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Was ist... Deutschlands „Auffassung der Geschichte“?
Ein pluralistisches System

Deutschlandfahne
Deutschlandfahne | Quelle: pixabay.com; Foto (Ausschnitt): birgl

Anlässlich der Eröffnung der ersten ausländischen Filiale des Pilecki-Instituts in Berlin bemerkte die polnische Vize-Kulturministerin Magdalena Gawin, dass deutsche Institutionen ihre Auffassung der Geschichte propagieren. Darüber, ob es eine deutsche Auffassung der Geschichte gibt und welche Rolle spielt hier das Goethe-Institut, schreibt der Institutsleiter in Warschau, Christoph Bartmann.
 

Die Wochenzeitschriften „Do Rzeczy“ und „Sieci“ berichten dieser Tage über die Eröffnung der ersten ausländischen Filiale des Pilecki-Instituts in Berlin. Zitiert wird Vize-Kulturministerin Magdalena Gawin mit der Bemerkung: Deutschland propagiere seine Auffassung der Geschichte durch das Goethe-Institut und das Deutsche Historische Institut. Polen sollte diesen Weg ebenfalls einschlagen.
 
Die Aussage der Ministerin hat mir zu denken gegeben, und das in mehrfacher Hinsicht. Erstens: muss Polen „diesen Weg“ erst noch einschlagen, oder geht es ihn nicht schon seit einiger Zeit? Zweitens: gibt es überhaupt eine deutsche oder polnische Auffassung der Geschichte? Drittens: wenn es sie gibt, wird sie vom Goethe-Institut und anderen „propagiert“? Und schließlich: sorgt für eine korrekte Auffassung nicht am besten die Wissenschaft und nicht die Politik, idealerweise sogar eine trans-national aufgeklärte Wissenschaft?
 
Natürlich „propagiert“ das Goethe-Institut gar nichts, schon gar nicht die deutsche Auffassung der Geschichte, allein schon deshalb, weil eine solche Auffassung (die eine Auffassung) in einem pluralistischen System mit wechselnden Regierungen und Koalitionen gar nicht existieren kann. Hinzu kommt, dass wir kein Geschichts- oder Geschichtsbild- oder Geschichtspolitik-Institut sind und uns gar nicht so oft mit Geschichte beschäftigen. Soviel zur Klarstellung.
 
Aber die Sätze von Frau Gawin ließen mich nicht ruhen, und so stellte ich sie kürzlich bei einem Gespräch mit jungen deutschen Unternehmern zur Diskussion. Gibt es sie oder gibt es sie nicht, fragte ich sie, die deutsche „Auffassung der Geschichte“, und wenn ja, wer legt sie fest, damit sie von anderen propagiert werden kann? Die Meinungen gingen auseinander. Manche fanden die Vorstellung von einem offiziellen deutschen Geschichtsbild absurd, andere gaben zu bedenken, es gebe schon so etwas wie einen gesellschaftlichen (aber nicht unbedingt politischen) Grundkonsens über die deutsche Geschichte. Wer an diesem Konsens rüttle, der könne auch in Deutschland ganz schnell zum Außenseiter werden.
 
Was genau könnte mit diesem historischen Grundkonsens gemeint sein? Es geht dabei ja nicht um Karl den Großen oder Konrad Adenauer, und auch nicht um Martin Luther oder den Dreißigjährigen Krieg. Eigentlich reduziert sich unsere „Auffassung der Geschichte“ auf ein bis zwei Themen: das erste ist natürlich der Nationalsozialismus mit all seinen katastrophalen Folgen. Für alle nachfolgenden Generationen steckt die Anerkennung dieser Schuld und der daraus erwachsenden Verpflichtung sozusagen in der deutschen DNA. Das Thema ist im Grunde gar nicht zu diskutieren, und wer es dennoch tut, wie etwa der AfD-Politiker Gauland, als er meinte, die zwölf Hitler-Jahre seien nur ein „Vogelschiss“ gewesen in „1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“, muss mit Gegenwind rechnen. Das andere Thema, das meine Gesprächspartner aufbrachten, war, nicht ganz unerwartet, die Flüchtlingspolitik der Regierung Merkel im Jahre 2015. Diese Politik ist, wie man weiß, in Deutschland selbst und in ganz Europa umstritten. Das Thema bleibt, wie in Demokratien üblich, strittig, in den Medien genauso wie in der Politik oder in privaten Diskussionen. Ich kann mich nicht erinnern, dass die Bundesregierung ihre damalige Auffassung regelrecht „propagiert“ hätte. Im Gegenteil, es wurde, wie bei Angela Merkel üblich, eher wenig gesprochen, noch weniger erklärt (vielleicht zu wenig) und schon gar nichts als Regierungspropaganda unter die Leute gebracht.
 
Das nicht, bestätigten auch meine Gesprächspartner, aber ob es nicht doch so etwas wie das süße Gift des liberalen Mainstreams gäbe, den Imperativ der politischen Korrektheit und der mit ihr verbundenen Redegebote und -verbote, bei der dann manchmal die Wahrheit, nur weil sie nicht „korrekt“ ist, auf der Strecke bleibt? Und gehörte das Goethe-Institut nicht vielleicht auch zu diesem liberal-hegemonialen Lager, das abweichenden Meinungen zu wenig Raum lässt?
 
Ja und nein. Wir teilen als Goethe-Institut manche Werte und Einstellungen der deutschen Mehrheitsbevölkerung (wie auch nicht?). Wir sehen unsere Aufgabe aber bestimmt nicht darin, Regierungspositionen zu vermitteln. Abweichende Meinungen, sofern sie nicht nur polemisch sind, sind sehr willkommen. Wenn nicht, wären unsere Projekte und Veranstaltungen sowieso langweilig. In diesem Herbst beschäftigen wir uns im Goethe-Institut unter anderem mit der Weimarer Republik, die vor genau 100 Jahren gegründet wurde. Das wäre eine Gelegenheit zu beobachten, ob wir eine bestimmte Auffassung der Geschichte propagieren oder nicht. Ich wäre neugierig zu erfahren, welche geschichtspolitischen Interessen (von denen wir selbst vielleicht gar nichts ahnen) dabei zum Vorschein kommen.
 

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