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Ökologische Landwirtschaft in Deutschland
Es ist schon zu spät! Es ist nicht zu spät!

Lukas mit seinen Schafen
Lukas mit seinen Schafen | Foto (Ausschnitt): Detlef Haag

„Heute erwartet uns ein weiterer sonniger, warmer Tag“, verkündet eine freudige Stimme im Radio, und ich lasse den Kopf hängen. Ich weiß schon gar nicht mehr, wie sich Regen anfühlt. Entlang der Straße zieht sich ein Streifen aus verbranntem Gras und vertrockneten Blumen. In der Ferne sehe ich blätterlose Bäume, durch die kein Wind streicht. Das Thermometer zeigt 38 Grad Celsius. Wir schreiben den Sommer 2019, das Jahr, in dem die Deutschen sagten: „Es reicht!“

Von Joanna Strzałko

Warum müssen wir für etwas kämpfen, das gut für uns ist?

Das erste Signal kam aus Bayern. Innerhalb von nur zwei Wochen unterstützten dort über 1,75 Millionen Menschen ein von der Ökologisch-Demokratischen Partei (ÖDP) initiiertes Volksbegehren mit dem Titel „Rettet die Bienen“. Sie forderten von den Politikern ein Umdenken im Umgang mit der Natur: eine Verringerung des Einsatzes von Pestiziden, einen Ausbau der ökologischen Landwirtschaft auf mindestens zwanzig Prozent sowie die Umwandlung von zehn Prozent sämtlicher Wiesen in Blühwiesen.

Das Volksbegehren ist ein Instrument der direkten Demokratie in Deutschland. Wenn seine Initiatoren in einer bestimmten Frist eine festgelegte Zahl an Unterschriften Wahlberechtigter sammeln, können sie einen Gesetzesentwurf vorlegen, der anschließend im Deutschen Bundestag oder einem Landesparlament behandelt wird. Findet die Gesetzesvorlage dort keine Zustimmung, besteht für die Bürger die Möglichkeit, einen Volksentscheid zu verlangen.

In Bayern war der gesellschaftliche Druck groß genug, dass der Landtag den Gesetzentwurf des Volksbegehrens „Rettet die Bienen“ mit großer Mehrheit annahm: 67 Abgeordnete stimmten mit Ja, 25 mit Nein, 5 enthielten sich.

„Die Gesellschaft ist aufgewacht“, sagt mir einer der leidenschaftlichsten Befürworter der Initiative, Josef H. Reichholf, Professor an der Universität München. Er ist Biologe und Ökologe und gilt als Querdenker und Provokateur der Naturschutzszene. Und auch wenn das Bienensterben, wie er mir erklärt, weniger mit dem Klimawandel als vielmehr mit der industriellen Landwirtschaft und dem übermäßigen Einsatz von Pestiziden zu tun hat, ist es doch ein wichtiges Zeichen, dass die Menschen ihre Stimme erheben und Veränderungen fordern.

„Durch die Unterstützung des Volksbegehrens haben die Menschen ihre wachsende Unzufriedenheit ausgedrückt“, sagt Josef H. Reichholf. „Ich befürchte jedoch, dass die Politiker alles tun werden, damit die Landwirtschaft nicht zu sehr durch die neuen Gesetze eingeschränkt wird.“ Dann erklärt er mir, dass in seinem Heimatland Bayern, das sich so gerne als ein landwirtschaftsfreundliches Bundesland darstellt, bereits über 80 Prozent der Landwirte von den großen Agrarkonzernen vom Markt gedrängt wurden. „Offensichtlich sind die kurzfristigen Gewinne von Konzernen, einer kleinen Gruppe von Personen, die unsere natürliche Umwelt ausbeuten und vergiften, für die Politik wichtiger als das Wohl der gesamten Gesellschaft“, sagt Reichholf.
Josef H. Reichholf mit seinem Hund Josef H. Reichholf mit seinem Hund | Foto: Miki Sakamoto-Reichholf „Was können wir also tun?“, frage ich besorgt.
„Wir haben gerade eine Chance erhalten, die Frage ist, ob wir sie auch nutzen werden. Denn solange es wirtschaftlich rentabel ist, Felder mit Unmengen von Dünger und Chemie zu bewirtschaften, wird sich nichts ändern. Dabei sollte sich der Steuersatz doch noch der Produktionsweise und nicht nach der Produktionsmenge richten. Aus diesem Grund sollten wir ökologische Produkte kaufen, am besten direkt beim Erzeuger, die Menschen um uns herum für ökologische Themen sensibilisieren und politisch aktiv werden. Wenn wir schweigen, machen wir uns mitschuldig. Wir dürfen nicht vergessen, dass viele Prozesse in der Natur umkehrbar sind, aber nicht das Artensterben. Deshalb ist es so wichtig, vorbeugende Maßnahmen zu ergreifen: also eben die Beschränkung des Einsatzes von Düngern und Pestiziden in der Landwirtschaft, aber auch das Monitoring von Vögeln und Säugetieren, das bereits erste Erfolge gezeigt hat.“
„Aber ist es nicht schon zu spät?“, frage ich.

„Als Biologe bin ich naturgemäß Optimist“, sagt Professor Reichholf. „Das Leben auf der Erde hat bereits mehr als eine Katastrophe überlebt. Aber die Kraft der Natur liegt nun einmal in ihrer Vielfalt, das betrifft auch uns. Es ist schon merkwürdig, dass wir für etwas kämpfen müssen, das gut für uns ist – für die Menschen, die Tiere und die Natur –, und dass es uns nicht einfach garantiert wird“, seufzt er.

Als ich ihm erzähle, dass ich anschließend nach Baden-Württemberg fahren will, wo gerade Unterschriften für ein ähnliches Volksbegehren gesammelt werden, sagt er mir: „Ich hoffe, sie haben Erfolg. Immerhin hat Baden-Württemberg einen grünen Ministerpräsidenten (Winfried Kretschmann, Anm. d. Red.). Es ist nur schade, dass seine Partei kein besonderes Interesse am Umweltschutz zeigt.“
Ich sehe mir die Webseite der Landesregierung Baden-Württemberg an. In der Tat, dort wird das Volksbegehren nicht einmal erwähnt.

In einem unbekannten Land, vor gar nicht allzu langer Zeit**

„Warum bist du in unsere Gegend gekommen?“, fragt mich ein junger Mann in roten Arbeitshosen, als ich mich nach dem Einchecken im Landhotel Hirsch im schwäbischen St. Johann an die Bar setze und ein lokales Bier bestelle. Ich erzähle ihm vom Volksbegehren, vom Klimawandel und vom Bienensterben. „Hört mal“, ruft mein Gesprächspartner in Richtung einer Gruppe von Schnauzbartträgern, die, wie sich herausstellt, hier in der Gegend neue Stromleitungen verlegen. „Wisst ihr noch, wie wir acht Wochen lang auf diese Ökologen gewartet haben, damit sie uns erzählen, wo wir unsere Stromleitungen verlegen sollen? Weil sich an der geplanten Trasse Ameisenhaufen befanden? Und wie schließlich dieser eine Typ mit seinem Spaten vorbeikam und die Haufen von einer Seite auf die andere schaufelte? Das ist eure ganze grüne Bewegung“, wendet er sich wieder an mich, hebt sein Schnapsglas und prostet seinen Kollegen zu, denen bei der Erinnerung an den Ökologen vor Lachen Tränen in die roten Augen treten.
David Gerstmeier und Tobias Miltenberger bei der Arbeit David Gerstmeier und Tobias Miltenberger bei der Arbeit | Foto: Summtgart Doch nicht alle sind so fröhlich. David Gerstmeier und Tobias Miltenberger, die Inhaber der Stuttgarter Imkerei Summtgart und Geschäftsführer des Vereins proBiene haben sich ernsthaft mit dem Thema auseinandergesetzt und in Baden-Württemberg ein Volksbegehren Artenschutz ins Leben gerufen.

Als ich ihr Büro am Stuttgarter Stadtrand betrete, summt es wie in einem Bienenstock. Unterstützerbriefe treffen ein, die Telefone klingeln unablässig, man hört alle möglichen Sprachen, sogar Polnisch ist dabei – wie sich herausstellt, stammt eine der Praktikantinnen aus Polen. „Ich habe Umweltschutz studiert und bin wegen meines Freundes nach Stuttgart gekommen“, sagt sie. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich hier so viel lerne.“

David, ein Mann um die Dreißig mit Vollbart und einer selbst gedrehten Zigarette hinter dem Ohr, ist gelernter Imker. Die Liebe zu Bienen hat er von seinem Vater, einem Lehrer, geerbt. Zu seinem zwölften Geburtstag hatte ihm sein Vater eine Bienenkolonie geschenkt. „Ich bin fasziniert von ihrer Intelligenz, von ihrem Verhalten, von ihren Beziehungen“, sagt er langsam, seine Worte mit Bedacht wählend. „Unser Volksbegehren ist ein Ausdruck der Beziehung zwischen Menschen und Bienen. An den Bienen können wir erkennen, ob die Natur um uns herum gesund oder krank ist.“

In den Fünfzigerjahren gab es in Deutschland noch rund zwei Millionen Bienenkolonien. Heute sind es nur noch 700 000. Die Bienen finden nicht mehr genug Nahrung, deshalb benötigen sie unsere Hilfe. „Wenn ich meine Bienen im Winter nicht regelmäßig füttere, verhungern sie“, seufzt David.
David Gerstmeier auf dem Weg zur Arbeit David Gerstmeier auf dem Weg zur Arbeit | Foto: Summtgart Er erklärt mir, dass die Menschen sich bereits an all die Schreckensmeldungen über das Artensterben und den Klimawandel gewöhnt haben, doch die Hitze- und Dürreperioden der letzten Jahre haben ihnen deutlich bewusst gemacht, dass es Zeit ist, zu handeln. „Die Motivation ist riesig – man muss sich nur all die jungen Leute ansehen, die Demonstrationen gegen den Klimawandel veranstalten, diskutieren, Fragen stellen und die ältere Generation auffordern, sich ihrer Verantwortung für ihr Handeln zu stellen“, fügt er hinzu.

„Und auch wenn Pessimisten behaupten, dass der Zug bereits abgefahren ist, habe ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben, sondern glaube daran, dass wir noch genügend Zeit haben“, sagt David. „Aber wenn wir nicht bald etwas tun, steuern wir auf eine Katastrophe zu. Aus diesem Grund möchte ich auch keine Zeit mit langen Diskussionen am runden Tisch verlieren. Ich hoffe, dass wir mit unsrem Volksbegehren möglichst rasch eine Gesetzesänderung herbeiführen können.“

Um das Volksbegehren auf den Weg zu bringen, mussten David und seine Freunde mindestens 10 000 Unterschriften von wahlberechtigten Baden-Württembergern vorlegen. Sie sammelten mehr als dreimal so viel. Am 24. September 2019 startete die zweite Phase: Innerhalb von sechs Monaten müssen sie mindestens 770 000 Unterschriften sammeln. „Wenn es uns gelingt, ist das ein großer Erfolg der direkten Demokratie“, sagt David. „Es geht in unserem Volksbegehren schließlich nicht nur um biologische Vielfalt, sondern auch um die Zukunft der Landwirtschaft. Seit Jahrzehnten beobachten wir, wie kleine landwirtschaftliche Betriebe allmählich von der Landkarte verdrängt werden. Nur die großen Betriebe überleben. Aus diesem Grund sehen viele Landwirte unser Volksbegehren als eine Chance zur Veränderung, auch wenn es manche gibt, die ihm misstrauisch gegenüberstehen. Sie haben Angst vor dem Unbekannten und machen sich Sorgen um ihre Zukunft.“
David Gerstmeier bei der Arbeit David Gerstmeier bei der Arbeit | Foto: Summtgart „Selbstverständlich müssen wir viel Überzeugungsarbeit leisten“, gibt David zu. „Ich war vor Kurzem zu Gast auf einem Treffen des Deutschen Bauernverbands. Und dort wurde mir die Frage gestellt, ob es in Baden-Württemberg tatsächlich ein Artensterben gebe und ob ich wissenschaftliche Beweise dafür habe. Vielleicht sollte ich in diesem Zusammenhang erwähnen, dass ich bei manchen Beschlüssen des Deutschen Bauernverbands den Eindruck habe, dass sich alles nur um die Interessen der Agrar- und Chemieindustrie und der großen Agrarkonzerne dreht. Ich habe ihnen erklärt, dass es selbstverständlich entsprechende Berichte gibt. Laut der Roten Liste bedrohter Tierarten sind in Baden-Württemberg über 50 Prozent der Wildbienen gefährdet. Man muss nur den Bericht des Bundesforschungsinstituts Johann Heinrich von Thünen lesen. Dort steht schwarz auf weiß, dass der ökologische Landbau und die Stärkung der Biodiversität heutzutage eine absolute Notwendigkeit sind.“

„Aber wie gewinnt man gegen große Konzerne?“ frage ich.
„Unser Volksbegehren ist zwar keine politische Initiative, doch mit unseren Unterschriften geben wir den Politikern die Unterstützung und den Mut, die notwendig sind, um Veränderungen auf den Weg zu bringen“, sagt David. „Auch wenn die Lobbys der großen Konzerne noch so viel Geld und viel Macht haben – die Kraft der Gesellschaft ist stärker.“

Dann erklärt mir David, dass es nicht darum geht, aus ganz Baden-Württemberg ein einziges großes Wildbiotop zu machen. Doch die riesigen industriell bewirtschafteten Monokulturen führen zum Aussterben von Wildblumen und Insekten, einer Katastrophe, die sich gerade vor unseren Augen abspielt. Deshalb müssen wir weiterdenken: Nicht nur, wie wir die Schäden minimieren können, sondern wie wir ganz auf Pestizide verzichten können. Ohne biologische Vielfalt gibt es keine Landwirtschaft, denn die Landwirtschaft ist eng mit der Natur verbunden.
Honig aus der Imkerei Summtgart Honig aus der Imkerei Summtgart | Foto: Summtgart „Ja, es ist schlimm, dass wir für etwas kämpfen müssen, das gut für uns alle ist,“ sagt David. „Oder dass ich Menschen den Unterschied zwischen konventioneller und ökologischer Imkerei erklären muss. Als wäre meine Art der Imkerei etwas Ungewöhnliches, weil ich den Königinnen nicht die Flügel beschneide oder den Bienen erlaube, ein natürliches Wabenwerk zu bauen. In der konventionellen Bienenhaltung sind die Bienen zu schwach, um sich zu vermehren, sie sind nur stark genug, um Honig zu produzieren.“

„Wie es unserer Imkerei geht?“, wiederholt David meine Frage und überlegt kurz.

„Nun, sie ist eine große Herausforderung“, antwortet er schließlich. „Wir sind Mitglied der Erzeugergemeinschaft Demeter und achten auf hohe ökologische Produktionsstandards. Das Wohl der Bienen steht bei uns an erster Stelle. Das bedeutet unter anderem, dass wir ihnen genügend Honig als Nahrung im Stock zurückzulassen. Den übrigen Honig verkaufen wir an unsere Kunden, die uns im Rahmen eines Abonnements zweimal im Jahr 48 Euro zahlen und dafür zweimal im Jahr je sechs Gläser Honig bekommen. Doch in diesem Jahr hatten wir kein Gramm Honig zum Verkauf übrig. Das war eine Katastrophe. Wenn uns nicht einige Demeter-Kollegen ausgeholfen hätten, hätten wir zumachen müssen.“
Die Bienenstöcke von David und Thobias Die Bienenstöcke von David und Thobias | Foto: Summtgart Als David und Thomas ihre Imkerei gründeten, machten sie eine Aufstellung: Wie viel Arbeit sie in das Projekt stecken müssten, welche Kosten anfallen würden, und wie viel Geld sie zum Leben brauchten. Sie rechneten auch ungefähr aus, wie viel Honig sie produzieren würden. Anhand dieser Aufstellung setzten sie den Preis pro Glas fest. „Unser Honig ist etwas teurer als bei anderen Imkern, aber anders könnte ich die Miete nicht zahlen“, sagt David. „Und ich war ganz gerührt, als die ersten Signale kamen, dass den Menschen unsere Philosophie gefällt, dass ihnen unser Honig schmeckt, und dass sie bereit sind, einen fairen Preis dafür zu zahlen.“

Die Bienenvölker der Imkerei Summtgart leben in neun unterschiedlichen Teilen der Stadt. „Tobias und ich besitzen kein Stück eigene Erde, also fragen wir die Besitzer von Gärten und Wiesen, ob wir unsere Bienenstöcke bei ihnen aufstellen dürfen“, erzählt David. „Und die Menschen helfen uns gern. Es ist schon verrückt, dass Bienen sich heutzutage in Stuttgart – einer Stadt, die für ihre durch die Automobilindustrie verursachten Umweltschäden bekannt ist – wohler fühlen als auf dem Land. Es gibt in der Stadt eben keine Pestizide, Dünger und Monokulturen, die die Lebensräume von Insekten zerstören.“

„Wir werden siegen“, sagt mir David zum Abschluss unseres Gesprächs. „In Nordrhein-Westfalen wird bereits ein ähnliches Volksbegehren vorbereitet, und auch in Brandenburg und einigen anderen Bundesländern denkt man darüber nach. Nein, es ist noch nicht zu spät“, lächelt er mir zum Abschied zu.
Tobias Miltenberger Tobias Miltenberger | Foto: archiwum Summtgart

Irgendwo steht ein Haus und es wartet dort auf mich. Die Wahrsagerin hat es mir gesagt, irgendwo steht ein Haus***

Ich frage mich, ob nur die Imker, die das Drama der Bienen täglich vor Augen haben, die Notwendigkeit von Veränderungen erkennen, oder ob dieses Bewusstsein auch in anderen landwirtschaftlichen Bereichen existiert. Und so stoße ich auf die Spur von Johanna von Mackensen, die ebenso wie die Imkerei Summtgart eng mit Demeter verbunden ist.

Johanna von Mackensen im Regen Johanna von Mackensen im Regen | Foto: Detlef Haag Wie soll man Johanna beschreiben? Bevor ich mich auf den Weg zu ihr mache, sehe ich mir ein Foto von ihr im Internet an. Sie kommt mir irgendwie bekannt vor. Und plötzlich fällt es mir ein: Sie trägt die gleiche Kleidung wie der Zauberer Gandalf in „Der Herr der Ringe“. Ein dunkler Hut mit einer breiten Krempe, unter dem dunkle Haarsträhnen hervorflattern. Ein weiter, dunkler Leinenumhang, der bis zu den Knöcheln reicht. Und in der Hand ein langer hölzerner Stab. Das Foto zeigt Johanna auf einer Wiese, umringt von Schafen, Ziegen und Hunden. Ja, sie muss eine Zaubererin sein, denke ich mir, schließlich ist es ihr zu verdanken, dass diese Tiere ein so glückliches Leben führen.

Johanna ist Schäferin. Sie lebt in einem kleinen Dorf auf der Schwäbischen Alb, dort, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Nicht einmal mein Navi kennt diese Adresse! Bevor wir auf die Alb gehen, unterhalten wir uns ein wenig bei Johanna zu Hause. Wir sitzen an einem großen Holztisch, der Hahn kräht wie verrückt, die Hunde bellen und der Wald rauscht. Johanna gibt mir ein Essbrett anstatt eines Tellers und serviert Kaffee, Brot und Käse, alles Bio. Angelockt durch das gute Essen, die Neugier oder vielleicht auch den Kaffeeduft gesellen sich Johannas Mann Thomas und ihr sechsundzwanzigjähriger Sohn Lukas zu uns.

„Ich bin ein Demeter-Kind, ich glaube an gesunde, ökologische Landwirtschaft“, beginnt Johanna unser Gespräch und reicht mir den Korb mit dem Brot. „Das habe ich von meinen Eltern übernommen, die echte Bio-Pioniere waren. Gesunde Lebensmittel sind für mich eine Priorität, ein Luxus, den ich mir wert bin. Kleidung, Haushaltsgeräte oder Urlaube stehen viel weiter hinten auf meiner Liste. Nach meiner Ausbildung und meinen Praktika konnte ich mir einfach nicht vorstellen, in einem konventionellen landwirtschaftlichen Betrieb zu arbeiten, in dem man seine Tiere zweimal am Tag von hinten beim Melken sieht. Aber eine Schäferei? Jeden Tag sieben Stunden mit den Schafen an der frischen Luft? Ich hatte das Gefühl, das war das Richtige für mich.“
Johanna bei der Arbeit Johanna bei der Arbeit | Foto: Detlef Haag „Und heute?“, frage ich. „Würdest du dich noch einmal so entscheiden?“

„Wenn ich all das wüsste, was ich heute weiß, nein“, sagt Johanna. „Jedes Jahr kommt wieder so ein Moment, in dem ich die Hände über dem Kopf zusammenschlage und mich frage: Was sollen wir jetzt tun? Wie sollen wir über die Runden kommen? Und eine Rechnung jagt die nächste. Wir zahlen die Pacht und die Stromrechnungen und versuchen, irgendwie aus diesem Loch herauszukommen. Aber früher oder später geraten wir doch wieder hinein.“
„Auch heute noch?“, frage ich.

„Ja, auch heute noch“, seufzt Johanna.

„Das gehört also nicht alles euch?“, frage ich und deute auf das Haus, die Felder und die Wiesen.
Johanna lächelt. „Nein, uns gehört hier gar nichts. Das haben wir alles vor sechsundzwanzig Jahren von der Gemeinde gepachtet.“

Sie erzählt mir, dass Thomas Vater ihnen zum Start finanziell unter die Arme gegriffen hatte. Und dass sie das gesamte Geld in ihre Schäferei investiert hatten. Ihnen blieb kein Pfennig. Außer ihren Tieren hatten sie nichts.

„Das war ein steiniger Weg, den wir gegangen sind“, sagt Johanna.

„Na, so schlimm ist es auch wieder nicht!“, mischt sich Thomas ein. „Wir haben eben bei Null angefangen, wir sind die erste Generation. Aber es gibt in der Gegend viele gut gehende Demeter-Schäfereien, die bereits in zweiter Generation geführt werden und die es deshalb leichter haben.“
Johanna nickt. Sie blickt auf Lukas und erzählt mir, dass er hier groß geworden ist und in ihrem Betrieb mitarbeitet. Dass er viel Energie und viele Ideen mit einbringt. Er lebt nebenan, in einem hölzernen Bauwagen, gemeinsam mit seiner Frau und ihrem gemeinsamen Sohn. „Ich freue mich sehr, dass wir alle zusammen sind, auch wenn unser Einfamilienbetrieb jetzt zwei Familien ernähren muss“, sagt Johanna.
 
Thomas erzählt, dass sie zurzeit 600 Schafe und 430 Lämmer haben. „Also eine ganze Menge, aber das ist das absolute Minimum, um zu überleben“, sagt er. Dann rechnet er mir vor, dass sie jedes Jahr etwa zwölf Prozent der Tiere zur Schlachtung abgeben. Pro Lamm bekommen sie 260 Euro, davon gehen 100 Euro für den Schlachter ab, und die Transportkosten und Steuern müssen sie auch noch zahlen. Viel bleibt da nicht übrig.
Johannas Schafe Johannas Schafe | Foto: Detlef Haag „Wenn wir unseren Gewinn durch die Anzahl der Arbeitsstunden teilen, kommen wir auf einen Stundenlohn von 6,40 Euro brutto“, sagt Johanna. „Wir leben von dem Geld, das uns die Gemeinde dafür zahlt, dass wir die Weiden pflegen und erhalten – unsere Schafe sorgen dafür, dass sie nicht zuwuchern. Und dazu kommen noch die landwirtschaftlichen Subventionen.“

„Habt ihr vom Volksbegehren gehört?“, frage ich. „Spürt ihr die Notwendigkeit von Veränderungen?“

„Ja, wir haben fasziniert verfolgt, was da in Bayern geschehen ist“, erzählt Johanna. „Aber in unserer Gegend ist diese Initiative noch nicht so sehr in das Bewusstsein gedrungen. Doch es hat sich schon etwas bewegt, denn bei den letzten Wahlen erhielten die Grünen hier fast vierzehn Prozent der Stimmen.“

„Wir haben zwar in Baden-Württemberg einen grünen Ministerpräsidenten, aber was bringt uns das, wenn das Landwirtschaftsministerium aufgrund politischer Taktierereien an die CDU ging“, seufzt Thomas. „Und anstatt mit dem Umweltministerium zusammenzuarbeiten, unterstützt man weiterhin die großen Agrarkonzerne.“

„Ich fand es erschreckend, was ich neulich in einer Folge der ZDF-Dokumentarreihe planet e gesehen habe, in der die zahlreichen Verflechtungen des Deutschen Bauernverbands in die Agroindustrie und die Politik aufgedeckt wurden“, erzählt Johanna. „Und die Bauern haben von all dem keine Ahnung und gehen davon aus, dass der Verband ihre Interessen vertritt. Wo leben wir eigentlich?“

„Aber wir müssen ja gar nicht mit den großen Konzernen konkurrieren“, schaltet sich Lukas ein. „Lass uns einfach unser Ding machen, und wenn wir es gut machen, dann werden andere schon unserem Beispiel folgen. Und zu Veränderungen wird es sowieso erst dann kommen, wenn die Gesellschaft den Bauern sagt: Wir wollen keine vergifteten Lebensmittel mehr essen. Schließlich sind es die Verbraucher, die die Nachfrage bestimmen. Wenn sie gesunde Lebensmittel verlangen, werden die Bauern sie auch produzieren. Ich würde mir auch wünschen, dass die Menschen ihre Lebensmittel nicht mehr nur im Supermarkt, sondern häufiger direkt beim Erzeuger kaufen. Damit würden sie uns sehr helfen.“

„Es wäre auch wichtig, dass die Verbraucher nicht auf den Schwindel mit regionalen Lebensmitteln hereinfallen. Denn was macht es für einen Unterschied, ob die Tiere von hier oder aus Hannover kommen, wenn sie in die gleichen Käfige gezwängt und mit dem gleichen Soja-Futter gefüttert werden? Es geht um die Produktionsstandards, darum, ob ein Betrieb ökologisch produziert, was die Tiere zu fressen bekommen und wie sie behandelt werden.“

„Kaufen die lokalen Restaurants euer Lammfleisch?“, frage ich.

„Nur eines, das Restaurant der Familie De Vita“, sagt Johanna. „Italiener achten stärker auf die Qualität von Lebensmitteln. Mit anderen Restaurants konnten wir uns nicht über den Preis einigen.“
Johannas Schafe Johannas Schafe | Foto: Detlef Haag Dann wandere ich mit Johanna noch ein wenig über die Weide. Es regnet in Strömen, also hat sich Johanna anstatt ihres Gandalf-Umhangs lieber ihre Regensachen angezogen. Sie deutet auf ihre bunten, mit Wildblumen übersäten Felder und anschließend auf die leblosen, mit Pestiziden und Dünger verseuchten Äcker ihres Nachbarn. „In-dai“, ruft sie ihren Hunden zu, die sogleich herbeieilen, um einige übermütige Schafe wieder in die Herde zurückzutreiben.

Zwei Stunden später schreitet Aniello De Vita langsam und doch irgendwie beschwingt, mit einem selbstbewussten Lächeln auf den Lippen durch sein Restaurant. Als er an meinen Tisch kommt, legt er seine Hand auf ein grün-weiß-rotes Herz, das oben links auf seinem schwarzen XXL-Shirt aufgestickt ist, und sagt im lokalen schwäbischen Dialekt: „Meine Frau und ich kochen mit viel Liebe.“ Dann erzählt er mir, dass er sein Restaurant gerne ganz auf Demeter umstellen würde, um seinen Kunden ausschließlich ökologisch produzierte Lebensmittel anzubieten. „Aber ich müsste 20 000 Euro für das Zertifikat bezahlen“, seufzt er. „Das würde darauf hinauslaufen, dass die Pasta mit Lamm, die du gerade isst, nicht 12,50 Euro, sondern 26 Euro kosten würde.“ Also kam Aniello De Vita auf die Idee, auf seiner Speisekarte einige einzelne Gerichte anzubieten, die mit Lebensmitteln aus Demeter-Betrieben zubereitet werden. Er nennt die entsprechenden Betriebe und ihre Art des Landbaus oder der Tierhaltung. Er weiß, dass manche seiner Gäste sogar extra aus Stuttgart kommen, um bei ihm zu essen. „Ruf das nächste Mal lieber an, bevor du kommst“, sagt er mir zum Abschied. „Normalerweise ist es gar nicht so einfach, bei uns einen freien Tisch zu bekommen.“
„Nein, es ist noch nicht zu spät“, denke ich mir, als ich durch das Küchenfenster sehe, wie Aniello gut gelaunt pfeifend die nächsten Gerichte zubereitet.

Lasse diese Welt hinter dir, die so künstlich ist, dass das Gras nur in Computerspielen grünt****

Ich will schon zum Ende kommen, als mich eine Freundin anruft und mir von einem ökologischen Weinberg erzählt, der sich ganz in der Nähe befindet. Die Brüder Jonas und Daniel Brand aus dem rheinland-pfälzischen Bockenheim essen gesunde Lebensmittel und produzieren gesunden Wein.
„Daniel macht viel Sport und achtet sehr auf gesunde Ernährung“, sagt Jonas, als ich ihn frage, warum zwei so junge Männer sich für eine ökologische Lebensweise entschieden haben. „Und irgendwann hat er gemerkt, dass ihm Bio-Lebensmittel wesentlich besser bekommen und gut für seine Gesundheit sind.“
Jonas folgte Daniels Beispiel. Er backt selbst Brot und hat einen Garten hinter dem Haus, in dem er sein eigenes Gemüse anbaut. Und obwohl der nächste Bio-Laden eine halbe Stunde entfernt ist, macht er dort seine Einkäufe.
„Alle sagen, dass ökologische Landwirtschaft so kompliziert ist“, erzählt Jonas. „Für mich ist sie das nicht. Früher haben die Bauern sich an gewisse Regeln gehalten. Hinter diesen Bauernregeln stecken jahrhundertealte Erfahrungen, man muss nur auf sie hören.“
„Was ist an eurem Weinberg denn so anders?“ – frage ich.
„Wenn du unsere Erde in die Hand nimmst, merkst du, dass sie eine dunkle Farbe, eine gute Konsistenz und einen angenehmen Duft hat“, sagt Jonas. „In der konventionellen Landwirtschaft ist die Erde gelblich und so trocken, dass der Wind sie dir aus der Hand weht. Wir verwenden keine Pestizide, unser Wein enthält keine Sulfate und wird auch nicht gefiltert.“
Ich stelle also wieder meine zentrale Frage: „Ist es nicht vielleicht schon zu spät?“
„Nein, in der Landwirtschaft verändert sich gerade einiges“, beruhigt mich Jonas. „Noch haben die Bauern Angst, aber sie werden früher oder später ihre Landwirtschaft umstellen müssen. Die Bauern sind auch gar nicht das größte Problem. Sobald die Verbraucher anfangen, einen fairen Preis für gute, gesunde Lebensmittel zu bezahlen, werden die Bauern sie auch produzieren. Ich weiß, dass unsere Nachbarn viel über unseren Weinberg reden. Und einer von ihnen sagte mir vor Kurzem: Jungs, ihr dürft nicht aufgeben, alle schauen auf euch.“
 
Vielen Dank an Susanne Kiebler von Demeter für ihre freundliche Mithilfe.
 
Prof. Josef H. Reichholf ist ein deutscher Zoologe, Evolutionsbiologe, und Ökologe. Er ist Honorarprofessor der Technischen Universität München und Mitglied der Kommission für Ökologie der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Er war mehrere Jahre Präsidiumsmitglied des WWF Deutschland. Anfang der Siebzigerjahre gründete er in München die „Gruppe Ökologie“, eine Keimzelle des später gegründeten Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Reichholf ist Autor zahlreicher Bücher über Natur und Naturschutz, Ökologie, Evolution, Klima- und Umweltschutz, u. a. „Schmetterlinge: Warum sie verschwinden und was das für uns bedeutet“. 2007 erhielt er für seine allgemeinverständlichen Beiträge zur Ökologie den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Seit Oktober 2018 ist er einer der beiden Ehrenpräsidenten des Vereins für Landschaftspflege und Artenschutz in Bayern.

Demeter – ist ein 1924 gegründeter deutscher Bio-Anbauverband, dessen biologisch-dynamische Wirtschaftsweise auf den landwirtschaftlichen Konzepten der Anthroposophie Rudolf Steiners beruht. Heute werden in Deutschland auf über 1 600 Höfen insgesamt über 85 000 Hektar nach Demeter-Richtlinien bewirtschaftet. Weltweit gibt es rund 5 000 Demeter-Betriebe in 54 Ländern mit einer bewirtschafteten Fläche von rund 180 000 Hektar. Nur Vertragspartner, die sich über den gesamten Anbau- und Verarbeitungsprozess an die Richtlinien des Demeter-Verbandes halten, dürfen das Demeter-Siegel verwenden. Diese Richtlinien beinhalten unter anderem den Verzicht auf synthetischen Dünger, chemische Pflanzenschutzmittel und künstliche Zusatzstoffe. 2014 feierte die Demeter-Gemeinschaft ihr neunzigjähriges Bestehen.

Summtgart – ist der Name der Demeter-Imkerei von David Gerstmeier und Tobias Miltenberger am Stadtrand von Stuttgart. https://summtgart.de/
proBiene-Freies Institut für ökologische Bienenhaltung https://probiene.de/, Volksbegehren Artenschutz in Baden-Württemberg https://volksbegehren-artenschutz.de/

Kräuterlamm – gist der Name der Demeter-Schäferei der Familie von Mackensen in Gomadingen auf der Schwäbischen Alb https://www.kraeuterlamm.de/

Das Ristorante Pizzeria De Vita (Brechhölzle), Hohenstein

Das Weingut Brand ist ein Bioland-Weinberg im pfälzischen Bockenheim, der von Jonas und Daniel Brand geführt wird.
* Ausschnitt aus dem Gedicht Jest już za późno (dt. „Es ist schon zu spät“) von Edward Stachura
** Ausschnitt aus dem Lied Die Biene Maja (Text: Florian Cusano)
*** Ausschnitt aus dem Lied Jest gdzieś taki dom (dt. „Irgendwo steht ein Haus“) (Text: Bogdan Loebl, Musik: Tadeusz Nalepa)
**** Ausschnitt aus dem Lied Reset (Text: Wojciech „Sokół“ Sosnowski, Marysia Starosta)
 

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