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Phänomen
In die Pilze!

Pilze
Quelle: pixabay.com; Foto (Ausschnitt): Barbroforsberg

Wie in Deutschland ein Rentnerhobby zu einem hippen Trend wird.
 

Von Karolina Kuszyk

Vom Jäger zum Sammler

Im neuen Star Trek: Discovery gibt es an Bord des Raumschiffs einen Astromykologen. Fasziniert von Myzelien, den „Venen und Muskeln, die die Galaxie zusammen halten“, entwickelt sein Team eine neue Technologie der blitzschnellen Fortbewegung im Weltraum.

Im Weltall mag es ja nur so wimmeln von Sporen, aber hier, auf der guten alten Erde, zumindest in Mitteleuropa, war 2018 ein verdammt schlechtes Pilzjahr. Der Klimawandel und längere Trockenperioden machten nicht nur Pflanzen und Tieren, sondern auch Pilzen zu schaffen. Ob 2019 besser sein wird? Wenn es warm bleibt und regnet, haben wir noch eine Chance auf eine gute Ernte.

In Deutschland liegt Pilzsammeln seit einigen Jahren wieder im Trend. Unter jungen Menschen, die sich gerne vegan oder vegetarisch ernähren, wird es neben urbaner Gemüsezucht, Brotbacken, Einkochen und Imkern zum neuen hippen Hobby wie aus Großmutters Zeiten. Woran liegt das?

Erstens, passt Pilze essen zur Tendenz des reduzierten Fleischkonsums. Man isst schließlich keine Tiere mehr. Wer früher Jäger war, wird nun zum Sammler. Auch wenn der an Schnitzel erinnernde Geschmack eines panierten, in der Pfanne gebratenen Schirmpilzes einige ehemalige Fleischesser Tränen der Wehmut weinen lässt.

Zweitens versucht man sein Essen möglichst frisch, möglichst bio, möglichst unverpackt zu kaufen. Lebensmittel direkt aus der Natur zu beziehen, nach Hause zu tragen und diese als Eingemachtes oder Getrocknetes auf Kellerregalen zu horten steht wieder hoch im Kurs. Außerdem kann sich nicht jeder einen regelmäßigen Einkauf im Bioladen leisten – Pilze im Wald gibt es umsonst. Zumindest wenn man für den Eigenbedarf nicht mehr als 1 bis 2 Kilo pflückt. So viel Pilzbeute ist in Deutschland erlaubt. Wer mehr sammelt, kann eine saftige Strafe zahlen. Wie auch derjenige, der Naturschutzgebiete plündert.

Drittens eignet sich Pilzsammeln bestens zum – Achtung, Modewort! – Entschleunigen. Nichts reinigt und regeneriert den Körper und die Seele besser als eine langsame, konzentrierte, fast schon meditative Pilzwanderung an einem Herbstmorgen im herrlich duftenden Wald. Und es scheint ein Zeichen der Zeit zu sein, dass sich auch immer mehr junge Menschen nach der Entschleunigung sehnen.

Damals und heute

In der Volksrepublik Polen war Pilzsammeln kein Trend. Man fuhr einfach in die Pilze, der Kofferraum beladen mit Gummistiefeln und Körbchen für die ganze Familie, Pilzmesser in der Tasche. Gefrühstückt wurde erst am Parkplatz: Stullen und Tee aus der Thermoskanne. Und dann rein in den Wald. Man ging leise, bedächtig, jeder suchte sich seinen eigenen Weg und sein eigenes Tempo und hielt Ausschau nach den braunen Kappen der Maronen, glänzenden Butterpilzen, festen, trockenen Steinpilzen und Stauden von gesprenkelten Hallimaschen. Findest du eine gute Stelle, brachten mir meine Eltern bei, verhalte dich ganz still. Wenn man besonders viele Trophäen im Korb hatte, mogelte man sich verstohlen an den Waldwegen vorbei zurück zum Auto, um keine anderen Suchenden zu treffen. Dass man gute Pilzstellen nicht verrät, lernte ich schon als Kind. Zu Hause reinigte man die Pilze, schnippelte sie klein, briet sie in der Pfanne oder legte zum Trocknen aus. Wenn man viele fand, freute man sich, wenn man wenige fand, wurde kollektiv gejammert. Und niemand sprach vom Entschleunigen.

In Deutschland galt das Pilzsammeln lange als Rentnerhobby und Sonntagssport der Ostler-Familien: in der DDR war das Pilzsammeln besonders beliebt. Zu einem gewissen Grad ist es bis heute so geblieben. „Wenn man sagt: «mein Hobby sind Pilze», reagieren Menschen im Westen eher ablehnend. Die im Osten sagen: «Wir waren auch schon sammeln»“, sagt Andreas Gminder, Sprecher des Bundesfachausschusses Mykologie beim Naturschutzbund Deutschland. In den alten Bundesländern genießen nur Bayern den Ruf leidenschaftlicher Pilzsammler. Diese Asymmetrie scheint sich aber zu verringern. Dank der Wiedervereinigung, der deutsch-deutschen Migration und neuerdings auch dank der beliebten Mindstyle-Magazine wie Landlust, Slow, Food oder Happinez, die gestresste und kurz vor dem Burnout stehende StädterInnen mit einer breiten Palette verschiedener Abschalt-Strategien anlocken. „Wenn auf WG-Toiletten nicht mehr Titanic, sondern die Landlust liegt, wenn bereits Zwanzigjährige Gärten zum Abschalten pachten (…), dann heißt das Entschleunigung“, ironisiert Die Zeit.

Es twittert im Wald

Mit einem Körbchen, beziehungsweise mit einem Jutebeutel, ziehen neue Pilzsammler in den Wald und vergessen dabei nicht, einige eindrucksvolle Fotos zu schießen. Ein Foto von selbst gepflückten Pilzen kann sich ja auf Instagram oder Facebook sehen lassen. Oder man twittert direkt aus dem Wald: „In den Pilzen #feelinggood“. Wenn sie es mit dem #mushroomhunting ernst meinen, können sie dabei eine entsprechende App benutzen. Dr. Wolfgang Prüfert von der Deutschen Gesellschaft für Mykologie unterzog vor drei Jahren sieben marktführende Pilz-Apps – „Meine Pilze“, „Pilzführer 2 Pro“, „Pilzsuche Ultra“, „Pilz id“, „MykoPro“, „Pilzführer Naturlexikon“ und „Pilze Sync HD“ – einem ausführlichen Test. Getestet wurden die Qualität der Such- und Bestimmungsfunktionen, Bilder und Beschreibungen, das Risikobewusstsein vor Verwechslungen, sowie die Handhabung, zum Beispiel in Bezug auf Verlinkungen zwischen essbaren Pilzen und ihren giftigen Doppelgängern.

Für die Pilz-Apps spricht die Tatsache, dass sich im Smartfone sehr viele Bilder speichern lassen, anders als in einem Pilzbestimmungsbuch. Die Angaben können aktualisiert oder korrigiert werden; Pilze, die man verwechseln kann (zum Beispiel der schmackhafte Wiesenchampignon und der sehr giftige grüne Knollenblätterpilz), können miteinander verlinkt werden. Jedoch warnt Dr. Prüfert: „Ein Speisepilzsammler, der sich bei der Bestimmung nur von einer App leiten lässt, spielt grob fahrlässig mit seiner Gesundheit“.

Die Entdeckung der Langsamkeit

Besser als eine App sind Pilzseminare und -exkursionen, die deutschlandweit wie Pilze aus dem Boden schießen: Von „Pilze von Anfang an“ über „Pilzkunde mit Lehrwanderung“ bis „Faszination Pilze für Fortgeschrittene“ kann man sich in Pilzvereinen und Volkshochschulen das nötige Wissen Schritt für Schritt aneignen.

Man muss aber nicht gleich sammeln und essen, man kann auch, ohne das Messer zu zücken, es beim Bewundern und Fotografieren belassen. Wie Pilzverständige und Pilzcoach Veronika Wähnert. „Ich finde Pilze wahnsinnig spannend“, sagt sie. „Sie sind einfach zu schade zum Essen“. Und ihre wunderschönen Namen – wie braungrüner Zärtling, fransiger Wulstling, Totentrompete oder rauchblättriger Schwefelkopf – zergehen wunderbar auf der Zunge.

Pilzanfängern, für die das selbstlose Bewundern nicht befriedigend ist, ist nachdrücklich zu raten, vor dem Zubereiten einer Pilzmahlzeit eine Bestimmungsstelle aufzusuchen und die Beute durch einen Sachverständigen prüfen zu lassen. Und immer die Nummer der Giftnotrufzentrale an der Kühlschranktür bereit haben! Schön in Großschrift. Wahrnehmungsstörungen gehören nämlich häufig zu den Vergiftungssymptomen.

Allein in Deutschland gibt es 2500 Arten Großpilze, ganz zu schweigen von den mikroskopisch kleinen. Der Zugang zu ihrem Reich will langsam erlernt und erarbeitet werden. Ihre Präferenzen in Bezug auf die Bodenbeschaffenheit und die Umgebung zu kennen, und das lebenswichtige Know-how, essbare von den giftigen zu unterscheiden, hat etwas von einem Geheimwissen, dass Geduldigen und Achtsamen vorbehalten bleibt. In einem hat Slow Magazine schon Recht: „Good things take time“. Auf altdeutsch: „Gut Ding will Weile haben“.
 

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