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Jazz 2019
2010-2019 – eine Dekade mit viel Bewegung, Festivals und Kollektiven

Lucia Cadotsch/LIUN + The Science Fiction Band
Lucia Cadotsch/LIUN + The Science Fiction Band | Foto (Ausschnitt): © Louise Boer

Welche Entwicklungen gab es im Jazz 2019 in Deutschland? Tina Heine mit einem Rückblick auf ein ganzes Festivaljahrzehnt, Errungenschaften der Deutschen Jazzunion, Jubiläen und aktuelle Veröffentlichungen.

Von Tina Heine

Ein Jahresrückblick 2019, am Ende einer Dekade also, kann in der Rückschau ein wenig weiter ausholen, insbesondere dann, wenn über diesen Zeitraum sehr viel Bewegung in die Jazz-Szene gekommen ist. Auffällig war in dem letzten Jahrzehnt die nicht unerhebliche Anzahl von Festivalneugründungen. Eines der großen unter diesen Ereignissen war das Elbjazz-Festival in Hamburg, das einzig aus der Motivation heraus entstand, dem zeitgenössischen Jazz eine populäre Plattform zu bieten, ein neues Selbstbewusstsein in die Szene zu bringen und eine neue Hörerschaft zu erreichen. Ziel des Elbjazz-Festivals war, ein Publikum, das noch wenig Zugang zu Jazz hat, anzusprechen. Der Weg dahin war die Verknüpfung ungewöhnlicher Spielorte entlang des Hafens mit Musik, eine junge frische Kommunikation und eine Programmierung, die unbefangen mit den Genregrenzen umging. Ein Konzept, das aufging – 2019 konnte Elbjazz über 20.000 Besucher verzeichnen, das Durchschnittsalter der Besucherinnen und Besucher liegt zwischen 30 und 50 Jahren.

Ebenfalls in Hamburg zog jüngst das 2017 gegründete feel.jazz-Festival im Gängeviertel nach. Hier lauschen Technojünger verschiedenen Jazz-Stilistiken, um anschließend bis in die Mittagsstunden zu nie enden wollenden Beats zu tanzen.

Diese neue Szene, diese neuen frischen Geister, die seit etwas über zehn Jahren neue Türen für den Jazz, aber auch für das Publikum öffnen, wird mit wachsendem Publikum belohnt. Und das auch in Berlin: So konnte beispielsweise das 2014 gegründete XJazz-Festival, das durch die Clubs und Bars von Kreuzberg streift und sich mit nur wenig öffentlicher Förderung aufstellen muss, 2019 einen großen Erfolg mit 20.000 Konzertbesucherinnen und -besuchern verzeichnen. Neue Wege der Programmierung geht auch das 2012 gegründete A L’ARME Festival, bei dem Louis Rastig und Karina Mertin im Berliner Radialsystem lustvoll Jazz und Noise zusammenbringen. 2019 konnten sie ein begeistertes, internationales Publikum begrüßen, das so gemischt und verhältnismäßig jung wie noch nie zuvor war – was sich laut Rastig nicht nur auf den Einbezug von Spielorten wie dem Berghain oder dem benachbarten Holzmarkt zurückführen lässt, sondern auch auf die gezielte Einbindung junger Akteurinnen und Akteure sowie die Hinzunahme von elektroakustischer Komposition und experimenteller Elektronik.

Neue Wege der Vermarktung

Parallel war zu beobachten, wie auch Musikerinnen und Musiker Wege gefunden hatten, sich anders zu vermarkten und auch ein neues Publikum anzusprechen. Ganz frisch dabei war das Hamburger Kollektiv JazzLab, es bringt seit einigen Jahren mit einer Konzertreihe im urbanen Gewand sowie mit einem gleichnamigen Label Jazz einer jungen Zielgruppe nah und konnte dafür in diesem Jahr den Applaus-Spielstättenpreis der Initiative Musik entgegennehmen. Richtig etabliert sind in den beiden großen Städten des zeitgenössischen Jazz – Berlin und Köln –  das 2007 gegründete Jazzkollektiv Berlin und sein Festivalformat Kollektiv Nights sowie das 2009 gegründete Kölner KLAENG-Kollektiv mit dem KLAENG-Festival, das 2019 sein zehnjähriges Bestehen feiern durfte. Vom Programm des KLAENG-Festivals im Spielort Stadtgarten behauptet der dortige künstlerische Leiter Reiner Michalke zu Recht, dass es zu einem der Höhepunkte seiner Kölner Spielstätte angewachsen sei.

Apropos Stadtgarten –  da kann man gleich noch ein weiteres Festival benennen, das das Festivaljahr 2019 gemeinsam mit dem Jazzfestival Münster eröffnet hat: das Winterjazz-Festival, das bei freiem Eintritt die geballte Kölner Szene vor einem so jungen Publikum präsentiert, dass man immer weniger befürchten muss, dass das Jazz-Publikum aussterben wird. Mit Angelika Niescier ist zudem eine der wenigen Frauen als Festivalleiterin involviert.

Jazz und Gleichberechtigung

Die deutsche „Jazzwelt“ beschäftigte noch bis 2019 hinein die Frage, ob man denn das renommierte Jazzfest Berlin einer jungen Frau wie Nadine Deventer zutrauen darf, die seit 2018 die Leitung innehat. Die diesjährige Ausgabe des Jazzfests hat zum zweiten Mal bewiesen, dass man nicht nur darf, sondern auch muss – das Berliner Großereignis lud ein, sich NICHT einig zu sein, was wahr oder unwahr ist und griff wichtige Aspekte unserer aktuellen politischen Diskussionen auf. „Jazz wird diverser, weiblicher, queerer" konstatierte Wolfram Knauer passend zur Frage der Gleichberechtigung im Jazz am Ende seines 2019 erschienenen Buches Play yourself, man! zur Geschichte des Jazz – womöglich auch mit Bezug auf die aktuellen Entwicklungen des Berliner Festivals.

Dass wir aber dennoch einen längeren Weg zum Thema Gleichberechtigung vor uns haben, ließ sich beim diesjährigen 16. Darmstädter Jazzforum des Jazzinstituts mit dem Titel Positionen! Jazz und Politik deutlich spüren. Von 14 Veranstaltungen oder Themen waren nur drei weiblich besetzt.

Jazz und Politik

Ebenso wurde im Darmstädter Jazzforum diskutiert, wie Jazz und improvisierte Musik hierzulande an gesellschaftspolitischen Diskursen teilnehmen, welche politische Botschaft Musik überhaupt eigen sein kann und wo sich die Künstlerinnen und Künstler vielleicht stärker in die Debatten einbringen könnten. Wer entscheidet darüber, mit welchen gesellschaftlichen Wertungen Jazz assoziiert wird: die Künstlerinnen und Künstler selbst, Veranstalter, die Medien oder aber allein das Publikum? Natürlich steht Jazz nicht wirklich automatisch für eine bessere, demokratische und solidarische Welt – und tatsächlich haben hierzulande andere Musikgenres wahrscheinlich größeres Protestpotenzial. Und doch erlaubt die Improvisation eine direkte, zeitnahe, abstrakte oder konkrete Reaktion wie kaum eine andere musikalische Praxis. Ist diese Tatsache allein schon eine Verpflichtung aller am kreativen Prozess Beteiligten?

Diese Frage zieht sich schon seit langer Zeit wie ein roter Faden durch die Geschichte – wie das erwähnte Buch Knaurs zeigt, dass die Geschichte des Jazz in Deutschland vom Kaiserreich bis ins Jahr 2019 thematisiert. Der Leiter des Jazzinstituts kontextualisiert die klingende Jazzgeschichte und bindet sie in kulturelle genauso wie in gesellschaftliche Diskurse ein. Das Buch zeigt auf jeden Fall, dass gesellschaftliche Fragen immer eine Rolle spielten, auch wenn sie mal mehr, mal weniger im Bewusstsein der Künstlerinnen und Künstler standen.

Ziele der Deutschen Jazzunion

Und dies zeigt jenseits der musikalischen Äußerungen das persönliche Engagement der Musikerinnen und Musiker in der Interessensvertretung Union Deutscher Jazzmusiker, seit 2019 in Deutsche Jazzunion umbenannt. Seit dem Vorstandswechsel 2012, als Julia Hülsmann und Felix Falk das Ruder übernahmen, hat die Union mit gesellschaftlichem Engagement einiges bewegt. Der Mindestlohn beziehungsweise die Mindestgage ist hier nur eines der Stichwörter. Es ist sehr erfreulich, dass nicht nur das erklärte Ziel, aus circa 80 Mitgliedern im Jahr 2012 auf 1.000 Mitglieder anwachsen zu wollen, 2019 längst erreicht wurde; sondern auch, dass sie es geschafft haben, dass Veranstalter, Förderer und auch die Musikerinnen und Musiker dafür eintraten, dass Auftritte angemessen bezahlt werden.

Die Umbenennung des Vereins 2019 in Deutsche Jazzunion markiert damit auch eine neue Themensetzung. Dieser Namensänderung ist eine Erklärung vorausgegangen, der sich über 450 Musiker und Musikerinnen sowie Institutionen anschlossen, um gemeinsam für mehr Gleichstellung einzutreten und auch anzuerkennen, dass Jazz aus Deutschland nicht zwingend nur mit deutschen Staatsbürgerinnen und -bürgern oder in Deutschland geborenen Musikerinnen und Musikern besetzt ist. Dass das Thema Geschlechtergleichheit auch hier eine verstärkte Rolle spielen soll, ist nur zeitgemäß und glücklicherweise fast schon Standard.

Jubiläen

Jubiläen gab es 2019 einige: zehn klaJahre KLAENG-Festival in Köln, das in diesem Jahr mit Larry Goldings erstmals einen Artist in Residence lud; 40 Jahre Jazzfest Münster oder auch das 50-jährige Bestehen von ECM, das Anlass für eine Sonderedition von 50 wegweisenden Alben gab. Zu seinem „Erfolgsrezept", der steigenden Zahl von produzierten LPs bei ECM und seinem Glauben an CDs befragt, ließ Manfred Eicher in einem Interview mit der ZEIT vom 20.November 2019 in diesem Zusammenhang verlauten, dass er an die Dramaturgie eines guten Albums als „Gegengift“ zur „Häppchenkultur“ des Streaming-Zeitalters glaube.

Zu guter Letzt gab es im September 2019 den 90. Geburtstag des Jazzklarinettisten Rolf Kühn zu feiern, der auch in seinem Jubiläums-Jahr unermüdlich tourte. Ihm und seinem Bruder Joachim Kühn wurde 2019 ein Dokumentarfilm gewidmet (Zwei Brüder spielen sich frei), der mal wieder eine beeindruckende Arbeit des Autoren und Produzenten Stephan Lamby und sehenswert ist.

Für die Ohren

Ein Jahresrückblick Jazz kommt wohl kaum aus, ohne nicht wenigstens einige der aktuellen Veröffentlichungen zu benennen, die das Jahr 2019 beschert hat. Die Liste macht deutlich, dass die Bezeichnung als Deutsche Jazzunion sinnvoller erscheint als Union deutscher Jazzmusiker, bei all der internationalen Szene, die sich hier tummelt und all den Deutschen, die es zwischendurch ins Ausland zieht.

Ladies first: Angelika Niescier, nicht nur eine umtriebige Kollegin als Veranstalterin, sondern vor allem eine immer wieder aufregende Musikerin, hat mit ihrem New York Trio mit Chris Tordini, Gerald Cleaver und dem Trompeter Jonathan Finlayson als „featured guest“ ein bemerkenswertes Album eingespielt. Eben ein echtes Album mit Spannungsbögen von wahnwitzig (The Surge) bis filmisch-melancholisch (A Truck Passing A Clock Tower).

Anfang 2019 noch eine ansteckend-emotionale, live gespielte „Abschlussarbeit“ bei FatJazz im Übel & Gefährlich in Hamburg für Perkussionist Samuel Wootons BA an der Hochschule für Musik und Theater, veröffentlichte dessen Band TOYTOY wenig später ihr zweites Album Alex Eckert Universe, übrigens auf dem Label des JazzLab. Allesamt Stücke ihres Gitarristen Alex Eckert, spannend zwischen funky Hip-Hop-Fusion und modalen Moods. Deutlich rougher und dabei nicht weniger ausgecheckt gehen die hauptsächlich in Berlin lebenden Musiker von Koma Saxo ihre Sache an. Erdacht und gemacht von Bassist Petter Eldh mit Christian Lillinger, Otis Sandsjö, Jonas Kullhammar und Mikko Innanen, schafft das Album es selten gut, den sehr dynamischen und energischen Afro-Beat-Punk-Jazz der Band, so wie er auch beim Jazzfestival in Saalfelden begeisterte, auf Band aufzunehmen. Musik, die Kopf und Glieder freispült, jetzt und in Zukunft. Ein immer wieder erwähnenswerter Drummer ist Max Andrzejewski. Mit seiner Band Hütte spielt er auf seinem neuen Album The Music of Robert Wyatt. Wyatt, der singende Drummer aus England (ehemals Soft Machine), war von diesen mutigen und einfühlsamen Interpretationen selbst sehr angetan – was sollte man da noch hinzufügen? Auch bei den Expressway Sketches, der Surf-Band des Kölner Gitarristen Tobias Hoffmann, sitzt Hüttenvater Max Andrzejewski am Schlagzeug, außerdem Lukas Kranzelbinder (Shake Stew) am Bass und Benjamin Schaefer an Wurlitzer und anderen lustigen Orgeln. Ihr neues Album Surfin The Day, Lovin The Night auf Klaeng Records, dem Label des gleichnamigen Kölner Kollektivs, macht die Fusion aus Jazz (im Ansatz) und Surf (im Sound) noch greifbarer und genussvoller. Anfang November erschien auch das Debütalbum Time Rewind von Liun + The Science Fiction Band, der neuen Formation um die wunderbare Sängerin Lucia Cadotsch, auch mit Wanja Slavin, Dan Freeman und Ludwig Wandinger. Ist das noch Jazz? Eine Frage, die sich hier nicht stellt. Es ist Pop mit schrägen Sounds und eben dieser eindringlichen, einzigartigen Stimme. Ist es gute Musik? Auf jeden Fall. Und darum geht es schließlich.

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