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Was ist los mit... Fußball in der Corona-Zeit?
Ist Fußball „systemrelevant“?

Das leere Stadion „Signal Iduna Park“ in Dortmund
Das leere Stadion „Signal Iduna Park“ in Dortmund | Quelle: unsplash.com; Foto (Ausschnitt): Marvin Ronsdorf

Die Bundesliga wird schon am 9. Mai ihren Betrieb wieder aufnehmen: in fast leeren Stadien. Spielen um jeden Preis, um die Saison zu retten, ist keine gute Idee, findet Christoph Bartmann.

Die deutsche Fußball-Bundesliga will am 9. Mai ihren Betrieb wieder aufnehmen, mit sogenannten „Geisterspielen“, bei denen maximal 300 Personen im Stadion sein dürfen. Auf diese Weise will die Bundesliga „die Saison retten“, wie es immer heißt, und sie will vor allem dem Profifußball die lukrativen Fernsehgelder sichern. Wenn die Politik nicht noch die Bremse zieht (was gut sein kann), werden wir also ab Mai Zeugen eines seltsamen Schauspiels: in (fast) leeren Stadien, damit also bei Totenstille, werden sich eigens dafür Corona-geteste Spieler Nahkämpfe liefern, bei denen ihnen die Unterschreitung des sonst geltenden Abstandsgebots nicht nur erlaubt, sondern geradezu vorgeschrieben ist.

Was sollen das für Vorbilder sein für Kinder und Jugendliche, fragen sich jetzt viele, und für alle, die gerne auch mal wieder auf einer Wiese kicken würden, ganz ohne Fernsehgelder und Millionengehälter? Der Vorstoß der Funktionäre rückt den Fußball in kein angenehmes Licht. Aber was wäre daran neu? Wann fanden wir zuletzt den Profifußball regelrecht sympathisch? Manch einer, der schon länger seine Zweifel an Fußball als Big Business hatte, mit FIFA, UEFA und Wahnsinnssummen für Vermarktung, Spielergehälter und, noch schlimmer, Spielevermittlerhonorare, empfindet jetzt Schadenfreude. Soll es dem Fußball doch an den Kragen gehen, der ersten Liga ebenso wie der zweiten und dritten… Vielleicht, glauben manche, erholt sich der Fußball post-Corona aus dem Geist eines neuen Amateurismus.

Aber es wäre falsch, Spitzensport gegen Breitensport auszuspielen. Profifußball, auch wenn man das manchmal vergisst, besteht nicht nur aus Exzessen. Ein Sportklub – der ja bekanntlich nicht nur aus einer hochbezahlten Profiabteilung besteht – ist Teil unseres sozialen Gewebes. Wenn man hört, wie sehr jetzt die kleineren Klubs leiden, nicht nur die Fußball-, sondern auch die Handball-, Basketball- oder Eishockey-Klubs, dann ist die Idee einer akuten Staatshilfe für den Leistungssport nicht so absurd. Ohnehin investiert ja der Staat ständig in den Sport, nun müsste er es erst recht tun, um die sportliche Infrastruktur für die Zeit nach Corona zu sichern. Aber sicher muss er nicht in die Rettung des FC Bayern München investieren.

Wem entsteht ein Schaden, wenn die Bundesliga, wie andere Großveranstaltungen auch, noch ein bisschen Pause macht? Es gibt ja in diesem Jahr auch kein Oktoberfest, kein Wimbledon, wahrscheinlich keine Tour de France, und übrigens auch keine Bayreuther und vielleicht auch keine Salzburger Festspiele. Die Not der großen Vereine hält sich, anders als die der kleinen, in Grenzen: wie schön ist doch ein Sommer ohne Spielertransfers mit neuen Rekordsummen! Wenn die Spielervermittler nichts verdienen und die Spieler auf ein paar Prozent von ihren Gehältern verzichten, werden sie das wahrscheinlich überleben. Nicht überzeugend war die Idee des FC Liverpool, für Mitarbeiter des Vereins staatliche Kurzarbeit zu beantragen – man ging nach lautem Protest schnell wieder davon ab. Nicht überzeugend ist es auch, wenn sich der Profifußball als „systemrelevant“ darstellt. Nein, es geht gut ohne Fußball, so wie es auch eine Weile ohne Kirchen, Museen und Bibliotheken gehen muss. Der Fußball nennt sich jetzt die „wichtigste Nebensache der Welt“. Wichtig ist daran im Moment vor allem das Wort Nebensache.

Und doch: wir vermissen, gerade jetzt im Frühjahr, wenn die Meisterschaften entschieden werden, den Fußball schmerzhaft. Wie schön wäre es, mal wieder ein großes Match zu sehen, vielleicht ein Champions League-Finale. Vor Publikum würde so ein Spiel ohnehin nicht stattfinden. Fußball und Corona, das ist eine heikle Geschichte, wenn man an den Beitrag der Champions-League in Mailand und Liverpool im Februar und März zur Ausbreitung des Virus denkt. Die Fußball-Askese hat andererseits auch ihr Gutes: während wir sonst schon ganz ermüdet von der TV-Überversorgung mit globalem Fußball waren, freuen wir uns jetzt ganz frisch auf den Tag, an dem es wieder ein Live-Fußballspiel geben wird, vielleicht sogar mit Zuschauern, vielleicht sogar mit uns im Stadion, dann freilich Corona-geimpft.

Das deutsche Fernsehen verwöhnte seine Zuschauer in den letzten Wochen mit Fußball-Konserven, mit alten Spielen, gerne mit deutschen Erfolgen, so wie im WM-Finale von Rio 2014. Die Einschaltquoten waren nicht schlecht, aber schon sind wir auch konserven-müde geworden. Bitte keine alten Spiele im Fernsehen, bitte auch keine neuen Geisterspiele ab 9. Mai. Liebe Fußballerinnen und Fußballer, trainiert fleißig weiter, lasst den Kopf nicht hängen und beglückt uns wieder im Jahre 2021.

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