. So beeinflusst jenes kleine Ereignis – der Schuss auf den Botschaftssekretär – unversehens das Schicksal von zweihunderttausend Menschen. Unter ihnen ist auch Otto Silbermann, ein angesehener und wohlhabender Berliner Kaufmann, der mit seiner arischen Ehefrau ein vornehmes Anwesen bewohnt. Silbermann gehört zur gesellschaftlichen Elite, er lebt ein bequemes Leben voller Annehmlichkeiten – und nicht zuletzt hat er dem deutschen Staat aufopferungsvoll im Ersten Weltkrieg gedient. Nun stellt sich plötzlich heraus, dass all sein Geld, seine Immobilien, seine gesellschaftliche Stellung weniger wert sind als sein „arisches Aussehen“, dank dem es ihm – wenigstens vorübergehend – möglich ist, seine Herkunft vor misstrauischen Mitbürgern oder Polizisten zu verbergen.

Buchcover „Der Reisende“ von Ulrich A. Boschwitz, polnische Ausgabe Buchcover „Der Reisende“ von Ulrich A. Boschwitz, polnische Ausgabe | © Znak Literanova Derart in die Falle geraten, versucht Silbermann sich durch zielloses Herumreisen aus seiner auswegslosen Lage zu befreien; er wird zum „ständigen Bahnbewohner“. Der Zustand der Bedrängnis ist ihm nicht neu, schließlich wächst die Beklemmung stetig, seit Hitler an der Macht ist; die jüdischen Bürger finden sich kaum in dem antisemitischen Vorschriftendschungel zurecht, der ihnen die bisweilen eigentümlichsten Dinge kleinlich untersagt. Im Strudel der Ereignisse erfährt Silbermann immer neue Demütigungen, durchlebt Momente der Hoffnung, der Resignation, der Wut, der Verzweiflung, während im Lauf der Geschichte zugleich das ganze gesellschaftliche Panorama Nazideutschlands vorüberzieht.      
 
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Eigentlich kommen Bücher wie dieses gar nicht vor – es sei denn, in den Ankündigungen der Verlage, wo noch jeder aus der hintersten Ecke von Schubladen, Archiven oder Safes ausgegrabener Textschnipsel als Meisterwerk gefeiert wird, das erst jetzt in die Regale der Buchhandlungen gelangt und ganz gewiss alle Leser in seinen Bann schlägt. Boschwitz’ „Reisender“ dagegen ist tatsächlich ein Meisterwerk, dessen Weitblick und Wirkungskraft sich erst jetzt beurteilen lassen, drei Generationen nach dem Holocaust, da unser Wissen über die Mechanismen von Ausgrenzung und Völkermord ungleich größer ist als zur Entstehungszeit des Buches. Sicherlich, 1939, als Boschwitz auf der Flucht sein Buch schrieb, hatte die Reichspogromnacht sich bereits ereignet, und ja, die ersten Konzentrationslager waren schon in Betrieb; jedoch waren die Pläne der Nazis noch nicht ausgereift – besiegelt wurden sie erst durch die Entscheidung über die Gründung der sogenannten Einsatztruppen, die die jüdische Gemeinschaft (und auch unter anderem die polnische Intelligenz) im unterworfenen Polen vernichten sollten, sowie später dann durch die Konzeption der geschlossenen Ghettos und, im allerletzten Schritt, die auf der Wannseekonferenz beschlossene „Endlösung“. Boschwitz’ Diagnose ist überaus treffend; es will einem unmöglich erscheinen, dass der Autor – er war zu der Zeit erst dreiundzwanzig Jahre alt! – seinen Reisenden bereits damals geschrieben haben soll. Und dass dieses Buch, das immerhin schon in englischer Übersetzung erschienen war, zu der Zeit unbemerkt bleiben konnte, während es heute im ganzen ihm zustehenden Glanz von uns (wieder)entdeckt wird. Doch genau so ist es gewesen.   

Es will einem unmöglich erscheinen, dass (...) dieses Buch (...) zu der Zeit unbemerkt bleiben konnte (...). Doch genau so ist es gewesen.

Natürlich schimmert hier, in dieser irrationalen Beklemmung, diesem Gefühl des In-der-Falle-Sitzens, der Geist Kafkas durch (auch wenn Boschwitz sich einfach von der Realität inspirieren ließ, unter anderem von biografischen Einzelheiten aus seiner eigenen Familie) sowie auch die Bravour, mit der Irène Némirovsky in Suite française die Unterwerfung Frankreichs schildert. Doch Der Reisende klingt vor allem nach der Nachkriegszeit; der Stoff ist durch und durch filmreif, beim Lesen erkennt man eine Montage von Szenen und Dialogen, wie es sie im Kino der Dreißigerjahre noch nicht gab, in der Literatur dafür aber umso mehr. Die nacheinanderfolgenden Begegnungen Silbermanns mit zufälligen oder nicht zufälligen Charakteren – einem angstschlotternden jüdischen Schreiner, einer hochmütigen arischen Schönheit, einem feisten Parteibonzen, einem geplagten Zimmermädchen und ihrem nervösen Verlobten – zeugen nicht nur von Boschwitz’ außergewöhnlicher Beobachtungsgabe, sondern auch von seinem großen literarischen Talent. Einem Talent, das sich nicht weiter entfalten durfte – zwar erschien das Buch 1939 in England und ein Jahr darauf in den Vereinigten Staaten, doch der Autor kam am 29. Oktober 1942 auf einer Überfahrt von Australien (über Kapstadt) nach England um, als sein Schiff auf dem Atlantik von einem deutschen U-Boot torpediert wurde. Die Todesmaschinerie des Holocaust läuft zu der Zeit auf vollen Touren – an demselben Tag werden nahezu alle Juden aus Pińsk ermordet, einen Tag zuvor hat es eine Liquidierungsaktion im Krakauer Ghetto gegeben, zwei Tage später findet die erste Deportation aus der Gegend um Białystok nach Auschwitz statt. Der Tod Boschwitz’ war nur einer von sechs Millionen.
 

Ulrich A. Boschwitz, Der Reisende; Klett-Cotta, Stuttgart 2018 [Titel der polnischen Übersetzung: Podróżny, übersetzt von Elżbieta Ptaszyńska-Sadowska, Wydawnictwo Znak, Kraków 2019]

 

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