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Alexander von Humboldt
Alles gute, Alexander!

Projektion an der Ostfassade des Humboldt Forums
Projektion an der Ostfassade des Humboldt Forums | © SHF/ David von Becker

Vom Geburtstagsfest zu Ehren von Alexander von Humboldt im Berliner Humboldt Forum berichtet Karolina Kuszyk.

Alexander in Berlin

Das Humboldt Forum im Berliner Schloss wird eigentlich erst im Herbst 2020 eröffnet. Aber diejenigen, die nicht auf die offizielle Eröffnung warten wollen, konnten das imponierende Bauwerk bereits am 13. und 14. September 2019 betreten. An diesen Tagen organisierte das Humboldt Forum in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut eine große Geburtstagsfeier zu Ehren von Alexander von Humboldt, dem berühmten Bruder des Gelehrten und Bildungsreformers Wilhelm, Naturfoscher, Welterkunder und Weltvermesserer, Vorreiter des ganzheitlichen Verständnisses von Natur, Kolonialismuskritiker und Visionär. Alexander von Humboldt war ein unerschrockener Reisender, der den 6263 Meter hohen, zu seiner zeit als höchster Berg der Welt geltenden Vulkan Chimborazo bis knapp unterhalb des Gipfels bestieg; ein kühner Aufklärer, der sich bereits im 18. Jahrhundert vehement gegen die Sklaverei aussprach; und ein unermüdlicher Forscher, der ein gigantisches, interdisziplinäres Werk hinterließ, das bis heute noch nicht komplett erschlossen ist.

Zu seiner Geburtsstadt Berlin empfand Alexander von Humboldt keine besondere Affinität. Mehrere Jahre seines Lebens verbrachte er auf Forschungsexpeditionen in Lateinamerika, in den USA, Zentralasien und in seiner Lieblingsstadt Paris. Aber 1826, im Alter von 60 Jahren, musste er zurück, um der Aufforderung des preußischen Königs zu folgen. „Mein lieber Herr von Humboldt!“, schrieb Friedrich Wilhelm III. an ihn. „Ich kann Ihnen (…) keine fernere Erlaubnis geben, in einem Lande zu bleiben, das jedem wahren Preußen ein verhasstes sein sollte. Ich erwarte daher, dass Sie in kürzester Zeit in Ihr Vaterland zurückkehren. Ihr wohlaffektionierter Friedrich Wilhelm.“ Es blieb Alexander also nichts anderes übrig als nach Berlin zurückzukehren, woraufhin der wohlaffektionierte Monarch ihm zum Dank das Gelehrtengehalt verdoppelte. Hier in Berlin, am Humboldtschen Familiensitz Tegeler Schloss, befindet sich auch das Grab Alexanders.

Dieses Jahr wäre er 250 Jahre alt geworden. Und Berlin feiert ihn im großen Stil. Die kostenlose und für ein breites Publikum veranstaltete Geburtstagsfeier im Berliner Schloss bedeutet zwei Tage voller Vorträge, Gespräche, Filmprojektionen, Ausstellungen und Musik. Ich und mein Mann sind auch dabei.
Die Ausstellung im Humboldt Forum Die Ausstellung im Humboldt Forum | © Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss / David von Becker

Pressesprecherin Humboldts, Sternbilder aus Brasilien und Alexander privat

Am Eingang bekomen wir ein über 100 Seiten dickes Veranstaltungsprospekt in die Hand gedrückt und betreten das riesige Foyer. Dort wird eine Erlebnisinstallation zum Thema „Das Naturgemälde im Wandel“ präsentiert, eine Art Collagensammlung, die auf Abbildungen von Humboldts Zeichnungen basiert. Wenig später flanieren wir eine gute Stunde lang durch das „Archivo Alexander von Humboldt“. Das Archiv ist eine beachtliche Sammlung des ecuadorianischen Künstlers Fabiano Kueva, der seit 2015 Humboldts Spuren folgt und dessen Amerikareise mit Mitteln des Films, der Ausstellung und der Dokumentation erkundet. Nebenan können die Besucher in die Welt der 360-Grad Filme eintauchen, die Humboldts Aufenthalt in Südamerika thematisiert: aus dem Herzen Berlins wird man plötzlich in einen ecuadorianischen Tropenwald katapultiert oder auf den Gipfel des Chimborazo, wo der Sauerstoff zum knappen Gut wird. Nach der Besteigung des Chimborazo lieferte Humboldt übrigens als Erster eine ausführliche Beschreibung von Symptomen einer Höhenkrankheit. Wie er es auf die 5600 Meter Höhe ohne Sauerstoffmaske schaffte, bleibt uns ein Rätsel. Als wir 2015 Ecuador bereisten, befiel uns die Höhenkrankheit bereits am Fuße des riesigen Vulkanberges. Die Erinnerungen an unsere zweimonatige Südamerika-Tour werden wieder lebendig. Und auch so manch anderer Gast schwelgt in Erinerrungen an seine eigene Reise durch diesen wunderschönen und spannenden Kontinent, manchmal sogar auf Humboldts Spuren.

Andrea Wulf beim Geburtstagsfest im Humboldt Forum Andrea Wulf beim Geburtstagsfest im Humboldt Forum | © Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss / David von Becker Denn Humboldts Fangemeinde scheint immer größer zu werden, nicht zuletzt dank Andrea Wulff, der Autorin der 2015 erschienenen Humboldt-Biografie Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur (aus dem Englischen von Hainer Kober). Durch ihr Buch gelang es ihr ein breites Publikum für das Leben und Schaffen des Naturforschers und Universalgelehrten zu begeistern. In ihrem Vortrag im Humboldt Forum lässt Andrea Wulff die ZuhörerInnen an ihren Recherchen teilhaben, die sie auf Humboldts Spuren quer durch Europa und Südamerika führten.

Sie bezeichnet sich selbst als „Humboldts Pressesprecherin“ und ist leidenschaftliche Verfechterin seines revolutionären Verständnisses der Natur als ein globales, lebendiges Ganzes, in dem alles miteinander verknüpft ist. Als Andrea Wulff ihre Humboldt-Biografie fast fertiggestellt hatte, wurden die legendären Südamerika-Tagebücher Humboldts, die bis dahin im Privatbesitz waren, endlich der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Heute kann man sie in der Staatsbibliothek Berlin bewundern. Es handelt sich um 4000 Seiten, die mit Hunderten von Humboldts Reiseberichten und Zeichnungen gespickt sind. „Als ich diese Seiten sah, hat es mich umgehauen“, so Wulff, „und ich wußte, dass ich ein ganz besonderes Buch machen wollte“. So entstand in Zusammenarbeit mit der Illustratorin Lillian Melcher die Graphic Novel Die Abenteuer des Alexander von Humboldt, eine bunte Hommage an den Abenteurer und Menschen, „dem es so mühelos gelang, die Künste und die Wissenschaften zu vereinen“ (Wulff). Ähnlich ist auch das Humboldt Forum konzipiert: als ein interdisziplinäres Ausstellungshaus, das Kunst und Wissenschaft zusammendenken und eine holistische Sicht auf die Welt zeigen will.

Wir lauschen auch einem Gespräch mit Andrea Scholz, wissenschaftlicher Mitarbeiterin des Ethnologischen Museums Berlin und ihren Projektpartnern aus Brasilien. Sie präsentieren das Ergebnis einer Arbeit, die indigene und nicht-indigene KüstlerInenn sowie brasilianische und deutsche EnthologInnen zusammenführte. Gemeinsam übersetzten sie indigene Mythen und Beobachtungen über Sternbilder und den Jahreszyklus am Fluß Tiquié in eine visuelle Erzählung. Die Zeichnungen von Indigenen wurden für eine Sternbild-Projektion verwendet, die am Abend auf die Ostfassade des Humboldt Forums projiziert wird.

In einer anderen Gesprächsrunde diskutieren die Video-Künstlerin Liz Rosenfeld und der Humboldt-Biograf Rüdiger Schaper (Alexander von Humboldt. Der Preuße und die neuen Welten) über das Verhältnis von Humboldt zu der Stadt Berlin und unternehmen eine Expedition in sein Privatleben. Auch das Geheimnis seiner sexuellen Orientierung wird nicht ausgelassen. Die Frage danach, ob das heutige, offene und queere Berlin mehr nach seinem Geschmack wäre, wird mit einem vorsichtigen „jein“ beantwortet. Der liberale Geist des 21. Jahrhunderts hätte ihm wohl gut gefallen, aber bestimmt nicht das Klima. Humboldt liebte die Wärme, die üppige Vegetation, das Licht und die Sonne.

Die Gesprächsrunde mit Lars Christian-Koch, Direktor für die Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin (SMB) im Humboldt Forum, Maria Gaida, Leiterin der Abteilung Sammlungen der SMB und Manuela Fischer, Kustodin der Sammlung Südamerika im Ethnologischen Museum Berlin, die eine Vorschau auf mögliche Entdeckungstouren in den ethnologischen Sammlungen bietet, müssen wir leider auslassen. Wir brauchen dringend eine Verschnaufpause.

Humboldt Gin, Oberbürgermeister mit Jutebeutel und Fridays for Future

Also gehen wir in den Shop, in dem sich Publikationen über das Leben und Werk Humboldts stapeln: die Biografen, Kommentatoren und Verleger hatten emsig auf das Humboldtjahr 2019 hingearbeitet. Zum Kauf stehen Humboldts eigene Werke, unter anderem das wuchtige Kosmos, sein Opus vitae. Es gibt auch allerlei Gadgets mit tropischen Motiven. Sogar ein Humboldt Gin wird zur Verkostung (und zum Kauf) angeboten. Die Spirituosenmanufaktur Spreewood Distillers erwies Alexander zu seinem Geburtstag die Ehre und kreierte das Getränk in Anlehnung an seine botanische Entdeckungen. Nach der Verkostung – Humboldt Gin schmeckt tatsächlich ausgezeichnet, würzig und floral – widmen wir uns den Büchern. Ich spähe kurz zu einem Herren, der neben mir in einem dicken Buch blättert und stelle mit Überraschung fest, dass das Berlins regierender Oberbürgermeister Michael Müller ist. Im Anzug, aber mit hippem Jutebeutel für die Mitbringsel über dem Arm. Überhaupt sieht man auf dieser Geburtstagsparty viele Prominente, unter anderem auch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien Monika Grütters. So ist das Publikum bunt gemischt, Normalos neben VIPs, jung neben alt, außer Deutsch hört man Englisch und Spanisch, sogar Russisch und Polnisch sind vertreten.

Als wir gesättigt mit Eindrücken das Berliner Schloss verlassen, geht im Foyer gerade auch das künstlerische Programm für Kinder zu Ende. Viele nehmen ihre selbst gebastelte Natur-Collagen und Transparente, die zum Klimaschutz aufrufen, stolz mit nach Hause. Auf einem der Transparente ist ein weißer Bär zu sehen, über ihm eine Sprechblase mit den Worten „Mir ist heiß“. Schon bald, am 20. September, dem Friday for Future, kommen die Transparente zum Einsatz während der Klimaschutz-Großdemo am Brandenburger Tor. Wir gehen nach Hause und denken, so ein Geburtstag hätte ihm doch bestimmt gut gefallen.
 

Quellen:

Die Webseite zum 250. Geburtstag des Alexander von Humboldt: https://avhumboldt250.de/

Programm zum Geburtstag von Alexander von Humboldt 13. / 14.09.2019, Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss (Hrsg.), Berlin 2019

Humboldt Forum. Sonderausgabe zum 250. Geburtstag von Alexander von Humboldt, Humboldt Forum im Berliner Schloss, September 2019

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