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Die deutsch-polnische Buchhandlung Buchbund
Dazwischen sein

Die Buchhandlung Buchbund
Die Buchhandlung Buchbund | Foto (Zuschnitt): Magdalena Rohrmann

Obwohl in einer Gegend aufgewachsen, die einst zu Deutschland gehörte, hätte er niemals gedacht, dass er einmal eine Deutsche heiraten und in Deutschland heimisch werden würde. Seit Jahren lebt er in Berlin und führt die deutsch-polnische Buchhandlung Buchbund. Marcin Piekoszewski im Gespräch mit ​Agnieszka Wójcińska.

Wie ist es gekommen, dass du als Pole eine deutsch-polnische Buchhandlung im Berliner Bezirk Neukölln gegründet hast?

Manchmal fragen die Leute, ob wir uns einen Traum erfüllt haben. Als ginge es um einen romantischen Film über einen kleinen Buchladen. Dabei waren wir ganz pragmatisch. Wir lebten schon seit längerem in Berlin. Meine Frau Nina war gerade mit dem Studium fertig, ich hatte keine feste Arbeit. Wir wussten, dass ringsherum viele Polen leben. Trotzdem konnte man nirgendwo polnische Bücher bekommen. Normalerweise kaufte man sie also, wenn man gerade mal in Polen war oder ließ sie sich per Post schicken. Da ich schon früher einmal in einem Buchladen in Krakau gearbeitet hatte, beschlossen wir, das Risiko einzugehen. Das ist eine ganz normale Arbeit. Oder sogar noch mehr – man muss ständig kämpfen und es ist gar nicht so leicht, davon eine Familie zu ernähren. Nina hat übrigens inzwischen einen anderen Job.
Nina Mueller und Marcin Piekoszewski Nina Mueller und Marcin Piekoszewski | Foto: Magdalena Rohrmann Woran muss man denken, wenn man ein solches Geschäft eröffnet?

Vor neun Jahren begannen wir mit polnischen Büchern und deutschen Übersetzungen, aber bald stellte sich heraus, dass das nicht genügt. Wir verstanden schell, dass wir eine normale deutsche Buchhandlung führen müssen, in der die polnischen Literatur allenfalls einen exotischen Anhang darstellt. Manche Nachbarn dachten lange, wir seien ein Klub für Polen und besorgten sich ihre Bücher ein paar Straßen weiter. Inzwischen kommen die Leute sogar aus anderen Stadtteilen zu uns, denn sie wissen, dass sie bei uns etwas finden können, was es in anderen Buchläden nicht gibt. Wir haben „Extremkunden“, zum Beispiel einen Spanier, Lateinlehrer aus Mallorca, der polnische Literatur auf Deutsch liest und alle paar Monate kommt, um sich neuen Lesestoff zu besorgen. Aber natürlich müssen wir unser Sortiment ständig pflegen. Um die Ecke haben wir starke Konkurrenz. In unserem Stadtteil gibt es drei gute Buchhandlungen und eine vierte macht gerade auf.

Wir verstanden schell, dass wir eine normale deutsche Buchhandlung führen müssen, in der die polnischen Literatur allenfalls einen exotischen Anhang darstellt.

In Deutschland ist Buchhändler ein Beruf, für den die Ausbildung mindestens drei Jahre dauert.

Wir mussten uns alles selbst aneignen – wie und wo man Bücher bestellt. Nach und nach lernten wir diesen Rhythmus kennen, bauten Kontakte mit den Verlagen und – vor allem – einen eigenen Kundenkreis auf. Auf die deutsche Gegenwartsliteratur spezialisiert sich bei uns Aśka Włodarczyk, die schon seit Jahren für uns arbeitet. Wie für die meisten Buchhandlungen in Deutschland sind auch für uns die Buchmessen in Frankfurt und Leipzig und die dort verliehenen Preise wichtige Wegweiser. Von großer Bedeutung sind Rezensionen – in jeder wichtigen Tages- oder Wochenzeitung gibt es mehrere – und auch die Buchvorstellungen in Radio und Fernsehen. Sehr wichtig sind die laufenden gesellschaftlichen und politischen Debatten, mit denen in der Regel zahlreiche Veröffentlichungen einhergehen, jetzt zum Beispiel über den Klimawandel. Einen wichtigen Platz in unserem Sortiment nimmt auch die deutsche und internationale Klassik ein. Und natürlich die polnische Literatur auf Deutsch. Wir versuchen, alles anzubieten, was gerade auf dem Markt ist. Die in Deutschland besonders gern gelesenen Autoren – Stasiuk, Tokarczuk, Twardoch – müssen wir auch im Original haben. Und natürlich polnische Neuheiten – Reportagen, Zeitgeschichte und Kinderbücher. Ich fahre alle paar Wochen nach Stettin, um Nachschub zu holen, denn der Versand per Post ist zu teuer. In den Zeiten der Pandemie ist das leider nicht möglich.

In diesen neun Jahren seid ihr zu etwas Größerem geworden als nur ein Geschäft mit Büchern – eine Art Institution, in der viele deutsch-polnische Begegnungen stattfinden. Hier kann man sich auch für einen der Polnischkurse anmelden, die die Schule „Polka Dot“ anbietet.

Ja, wir haben tatsächlich viele Diskussionsveranstaltungen und Autorenlesungen veranstaltet. Aber das ist eben ein großer Vorteil von Deutschland und den deutsch-polnischen Beziehungen. Es gibt eine Reihe von Institutionen, die solche Projekte unterstützen, zum Beispiel die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit oder der Berliner Senat, von denen wir Mittel für viele Veranstaltungen bekommen haben. Aber dieses Jahr machen wir damit einmal Pause, um ein bisschen Luft zu holen, was nun ausgerechnet mit der weltweiten Quarantäne zusammenfällt. Was „Polka Dot“ angeht, so ist das Konzept während Treffen von Deutschen und Polen am Tisch in unserer Buchhandlungen entstsanden. Inzwischen hat die Schule ihren eigenen Sitz, aber einzelne Kurse finden immer noch bei uns im Buchbund statt.

Ich habe den Eindruck, dass viele Leute dich als eine Art Berliner Gesandten für polnische Angelegenheit in Deutschland wahrnehmen.

Ich denke, so bekannt bin ich nicht, denn ich gehe nirgendwo hin, sondern sitze nur im Laden. Aber es stimmt schon. Zu uns kommen eine Menge Leute mit Ideen für Veranstaltungen, die mit Polen zusammenhängen, und wir können dann manchmal helfen. Das ist aber eben auch so eine Besonderheit dieser Stadt, in der es viele Menschen und Gruppen gibt, die etwas machen wollen. Günstig ist natürlich die Nähe zu Polen. Es ist einfacher, in den Zug nach Berlin zu steigen als ins Flugzeug nach New York. Vielleicht erweist sich deshalb, anders als in anderen Städten, wo viele Polen leben, die Tätigkeit des Polnischen Instituts als nicht ausreichend. Durch Zufall haben wir begonnen, diese Lücke auszufüllen, obwohl das so niemals unser Ziel war. In Berlin gibt es anscheinend noch nicht genug Orte, die den Bedarf nach zwei Dingen gleichzeitig befriedigen: den Zustrom frischer Ideen aus Polen und die Ausschöpfung des Potenzials der hier lebenden Polen. Ich denke, das könnte einen sehr positiven Einfluss auf die Wahrnehmung unseres Landes in Deutschland haben.

Wie bist du eigentlich nach Deutschland gekommen?

Ich habe Anglistik in Krakau absolviert und danach als Sprachlehrer, Übersetzer und in einem amerikanischen Buchladen gearbeitet. Dort lernte ich Nina kennen, die im Rahmen des Erasmusprogramms in Krakau Politikwissenschaften studierte. In Polen war sie schon vorher bei Begegnungen mit Überlebenden des Holocausts gewesen. Sie gehört zu denjenigen Deutschen, die eine echte Verantwortung für die Vergangenheit des eigenen Landes spüren. Später kam eine große Faszination für Polen hinzu. Sie blieb zwei Jahre in Krakau, bis sich die Frage zu stellen begann, wie es weitergehen soll. Woandershin zu ziehen schien uns eine gute Idee und Berlin war eine Art Kompromiss. Nina ist aus Bayern, ich aus Polen, da liegt die deutsche Hauptstadt irgendwie dazwischen. Zum Glück hatten wir dort Bekannte, die wir in Krakau kennengelernt hatten, und so fanden wir sofort eine Wohnung.

Konntest du dir als kleiner Junge oder Jugendlicher vorstellen, einmal in Deutschland zu leben?

Ach woher! Deutsche kannte ich natürlich aus Filmen oder auch vom Sehen. In meine Heimatstadt Kluczbork kamen oft Deutsche auf der Suche nach Erinnerungen an ihr altes Kreuzburg. Wenn ich während des Studiums nach London fuhr, habe ich die Strecke durch Deutschland meistens verschlafen. Das Land war mir also immer nah und fern zugleich. Dass ich aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten stammte, begann erst später eine gewisse Rolle zu spielen, als Nina mich zum ersten Mal zu Hause in einem Wohnblock aus den Siebzigern besuchte. Sie sah dort eine alte Tasse und fragte mich, woher ich die hätte. Ich antwortete, von meiner Oma. Meine Großeltern waren nach dem Krieg nach Kluczbork gekommen und hatten zuerst in einer von den Deutschen verlassenen Wohnung gelebt, aus der sie später ein paar Sachen mitnahmen, da diese ja niemandem gehörten. Es musste erst eine Deutsche kommen, damit ich verstand, dass diese Gegenstände nicht so ganz „von der Oma“ waren.
 

Ich halte es für meine Aufgabe, ... Interesse an Polen als einem interessanten Land mitzugeben, aber das soll kein Pflichtprogramm sein.

Und was ist Deutschland heute für dich?

Alltag. Meine Frau ist von hier, meine Kinder sind von hier. Hier lebe und arbeite ich schon seit vierzehn Jahren. An diesem – deutschen und deutsch-polnischen – Leben nehme ich täglich teil. Und Berlin … ist tatsächlich anders als der Rest von Deutschland, weniger deutsch, denn es gibt hier mehr „solcher Deutsche“ wie ich.

Als was fühlst du dich also – als Berliner, als Deutscher?

Ich bin Pole. Ich bin als Dreißigjähriger mit einer fertig geformten Persönlichkeit hierhergekommen. Aber – wie jeder Immigrant – lebe ich zwischen den Identitäten. Oder besser gesagt: in mehreren zugleich. Das ist nicht schlecht. Ganz im Gegenteil – es ist näher an der Wirklichkeit, denn schließlich besitzt niemand von uns nur eine Identität, auch wenn manche sich sehr wünschen, dass es so wäre. Solche Orte wie Berlin helfen einem dabei, sich dessen bewusster zu werden. Würde ich in einer deutschen Kleinstadt wohnen, müsste ich wohl deutscher sein als die Deutschen.

Und wie stellt sich aus deiner Sicht die Kindererziehung in einer gemischten Familie dar?

Ganz einfach. Meine Frau spricht mit den Kindern – einer Tochter und einem Sohn – Deutsch, ich Polnisch. Die antworten dann zwar auf Deutsch, aber damit habe ich kein Problem. Schließlich sind sie junge Deutsche mit polnischer Herkunft. Mir liegt es nicht daran, ihnen das Polentum mit Gewalt einzuimpfen. Ich schicke sie nicht auf die deustsch-polnische Schule. Ich lese ihnen Bücher vor, erzähle, und sie bilden ihre eigene Identität. Ich halte es für meine Aufgabe, ihnen Interesse an Polen als einem interessanten Land mitzugeben, aber das soll kein Pflichtprogramm sein. Mit Nina denken wir eher über allgemeine Erziehungsfragen nach und wie man Kinder als Menschen behandelt. Und in dieser Hinsicht unterscheiden sich Deutsche und Polen tatsächlich. Aber das wäre ein Thema für ein anderes, längeres Gespräch.

Bist du nach all den Jahren zufrieden, dass du hier lebst?

Natürlich. Ich habe eine großartige Familie. Ich sehe mich als einen glücklichen Menschen. Auch wenn man in Berlin immer mehr Leid, Resignation, Drogen, Obdachlosigkeit sieht – man muss nur mal mit der U-Bahn fahren. Die Frage ist nur, ob sich die Stadt so sehr verändert hat oder ob ich sie mit den Jahren anders wahrnehme.
 

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