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Was ist los mit... Rassismus in Deutschland?
Hanau als politischer Zankapfel

Türkische Gemeinschaft in Deutschland
Türkische Gemeinschaft in Deutschland | Quelle: flickr.com; Foto (Ausschnitt): Thomas Knoll; CC BY-ND 2.0

Nach dem Attentat in Hanau gegen Personen „mit Migrationshintergrund“ fand die Generalbundesanwaltschaft „Indizien für einen rassistischen Hintergrund“. Gilt Gewalt gegen andere ethnische Gruppen doch als Rassismus? Und was ist eigentlich „Rasse“, fragt sich Christoph Bartmann.

In Hanau, einer Mittelstadt 20 Kilometer östlich von Frankfurt am Main hat am 20. Februar ein bis dahin der Polizei unbekannter Deutscher in und vor zwei Shishabars 9 Personen „mit Migrationshintergrund“ erschossen. Anschließend tötete er in der elterlichen Wohnung seine Mutter und schließlich sich selbst. Wie bei vorangegangenen Fällen in Deutschland und anderswo war der Täter ein Wirrkopf mit rechtsextremistischen, suprematistischen Ideen. In einem „Bekennerschreiben“ und einem Video, das der Mann hinterließ, fanden sich jedenfalls „gravierende Indizien für einen rassistischen Hintergrund“, so die Generalbundesanwaltschaft.

Wie nicht anders zu erwarten, ist die furchtbare Tat von Hanau schnell zum politischen Zankapfel geworden. Ist sie das Werk eines Psychopathen ohne politische Motive, also ganz ohne Beziehung zu dem auch anderswo in Deutschland grassierenden gewalttätigen Rechtsextremismus? Das war zumindest die Auffassung bei der rechtsextremen AfD. Alle anderen waren eher der Ansicht, dass die AfD mit ihrer ausländerfeindlichen Haltung dem Hanauer Verbrechen geistig-ideologisch den Boden bereitet habe. Die AfD wiederum brauchte einige Zeit, um Sprachregelungen zu finden, die ihre Position gegenüber rechter Gewalt klar stellt. Man verurteile selbstverständlich Ausländerfeindlichkeit und Rassismus aufs Schärfste, gab dann verspätet der Parteivorsitzende zu Protokoll – eine Aussage, die wiederum die radikaleren Kräfte in der AfD gar nicht gut fanden.

Nach Hanau haben damit alle politischen Parteien Ausländerfeindlichkeit und Rassismus verurteilt. Eine Frage freilich steht weiter im Raum und wird derzeit selten beantwortet: was genau ist Rassismus? Oder: wann ist etwas „rassistisch“? Manche erinnern sich, dass der deutsche Fußballer Mesut Özil nach der Kritik an seinem verunglückten Auftritt mit dem türkischen Präsidenten Erdogan den Deutschen recht pauschal „Rassismus“ vorwarf. Interessant daran war die Wortwahl: nicht Ausländer- oder Fremdenfeindlichkeit lautete der Vorwurf, auch nicht auf deutsche Ressentiments gegen Türken, sondern eben Rassismus. Wer so spricht, unterstellt den fraglos existierenden (oder sogar wachsenden) Ressentiments gegen ethnisch, religiös oder anders definierte Gruppen ein „rassisches“, ja ein „rassistisches“ Motiv. Wann aber haben wir zuletzt über Türken, Deutschen oder Polen als „Rasse“ nachgedacht oder gesprochen?

Offenbar gibt es hier unterschiedliche Auffassungen darüber, was „Rasse“ und „Rassismus“ heute meinen. Im deutschen Grundgesetz von 1949 heißt es: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.“ Damals glaubte man noch zu wissen, was „Rasse“ ist, und man hatte mit dem Rassenwahn der Nationalsozialisten ein Beispiel vor Augen, wozu Rassismus fähig ist. Aber auch Nicht-Rassisten nahmen früher an, dass es Rassen gibt – man denke nur an die fünf olympischen Ringe in den Farben der wichtigsten „Rassen“ der Erde.

Das Wort „Rassismus“ ist jetzt die grobe Keule, die man zum Schutz gegen noch gröbere Attacken zum Einsatz bringt.

Der Taxifahrer in Moskau, mit dem wir kürzlich ins Gespräch kamen, glaubt noch an Rassen: seine Tochter sei jetzt mit einem Türken liiert, erzählte er uns, er hoffe nur, dass sie mit ihm keine Kinder bekäme, und zwar wegen der „Rassenhygiene“. Solche älteren Ideen von „Rassenlehre“ (nennen wir sie „Rassismus 1“) haben im Kopf eines aufgeklärten Menschen von heute natürlich keinen Platz. Wohl aber Einstellungen, Affekte und Aggressionen gegen andere, Schwächere, die wir besser als „Rassismus 2“ bezeichnen sollen. Dies ist natürlich nicht mehr der alte Nazi-Rassismus, wie ihn Houston S. Chamberlain und andere propagierten, sondern eine Variante, die ihre Herkunft in den USA und dort vor allem im Umkreis der vielen „social justice“-Bewegungen hat. Gewalt, auch „systemische Gewalt“ gegen unterdrückte oder marginalisierte Gruppen, Aggressionen, auch „Mikro-Aggressionen“ gegen besonders verletzliche und schutzbedürftige Personen gilt nun immer öfter pauschal als rassistisch. Das Wort „Rassismus“ ist jetzt die grobe Keule, die man zum Schutz gegen noch gröbere Attacken zum Einsatz bringt.

Dass der Anschlag in Hanau „rassistisch“ war, ob als Rassismus 1 oder als Rassismus 2, steht außer jeder Frage. Wie steht es aber mit all den sonstigen Aggressionen in einer insgesamt aggressiver werdenden Gesellschaft? Männer gegen Frauen? Einheimische gegen Migranten? Wie steht es mit Gewalt von Minderheiten gegen andere Minderheiten oder auch gegen die Mehrheit? Ist etwa auch der Islamismus ein Rassismus, oder sind nur Angehörige der hegemonialen, weißen und westlichen Gesellschaften überhaupt rassismusfähig? Gibt es vielleicht auch Rassismus in der eigenen Familie? Sind die populären Witze über Leute aus der Provinz, über Ostfriesen, sind die Aggressionen gegen Schwaben in Berlin rassistisch – oder eher nicht? Rassismus ist eben doch kein Passepartout zur Bezeichnung von Spott und Beleidigungen gegen andere Gruppen. Schon wird überall eine alarmierende Zunahme des Rassismus in Deutschland konstatiert – wir müssen aber lernen, genauer hinzusehen, wo rassistischer und wo anders motivierter Hass im Spiel ist.
 

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