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Weihnachten in Deutschland
Weihnachtsgeschichten

Weihnachtsdeko und Adventskränze von Claudia
Weihnachtsdeko und Adventskränze von Claudia | © Foto aus Privatsammlung

Schon bald ist Weihnachten. Wie feiern die Deutschen? Welche Traditionen sind bewahrt geblieben? Zu Beginn der Adventszeit spricht Joanna Strzałko über zeitgenössische Weihnachtsbräuche in Deutschland.

„Ich käme auch ohne Weihnachten aus“

Elisabeths Haus im Schwarzwald steht an einer Kurve. Bei gutem Wetter kann man von hier die verschneiten Gipfel der Schweizer Alpen sehen. Wir sitzen in ihrem Wohnzimmer, von dessen Wänden die Vorfahren meiner Gastgeberin streng auf mich herabblicken. Die Stille wird lediglich vom Heulen des Windes, der hinter dem Fenster die schwarzen Wolken vor sich herjagt, vom gleichmäßigen Ticken der Standuhr, vom Schnarchen des auf dem Sessel schlafenden Hundes und dem Schnurren der auf dem Klavier zusammengerollten Katze unterbrochen. Elisabeths Ehemann ist gerade in der Küche und kocht einen leckeren Kaffee.

„Es muss herrlich sein, in einem so alten Holzhaus Weihnachten zu feiern“, beginne ich das Gespräch.

Elisabeth betrachtet eine Weile die Regentropfen auf der Fensterscheibe. „Vor langer, langer Zeit war die Adventszeit für mich tatsächlich etwas Wunderbares“, seufzt sie. „Wir haben mit unseren Eltern Weihnachtsgeschichten gelesen, Weihnachtslieder gesungen und Plätzchen gebacken. Weihnachten war damals noch ein religiöses Fest, eine Zeit der Einkehr und Besinnung. Heutzutage ist davon nicht mehr viel übrig geblieben, es ist einfach ein Treffen mit der Familie. Ich verbringe die Feiertage mit meinem Mann, meinem Sohn und meiner Schwiegertochter. Am Heiligabend bringt uns ein Bekannter einen frisch geschlagenen Baum aus dem Wald. Ich schmücke den Weihnachtsbaum, aber nur dezent, und stelle eine traditionelle Krippe mit der Heiligen Familie vor ihm auf. Und noch eine lustige Krippe, die eine Nachbarin von uns gebastelt hat, mit lustigen Filzmännchen sowie Löwen, Füchsen, Hasen und Bären, die einträchtig nebeneinanderstehen – es ist schließlich Weihnachten, da werden sie einander schon nichts tun.

Am ersten Weihnachtsfeiertag mache ich Gänsebraten mit einer Füllung aus Kastanien, Äpfeln, Orangen, Nüssen und Ingwer. Dazu gibt es Rotkohl und einen guten Wein. Der Tisch ist feierlich gedeckt, überwiegend in Rot, mit dem guten Porzellan und Silberbesteck aus dem 19. Jahrhundert. Es ist gemütlich, der Kachelofen verbreitet eine wohlige Wärme, draußen liegt Schnee, und in den Fenstern spiegeln sich die Kerzen. Aber ganz ehrlich: Ich brauche das alles nicht unbedingt. Deshalb sage ich auch immer wieder zu meinem Sohn: »Wenn du Weihnachten lieber mit deinen Freunden feiern möchtest, musst du deswegen kein schlechtes Gewissen haben.«“

„Nein, in die Kirche gehe ich schon lange nicht mehr. Vielleicht besuche ich irgendwann einmal die Christmette, am späten Abend. Meine Nachbarin hat gesagt, es soll dort sehr schön sein. Ich würde gerne den Chor hören, aber wenn ich an die Predigt denke, läuft es mir kalt den Rücken hinunter. Genauso, wie wenn ich an Weihnachten in der Klosterschule denke, in der ich früher als Lehrerin tätig war. Und an die Nonnen, die am Heiligabend von einer Art kollektivem Wahnsinn erfasst wurden. Sie nahmen die Jesusfigur aus der Krippe und drückten sie mit Tränen in den Augen – und nicht selten unter heftigem Schluchzen – an ihre Brust, alle der Reihe nach.“

„Meine schönsten Weihnachten?“, überlegt Elisabeth laut. „Als ich klein war. Ich ging am Heiligabend morgens mit meinem Vater auf den Markt, um einen Tannenbaum zu kaufen. Der Baum war groß und duftete herrlich, so erinnere ich mich jedenfalls daran. Wir mussten ihn anbinden, damit er nicht umfiel, denn die Katze versuchte ständig, an ihm hinaufzuklettern. Meine Eltern schmückten den Tannenbaum hinter verschlossenen Türen, um uns Kindern eine Überraschung zu bereiten. Sie schmückten ihn mit Süßigkeiten, Äpfeln und brennenden Kerzen. Zum Mittagessen gab es Gänsebrühe mit Reis, gekocht aus dem Gänsehals, den Flügeln und dem Bürzel. Nachmittags, gegen 17 Uhr, ging ich mit meinem Vater zur Messe in die evangelische Kirche. Mein Bruder, der eine schöne Stimme hatte und Mitglied im Kirchenchor war, sang den Solopart in Bachs Johannes-Passion. Dieses Konzert war für mich ein großes Erlebnis. Mama blieb zu Hause, kochte und legte die Geschenke unter den Weihnachtsbaum. Abends aßen wir Heringssalat oder Kartoffelsalat und Würstchen. Und nach dem Essen schlossen sich unsere Eltern – Papa in schwarzem Anzug mit Fliege, und Mama in einem zweiteiligen Kleid mit Silberfäden – im Wohnzimmer ein, wo der Weihnachtsbaum stand, tranken ein Glas Wein und gaben einander ihre Geschenke. Mein Bruder und ich schauten ihnen durch das Schlüsselloch zu. Wir durften erst hereinkommen, als unsere Eltern mit einem Glöckchen läuteten. Dann stürzten wir in das Wohnzimmer, und sie standen am offenen Fenster und sagten: »Schaut nur, da fliegt der Engel, der eure Geschenke gebracht hat!« Ich bekam Bücher, Handschuhe oder eine Mütze geschenkt und immer auch etwas für die Aussteuer: Handtücher, Besteck oder eine Tischdecke. Ich war selten zufrieden mit meinen Geschenken.“

„Das eigentliche Weihnachtsfest begann am 25. Dezember. Wir zogen unsere neuen Kleider an und machten Familienbesuche. Am ersten Feiertag gab es Gänsebraten, und am zweiten Feiertag die Reste vom Vortag mit Soße. Aus den Knochen wurde hinterher Gänsebrühe gekocht. Damals wurde nichts weggeworfen. Mein Vater konnte nicht kochen, er betrat die Küche nur einmal im Jahr, um die Soße zum Weihnachtsbraten abzuschmecken. So war das in meiner Familie. Aber ich weiß von vielen meiner Freundinnen, dass Weihnachten für sie der blanke Horror war, weil viele Männer nach dem Krieg tranken und es an den Feiertagen zu schrecklichen Auseinandersetzungen kam. Anscheinend ließen die Männer so ihren Frust ab.“

Schließlich blickt Elisabeth aus dem Fenster und deutet auf einen in schwarz gekleideten Mann, der gerade die kleine, weiße Kirche auf der gegenüberliegenden Straßenseite betritt. Über der Kirche kreisen Habichte, die, wie mir Elisabeth erklärt, den Kirchturm zu ihrem Domizil gemacht haben.

„Das ist der katholische Priester, er kommt aus Polen“, sagt Elisabeth. „Er liest schon mehrere Jahre bei uns die Messe und ist sehr beliebt hier im Ort.“

„Wie er wohl Weihnachten verbringt“, frage ich mich und rufe im Pfarrhaus an. Weihnachtsdeko und Adventskränze von Claudia Weihnachtsdeko und Adventskränze von Claudia | © Foto aus Privatsammlung

„Die Deutschen haben ein anderes Verhältnis zur Kirche als die Polen“

„Wie ich Weihnachten verbringe?“, wiederholt Pater Jan meine Frage, als ich ihm schließlich gegenübersitze. „Wenn ich nach dem Gottesdienst nach Hause komme, bin ich froh, allein zu sein. Ich koche mir einen Kaffee, manchmal mache ich auch eine Flasche Wein auf. Ich habe kein Bedürfnis, in einer größeren Gruppe zu feiern, nicht einmal mit der Familie. Ich habe überhaupt keine Probleme damit, allein zu sein. Vor vier Jahren habe ich einmal einen katholischen Syrer zu mir eingeladen. Das war kein großes Festmahl, aber vielleicht half es ihm ein wenig, seinen Schmerz und sein Heimweh zu vergessen.“

Als ich Pater Jan frage, wie die deutschen Gemeindemitglieder auf einen polnischen Priester reagieren, erklärt er mir, dass hänge allein von der Persönlichkeit des Priesters ab. Wenn er es schafft, sich zu integrieren, einer von ihnen zu werden, ihre Bräuche zu respektieren, anstatt ihnen seine eigenen aufzuzwingen, wird er mit offenen Armen empfangen, dann ist es egal, ob er aus Polen oder aus Afrika kommt. „Ich bin in Pommern geboren, ich habe deutsche Wurzeln“, sagt Pater Jan. „Ich habe eine doppelte Staatsbürgerschaft und finde mich in beiden Kulturen gut zurecht. Und weil es in Deutschland zu wenig Priester gibt, habe ich mich entschlossen, hier zu arbeiten. Ich bin schon zwanzig Jahre in Deutschland und kann mich nicht beschweren.“

„Ob es einen Unterschied zwischen Weihnachten in Deutschland und in Polen gibt?“, überlegt Pater Jan. „Das Weihnachtsfest wird in der gesamten katholischen Kirche ähnlich gefeiert, aber die Adventszeit hat in Deutschland eine größere Bedeutung als in Polen. Die Deutschen haben Adventskränze, an denen sie jede Woche eine weitere Kerze anzünden, um die Zeit bis Heiligabend zu überbrücken und um die Dunkelheit zu vertreiben. Das Leuchten der Kerzen symbolisiert die bevorstehende Ankunft des Lichts der Welt, die Geburt Christi. In dieser Zeit halte ich auch – ebenfalls bei Kerzenlicht – die morgendlichen Roratemessen. In Polen werden diese Messen täglich gehalten, hier wegen Personalmangel nur einmal in der Woche und nur in einer meiner acht Pfarreien. Und dann gibt es selbstverständlich noch die Weihnachtsmärkte, die in der Adventszeit in jeder größeren oder kleineren Stadt und sogar in Gemeinden und Dörfern veranstaltet werden. Die Deutschen kaufen dort gerne ihre Weihnachtsgeschenke oder treffen sich mit Freunden zu einem Glas Glühwein.“

„Und wie sieht das Weihnachtsfest aus?“, frage ich.

„In Polen konzentriert sich das Weihnachtsfest auf den Heiligabend. Das ist hier nicht so“, erklärt Pater Jan. „Auch das Essen spielt nicht eine ganz so große Rolle. Es gibt zu Heiligabend keine zwölf verschiedenen Gerichte, wie in Polen, und auch an den Feiertagen werden keine tausend verschiedenen Speisen aufgetischt, die sowieso niemand aufessen kann. Die deutsche Art, Weihnachten zu feiern, erscheint mir etwas rationaler. Und das hat nichts mit Geiz zu tun, sondern vielmehr mit umsichtiger Planung.“

„Aber um noch einmal auf den Heiligabend zurückzukommen,“ führt Pater Jan weiter aus, „an diesem Tag halte ich die Kinderchristmette, zu der die jüngsten Gemeindemitglieder ein Krippenspiel aufführen. Nach dem Krippenspiel singen wir alle gemeinsam Weihnachtslieder. Zur abendlichen Christmette um 22 Uhr kommen deutlich weniger Besucher. Vorher essen die Deutschen ein einfaches Gericht, denn es ist ja noch kein Feiertag, das eigentliche Weihnachtsfest beginnt erst nach der Christmette. Der 1. Weihnachtsfeiertag beginnt mit einer Morgenmesse mit Chor und Orchester. Die Kirche ist dann immer brechend voll, sie ist festlich dekoriert, überall brennen Kerzen, die Weihnachtsbäume sind geschmückt, und die Gemeindemitglieder sind alle fein angezogen. Nach der Morgenmesse gehen alle nach Hause, um den Weihnachtsbraten zu essen. Was mir sehr gut gefällt, ist die Tatsache, dass am Tisch nicht über Politik gesprochen wird, und wenn doch einmal, dann geht niemand dem anderen deswegen gleich an die Gurgel. Die Politik löst in Deutschland nicht so große Emotionen aus wie in Polen.“

„Gehen die Deutschen auch an den anderen Tagen im Jahr so zahlreich in die Kirche?“, frage ich Pater Jan zum Abschied.

„In einer meiner Pfarrgemeinden gibt es nur 180 Mitglieder, dort kommen am Sonntag nur etwa zehn Personen zur Messe,“ sagt Pater Jan. „Aber das kommt daher, dass die Deutschen ein anderes Verhältnis zur Kirche haben. Für sie bedeutet Kirche nicht nur, dass man am Sonntag den Gottesdienst besucht, sondern dass man den Bedürftigen hilft: Armen, Kranken, Flüchtlingen und Kindern. Und das tun sie das ganze Jahr über und auch an den Feiertagen.“
Ein Adventskranz von Claudia Ein Adventskranz von Claudia | © Foto aus Privatsammlung

„Wir haben ein unterschiedliches Verhältnis zu Weihnachten“

„Ja, das stimmt. Jeden Sonntag organisieren wir Essensausgaben für Obdachlose“, erzählt Marianne aus Mannheim, eine praktizierende Katholikin, mit der ich mich in der warmen Küche ihrer Nachbarin Marie unterhalte. „Wir kochen jede Woche ein Zwei-Gänge-Mittagessen und verteilen es anschließend in den Gemeinschaftshäusern, dazu gibt es noch Kaffee und Kuchen und Essenspäckchen zum Mitnehmen. Auch jetzt vor Weihnachten. Meine Güte, ich habe noch so viel zu tun!“, seufzt Marianne.

Marie hört uns zu und knetet schweigend den Teig.

„Ich habe die Fenster geputzt, aber sie sind schon wieder schmutzig, da muss ich noch einmal nachwischen. Ich hänge Lichterketten in die Fenster, und mein Mann bringt einen Baum, den ich dann schmücke. Ich mache das lieber allein, weil er nicht wirklich ein Händchen dafür hat. Ich habe auch einen Adventskranz aufgehängt, und am Sonntag zünde ich die erste Kerze an.“

Marie schält konzentriert die Äpfel für den Apfelkuchen.

„Den Butterkuchen habe ich schon gestern gebacken“, zählt Marianne weiter auf. „Dann muss ich noch Kartoffelsalat machen und die Würstchen für Heiligabend und den Schinken für den Weihnachtsbraten kaufen. Ein Glück, dass ich so viel Spargel eingefroren habe, denn meine Tochter hat aus Australien angerufen und gesagt, dass sie zu Weihnachten kommt. Wir essen in unserer Familie traditionell Spargel zu Weihnachten.“

Marie fettet das Blech sorgfältig mit Butter ein, verteilt den Teig und die Äpfel darauf und schiebt alles in den vorgeheizten Backofen.

„Ein Glück, dass die Christmette auf acht Uhr vorverlegt wurde, da können wir uns wenigstens ausschlafen“, sagt Marianne lächelnd. „Zur Christmette um Mitternacht kamen einfach zu wenig Besucher. Am ersten Weihnachtsfeiertag gehen wir dann in die Kirche in Ladenburg, einige Kilometer vor Mannheim, wo mein Mann im Chor singt. Dann fahren wir nach Hause und machen es uns gemütlich, mein Mann, meine Tochter und ich. Und am zweiten Weihnachtsfeiertag sind wir bei Verwandten eingeladen.“

Marie schlägt die Sahne, es riecht schon nach Kuchen.

„Ich weiß auch nicht, wie es mit diesen Traditionen weitergehen wird“, seufzt Marianne. „Früher habe ich Adventskalender für die Kinder gebastelt, Geschenke gekauft, und abends haben wir musiziert. Das gibt es heute alles nicht mehr. Ich weiß nicht einmal, ob meine Tochter in Australien in die Kirche geht. Woher sollte ich das wissen? Ich habe sie noch nie dort besucht. Doch trotz des ganzen Stresses freue ich mich auf Weihnachten. Na, und du, Marie?“, fragt Marianne neckisch ihre Nachbarin.

Wie sich herausstellt, kann Marie Weihnachten nicht ausstehen und verkriecht sich an den Festtagen am liebsten zu Hause. Sie nimmt keine Anrufe an, verlässt das Haus nicht, lässt sich von niemandem einladen und lädt auch niemanden ein. Manchmal blickt sie aus dem Fenster und schaut dem festlichen Treiben bei Marianne zu. Ganz ohne Neid.

„Ich wurde von meiner Mutter und meiner Tante erzogen“, erzählt Marie und stellt die Kuchenteller auf den Tisch. „Die hatten mich zu Weihnachten ständig auf dem Kieker: »Sitz gerade«, »Sing«, »Iss noch etwas« und schließlich: »Gefällt es dir auch? Gefällt es dir?«, wenn ich den grau-braunen Pullover auspackte oder die peinlichen Schuhe, von denen ich wusste, dass ich sie niemals tragen würde. Drei Frauen, Elend und Stress – und die verzweifelte Vorstellung, an Weihnachten müsse alles anders sein. Aber das war es eben nicht. Es kam an Weihnachten bei uns immer zu Streitereien.“

Marie schwor sich damals, dass sie, wenn sie erst erwachsen wäre, nie wieder Weihnachten feiern würde. Und sie hielt ihren Schwur. Ihr Mann war anfangs untröstlich, doch mit der Zeit gewöhnte er sich daran. Er nimmt sich an Weihnachten seinen Kontrabass und musiziert drei Tage lang. Nur einmal ließ Marie sich erweichen, als ihr Mann eine Art Metalltannenbaum mit Kerzenhaltern nach Hause brachte. Außer diesem Metalldreieck gibt es in ihrer Wohnung keinen Schmuck und in ihrem Kühlschrank kein Gericht, das man auch nur entfernt mit Weihnachten in Verbindung bringen könnte.

Nach dem Apfelkuchen mit Schlagsahne verlässt uns Marianne wieder. „Ich habe noch so viel zu tun“, sagt sie mit einem feinen Lächeln in Richtung Marie. Wir sehen ihr zu, wie sie mit flinken Schritten durch den Rosengarten läuft und in ihrem festlich beleuchteten Haus verschwindet.
Weihnachtsdeko und Adventskränze von Claudia Weihnachtsdeko und Adventskränze von Claudia | © Foto aus Privatsammlung

„Wir feiern Weihnachten alle zusammen – Protestanten, Katholiken und Muslime“

„Dieses Jahr feiern wir etwas anders als sonst“, erzählt Claudia aus Bockenheim. „Meine Eltern haben ihr Haus in Heidelberg verkauft und sind in ein Seniorenwohnheim gezogen. Ihre Wohnung dort ist zu klein, um die ganze zehnköpfige Familie – mich mit meinen beiden Söhnen sowie meinen Bruder mit seiner Frau und seinen Töchtern – zu beherbergen. Deshalb fahre ich an Heiligabend zu meinem Freund nach Stuttgart und feiere dort mit meinem jüngeren Sohn und seiner Freundin. Mein älterer Sohn verbringt Heiligabend mit den Großeltern. Wir treffen uns alle erst am zweiten Weihnachtsfeiertag zum Mittagessen in einem eleganten Restaurant in Heidelberg.“

Claudia erklärt mir, dass die meisten Restaurants in Deutschland zu Weihnachten ausgebucht sind und man schon ein Jahr im Voraus einen Tisch reservieren muss. „Die Deutschen verbringen die Feiertage nicht gern in der Küche“, sagt sie. Sie räumt jedoch ein, dass das auch seine Nachteile hat, denn die Restaurants platzen zu Weihnachten aus allen Nähten, es ist laut und stickig, man muss lange auf sein Essen warten und den Tisch in der Regel schon nach zwei Stunden wieder räumen, weil dann die nächsten Gäste kommen. Und so ein Weihnachtsmenü kostet etwa 50 Euro pro Person.

„Ich mache nichts Besonderes zu Weihnachten“, sagt Claudia. Ich habe das Jahr über genügend Stress, an Weihnachten will ich einfach ausspannen und Zeit mit meinen Liebsten verbringen. Ich bin Protestantin, aber keine praktizierende. Mein Freund ist katholisch, geht aber auch nicht in die Kirche. Und meine beiden Söhne sind Muslime, für sie bedeutet Weihnachten lediglich, gemeinsam Kekse zu backen, mit der Familie zu essen und gemütlich zusammenzusitzen. Wir haben keinen Weihnachtsbaum, machen einander keine Geschenke und ziehen uns auch nicht besonders fein an. Wir kaufen einen guten Wein und Käse und essen abends gemeinsam Raclette. Aber wahrscheinlich werde ich doch noch weich und stelle irgendein Gesteck mit Kerzen auf den Tisch“, lacht Claudia.

Claudia ist nämlich eine erfolgreiche Floristin, sie dekoriert Restaurants und Weinstuben zu unterschiedlichen Anlässen. Sie verkauft auch traditionelle Adventskränze aus frischen Tannenzweigen. „Bereits im Juni, also ein halbes Jahr vor Weihnachten, beobachte ich die aktuellen Trends und Modefarben. In diesem Jahr war Grau-Blau mit einem Stich ins Türkis besonders gefragt. Oder auch Honiggelb mit Grün. Aber am besten verkaufen sich doch die traditionellen Adventskränze mit rotem Schmuck und roten Kerzen. Ein Adventskranz kostet bei mir durchschnittlich 35 Euro, es gibt aber auch welche für 70 Euro. In Markengeschäften sind sie um ein Vielfaches teurer.“

Als ich Claudia nach ihren schönsten Weihnachtserinnerungen frage, schweigt sie kurz. „Am meisten ist mir mein schlimmstes Weihnachtsfest in Erinnerung geblieben“, sagt sie leise. „Das war 2005, mein erstes Weihnachtsfest ohne meine Söhne. Mein Ex-Mann hatte sie ins Ausland entführt und den Kontakt zu mir abgebrochen. Ich war auf der Suche nach meinen Söhnen und verbrachte Weihnachten in einem Hotel in Tunesien. Ich weiß nicht, wie ich das überstanden habe. Ich setzte Puzzles zusammen, um mich abzulenken. Und das schönste Weihnachtsfest war zehn Jahre später, als meine Söhne wieder nach Deutschland zurückkehrten und wir die Feiertage erstmals wieder gemeinsam verbringen konnten.“
Weihnachtsdeko und Adventskränze von Claudia Weihnachtsdeko und Adventskränze von Claudia | © Foto aus Privatsammlung

„Wir feiern Weihnachten vor allem Mama zuliebe“

„Weihnachten ist eine Zeit voller Rituale“, seufzt Lutz aus Karlsruhe. „Und wenn einer aus der Familie plötzlich nicht mehr da ist, fällt alles in sich zusammen. Ich habe Weihnachten jahrzehntelang mit meinen Eltern gefeiert, wir hatten unsere Traditionen und Bräuche. Und als vor zwei Jahren mein Vater starb, fühlte ich mich völlig verloren. Ich schmückte den Baum, schenkte den Wein ein, und sofort kamen die Erinnerungen. Ich konnte nur daran denken, dass früher mein Vater all das getan hatte.“

„Früher fuhren wir an Weihnachten fünf Tage zu meiner Mutter in die Eifel und fünf Tage zu Lutz' Eltern nach Hannover“, erzählt Lutz' Frau Beate. „Doch seitdem meine Mutter gestorben ist, verbringen wir die ganzen Weihnachtsferien in Hannover.“

„In der Regel kommen wir bereits eine Woche vor Weihnachten, um Mama den Einkaufsstress abzunehmen“, erzählt Lutz. „Wir wollen auch genügend Zeit haben, um nachzusehen, ob irgendetwas im Haus repariert oder ausgetauscht werden muss, weil wir nur einmal im Jahr genügend Zeit für diese Dinge haben.“

„Wenn wir ankommen, gibt es immer erst einmal sehr viel zu tun“, nickt Beate. „Erst nach etwa zwei Tagen findet sich Zeit für persönliche Gespräche. Dann erzählt Mama uns ganz offen, was ihr weh tut, worüber sie sich Sorgen macht und wovor sie Angst hat.“

„An Heiligabend gehen wir nachmittags gemeinsam in die Kirche“, erzählt Beate weiter. „Die Predigt ist zum Glück nur kurz, dafür wird schön und ausgiebig gesungen. Ich bin dann immer ganz gerührt, wenn Hunderte von Stimmen gemeinsam »Stille Nacht, Heilige Nacht« singen.“

„Man muss dazusagen, dass meine Frau und ich Physiker sind und man uns kaum als besonders gläubig bezeichnen kann“, lacht Lutz.

„Aber wird sind schon Mitglied in der evangelischen Kirche und zahlen Kirchensteuer“, präzisiert Beate. „Doch es stimmt schon, dass wir es vor allem deswegen tun, weil wir der Meinung sind, dass die Kirche dieses Geld sinnvoll verwendet, um alten und kranken Menschen zu helfen.“

„Aber um auf Weihnachten zurückzukommen: Mir ist aufgefallen, dass ich mich mit zunehmendem Alter immer mehr auf das Weihnachtsessen freue“, lacht Lutz. „An Heiligabend gibt es bei uns immer Russischen Wurstsalat, mit Wurst, Kartoffeln, Ei, Gurke, Kapern, Zwiebeln uns Mayonnaise. Ich weiß auch nicht, was daran so russisch ist, aber interessanterweise war ich vor ein paar Jahren in Moskau und habe dort in der Mensa einen sehr ähnlichen Salat gegessen.“

„Am ersten und zweiten Weihnachtsfeiertag gibt es bei uns Ente, weil die nicht ganz so groß und fettig wie Gans ist“, fügt Beate hinzu. „Nein, ins Restaurant gehen wir nicht. Die meiste Zeit bleiben wir zu Hause und sehen fern. Mama hat ihre festen Gewohnheiten – es gibt gewisse Sendungen, die sie auf keinen Fall verpassen möchte, zum Beispiel das Weihnachtskonzert mit André Rieu.“

„Würdet ihr auch ohne Weihnachten auskommen?“, frage ich.

„Ja, wir feiern Weihnachten vor allem Mama zuliebe“, sagt Beate.

„Für mich ist Weihnachten schon wichtig, ich mag diese ruhige, familiäre Atmosphäre“, widerspricht Lutz. Früher habe ich nur auf den Heiligabend und die Geschenke gewartet. Doch wenn ich heute zurückblicke, wird mir klar, dass die Geschenke gar nicht so wichtig waren. Das Wichtigste war, dass jemand an mich gedacht hatte, und nicht das, was er mir gekauft hatte. Vielleicht habe ich mich deshalb, als ich klein war, so auf die Pakete von unseren Verwandten in der BRD gefreut. Ich kann mich noch heute an den Geschmack der Weihnachtsstollen und der Thüringer Wurst erinnern, die sie uns immer zu Weihnachten schickten.“

„Die kleinen Aufmerksamkeiten sind die schönsten“

„Mein schönstes Weihnachtsfest …“, überlegt die siebzehnjährige Lisa. „Als vor dem Weihnachtsbaum zwischen all den kleinen Geschenken ein großes Paket stand“, sagt sie schließlich. „Als wir es auspackten, war darin eine Spielkonsole. Was haben mein Bruder und ich damals für einen Spaß gehabt!“

„Aber am meisten freue ich mich über den Adventskalender, den meine Mutter jedes Jahr für meinen Bruder und mich vorbereitet. Den ganzen Advent über finde ich dort jeden Tag eine Kleinigkeit für mich: mal Schminke, mal Wimperntusche, mal ein Zigarettenetui. Da steht man doch gerne morgens auf!“

Ich mache auch selbst gern Geschenke. Ich versuche, kreativ zu sein: Es soll von Herzen kommen und gleichzeitig dem Beschenkten Freude bereiten. Im letzten Jahr habe ich für Mama ein Buch gekauft und ihr einen langen Brief geschrieben mit allem, was ich so auf dem Herzen habe, dazu habe ich ein paar Bilder von uns eingeklebt und ein paar Herzen gemalt. Meinem Vater habe ich letztes Jahr Badekugeln geschenkt. Und meinem Bruder? Das weiß ich gar nicht mehr, aber in diesem Jahr kaufe ich ihm vielleicht ein Deko-Messer – ich habe gemerkt, dass er sich für so etwas interessiert.“

„Ja, ich mag Weihnachten, weil wir dann so viel Zeit für die Familie haben. Wir backen Plätzchen, schmücken den Weihnachtsbaum und unterhalten uns. An Heiligabend gehen wir alle zusammen in die Kirche – Mama sagt, einmal im Jahr muss man. Und wenn wir zurückkommen, essen wir jeder ein Stück Kuchen, trinken Punsch und machen Bescherung. An den übrigen Feiertagen machen wir nichts Besonderes. So wie jedes Wochenende halt, nur dass wir mehr Zeit gemeinsam verbringen, ganz entspannt zu Hause.“

„Aber dieses Jahr wird Weihnachten etwas anders. Ich habe einen Nebenjob in einer Kneipe und muss an den Feiertagen arbeiten. Tja, in diesem Jahr werden die Feiertage eben etwas stressiger als sonst.“

Schon bald ist Weihnachten

Wie im Flug ist der November vergangen. Es ist der 1. Dezember, die Deutschen haben bereits die erste Kerze an ihrem Adventskranz angezündet, die Fenster und Vorgärten sind festlich geschmückt und die Weihnachtsmärkte platzen aus allen Nähten. Der Weihnachtstrubel ist in vollem Gange. Im Hintergrund läuten Glocken. Der Heiligabend kommt immer näher.
 

Schon gewusst?

  • In Deutschland werden jedes Jahr rund 30 Millionen Weihnachtsbäume und rund 145 Millionen Schokoladenweihnachtsmänner und -nikoläuse verkauft.
  • Die Deutschen geben für Weihnachtsgeschenke zwischen 300 und 500 Euro aus.
  • Über 30 Prozent der Deutschen dürfen an Heiligabend ein Buch auspacken.
  • Die beliebtesten Geschenke sind Gutscheine, Geld, Parfüm und Pflegeprodukte.
  • Die Deutschen essen jedes Jahr fast 29 000 Tonnen Gänsefleisch, davon 90 Prozent im November und Dezember.
  • Die Umsätze im deutschen Einzelhandel betrugen im November und Dezember des vergangenen Jahres über 100 300 000 000 Euro.
  • Das beliebteste deutsche Weihnachtslied Stille Nacht, heilige Nacht gibt es weltweit in 228 Versionen und 143 verschiedenen Sprachen.
 Quellen: merkur.de, zeit.de, de.statista.com

 

 

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