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Die zweite Generation der Polen in Deutschland
Mama, wann bin ich eigentlich Deutsche geworden?

Deutsche und polnische Flagge
Quelle: flickr.com; Foto (Ausschnitt): Senat RP; CC BY-NC-ND 2.0

Sie sprechen Polnisch mit deutschem Akzent und machen Urlaub in Polen. Welche Beziehung hat die zweite Generation polnischer Migranten zur Heimat ihrer Eltern?

Von Paweł Figurski

Maximilian Szyłobryt lebt mit seiner Katze in einem kleinen Häuschen im Wald. Die Gegend gehört noch zu Koblenz, doch für die Fahrt zur Universität benötigt er ungefähr 20 Minuten. „Ich bin Minimalist. Ich möchte nur das besitzen, was ich wirklich brauche. Außerdem mache ich Musik und wollte mir beim Gitarre- oder Schlagzeugspielen keine Gedanken um meine Nachbarn machen“, erklärt er.

Er spricht Polnisch mit deutschem Akzent und lässt immer wieder deutsche Wörter einfließen. Fast jeden zweiten Satz beginnt er mit „also“. „Ich bin in Deutschland geboren. Polnisch habe ich von meinen Eltern gelernt. Außerhalb der Familie habe ich nur Deutsch gesprochen, auch mit meinen polnischen Bekannten. Außer wir wollten etwas vor den anderen verheimlichen oder nur unter uns besprechen, dann haben wir uns auf Polnisch unterhalten, damit uns die anderen nicht verstehen. Oder wenn die Russen sich wichtigtun wollten, dann haben wir auch Polnisch gesprochen, um zu zeigen, dass wir auch noch da waren“, lacht er.

Max ist das erste Kind von Ania und Roman Szyłobryt. Beide stammen aus dem unmittelbar an der deutsch-polnischen Grenze gelegenen Zgorzelec. Ania war 1986 zum ersten Mal nach Koblenz gefahren, zur Hochzeit eines polnischen Bekannten, und hatte sich augenblicklich in die Stadt verliebt. Alles war hier so bunt, und in den Läden konnte man alles kaufen, ganz anders als in der grauen sozialistischen Wirklichkeit ihrer Heimatstadt Zgorzelec. „Mein Reisepass war nur für drei Monate gültig, aber ich wusste sofort, dass ich nicht nach Polen zurückkehren würde. Es gab zu jener Zeit nichts, was mich dort gehalten hätte. Ich weiß noch, wie meine Eltern mich zum ersten Mal in Koblenz besuchten und mein Vater zu mir sagte: »Kind, bleib bloß hier!«“, erzählt Ania.
Koblenz Koblenz | Foto: Paweł Figurski Roman siedelte bereits nach dem Fall des Eisernen Vorhangs nach Deutschland über. „Er war ein guter Bekannter von mir. Als ich einmal zu Besuch in Zgorzelec war, liefen wir uns zufällig über den Weg. Daraufhin sind wir einander wieder näher gekommen. Roman war sofort einverstanden, zu mir nach Koblenz zu ziehen“, erinnert sich Ania. Ihre beiden Kinder kamen bereits in Deutschland zur Welt. Erst Max und zwei Jahre später seine Schwester Nicole.

„Ob ich mich eher als Deutscher oder als Pole fühle?“, wiederholt Max meine Frage. „Ich weiß nicht, ob ich mich eher als Deutscher fühlen soll, weil ich in Deutschland geboren bin und besser Deutsch als Polnisch spreche, oder eher als Pole, weil meine Eltern und meine Großeltern aus Polen stammen. Vielleicht kommt das daher, weil ich mir nie viel aus Grenzen und Staatsangehörigkeiten gemacht habe. Ich habe eine doppelte Staatsbürgerschaft, aber für mich ist das nur ein Stück Papier“, sagt Max.

Er kann sich noch daran erinnern, dass seine Mitschüler ihn wegen seiner dunklen Haare oft zunächst für einen Spanier oder Italiener hielten. „Als sie erfuhren, wie ich mit Nachnamen hieß – Szyłobryt ist schließlich kein ganz gewöhnlicher Name –, machten sie sich über mich lustig: »Haha, du polnischer Dieb.« Ich hatte keine Ahnung, was sie damit meinten, dieses Stereotyp war mir völlig unbekannt. Umso weniger konnte ich verstehen, wie man sich über andere Menschen nur wegen ihrer Herkunft lustig machen kann. Ich begriff schnell, dass es am besten war, sich einfach nichts daraus zu machen, schließlich gibt es in Deutschland so viele unterschiedliche Nationalitäten, jeder Mensch hier ist anders.“

Auch als Max seinen Einberufungsbescheid von der Bundeswehr erhielt, spielte die Frage der Staatsangehörigkeit für ihn keine Rolle. Sein Jahrgang war einer der letzten, für den noch die Wehrpflicht galt. „Ich musste eine Gewissensprüfung ablegen und darlegen, warum ich keinen Wehrdienst leisten wollte. Ich schrieb eine drei Seiten lange Erklärung, dass ich Pazifist sei und keine Waffe anrühren wollte. Ich war gut vorbereitet und kannte all die entsprechenden Argumente“, erzählt Max.

„Und wenn es die polnische Armee gewesen wäre?“, frage ich nach.

„Die Flagge war mir völlig egal. Ich wollte einfach keinen Dienst mit der Waffe leisten. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Deutschland und Polen irgendwann noch einmal Krieg gegeneinander führen könnten.“

Max gibt zu, dass er ein Faible für polnische Traditionen hat. „Am Ostermontag, zu Śmigus-dyngus, habe ich meine Schwester immer mit Wasser bespritzt. Ich versuche, Weihnachten und Ostern so zu feiern, wie ich es von meinen Eltern gelernt habe. Aber sind all diese Bräuche wirklich so urpolnisch? Die Tradition des Weihnachtsbaums stammt schließlich aus Deutschland, und irgendwo habe ich sogar gelesen, dass das Schmücken von Bäumen auch keine deutsche Erfindung war, sondern aus irgendwelchen heidnischen Ritualen hervorging.“

Max möchte nicht für immer in Deutschland bleiben. „Im Augenblick habe ich hier einen guten Job und viele Dinge, die ich noch machen möchte. Ich sehe Deutschland eher als einen Hafen, in den immer wieder zurückkehren kann, auch wenn ich mal eine Zeit lang woanders lebe“, verrät Max.

Ein konkretes Ziel hat er jedoch nicht. „Wie wäre es mit Polen“, frage ich ihn. „Ich wollte schon immer mal wenigstens für ein halbes Jahr in Zgorzelec leben. Gar nicht so sehr wegen Polen. Ich würde einfach gern mehr Zeit mit meinen Großeltern verbringen, um ihre Geschichte kennenzulernen. Ich interessiere mich weniger für die Schicksale von Nationen, sondern vielmehr für die Schicksale konkreter Menschen.“

„Arbeite, um zu leben“

Max' Schwester Nicole kann sich hingegen nicht vorstellen, länger in Polen zu leben. Sie lebt seit zwei Jahren in Australien. In Melbourne tut sie das gleiche, was Max in Koblenz tun: Sie arbeitet als Ansprechpartnerin für Studenten an der Universität. Die Studenten kommen mit allen möglichen Problemen zu ihnen – manche haben Schwierigkeiten, einen bestimmten Hörsaal zu finden, andere benötigen finanzielle Unterstützung.

„Ich mache gerne Urlaub in Polen, um mich dort mit meiner Familie zu treffen. Aber auf Dauer würde ich mich dort nicht wohlfühlen. Ehrlich gesagt sehe ich mich auch nicht langfristig in Deutschland. Ich verbinde diese beiden Länder – ich hoffe, das klingt jetzt nicht zu negativ – zu sehr mit dem Mantra »Lebe, um zu arbeiten«. Deswegen bin ich auch nach Australien gezogen“, erklärt Nicole.

Nicole ruft ihre Eltern an, wenn es in Europa kurz vor Mitternacht oder früh morgens ist, also bevor sie zur Arbeit geht oder wenn sie gerade von der Arbeit kommt. Dann hat sie genügend Zeit, um ihnen ein wenig aus Down Under zu erzählen. Einmal rief Nicole ihre Mutter an, weil sie ihr eine wichtige Frage stellen musste: „Mama, wann bin ich eigentlich Deutsche geworden?“

Sie rief aus der deutschen Botschaft in Australien an, wo sie gerade einen neuen Reisepass beantragen wollte. Ihr alter Reisepass war abgelaufen. „Ich wurde dort gefragt, wann ich die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten habe. Ich antwortete, ich sei schließlich in Deutschland geboren. Daraufhin verlangten die Botschaftsmitarbeiter einen Nachweis über die Staatsangehörigkeit meiner Eltern, denn dem Gesetz nach erhalten Kinder nur dann automatisch die deutsche Staatsbürgerschaft, wenn ihre Eltern zum Zeitpunkt ihre Geburt deutsche Staatsangehörige waren. Ich rief also meine Mutter an und fragte sie, wann ich Deutsche geworden sei. Sie schickte mir eine Bescheinigung, dass ich die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten habe, als ich dreizehn Jahre alt war. Das war ein echter Schock für mich, denn ich war überzeugt gewesen, dass ich von meiner Geburt an die doppelte Staatsbürgerschaft gehabt hatte“, erzählt Nicole.

Sie gibt offen zu, dass sie sich eher als Deutsche denn als Polin fühlt. „Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen, alle meine Freunde leben in Deutschland“, erklärt sie. Mit ihren Eltern spricht sie Polnisch, schreibt jedoch inzwischen lieber auf Deutsch. Als wir uns per WhatsApp unterhalten, antwortet sie mir auf Englisch. „Ich hatte noch nie irgendwelche Probleme wegen meiner Herkunft. Ich fand es sogar immer toll, dass ich noch eine weitere Sprache beherrsche. Ob ich meinen Kindern später Polnisch beibringen werde? Ich werde sicherlich überwiegend Deutsch mit ihnen sprechen. Polnisch können sie am besten von meinen Eltern lernen“, lacht sie.
Koblenz Koblenz | Foto: Paweł Figurski Knapp dreißig Kilometer von Koblenz entfernt, in der beschaulichen Ortsgemeinde Großmaischeid, lebt Mario Sojka, Max' ehemaliger Schulfreund. Mit ihm unterhielt sich Max früher auf Polnisch, wenn die beiden etwas vor ihren Mitschülern verheimlichen wollte. Vor ein paar Jahren hat Mario sich hier ein Haus gekauft, in dem er mit seiner Frau Dominika und ihren beiden Kindern, der vierjährigen Emilia und dem wenige Wochen alten Lukas, lebt. Vor dem Haus steht ein neuer Mazda. Neben dem deutschen Nummernschild prangt ein Aufkleber mit dem polnischen Adler.

Max lernte Dominika im Juli 2012 in Polen kennen. Er war damals bei seinen Großeltern in Schlesien zu Besuch, in Lubecko, einem kleinen Ort in der Nähe von Lubliniec. Dort verbrachte er seine Zeit, wie gewöhnlich, indem er Karten mit seinem Großvater spielte. „Um die Zeit totzuschlagen, unterhielt ich mich mit einem Mädchen im Internet. Es war Dominika. Wir trafen uns ein paar Mal, und man könnte sagen, dass sie während dieses dreiwöchigen Urlaubs meine Freundin war. Schließlich musste ich zurück nach Deutschland, doch der Kontakt blieb bestehen“, erinnert sich Mario. Im Herbst besuchte Dominika Mario in Deutschland und blieb mehrere Wochen lang. Anfang 2013 kam sie wieder nach Deutschland. Dieses Mal für immer.

Mario wurde 1991 in Deutschland geboren. Seine Eltern waren wenige Jahre zuvor aus Schlesien in die Bundesrepublik ausgesiedelt. Zu Hause spricht Mario Polnisch, er fühlt sich als Pole. „Wenn die polnische Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft spielte, trug ich ein polnisches Trikot“, sagt Mario stolz.

Ich erzähle Mario von dem Buch Wir Strebermigranten von Emilia Smechowski, die 1988 als Kind mit ihrer Familie nach Deutschland emigrierte. Sie schildert in dem Buch unter anderem einen Besuch ihrer Familie in Polen im Sommer 1990, als die deutsche Fußballnationalmannschaft mit Lothar Matthäus, Rudi Völler und Jürgen Klinsmann in Italien um den Weltmeistertitel spielte. Nach dem gewonnenen Halbfinale gegen England sprang ihre Mutter auf und schrie „Jetzt werden wir Weltmeister!“ „Ich hatte sie noch nie so glücklich gesehen. Ihre Deutschen hatten gewonnen“, erinnert sich Emilia Smechowski. Die Reaktion ihrer Mutter war für sie ein Beweis, dass sie sich endgültig in ihrer neuen Heimat integriert hatte.

„Das ist übertrieben“, kommentiert Mario. „Ich freue mich auch, wenn Deutschland gewinnt, aber ich würde so etwas nie demonstrativ machen, damit alle sehen, wie deutsch ich bin. Ich kenne aber tatsächlich eine polnische Familie, die aufgehört hat, untereinander Polnisch zu sprechen. Die Eltern haben gesagt: »Wenn wir in Deutschland leben, dann sprechen wir auch Deutsch«“, fügt Mario hinzu.

Meine Frage, ob er nicht lieber in Polen leben würde, verneint er. „Ich spreche besser Deutsch als Polnisch. Außerdem habe ich hier einen guten Job im Büro. In Polen würde ich sicherlich nicht so eine interessante und gut bezahlte Arbeit finden. Ich spreche zwar fließend Polnisch, aber doch mit Akzent, wahrscheinlich würde ich eine Zeit lang körperliche Arbeiten verrichten.“

Marios Frau Dominika fügt hinzu: „In Deutschland lebt es sich einfach entspannter. Wenn du eine Familie hast, musst du dir keine Sorgen machen, ob du am Ende des Monats noch genügend Geld auf dem Konto hast. Es ist auch nicht nur eine Frage des Geldes. In Deutschland bekomme ich innerhalb weniger Tage einen Termin bei einem Facharzt, in Polen dauert so etwas mehrere Monate oder sogar Jahre.“

Dominika sagt, es gebe nur einen einzigen Grund für sie, nach Polen zurückzukehren: „Wenn wir ein paar Millionen im Lotto gewinnen würden“, lacht sie. Ihre Kinder wollen Mario und Dominika auf jeden Fall so erziehen, dass sie ihre polnischen Wurzeln nicht vergessen. So wie es aussieht, haben sie damit auch keine besonderen Schwierigkeiten.

„Emilia, magst du Rouladen und Klöße?“, fragt Mario.

„Mmh, lecker“, antwortet das Mädchen.

Dominika erzählt: „Wenn ich Emilia aus dem Kindergarten abhole und in der Eile etwas zu ihr auf Deutsch sage, dann beschwert sie sich: »Mama, sprich mal normal«. Wenn ich sie frage, was sie mit »normal« meint, antwortet sie mir: »Na, auf Polnisch.«“

Die richtige Entscheidung

In Koblenz habe ich auch Bartek getroffen. Er kam 1990 aus Łódź nach Deutschland, gemeinsam mit seiner Mutter, einer Sängerin an der Polnischen Nationaloper. Die polnische Künstleragentur PAGART hatte ihr ein Vorsingen in der Schweiz vermittelt. Sie wurde zwar nicht ausgewählt, erregte jedoch das Interesse des Intendanten des Theaters Koblenz. Als sie nach Polen zurückkehrte, teilte sie ihrer Familie mit, dass sie nach Deutschland ziehen würde.

Bartek war damals acht Jahre alt und ging auf die Grundschule. „Meine Mutter sagte mir zunächst, es sei nur für fünf Jahre. Vielleicht wollte sie mich damit beruhigen, aber für einen Achtjährigen ist auch ein Zeitraum von fünf Jahren etwas völlig Abstraktes“, erklärt Bartek.

Er lebt bis heute in Deutschland. „Als Kind machte ich meiner Mutter Vorwürfe. Mir war nicht bewusst, dass sie nur das Beste für mich wollte. In den ersten zwei Jahren hatte ich Schwierigkeiten, mich einzugewöhnen. Wir fuhren regelmäßig nach Polen, und ich wäre jedes Mal am liebsten dort geblieben. Ich fragte meine Mutter, ob wir wirklich unbedingt zurück nach Deutschland mussten.“

Dass seine Mutter nicht die schlechteste Entscheidung getroffen hatte, wurde Bartek erst bewusst, als er sich für einen konkreten Berufsweg entschied. „Ich hatte mich schon als Kind für Computer begeistert und war froh, dass ich auch ohne Abitur eine entsprechende Ausbildung machen konnte. In Polen gab es damals nicht so viele Ausbildungswege im Bereich Informatik. Ich wollte gern Netzwerkadministrator werden, und in Deutschland konnte ich mich in diesem Beruf ausbilden lassen. Da wurde mir klar, dass meine Mutter die richtige Entscheidung getroffen hatte.“

Das bedeutet jedoch nicht, dass Bartek kein Heimweh nach Polen mehr hat. „Ich fahre mindestens einmal im Jahr nach Łódź. Ich möchte so oft wie möglich meine Großeltern besuchen, die bereits auf die Neunzig zugehen. Mir wird jedoch auch immer mehr bewusst, dass ein bestimmter Abschnitt meines Lebens enden wird, wenn sie einmal nicht mehr da sind. Wenn ich meine Großeltern besuche, dann ist es für mich wie eine Rückkehr nach Hause. Dort bin ich aufgewachsen, dort habe ich meine Ferien verbracht. Wenn ich bei meinen Großeltern auf den Balkon gehe und auf die Wiesen schaue, auf denen ich früher Fußball gespielt habe, fühle ich mich zu Hause. Wenn meine Großeltern einmal nicht mehr da sein sollten, wird mein Zuhause irgendwo anders sein“, sagt Bartek.

„Könnte das auch in Polen sein?“, frage ich. „Ich denke, dass ich keine Probleme hätte, in Polen eine Arbeit zu finden. Als Informatiker würde ich sicherlich auch nicht schlecht verdienen. Wenn ich nach Polen fahre, durch die Danziger Innenstadt schlendere oder Urlaub an der Ostsee mache, fühle ich mich sehr wohl. Aber das sind eben nur zwei Wochen Urlaub, in denen man die negativen Dinge nicht so wahrnimmt. Wenn man länger in Polen bleibt, bemerkt man auch die Schattenseiten. Zum Beispiel? Als Informatiker sehe ich, dass das Thema Datenschutz in Deutschland durchaus ernst genommen wird. In Polen ist das weniger der Fall. Sämtliche SIM-Karten sind dort registriert. Gespräche mit Telefonanbietern werden aufgezeichnet, ohne dass du dagegen Einspruch erheben kannst. Das würde mich stören.“

Ganz ausschließen würde Bartek eine Rückkehr nach Polen jedoch nicht. Er stellt sich selbst die Frage, ob das wirklich eine Rückkehr oder nicht vielmehr eine weitere Migration wäre.

Doch im Augenblick ist das noch Zukunftsmusik. Vor einigen Jahren, als Bartek eine Freundin in Warschau hatte, dachte er eine Zeit lang darüber nach, mit ihr zusammenzuziehen, und sah sich sogar bereits nach einer Arbeit in der polnischen Hauptstadt um. Es wurde jedoch nichts daraus. „Wir verloren uns aus den Augen, und ich hatte keinen wirklichen Grund mehr, nach Polen zu ziehen. Also blieb ich in Koblenz“, erzählt er.

Heute lebt er mit einer Deutschen zusammen. Annika versucht schon seit Jahren, Polnisch zu lernen, obwohl es ihr nicht ganz leicht fällt. „Warum sie das tut? Ich habe dazu meine Vermutungen. Als wir einmal auf die Halbinsel Hel gefahren sind, haben wir dort ein anderes Paar kennengelernt. Er war Deutscher, sie war Polin. Er redete seinen Sohn auf Polnisch an, und sein Sohn antwortete ihm auf Deutsch. Das war eine merkwürdige Situation. Ich fragte ihn, warum er unbedingt eine so schwierige Sprache lernen wollte. Er antwortete mir, er wolle einfach wissen, was seine Schwiegermutter so alles über ihn zu sagen hat“, lacht Bartek.

„Und was ist mit euren Kindern?“, frage ich. „Wenn wir einmal welche haben, möchte ich sie gerne zu guten Menschen erziehen. Ob sie Deutsche oder Polen sein sollen? Ich würde mich freuen, wenn sie beide Sprachen beherrschten. Es wäre schade, wenn sie nicht wüssten, aus welchem Land ihr Vater stammt. Und ohne Polnischkenntnisse wäre es für sie schwieriger, das herauszufinden.“

Die unsichtbare Generation

Emilie Mansfeld Emilie Mansfeld | Foto © privat „Ist die zweite Generation polnischer Migranten für Polen eine verlorene Generation?“, frage ich Emilie Mansfeld im Berliner Büro des Deutschen Polen-Instituts. „Es ist eine Generation, die bereits als unsichtbar bezeichnet wurde. Wenn sie ihren Migrationshintergrund nicht von sich aus thematisieren, fällt niemandem auf, dass sie nicht in Deutschland geboren sind. Ich denke nicht, dass es eine verlorene Generation ist. Diese Generation bietet eine Chance, denn sie kann zu einer Schnittstelle zwischen Deutschland und Polen werden“, erklärt sie.

Emilie kam mit elf Jahren aus der Industriestadt Siemianowice Śląskie nach Deutschland. Zuvor hatte sie bis zu ihrem sechsten Lebensjahr in einer kleinen, ehemals deutschen Ferienanlage in der Nähe von Jelenia Góra gelebt, die von ihren Eltern geleitet wurde. Sie selbst sagt, es sei der perfekte Ort für eine unbeschwerte Kindheit gewesen. „Später arbeitete mein Vater in der Verwaltung der Reparaturbetriebe für Bergbau in Katowice, und meine Mutter unter anderem in einem Kulturhaus. Sie waren beide ehrgeizig und hatten beide deutsch-polnische Wurzeln. Man kann jedoch nicht sagen, dass ihr Traum von Deutschland wirklich in Erfüllung ging“, erzählt Emilie.

1989 zogen Emilie und ihre Eltern nach Deutschland, in die Nähe von Hannover, weil dort bereits Verwandte von ihnen lebten. Wenige Monate später fiel die Berliner Mauer, was für Emilies Familie nicht nur positive Auswirkungen hatte. Der Zustrom von Menschen aus der DDR in die Bundesrepublik machte die Situation auf dem Arbeitsmarkt für polnische Migranten nicht gerade einfacher.

Für Emilie war der Umzug nach Deutschland zunächst ein Schock gewesen. Sie erzählt, dass sie kurz zuvor einen Hund zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte, den sie nicht mit nach Deutschland nehmen durfte. In Polen ließ sie vor allem ihre Freunde zurück – und auch ihre Schule, in der sie sehr gute Noten gehabt hatte. Doch auch ihr Leben in Deutschland verlief nach anfänglichen Schwierigkeiten sehr erfolgreich: Sie studierte European Studies an der Universität Tübingen und Wirtschaftswissenschaften an der Universität Hohenheim und war anschließend fast zehn Jahre als Referentin für Europapolitik im Deutschen Bundestag tätig. Dort konnte sie neben ihren fachlichen Kenntnissen auch ihren polnischen Migrationshintergrund einbringen, insbesondere bei der Vorbereitung von Treffen mit polnischen Politikern. Seit 2018 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin und Leiterin des Berliner Büros des Deutschen Polen-Instituts.

Emilie könnte sich durchaus vorstellen, auch für eine längere Zeit in Polen zu leben – unter der Voraussetzung, dass sie eine Arbeit fände, in der sie überwiegend Deutsch sprechen könnte und die mit ihrer persönlichen und familiären Situation vereinbar wäre. „Ich habe kein Problem mit meiner Identität. Ich bin sowohl Deutsche als auch Polin, aber auch Europäerin und Kosmopolitin. Wir polnischen Migranten sind Brücken – nicht nur zwischen Deutschland und Polen. Wir leben in einer äußerst vielfältigen Gesellschaft. Migranten aus anderen Ländern können von unseren Erfahrungen profitieren. Ich habe die Hoffnung, dass Migranten in Deutschland in Zukunft häufiger an die Öffentlichkeit treten und ihre Ideen einbringen werden“, betont Emilie.

Sie nimmt auch wahr, dass viele Migranten eine passive Haltung einnehmen, hat jedoch durchaus Verständnis dafür: „Nicht jeder ist ein geborener Aktivist. Viele Menschen ziehen in ein anderes Land, um ein besseres Leben zu führen. Anfangs haben sie Probleme, weil sie sich in einer fremden Umgebung zurechtfinden müssen. Anschließend müssen sie hart arbeiten, um erfolgreich zu sein, und haben keine Zeit und auch keine Lust, zusätzlich noch einen Beitrag für die internationale Zusammenarbeit zu leisten“, fügt sie hinzu.

Emilie Mansfeld ist Projektkoordinatorin für die Errichtung eines Denkmals für die polnischen Opfer der deutschen Besatzung 1939-1945. Zu den Befürwortern dieses Projekts zählt auch der in Stettin geborene CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak. Das Denkmal soll darin erinnern, dass die deutsche Aggression und Vernichtungspolitik 1939 in Polen begann. Auch wenn ihre polnische Herkunft und die deutsch-polnische Vergangenheit für Emilie eine große Rolle spielen, ist sie sich bewusst, dass diese Themen für ihre Tochter Klara möglicherweise nicht mehr so wichtig sind. „Ich werde auf jeden Fall versuchen, ihr Polen ein wenig näherzubringen. Durch die Sprache, durch Bekanntschaften, durch Reisen. Auch mein Mann, ein Deutscher aus Frankfurt an der Oder, hält das für sehr wichtig. Wir möchten unserer Tochter gern einen Schlüssel an die Hand geben – was sie hinterher damit anfängt, ist ihre eigene Sache. Außerdem wirkt sich eine zweisprachige Erziehung äußerst positiv auf die kindliche Entwicklung aus. Das ist wissenschaftlich bewiesen“, sagt Emilie.
 

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