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Leben und Ansichten von Adolf Cholonek, Gentleman

Das Steinkohlenbergwerk „Guido” in Zabrze (ehemals Hindenburg), eine deutsche Postkarte, 1910
Das Steinkohlenbergwerk „Guido” in Zabrze (ehemals Hindenburg), eine deutsche Postkarte, 1910 | Quelle: fotopolska.eu; Fotograf unbekannt, gemeinfrei

In Janoschs Roman, der vor dem zweiten Weltkrieg im deutschen Teil Schlesiens spielt, „Cholonek oder Der liebe Gott aus Lehm“, ist alles eine schreckliche Parodie. Niemand kann sich ein Grammophon leisten, also fängt man Vögel, und Liebe wie im Kino kann sich erst recht keiner erlauben, daher finden Liebesgeschichten unter erbärmlichen Bedingungen statt. „Für mich ist es eines der unsentimentalsten Bücher überhaupt, nicht nur, was unsere jeweilige »Heimat«, sondern auch, was die Menschheit allgemein betrifft“, schreibt Jacek Dehnel.

Von Jacek Dehnel

Eines der größten Meisterwerke eines weltberühmten Romanschriftstellers fußt auf dem Konzept einer fortgesetzten Handlungsverzögerung: Die detailreich und feierlich geschilderte Biographie des Tristram Shandy, Gentleman, kann und kann in den ersten Bänden nicht beginnen, da sie, wie in einem Sumpf, feststeckt in der überaus verwickelten und dabei unweigerlich amüsanten Geschichte der Empfängnis, der Zeit der Schwangerschaft und schließlich der Geburt des Titelhelden, zu der es erst in Band 3 kommen soll.

Schwer zu sagen, ob Janosch – in jener lang zurückliegenden Zeit, in der er, ein naturtalentierter Laie noch, Cholonek oder Der liebe Gott aus Lehm schrieb – Laurence Sternes Roman kannte, fest steht aber, dass er sein Romandebüt auf einem ähnlichen Konzept errichtete: der Sohn von Mickel Schwientek und Stanik Cholonek ist einen großen Teil des Textes hindurch nur ein runder, durch die Gegend getragener Bauch; ächzend und schwitzend sitzt Mickel auf ihrem Chaiselongue, neben der Kommode, worin, in Zeitungspapier gewickelt, ihr Hochzeitsschleier liegt, ihre Mutter, die alte Frau Schwientek, ruft den lieben Gott um Hilfe an und macht Wasser heiß, und Janosch spinnt indessen seine mäandernde Erzählung von den Bewohnern des Backsteinhauses an der Oschlowski-Straße 3 und ganz Poremba, einer armen Arbeitersiedlung in Zabrze.

„Cholonek, czyli dobry Pan Bóg z gliny“, Janosch „Cholonek, czyli dobry Pan Bóg z gliny“, Janosch | © Wydawnictwo Znak Poremba liegt in einer Stadt, die damals Hindenburg heißt und zur Weimarer Republik gehört, später zum Dritten Reich, doch zu beiden Seiten der Grenze wohnen Schlesier; manche sehen sich als Deutsche, manche als Polen, und andere – so wie der Vater der titelgebenden Hauptfigur – warten den Lauf der Ereignisse ab. Das Fräulein Kowollik ändert seinen Nachnamen in Klippstein, gegen eine entsprechende Gebühr kann man einen durch und durch deutschen Stammbaum erwerben. „Dann war da wieder ein anderer, ein gewisser Pierau, früher Pieronczik, der wollte unter der Jacke im Sarg in eine Hakenkreuzfahne eingewickelt werden. »Warum nich oben?«, fragte ihn sein Bruder. »No, ich denk mir«, sagte der Pierau, »man weiß nich genau, hält sich die Regierung lange, oder hält sie sich nich. Weiß ich, was ich richtig mach?«“ Alle ohne Ausnahme aber – ob Polen oder Deutsche, Katholiken oder Protestanten – führen ein wahrhaft miserables Leben. 

Bei all seinem eulenspiegelhaften Humor, der im Polnischen dank der hervorragenden, lebendigen, von schlesischem Wortgut durchdrungenen Übersetzung noch leuchtender hervortritt, kennt Janoschs Roman doch kein Pardon. Seine Figuren führen eine nahezu animalische Existenz. Familie, Liebe, Sex, Arbeit, Witze, Religion – alles ist hier eine schreckliche Parodie oder eine Attrappe des wirklichen Lebens. Niemand kann sich ein Grammophon leisten, also fängt man Vögel, um die Musik zu ersetzen. Einen Arzt kann auch keiner bezahlen, deswegen kuriert man Durchfall, indem man sich auf ein Heiligenbildchen setzt. Und Liebe wie im Kino kann sich erst recht keiner erlauben, daher finden Liebesgeschichten unter erbärmlichen Bedingungen statt: auf dem Klosett, beim Schweineschlachten, im Gebüsch. Kein Liebesrausch, kein Höhenflug – stattdessen wird gedupst, unter Beobachtung von den Halbwüchsigen, durch ein Loch in der Wand. Religion ist leeres Brauchtum: frömmlerisches Getue, heidnische Zauberei, Gerangel um die besten Plätze in der Kirchenbank, kein ethischer Gedanke weit und breit – nach aufrechten und anständigen Charakteren sucht man unter den Figuren in Cholonek vergeblich, einzige Ausnahme sind vielleicht Gresok und seine taubstumme Geliebte, ein Bettlerpärchen am Rande der Gesellschaft. Erwachsene wie Kinder, Frauen wie Männer, die Armen wie die etwas Reicheren – kein einziger ist hier in der Lage zu irgendeiner Art von ethischer Reflexion. Natürlich weiß trotzdem so mancher viel zu sagen über das, was sich gehört oder nicht gehört, was schicklich ist und was unschicklich – doch das sind reine Lippenbekenntnisse, denn wenn es darauf ankommt, gibt es keinerlei Loyalität. Freunde verraten Freunde, Geschwister betrügen einander noch beim mickrigsten Erbe, Geiz, Gier und Grausamkeit sind an der Tagesordnung, und jeder haut jeden nach Möglichkeit übers Ohr.  

Das Lokalkolorit, der schwarze Humor sind nur ein Köder, damit der Leser mit Freuden den scharfen Haken schluckt, der ihm langsam die Eingeweide aufreißt.


Eine besondere Zuneigung zum Schlesischen ist hier nicht zu bemerken, keine Spur von sentimentalen Regungen. In die kleine Welt von Poremba kommt die große Welt nur als Abklatsch, in Form von Pseudo-Luxusgütern: Billigschmuck, Bubikopf-Frisuren, Zarah-Leander-Filme, wertlose Fälschungen direkt aus den zwielichtigen Lädchen der Krokodilstraße aus Bruno Schulz’ Zimtläden. Jegliche Ambitionen sind oberflächlich und naiv, sie beschränken sich auf den bloßen Schein von Kultiviertheit oder Bildung, was am deutlichsten zutage tritt, als Vater Cholonek, ein junger Nationalsozialist, sich an der Ausplünderung der Juden zu bereichern beginnt und mit an Idiotie grenzender Leichtgläubigkeit massenweise gefälschte Stradivari-Geigen ankauft. Im Übrigen sind der heraufziehende Nazismus und seine wütende Aggressivität in Janoschs Schlesien nur die Konsequenz dieses Hundelebens: Wer keinerlei Mitgefühl für die Seinen hatte, hat nun erst recht kein Mitleid mit willkürlich gebrandmarkten „Fremden“.  

In dieser von einem schlechten Demiurgen erschaffenen Welt voller roher und grausamer Wesen ist der endgültige Niedergang des Hauses von Mickel und Stanik Cholonek ebenso dumm und erbärmlich wie der ganze Rest ihrer Existenz – keine Strafe für Hybris wie in einer griechischen Tragödie, sondern lediglich ein weiterer Grad der Zermürbung des Menschen durch die Welt. Auf das Hundeleben folgt der Hundetod.

Ich weiß nicht, wie Cholonek in den Schlesiern sentimentale Gefühle wecken kann – für mich ist es eines der unsentimentalsten Bücher überhaupt, nicht nur, was unsere jeweilige „Heimat“, sondern auch, was die Menschheit allgemein betrifft. Das Lokalkolorit, der schwarze Humor sind nur ein Köder, damit der Leser mit Freuden den scharfen Haken schluckt, der ihm langsam die Eingeweide aufreißt. Aber es ist erstklassige Literatur – daran hege ich keinen Zweifel.
 
Janosch (Horst Ecker), Cholonek oder Der liebe Gott aus Lehm, Georg-Bitter-Verlag, Recklinghausen 1970 [Titel der polnischen Übersetzung: Cholonek, czyli dobry Pan Bóg z gliny, übers. von Leon Bielas (mit Ergänzungen von Emilia Bielicka), Wydawnictwo Znak, Kraków 2011].
 

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