Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Deutsche, die Polnisch lernen
Źdźbło in Szczebrzeszyn

Polka Dot. Sprachschule für Polnisch in Berlin. Plakate von Ryszard Kaja
Polka Dot. Sprachschule für Polnisch in Berlin. Plakate von Ryszard Kaja | Foto: Agnieszka Wójcińska

Sie wollen ihre polnische Identität neu entdecken oder ihr Gedächtnis trainieren. Es gibt viele Gründe, warum Deutsche Polnisch lernen – und manche dieser Gründe sind durchaus verblüffend.

Von Agnieszka Wójcińska

Philipp verlernte die polnische Sprache als Kind und entdeckte sie zwanzig Jahre später erneut wieder – dank der polnischen Obdachlosen am Bahnhof Zoo. Seit zwei Jahren arbeitet er in der Bahnhofsmission, zunächst als Praktikant, später als hauptamtlicher Mitarbeiter. In diesem Jahr nahm er ein integriertes deutsch-polnisches Soziale Arbeit-Studium auf, sein Praktikum wird er in Gorzów absolvieren. „Die Bahnhofsmission ist in vielen Fällen die letzte Station vor dem Gefängnis oder dem Tod. Wir erleben hier Menschen in hoffnungslosen Situationen, Menschen, denen niemand mehr hilft“, erzählt er. „Einer von ihnen – nennen wir ihn einmal Paweł – lebt schon fast so lange in Berlin, wie ich auf der Welt bin. Er ist um die Fünfzig, hat auf Baustellen gearbeitet, immer schwarz, und nie Deutsch gelernt. Er war verheiratet – als seine Frau verstarb, fing er an, zu trinken. Er verlor seine Arbeit, seine Wohnung und seine sozialen Kontakte. Und in Polen gibt es nichts mehr, zu dem er zurückkehren könnte. Er lebt auf der Straße, er hat Krebs, aber weil er nicht krankenversichert ist, hat er keine Chance auf eine Therapie. Er sitzt vor der Bahnhofsmission, wir geben ihm etwas zu essen und unterhalten uns mit ihm, mehr können wir nicht tun. Dann sind da noch Marcin, Damian und Piotrek, junge Polen zwischen 20 und 30, die im Kinderheim oder in pathologischen Familien aufwuchsen. Sie leben in Berlin, weil sie hier leichter über die Runden kommen – und wenn es auch nur mit dem Sammeln von Pfandflaschen ist –, sie sind alkohol- oder drogenabhängig, haben psychische Probleme und verhalten sich aggressiv. Keiner von ihnen spricht Deutsch. Selbstverständlich kommen auch obdachlose Deutsche, Türken, Ukrainer und Russen zu uns. Aber ich wollte mich vor allem um die obdachlosen Polen kümmern. Ich würde ihnen gerne helfen, nach Polen zurückzukehren, wo man ihnen besser helfen könnte, denn hier haben sie kaum eine Chance auf eine Entgiftungs- oder Entzugsbehandlung.“

Philipp Philipp | Foto: Agnieszka Wójcińska Nach und nach kam in Philipp der Wunsch auf, sich mit ihnen auf Polnisch zu unterhalten. „Ich spürte, dass ich viele polnische Wörter im Kopf hatte, aber sie waren irgendwo verschüttet. Ich versuchte sogar, polnische Zeitungen zu lesen und auf Polnisch zu schreiben, aber es fiel mir schwer“, erzählt er. Also suchte er auf Google nach Polnischkursen und stieß dabei auf die Sprachschule Polka Dot. So lernte er Joanna kennen.

Philipp verfügte bereits über gewisse Grundkenntnisse, denn als Kind hatte er mit seiner Mutter Polnisch gesprochen. Sie war in Polen geboren, in einem kleinen Dorf in der Nähe von Stettin, und dort verbrachte Philipp als Kind sämtliche Urlaube. Er hat nur gute Erinnerungen an diese Zeit: Das Gefühl von Freiheit, als er auf eigene Faust die Gegend erkundete, den Geruch von Dill, den seine Oma immer über die Kartoffeln streute, und den Geschmack ihrer Schweinskoteletts. Sein Vater, ein gebürtiger Thüringer, hatte bereits 1989 eine Sympathie für die Heimat seiner zukünftigen Ehefrau entwickelt, als er – wenige Monate vor dem Fall der Mauer – über Warschau aus der DDR geflüchtet war. Seine Frau lernte er in Berlin kennen, und dort kam auch ihr gemeinsamer Sohn zur Welt. Während seiner Kindergarten- und Schulzeit, verlor Philipp zunehmend den Kontakt zur polnischen Sprache – mit seinen Freunden und seinen Lehrern sprach er Deutsch. Auch seine Mutter lernte schnell Deutsch. Als sie Anfang der Neunzigerjahre nach Berlin kam, hatte sie den festen Vorsatz, sich möglichst rasch an ihre neue Umgebung anzupassen und ihre sozialen Kontakte nicht nur auf die in Berlin lebenden Polen zu beschränken. Inzwischen hat sie die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen und ihr Polnisch bereits ein wenig vergessen. Heute freut sie sich, dass sie ihre Sprachkenntnisse gemeinsam mit ihrem Sohn wieder etwas auffrischen kann.

„Owszem“ (dt: „durchaus“) ist Philipps Lieblingswort. „Es ist förmlich, aber gleichzeitig freundlich. „Ich mag auch »aczkolwiek« (dt. »wenngleich)« und »natomiast« (dt. »hingegen«), weiß jedoch nicht immer, wie ich sie richtig verwenden soll. Aber es wird schon besser“, fügt er hinzu. Er sitzt mir gegenüber in einem Café in Berlin-Steglitz, nippt an seinem Cappuccino und erzählt mir ganz begeistert, dass er gerade sein erstes Buch auf Polnisch gelesen hat: „Wir Strebermigranten“ von Emilia Smechowski, einer Polin, deren Eltern Ende der Achtzigerjahre nach Deutschland kamen und die sich – wie Philipps Mutter – möglichst rasch in ihrer neuen Heimat integrieren wollten. Philipp ist 22 Jahre alt (er wirkt älter) und sieht aus wie ein typischer Berliner Hipster: ein dichter schwarzer Bart, ein grüner Rollkragenpullover aus weicher Wolle, ein türkisfarbenes Jackett, dazu eine rotgeränderte Brille und Schuhe in der gleichen Farbe. Tagsüber arbeitet er in einer Steglitzer Weinhandlung mit Café, um auf andere Gedanken zu kommen – in der Bahnhofsmission arbeitet er nachts. Er ist redegewandt und lächelt viel. Bevor er sein Praktikum in der Bahnhofsmission begann, hatte er eine Ausbildung zum Automobilkaufmann gemacht, aber irgendetwas fehlte ihm. Ein Gefühl der Sinnhaftigkeit. Oder vielleicht auch der polnische Teil seiner Identität?

Hans-Dieter: Polen, gebt euch zu erkennen

Hans-Dieter begann, Polnisch zu lernen, weil er Herzbeschwerden und hohe Cholesterinwerte hatte. Als er die Diagnose des Arztes hörte, der ihm eine Ernährungsumstellung und regelmäßige körperliche Bewegung empfahl, schritt er sogleich zur Tat. Ihm war klar, dass er seine gesundheitlichen Probleme nicht auf die leichte Schulter nehmen konnte, denn er war selbst Mediziner. Hans-Dieter ist Histologe und beschäftigt sich mit krankhaften Gewebeveränderungen, sein Schwerpunkt sind Lymphknoten- und Bluterkrankungen. Er erstellt die Diagnosen, auf deren Grundlage die entsprechenden Therapien eingeleitet werden. Hans-Dieter meldete sich in einem Fitnessstudio an, wo er Maciej kennenlernte, einen ehemaligen polnischen Fußballprofi, der dort als Trainer arbeitete. Irgendwann dachte er sich, dass er gerne verstehen würde, was Maciej so alles in seiner Muttersprache sagte. Hans-Dieter war schon immer allseitig interessiert gewesen, er liebte es, neue Dinge und neue Sprachen zu lernen.

Zunächst besuchte er einen Sprachkurs, dann meldete er sich zu einem Sprachtandem an. Jeden Samstag um 10 Uhr loggt sich Hans-Dieter bei Skype ein und ruft Tomasz, einen Warschauer Informatiker, an. Eine Stunde lang unterhalten sich die beiden zunächst auf Polnisch und anschließend auf Deutsch – über das Leben, über ihre Familien, über die aktuelle Situation in Deutschland und Polen. Hans-Dieter zeigt mir auf seinem Smartphone die App TandemPartner, mit deren Hilfe man ganz einfach Sprachlernpartner finden kann. Hans-Dieter hatte bereits zwei polnische Sprachlernpartner – eine Altenpflegerin, die in Deutschland arbeitete, und einen jungen Lastwagenfahrer aus Zabrze, doch irgendwann verlor sich der Kontakt. Mit Tomasz lernt er bereits seit zwei Jahren zusammen.
Hans Dieter Hans Dieter | Foto: Agnieszka Wójcińska
Hans-Dieter ist überzeugt davon, dass das Sprechen, Hören und Verstehen die Grundlage des Sprachenlernens sind. Einmal in der Woche unterhält er sich auf Skype mit Joanna, die Polnisch an der Sprachschule Polka Dot lehrt. Er hört auch Podcasts auf der Seite realpolish.pl und sieht sich Vorträge der Universität für Sozial- und Geisteswissenschaften SWPS auf YouTube an. „Über Nähe und Einsamkeit, über die erotischen Phantasien von Polen und die psychischen Probleme von Jugendlichen“, erzählt er. „Ich interessiere mich für Psychologie. Die Vorträge sind sehr interessant, aber auch schwierig. Zum Glück sind einige von ihnen mit Untertiteln versehen.“ Hans-Dieters Methode trägt ganz offensichtlich Früchte: Obwohl er erst seit zweieinhalb Jahren Polnisch lernt, spricht er nahezu flüssig, nur manchmal muss er kurz überlegen, welches Zahlwort und welchen Kasus er verwenden soll.

Und natürlich unterhält er sich inzwischen auch mit seinem Fitnesstrainer Maciej auf Polnisch. „Ich habe also sportliche Betätigung und Sprachkurs in einem, das ist sehr gut, um das Gedächtnis zu trainieren und körperlich in Form zu bleiben, insbesondere in meinem Alter“, lächelt der Achtundfünfzigjährige. „Ich verstehe schon fast alles, was Maciej sagt, aber er spricht auch extra langsam für mich. Schließlich gibt es so viele schwierige Wörter im Polnischen. Und dazu noch die Deklination der Substantive und die vollendeten und unvollendeten Verben. Aber das macht es ja gerade so interessant. Und ich habe genügend Zeit“, fügt er hinzu und nimmt einen Schluck aus seiner Beck's-Flasche.

Wir sitzen draußen vor einer Kneipe in Berlin-Kreuzberg. Hans-Dieter hat diese Kneipe ausgesucht, weil sie in der Nähe seiner Wohnung liegt, in der er mit seinem Ehemann Bruno zusammenlebt, einem pensionierten Beamten. Er ist schlank, trägt eine blassgrüne Sportjacke und eine Metallbrille mit dünnem Rand. In seinen Augen liegt ein schelmisches Funkeln.

„Ich verrate dir meinen Traum“, sagt er. „Ich möchte irgendwann eure Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk im Original lesen. Ich weiß, dass das nicht einfach wird. Zurzeit beschäftige ich mich mit einem Buch über die Geschichte der polnischen Malerei, das mir Joanna gegeben hat, denn ich interessiere mich auch sehr für Kunstgeschichte. Ich lese auch Artikel auf onet.pl, weil in der deutschen Presse kaum etwas über Polen berichtet wird. Ich lerne euer Land jeden Tag ein wenig besser kennen. Ich wurde in Stuttgart geboren, nach Berlin bin ich erst wenige Monate vor dem Fall der Mauer gezogen. Für mich lag Polen in einem anderen Teil der Welt, hinter dem Eisernen Vorhang, irgendwo in der Nähe von Russland. Ich hatte keine Ahnung von Polen.“

Dann fügt er noch hinzu: „Es ist schade, dass es noch immer so wenig Kontakte zwischen Deutschen und Polen gibt. Dabei lohnt es sich doch, einander besser kennenzulernen. Es gibt in Deutschland noch immer viele Vorurteile über Polen. Habt Ihr auch Vorteile über uns?“. Er denkt kurz nach. „Und dann ist da noch etwas: Seitdem ich Polnisch lerne, ist mir erst aufgefallen, dass ich bereits mit vielen Polen zu tun hatte – sie hatten mir nur nie gesagt, dass sie Polen waren. Während des Studiums hatte ich einen Bekannten, von dem ich nicht wusste, dass er Pole war, weil er nie darüber gesprochen hatte. Später arbeitete ich mit einer Hämatologin zusammen, die mir ebenfalls nie verriet, dass sie aus Polen stammte. Inzwischen ändert sich das, ihr werdet allmählich selbstbewusster. Ich würde mir wünschen, dass die in Deutschland lebenden Polen sich offener zu ihrer Herkunft bekennen würden.“

Kołobrzeg und Szczebrzeszyn

„Hans-Dieter gehört zu unseren älteren Sprachschülern, für die das Lernen von Fremdsprachen so etwas wie ein Hobby ist – eine Art Gedächtnistraining“, sagt Joanna Kulas, die Gründerin der Sprachschule für Polnisch in Berlin Polka Dot. „Als ich nach Deutschland kam, war ich überrascht davon, wie geordnet das Leben der Deutschen verläuft. Die einzelnen Bereiche sind klar voneinander getrennt: Die Arbeit und die Familie spielen eine große Rolle, aber daneben hat jeder Deutsche auch ein Hobby, für das er jede Woche eine gewisse Anzahl an Stunden einplant und das er konsequent über Jahre hinweg verfolgt. In den meisten Fällen ist es irgendein Sport, Gartenarbeit, etwas Kulturelles, zum Beispiel das Theater, oder eben das Erlernen einer Fremdsprache.“

Polka Dot. Unterricht auf dem Sprachniveau C1 Polka Dot. Unterricht auf dem Sprachniveau C1 | Foto: Agnieszka Wójcińska Die Sprachschule Polka Dot befindet sich in einem Erdgeschossladen in Berlin-Kreuzberg, in der Nähe des Oranienplatzes. Im Schaufenster und in den Innenräumen sind Plakate des polnischen Künstlers Ryszard Kaja ausgestellt, die polnische Städte wie „Gdynia“, „Słupsk“, „Warszawa“ und „Sopot“ präsentieren und auch jene, deren Aussprache den Sprachschülern die größten Probleme bereitet: „Szczebrzeszyn“ und „Kołobrzeg“. Hinter einer leicht quietschenden grünen Glastür befinden sich zwei Unterrichtsräume, eine kleine Küche mit einer Spüle und einem elektrischen Wasserkocher, mit dem die Sprachschüler sich einen Tee zubereiten können, und eine Toilette. Ich betrete einen der beiden Unterrichtsräume, in dem in wenigen Augenblicken der Fortgeschrittenenkurs C1 beginnen soll. Die Teilnehmer erscheinen nach und nach und begrüßen einander auf Polnisch mit „Cześć“.

Als alle sitzen, fragt Joanna die Sprachschüler, wie sie ihr Wochenende verbracht haben. Niklas war auf einer Hochzeit und hat gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder seinen Geburtstag gefeiert, Maria, eine gebürtige Russin, ist gerade von einem Urlaub in der Türkei zurückgekehrt, Steffen hat das Wochenende gemeinsam mit Freunden in Moskau verbracht, Ola hat geschlafen und gelesen, und Martin war gemeinsam mit einem polnischen Freund zum Klettern im Krakau-Tschenstochauer Jura. Anschließend bringt Joanna eine Diskussion über die Erdgaspipeline Nord Stream in Gang. Die Sprachschüler notieren sich Redewendungen wie „an einem toten Punkt angekommen sein“ oder „jemandem einen Strich durch die Rechnung machen“. Dann folgen einige gemeinsame Grammatikübungen, selbstverständlich alles auf Polnisch. Sämtliche Teilnehmer des C1-Kurses beherrschen die Sprache sehr gut. In der Sprachschule Polka Dot werden sämtliche Sprachkurse, auch die Anfängerkurse, auf Polnisch abgehalten. Und die Sprachlehrer können auf jeden Schüler individuell eingehen, denn die Gruppen bestehen aus höchstens fünf oder sechs Teilnehmern. 

Die Sprachschule für Polnisch entstand gewissermaßen aus dem Zufall heraus. Joanna wurde in Gdynia geboren und studierte Polnische Philologie und Kulturwissenschaften an der Universität Warschau. Im vierten Studienjahr erhielt sie ein Stipendium in Deutschland, ihre Magisterarbeit schrieb sie bereits in Berlin. Es war das Jahr 2012, wenige Monaten zuvor hatten Nina Müller und Marcin Piekoszewski in Berlin-Neukölln die deutsch-polnische Buchhandlung buch|bund eröffnet – die erste Berliner Buchhandlung, die polnische Bücher anbot und literarische Veranstaltungen organisierte. Die Buchhandlung buch|bund wurde zu einem Treffpunkt für alle jene, die sich für das Thema Polen interessierten, darunter auch viele Deutsche. Immer wieder kam die Frage auf, wo man eigentlich Polnisch lernen könnte. Marcin schlug vor, dass Joanna einen entsprechenden Kurs leiten sollte. Die ersten Sprachkurse fanden in der Buchhandlung statt: Anfänger und Fortgeschrittene, zum Teil mit polnischen Wurzeln, saßen gemeinsam an einem Tisch. Schließlich kamen immer mehr Interessierte hinzu, und Joanna entschloss sich, eigene Räume für die Sprachkurse anzumieten. Heute hat die Sprachschule Polka Dot zwei Standorte, einzelne Kurse finden nach wie vor in der Buchhandlung buch|bund statt.

Joanna, die Gründerin von Polka Dot Joanna, die Gründerin von Polka Dot | Foto: Agnieszka Wójcińska „Es hat mich nicht im Geringsten überrascht, dass viele Deutsche und auch viele in Deutschland lebende Ausländer Polnisch lernen wollen“, sagt Joanna. Sie ist es schon von Kindheit an gewohnt, Fremdsprachen zu lernen: erst Englisch, dann Schwedisch, Russisch, Spanisch und Italienisch. Ihre Urlaube verbringt sie seit vielen Jahren in unterschiedlichen Städten Europas, wo sie Intensivkurse der entsprechenden Sprachen belegt. „Ich fand es eher überraschend, dass es so wenig Polnischkurse in Berlin gab, obwohl die Stadt nur 80 Kilometer von der deutsch-polnischen Grenze entfernt liegt. Auch heute noch haben wir kaum Konkurrenz“, fügt sie hinzu. Man kann Polnisch an der Universität lernen, jedoch nur bis zum Niveau A2, oder an einer Volkshochschule, dort weiß man jedoch nie, an was für einen Lehrer man gerät. Ansonsten bleibt nur der Privatunterricht. „Es gibt in Deutschland, soweit ich weiß, nur noch eine einzige weitere Sprachschule, die sich ausschließlich auf Polnisch konzentriert, die Sprachschule für Polnisch in Frankfurt am Main, die ebenfalls von einer Polin geleitet wird“, sagt Joanna. „In manchen größeren Städten gibt es auch Polnische Stammtische für Personen, die gerne Polnisch lernen möchten. Aber das ist auch schon alles.“

Nicht nur für Mädchen

„Die Deutschen sind die idealen Sprachschüler“, erklärt Joanna. „Sie sind sehr motiviert, arbeiten systematisch, und haben große Achtung vor ihren Lehrern. Meine Schüler erscheinen immer gut gelaunt und aufgeschlossen zum Unterricht – obwohl sie einen anstrengenden Arbeitstag hinter sich haben, denn die Kurse finden am Nachmittag oder am Abend statt.“

Vielleicht arbeitet Joanna deswegen so gern als Sprachlehrerin und ist bis heute in Berlin geblieben, obwohl sie in Warschau viele Freunde und Bekannte zurückgelassen hat.

„Die deutschen Sprachschüler interessieren sich sehr für Grammatik“, ergänzt Hubert, ein Pole, der mit einer Deutschen verheiratet ist und ebenfalls als Sprachlehrer bei Polka Dot arbeitet. „Sie spüren jede Unregelmäßigkeit auf und merken sich sämtliche Wortstammveränderungen und Konsonantenwechsel.“

„Es ist gar nicht so einfach, unsere Sprachschüler an das gesprochene Polnisch zu gewöhnen“, sagt Joanna. „Wir Polen sprechen schnell, wenig akzentuiert, ohne Pausen zwischen den einzelnen Wörtern zu setzen – all das macht es unseren Sprachschülern schwer, ein entsprechendes Hörverständnis zu entwickeln. Ich musste erst lernen, so zu sprechen, dass die Schüler wissen, wo ein Wort aufhört und das nächste Wort anfängt. Inzwischen bin ich sogar in der Lage, meine Sprechweise an das Niveau des jeweiligen Kurses anzupassen.“
Polka Dot. Sprachschule für Polnisch in Berlin Polka Dot. Sprachschule für Polnisch in Berlin | Foto: Agnieszka Wójcińska Warum haben sich die Sprachschüler ausgerechnet für Polnisch entschieden? Nicht nur, weil sie einen polnischen Partner oder eine polnische Partnerin haben, auch wenn dies sicherlich einer der häufigsten Gründe ist. In Huberts Gruppe befinden sich gleich vier Männer um die Dreißig: Zwei von haben eine polnische Freundin, einer ist mit einer Polin verheiratet, und einer begann, Polnisch zu lernen, weil seine ehemalige Verlobte aus Polen stammte – inzwischen hat er sich von ihr getrennt, doch die Sprache gefiel ihm so gut, dass er einfach weitermachte. „Die Motivation ist sogar noch größer, wenn ein deutsch-polnisches Paar Kinder bekommt und beschließt, sie zweisprachig zu erziehen. Dann macht es keinen Sinn, wenn einer der Eltern von einem Teil der Gespräche ausgeschlossen bleibt“, erklärt Hubert.

„Ich habe auch viele Schüler, die polnische Wurzeln haben, wie zum Beispiel Philipp, den du bereits kennengelernt hast. Manche von ihnen wurden hier geboren, andere kamen als Kinder nach Deutschland, wie zum Beispiel Ola aus dem C1-Kurs – in jedem Fall ist Deutsch ihre Hauptsprache“, fügt Joanna hinzu.

Doch es gibt noch viele andere Gründe, warum Deutsche Polnisch lernen. An Joannas Kursen nehmen Mitarbeiter deutsch-polnischer Nichtregierungsorganisationen teil, aber auch Unternehmer, die in Polen tätig sind oder die überwiegend polnischsprachige Mitarbeiter beschäftigen. Zum Beispiel Dieter, der Inhaber einer Firma, die Treppen herstellt und fast ausschließlich Polen beschäftigt, weil es in Polen so viele gute Tischler gibt. Oder Hans, der Manager eines Logistikunternehmens, dessen Fahrer alle aus Polen stammen.

Dann gibt es noch einige ältere Sprachschüler, deren Vorfahren aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten – zum Beispiel aus Schlesien oder Ostpreußen – stammen und die Polnisch lernen, um Kontakt mit ihren dort lebenden Verwandten aufzunehmen. Einmal unterrichtete Joanna ein Paar, das sich gerne mit der polnischen Familie unterhalten wollte, die heute in ihrem Elternhaus lebt. Und vor Kurzem gestand ihr ein älterer Sprachschüler nach vier Jahren Unterricht, dass er Polnisch lernt, weil sein Vater Nationalsozialist war – er wollte das Land und die Menschen besser kennenlernen, um seine eigene Familienvergangenheit zu verarbeiten. Nicht wenige Sprachschüler beginnen, Polnisch zu lernen, weil sie das Gefühl haben, dass sie Polen etwas schuldig sind.

Christian. Ein Pfarrer und ein Priester

Einer dieser Schüler sitzt mir gerade im Restaurant Vapiano am Alexanderplatz gegenüber und wiederholt genüsslich sein polnisches Lieblingswort: „przyjemność“ (dt.: „Vergnügen“). Er hat lange geübt, bis er es richtig aussprechen konnte. Er mag auch „oczywiście“ (dt.: „selbstverständlich“) und „źdźbło“ (dt.: „Halm“) – im Deutschen gibt es keine Wörter, die so schön rascheln. Er liebt diese Weichheit der Sprache. Christian ist schmächtig, hat grau melierte Haare, er trägt ein dunkelblaues Hemd und eine schlichte, beige Hose. Er arbeitet als Pfarrer im brandenburgischen Wriezen, 20 Kilometer von der deutsch-polnischen Grenze entfernt. Er ist 57 Jahre alt. Und nein: Keiner seiner Vorfahren war Nationalsozialist, und er hat auch keine polnischen Gemeindemitglieder. Aber er hat das Gefühl, dass er Polen etwas schuldig ist – aufgrund der Geschichte und der von Deutschen begangenen Gräueltaten. Na ja, und die geografische Nähe spielte sicherlich auch eine Rolle. Manchmal lud er einfach die Fahrräder auf den Dachgepäckträger und fuhr mit seiner Frau und seinem Sohn zum Radfahren nach Polen. Und auf dem Wriezener Markt waren immer viele Polen, die dort deutsche Reinigungsmittel und andere Produkte einkauften. Er dachte sich, dass es doch nett wäre, wenn man verstünde, was sie so sagten, wenn man ein paar Worte mit ihnen wechseln könnte. Bis dahin hatte er nur einen einzigen Polen näher kennengelernt, einen katholischen Priester, mit dem er sich sogar angefreundet hatte. Doch er hatte sich mit ihm immer auf Deutsch unterhalten.

Unser Gespräch gestaltet sich etwas schwierig, denn Christian hat erst vor einem Jahr begonnen, Polnisch zu lernen – vom Niveau C1 ist er noch weit entfernt. Er hat gesagt, dass er sich mit mir auf Polnisch unterhalten möchte, doch wenn er Schwierigkeiten hat, die richtigen Wörter zu finden, behilft er sich auf Englisch (ich spreche leider kein Deutsch). Christian begann, Polnisch zu lernen, als seine Gemeinde ihn zu einem dreimonatigen Fortbildungskurs nach Berlin schickte. Damals meldete er sich in der Sprachschule Polka Dot zu einem Intensivkurs für Anfänger an. Jetzt fährt er einmal die Woche mit dem Zug nach Berlin, obwohl es etwa anderthalb Stunden aus Wriezen sind. „Nie ma problemu“ (dt. „Kein Problem“), sagt er. Zu Hause wiederholt er die gelernten Vokabeln mithilfe eines Sprachlernprogramms am Computer, und im Supermarkt sieht er sich die polnischen Zeitschriften und Kochbücher an, denn Christian kocht sehr gerne. Nur seine Frau belächelt ihn manchmal und sagt, das mit dem Polnischlernen sei eine Schnapsidee. Sie bevorzugt Italienisch. Doch Christian weiß es besser: Italien ist weit weg, die Reise dorthin ist teuer, doch Polen ist gleich um die Ecke. Er war bereits mit seiner Frau in Schlesien und im Riesengebirge. Im vergangenen Jahr fuhren sie mit dem Campingwagen nach Masuren und an die polnische Ostsee. Als Nächstes wollen sie nach Krakau reisen. Das Land ist schön, und die Menschen sind freundlich. Christian hat große Sympathien für Polen.

Julia. Wie das Rauschen im Radio

Julia geht es ähnlich. Sie hat sogar einmal auf Polnisch geträumt, sie weiß nicht mehr genau, worum es ging, aber es war ein sehr klarer und intensiver Traum. Das war gegen Ende ihres sozialen Jahres in einem Schulhort in Gdynia, in dem sie die Schüler betreute und ihnen bei den Hausaufgaben half. Julia hatte sich für einen Aufenthalt in Polen entschieden, weil die Volleyballmannschaft ihrer Schule eine Partnerschaft mit einer polnischen Mannschaft unterhielt. Julia hatte an Sportcamps in Masuren teilgenommen, und einmal hatten die Eltern eines Jungen aus der polnischen Mannschaft Julia und eine Freundin von ihr zu sich nach Warschau eingeladen. Sie kann sich noch daran erinnern, dass die Menschen sehr herzlich und gastfreundlich waren. „Was für ein nettes Land“, dachte sich Julia.

„Als ich das erste Mal Polnisch hörte, kam es mir vor wie das Rauschen im Radio, wenn man den Sender wechselt“, erzählt sie. „Ich hatte in der Schule bereits Englisch und Französisch gelernt, aber Polnisch war etwas völlig anderes.“ Als sie nach Gdynia kam, konnte sie lediglich „Dzień dobry“ (dt. „Guten Tag“) und „Dziękuję“ (dt. „Danke“) sagen, aber sie lernte schnell. Sie hatte keine andere Wahl, sie musste Polnisch sprechen. Nach ihrer Rückkehr begann sie ihr Jurastudium. Sie entschied sich für die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), um den Kontakt zur polnischen Sprache nicht zu verlieren. Als sie aus Gdynia nach Berlin zurückkehrte, nahm sie zunächst Privatunterricht. Dann entdeckte sie Polka Dot. „In einem Interview mit irgendeinem klugen Menschen habe ich einmal gelesen, dass die Menschen in Europa mehr über ihre Nachbarn wissen sollten“, sagt Julia. „Über Frankreich hatte ich bereits viel in der Schule gelernt. Aber Polen war im Unterricht nie ein Thema gewesen. Nichts, ein weißer Fleck, ein unbeschriebenes Blatt.“

Julia Julia | Foto: Agnieszka Wójcińska Jetzt treffe ich Julia in einer Kantine in Berlin-Wedding, in der Nähe des Amtsgerichts, in dem sie arbeitet. Sie hat gerade Mittagspause. Sie ist 33 Jahre alt, schlank, hat kurze blonde Haare, trägt eine rote Jacke und Jeans und sieht irgendwie gar nicht wie eine strenge Richterin aus. Dabei hat sie es mit sehr ernsten Fällen zu tun: Zunächst war sie als Familienrichterin tätig und entschied in Umgangs- und Sorgerechtsverfahren, heute entscheidet sie als Zivilrichterin unter anderem über die Unterbringung psychisch kranker Menschen. In beiden Bereichen hatte sie bereits mit Polen zu tun.

„Meine Sprachkenntnisse sind mir also schon von Nutzen, aber ich lerne Polnisch vor allem, weil es mir Spaß macht“, sagt sie. „Ich möchte etwas haben, das ich nur für mich selbst tue, ohne Prüfungen und Zensuren. Joanna versteht das. Sie kritisiert uns nicht, wenn wir Fehler machen, sondern ermutigt uns, zu sprechen. Für mich ist Polnisch ein Hobby – so wie mein Yoga-Kurs, den ich ebenfalls einmal in der Woche besuche und auf den ich mich genauso freue. Auch Martin, mein Mann, unterstützt mich sehr dabei. Er hat ebenfalls in Frankfurt an der Oder studiert, aber das Einzige, was er auf Polnisch sagen kann, ist »Witam państwa w pociągu relacji Berlin-Warszawa« – die Ansage im Berlin-Warschau-Express, mit dem wir an den Wochenenden und an den Feiertagen immer nach Hause gefahren sind“, lacht sie. „Schade. Ich habe so wenig Gelegenheit, Polnisch zu sprechen.“

Unter ihren Bekannten sind leider keine Polen. Deshalb spricht sie manchmal mit sich selbst. Und wenn sie morgens aus Spandau mit dem Fahrrad zum Gericht fährt, hört sie Podcasts von polskidaily.eu.
„Mein Lieblingswort?“, überlegt sie. „Ich würde sagen »kombinować« (dt. »kombinieren«). Es klingt geheimnisvoll und passt zu unterschiedlichen Situationen. Ich mag am Polnischen, dass es so logisch ist. Man muss zwar ständig über die Form nachdenken, aber es macht Sinn.“
 
Ein Gruppenkurs in der Sprachschule Polka Dot kostet 190 Euro pro Semester. Ein Semester dauert ungefähr drei Monate und beinhaltet zwölf Unterrichtseinheiten. Es gibt drei Semester pro Jahr: Das erste beginnt im September, das zweite Mitte Januar und das dritte Mitte April. Dazwischen liegen die Sommerferien.
Seit ihrer Gründung hatte die Sprachschule Polka Dot circa 800 Sprachschüler. Manche sind schon von Anfang an dabei, wie Martin oder Niklas aus dem C1-Kurs, viele lernen bereits seit mehreren Jahren.
 

Top